Peak Bike 2016.

Peak Oil ist eine Theorie die kurz beschrieben, besagt, dass die Ölförderung und -produktion bereits lange vor der endgültigen Erschöpfung der Ölreserven aufgrund von mehreren Faktoren ein historisches Maximum erreichen wird und die Produktion danach irreversibel abfällt. Eine umgekehrte Situation haben wir gerade in der Radwirtschaft errreicht: Obwohl wir technisch in der Lage sind noch deutlich mehr Räder zu produzieren, hat die Nachfrage gerade Ihr Maximum erreicht. Von nun an geht es nach unten.

Die Zeichen, dass der Radboom zu einem Ende kommt sind in kleinem und im großen überall zu erkennen. Der Zweiradindustrie-Verband berichtet,  dass der Verkauf von Rädern in Deutschland in der ersten Hälfte 2016 um 5 bis 8% zurückgegangen ist. Der Umsatz von Shimano ist im gleichen Zeitraum im Radsegment sogar um fast 19% gefallen, ähnliche Zahlen werden auch von Händlern in den USA berichtet.

Im kleinen klagen Freunde, die sich im Radgeschäft selbstständig gemacht haben, über ein schlechtes Jahr, in den einschlägigen Internetforen sind deutlich weniger Teilnehmer aktiv und die Anzahl an Verkaufangeboten geht zurück. Auch dieses Blog wird am Ende des Jahres etwa 10 – 20% weniger Leser haben als im Jahr zuvor. „Winter is coming„.

Nun kann man dies alles auf schlechtes Wetter, Brexit, Donald Trump oder die AfD schieben und darauf hinweisen, dass sich e-bikes ganz hervorragend verkaufen und auch Lastenräder immer mehr im kommen sind. Das mag alles stimmen, doch das ändert nichts an der Statistik, denn e-bikes and Lastenräder sind mehr oder minder große Nischenprodukte. Letztens, als ich über die Dörfer fuhr und mir ein Opa auf seinem Velosolex entgegenraste fiel mir auf, wie lange ich bereits kein Mofa mehr gesehen hatte. Ein e-bike ist vielleicht eher ein Mofasubstitut für viele Käufer, als ein Rad.

Und Lastenräder? ich würde einmal schätzen, dass auf hundert Räder die ich sehe ein Lastenrad kommt. Würde man ein deutsches Standardrad entwerfen, so wäre es ein schweres Alu-Trekkingrad mit Federgabel vorne, Komfortlenker und jede Menge Anbauteilen, die das Gewicht auf 20 kg hochtreiben.

Modell 08/15

Ich wage einmal zu behaupten, dass der statistisch durchschnittliche Deutsche keine besondere Liebe und Zuneigung zu seinem Rad entwickelt, so wie er es jahrelang für sein Auto getan hat. Letztens sprach ich mit jemandem, der mir erzählte wie er stundenlang mit einem Autoverkäufer durch die Ausstattungslisten gegangen ist, um seine neue Karre zu spezifizieren. Oder so wie Franzosen Wein, Amerikaner Hamburger oder Japaner Nudelsuppe lieben und somit eine konstante Nachfrage durch ihre Neugier aufrecht erhalten.

Vor einiger Zeit schrieb mir Yuji von Klovesradeln aus Berlin (leicht editiert):

„Es ist zudem extrem ernüchternd, wie in Deutschland mit Fahrrädern umgegangen wird. So ziemlich null Gefühl haben meisten Menschen. Für sie ist ein Fahrrad wie ein Staubsauger oder ein Kühlschrank, höchstens ein Modeobjekt. Hobby-Rennradfahrer wie Radreisende sind fast nur Technik-orientiert. Also für mein Empfinden ist Deutschland eine Pampa der Fahrradkultur(abgesehen von einer  Handvoll von Enthusiasten und Fahrradverrückten).“

Yuji und ich haben eine sehr ähnliche Idee von der Arbeit mit Rädern. Uns geht es um die Kombination von gutem Design, guter Funktion und akzeptabelen Kosten. Wobei wir das Design und somit die Geschichte und die Individualität eines Rades in den Vordergrund stellen. Yuji macht das vorwiegend mit Rädern aus England und Frankreich – ich mit solchen aus Italien.

P8160734.jpg

Wir sind nicht diejenigen, die ein Rad „Gruppenrein“ oder „Epochenrein“ aufbauen wollen, uns dagegen stemmen, dass an alten Rädern neue Teile verbaut werden. Uns geht es auch nicht in erster Linie um die Technik oder das Gewicht von Komponenten.

Während es dem Normalradkäufer total egal ist, wie sein Rad aussieht, Hauptsache es ist günstig, hält tausend Jahre und man hat Halterungen für drei Bügelschlösser, ist die Gruppe der Interessierten viel zu viel Technik verliebt.Diese Menschen achten meiner Meinung nach viel zu sehr darauf, was ein Rad hat (Gewicht, Tretlagerteifigkeit, Carbonrahmen oder aerodyamische Laufräder) und nicht was es kann: schnell beschleunigen, stabil in Kurven sein, oder komfortabel zu fahren. Dazu gibt es eine sehr gute Zusammenfassung. Äh, von mir.

Das ist schade und da hilft kein lamentieren, dass müssen wir so akzeptieren, wie wir das Wetter in Bremen oder Berlin akzeptieren müssen. In der Konsequenz heißt es allerdings auch, dass wir unser Hobby nicht zum Beruf machen können. Schon gar nicht nach peak bike.

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2016, Mob

2 Antworten zu “Peak Bike 2016.

  1. Technik sollte so gut sein, das sie gut zu pflegen ist, gut funktioniert dennoch nicht den Preisrahmen sprengt. Unter dem Strich muß ein Rad Spaß machen.
    Und wenn man in der BRD Radfährt, dann ist das mit dem Spaß haben nicht immer so leicht. Das ist entweder nur was für Idealisten, so in etwa wie ich, oder etwas für die ganz hart Gesottenen. Ob allerdings letztere Spaß an der Sache haben, sei dahin gestellt.

  2. Einzig sinnvoll messbares mit dem Objekt wie Fahrrad, ist die eigene Antwort auf die Frage, ob man damit Freude hat. Dabei müßte man vielleicht tief in eigenen Inneren gehen, um das beantworten zu können.

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