Fashion Design Jerseys

Ich fand schon immer die Jerseys der Pro-Teams hässlich. Da wurden zwangsweise Farben und Formen von zwei willkürlichen Sponsoren gemixt und dann noch jede Menge kleiner, unpassender Logos von Nebensponsoren drauf gepappt wo gerade noch Platz ist.

Es geht aber auch anderes. Vorgemacht hat es letztens Jahr EF Cyclyng bei der Giro d’italia. in Koperation mit Rapha und Palace. Hm, Rapha, auch eine Marke die ich eher selten lobend erwähne. Aber man muss ihn zu Gute halten, dass sie Schlichtheit und gedeckte Farben zurück in den Radsport gebracht haben.
Im Oktober letzten Jahres gab es einige interessante Berichte über Stijn Dossche, einen belgischen Designer der sich ausgedacht hat, wie Pro-Team Jerseys aussehen könnten, wenn sie von Fashion Brands gestylt würden. Das kann man sich schwer vorstellen? Nein, eigentlich nicht, hier einmal zwei besonders gelungene Entwürfe:#

Trek x Supreme … seit Wochen denke ich darüber nach mir diese Jerseys selber anfertigen zu lassen

Louis Vuitton: Jeder der einmal in Japan war wird die unglaubliche Signifikanz dieses Jersey einleuchten.

Aus seinem Instagram Account kann man noch viele andere sehr schöne und lustige Ideen bewundern.

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Rennen.

Irgendwie unglaublich, dass gerade irgendwo in Europa Radrennen stattfinden.

Mittlerweile habe ich mich so an diese endlos andauernde Corona Drögheit gewöhnt, dass ich mir fast gar nicht mehr vorstellen kann, wie es einmal war. Der Gedanke an das Gefühl wie es ist ein Rennen zu fahren, im Cafe zu sitzen, oder abends im Restaurant zu essen ist wie der Versuch sich an den Geruch von eins von drei Aftershaves zu erinnern, die man 2014 im Duty Free Shop in Dubai ausprobiert hat. Dazu dieser eigentlich sehr schöne und sehr kalte Winter, der mich jeden freien Tag mit dem eMTB durch die Schleichwege von Bremen fahren läßt.

Aber es gibt Rennen, natürlich. An erster Stelle die Cyclocross WM in Ooostende. Die war im wesentlichen ohne Besucher, aber mit etwas Kreativität kam man schon recht nahe an die Fahrer heran.

Aus dem Bidon Magazine

Klar. Belgier. In den beiden Pressluftflaschen ist vermutlich auch kein Sauerstoff, sondern Mayo und Ketchup.

In Südfrankreich hingegen ist das Wetter gut und so kommen auf einmal vor lauter Mangel Rennen in den Fokus, von denen man nur mal Ansatzsweise gehört hat, wie z.B. Étoile de Bessèges. Das ist zwar nur ein UCI Europe Tour Kategorie 2.1 Rennen, was in der Vergangenheit im wesentlichen französischen Fahrern die Gelegenheit bot sich in Siegerlisten einzutragen, aber dieses Jahr war es gut besetzt und hatte mit Tim Wellens auch einen coolen Sieger.

Die letzten beiden Etappen der Fünftägigen Rundfahrt wurden von dem, wie ich finde, coolsten Fahrer im Peloton gewonnen; die Rede ist von Filippo Ganna. Leider hatte ich seinen auftritt bei der Bahn WM in Berlin Anfang 2020 verpasst – konnte halt nur am Sonntag dorthin.

Philippo Ganna, mit Trackie dem Maskotchen der Bahn WM 2020

Das war gerade noch so vor Beginn der Corona Drögheit. Am letzten Tag hatte Trackie wohl frei, oder vielleicht wurde es auch von missgelaunten Berlinern erschlagen, jedenfalls habe ich das Ding nicht im Stadium gesehen. Etwas mehr „Berlin“ hätte dem Maskotchen auch gut getan. nicht nur diese markante fleischfarbene Trainingshose.

Jedenfalls schmückt Filippo Ganna seit Samstag unseren Toilettenvorraum.

Und nun läuft auch schon die Tour de la Provence.

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No no no Supertuck. No no no Aero.

Bildergebnis für chris froome super tuck

Falls es tatsächlich noch nicht jeder mitbekommen haben sollte: Als Teil eines umfassenden Katalogs an Maßnahmen, um die Sicherheit im Radsport zu erhöhen, hat die UCI den „Super tuck“ verboten. OK, zwei Fragen dann:

Warum kann ich mich bei allen Stürzen die ich in den letzten Jahren gesehen habe nicht daran erinnern, dass auch nur ein einziger von einem Supertuck fahrenden Sportler hingelegt wurde? Liegt’s echt an mir?

Warum jetzt? Chris Froome hat damit bereits 2016 die Tour de France gewonnen; wenn’s denn so gefährlich ist, warum braucht die UCI fünf Jahre um ein Verbot auszusprechen?

Egal, das ist eher ein Luxusproblem, aber bei der derzeitig langweiligen Nachrichtenlage ein heiß diskutiertes. Eine technisch lustige Antwort wären neu entwickelte Räder mit einem extrem nach hinten abfallenden Oberrohr und integriertem Dropperpost – das wäre dann mal wieder voll Aero.

Was mich zu dem zweiten Thema bringt, nämlich dem Tod des Aerorades. Ich hatte einen langen Artikel über die physikalischen Grundlagen des Rennradfahrens angefangen, erstens um das Thema selber zu verstehen und zweitens um dann nachzuwiesen, dass ein aerodynamisches Rad für den Normalfahrer Blödsinn ist.

Der Post wurde so langweilig und kompliziert, so dass ich dann irgendwann nicht mehr weitergeschrieben habe, aber hier in der Kürze die wichtigsten Ideen.

Die Idee „Aero“ zu werden ist keine neue, den Trend gab es schon einmal in den Achtzigern und führte zu bescheuerten Ideen wir über dem Oberrohr positionierte Rahmenschalthebel, innenverlegte Schaltzüge, Campagnolo Delta Bremsen und der Shimano AX Gruppe. Also die Gruppe, die beinah Shimano gekillt hätte, wenn Suntour nicht so schlafmützig reagiert hätte. Ja wenn. Letzte Woche habe ich mir mal angeschaut, was für Rennräder für 2020 im Laden verkauft haben: Insgesamt 135 Stück, von denen wie viele mit einer Shimano Schaltung ausgestattet waren? Einhundertzweiunddreissig. Die anderen drei waren eine Campa Chorus und zwei Sram AXS Force. Ist das langweilig. Ich habe ja nichts gegen Shimano und technisch sind die Schaltungen ja auch gut, aber es wäre schön, wenn da etwas mehr Vielfalt wäre, sagen wir mal durch Suntour, Gipiemme, Cambio Rino oder von mir aus auch Simplex und Huret, statt noch einer GRX Gruppe.

Nachdem der Aerotrend der Achtziger vorbei war ging es in den Jahren danach im wesentlichen darum ein möglichst leichtes Rad zu haben. Der heilige Gral lag darin, an seinem eigenen Rad ein Kampfgewicht von unterhalb 6,8 kg zu erreichen, dem sogenannten UCI Limit. Die UCI, also der Weltradsportverband, erlaubt seit dem Jahr 2000 nur noch mindestens 6,8 kg schwere Rennrädern die an (UCI) Wettkämpfen teilnehmen. Der Hintergrund war vermutlich ein „Wettrüsten“ von Teams und Herstellern, wie z.B. in der Formel Eins zu verhindern. Das hat gut geklappt, es klappt aber auch, wie man beim Triathlon sieht, auch ohne diese Beschränkungen gut. Leider hat das auch den technischen Fortschritt verhindert, was man daran sieht, dass viele technische Neuentwicklungen wie z.B. Scheibenbremsen, Tubeless Reifen, Einfachkettenblätter, 12-fach Schaltungen etc. heute zunächst aus dem MTB Sektor kommen.

Mit dem Aufkommen der Scheibenbremsen kam dann lustigerweise auch die Aero Idee wieder hoch. Obwohl da ja fast kein Zusammenhang besteht. Jedenfalls wogen in der Folge diesen Trends Rennräder für € 5.000 Euro auf einmal wieder 9 kg und keiner fand das irgendwie …ungewöhnlich?

Na ja, wir leben auch in komischen Zeiten. In den Siebtigern machte sich Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ über das eine Drittel komplett unnötiger Berufe auf der Erde lustig. Und was finden wir da auf Platz zwei gleich hinter Marketingfachleuten: „Telefondesinfizierer“. Das wäre heute wieder denkbar.

Nach dem ganzen Aerohype bringt dann Specialized das Aethos auf den Markt.

Bildergebnis für specialized aethos

Da ist mal sicher ein gutes Rad und der USP ist: wiegt gerade mal 6,1 kg.
Aber mal ehrlich, das Ding sieht aus wie ein x beliebiges Carbonrad von 2010 mit Scheibenbremse. Nur so etwas bekamst Du vor 10 Jahren locker für € 5.000 ohne Dich besonders anzustrengen, während die Topversion des Aethos bei € 14.000 liegt.
Lustigerweise hat das Aethos auch kein Pressfit Innenlager, eine weitere technische Verfehlung unserer Zeit, sondern ein BSA Gewinde – etwas was sogar noch älter ist als ich.

RB Canyon Ultimate CF 9.0

Das hier ist ein Canyon Ultimate CF 9.0 aus dem Jahr 2010, so etwas besaß ich auch mal. Schönes Rad, hatte ich viel Spaß mit. Sieht im Prinzip auch nicht anders aus wie ein Specialized Aethos bis auf die Bremsen. Na ja, und die Laufräder mit Aluflanke, muss hat sein. Kostete damals etwa € 2.700. Mach vermutlich nicht weniger Spaß. Kauftip.

Jedanfalls die Konsequenz der Sache ist, dass die großen Hersteller ihr Portfolio ausmisten: Statt vier Produktlinien: Rennrad, Komfortrad, Aerorad und Gravelrad wird es in Zukunft nur noch drei geben, da bin ich sicher:

Das Rennrad für den schnellen und jungen Fahrer der alles vertragen kann a la Emonda, Helium oder Ultimate.

Das Rennrad für alte Säcke und Trekkingfahrer a la Domane, Fenix oder Synapse.

Das Gravelrad für diejenigen, die sich nicht entscheiden können was sie eigentlich wollen. Ich bin mal sehr gespannt, wie lange Räder wie das Ridley Noah oder das Trek Madone überleben werden.
Wetten werden gerne entgegen genommen.

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Fahren ein Holländer und ein Belgier am Strand Rad.

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Holländische Cyclocross (Welt)meisterschaften

Nachdem bereits gestern bei den Frauen Lucinda Brand verdientermaßen den Titel geholt hatte, war heute Mathieu „Mireille“ van der Poel bei den Männern erfolgreich. Ein Ergebnis, so vorhersehbar wie ein Heimspiel von Bayern München. Was gab es sonst so in Oostende zu sehen?

Holländerinnen am Strand

Mieses Wetter. Wie eigentlich immer in Holland und Belgien an der See. Keine Ahnung warum Menschen an die Nordsee fahren; die Chance die Sonne zu sehen sind zu jeder Zeit gering, dafür pustet einem der Wind von den Dünen, man muss endlos durch das Schlick wandern bis man mit den Knien im Wasser steht und außerdem Salzwasser schmeckt nicht. Es gibt nicht viele Arten von Cross Rennen; die einen sind Schlammrennen wie letztens in Dendermonde

oder wie die Holländer sagen: „Mega Blubber Power Race“. Die anderen sind Sandrennen, wie gestern und heute in Ostende. Der Hintergrund mit dem Meer und den schäumenden Wellen war perfekt.

Wie immer an der Spitze.

Bilder um Unterschriften zu schreiben, die klingel wie Titel von Francois Truffaut Filme: „Drei Mädchen aus Holland und die Liebe zum Meer“.

Also, zu den Ergebnissen: Bei den Männern 3 Holländer und 6 Belgier unter den ersten zehn. Tom Pidcock aus Großbritannien hättes fast noch auf das Podium geschafft, aber am Ende ging ihm die Luft aus-
Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, wenn man sich die Ergebnisse bei den U23 Männern ansieht: Vier Holländer und fünf Belgier unter den ersten zehn.

Frauen? Holländische Totaldominanz. Fünf Holländerinnen unter den ersten sechs. Marianne Vos wurde 12., die hätte ich noch etwas besser erwartet. Sane Cant, immerhin Weltmeisterin 2019 wurde nur 8. Elisabeth Braudau, die hier erwähnt wird, weil sie die einzige deutsche Vertreterin war, kam auf Platz 9. Schön.

Ist es bei so einem Rennen eigentlich wichtig, was für ein Rad gefahren wird? Kaum vorstellbar, die meisten Rennen werden meiner Ansicht nach entweder durch Fahrfehler und Stürze der Konkurrenten, oder durch technische Defekte entschieden. Van Aert hatte heute in einem ungünstigen Moment einen platten Vorderreifen – das war’s dann für ihn. Die Markenverteilung bei den Top 10 Frauen und Männern ist so:

+ 4 mal Ridley
+ 3 mal Trek
+ 3 mal Stevens
+ 2 mal Specialized
+ 2 mal Canyon
und dann je ein Radon, Cube, Giant, Cannondale und Cervelo. Sind nur 19? Genau, Wout van Aert fährt ein Jumbo Visma gelabeltes Rad. Es ist kein Geheimnis, dass sich darunter ein Bianchi verbirgt – aber nicht mehr lange, denn das Team wechselt komplett zu Cervelo. Nur, Cervelo hat bislang kein Cyclocross Rad.

Kaum vorstellbar, dass Bianchi ein geiles Cyclocross Rad auf die Beine stellen kann. Wenn Wao van Aert damit de facto der zweitbeste Fahrer der Saison ist, dann kann das nicht an der türkisfarbenen Möhre liegen.

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Heute auf Netflix: Accomplice / Susi Q

Die Juwelen müssen im Müll des Massengeschmacks lange gesucht werden, aber sie sind da. Auf Netflix läuft seit dieser Woche Accomplice:

Und wenn es nicht unbedingt um Räder gehen muss, dann:

In meiner Teeny Glamrock Jugend war ich nicht wirklich Susi Quatro Fan, meine Bands waren Slade und T. Rex und wer Slade gut finde, durfte Sweet nicht mögen. Susi Quatro war irgendwo dazwischen, so etwa bei Roxy Music. Auf jeden Fall war das Cover ihrer ersten LP extrem gut gemacht:

Na ja, jede Menge Jahre später habe ich sie dann live auf den Sixdays in Bremen gesehen, das hätte ich mir vielleicht doch besser nicht angetan. An alte Freunde und alte Popgruppen ist es doch eher besser nur die Erinnerung zu behalten.

Lustigerweise musste Susi Quatro auf Betreiben Ihres japanischen Promoters Udo-San, der aussah wie der Abteilungsleiter Revision der Longterm Credit Bank of Japan, in Japan noch mal zum Schein Ihren Mann heiraten – genau wie ich! Und wer sehen will, wie Cherie Currie, Lita Ford, Joan Jett oder Wendy James damals und heute aussieht, der sollte sich das ansehen.

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Trek Chefpoint

Seit März 2018 betreibe ich einen Radladen, eigentlich einen Radladen mit Café in der Bremer Überseestadt. Seitdem habe ich deutlich weniger Zeit und Lust zu schreiben und auch deutlich weniger Räder für mich selber aufgebaut.

Der eine hat heute einen Radladen, der andere fährt Ferrari. Aber vor 30 Jahren saßen wir noch gemeinsam auf der Schulbank in Tokyo.

Na gut, also wenn ich mal von dem Giant TCR Advanced Pro, dem Wilier Cento 10 Pro, dem Orbea Avant, dem Ridley Kanzo Speed und dem Orbea Alma M25 absehe – aber das waren, mehr oder minder alles Räder von der Stange oder aus dem Karton, die wenig Kreativität erforderten und dann auch entsprechend wenig orginell wurden.

Anfang des Jahres kam mir die Idee, den Fokus im Geschäft etwas weg von Rennrädern und mehr auf MTBs zu legen. Rennräder laufen gut, aber wir wachsen und es gibt in Bremen und Umgebung wirklich keinen Laden, der mehr als zwei MTBs über 2.000 Euro zum ausprobieren da hat. Na gut, es gibt auch weniger als zwei Berge in Bremen und Umgebung, genauer gesagt gar keinen. Aber trotzdem haben eine Menge Leute hier MTBs mit denen sie im Wald herumkurven, in die Harburger Berge oder in den Harz fahren – und denen muss geholfen werden.

Nur Fliegen waren schöner – in den Siebzigern auf dem Landwehr Trail

Von MTBs habe ich leider so gar keine Ahnung. Das nächste was daran kommt war ein umgebautes BMX Rad mit dem ich als Teeny über selbstgebaute Hindernisparcours in unserem Garten und über den legendären Landwehrtrail in Mönchengladbach gefahren bin. Also habe ich mir das Orbea Alma zugelegt und probierte es aus, zunächst auf dem Weg von zuhause zur Arbeit: Ui, das machte ja richtig Spaß! Statt an der Weser lang fuhr ich nun auf Sandwegen durch den Bürgerpark, machte Abstecher über Wiesen oder fuhr sinnlos Hügel in den Wallanlagen rauf und runter. Ein MTB schafft ganz neue Wege und Möglichkeiten und ich war wirklich begeistert, zumal es auch nicht sooo viel langsamer auf der Straße rollte. Also nächster Schritt: ab in den Wald.

Und so fuhr ich eines Tages an der Weser nach Süden Richtung Okel, um dort im Wald zwischen Syke und Goldplatz die Trails anzutesten. Damit ich auf der Straße gut rollte hatte ich die fetten Reifen recht gut aufgepumpt und bald bot sich die erste Gelegenheit von der Straße abzubiegen und in den Wald zu saußen. Ui, das machte nun auch super Spaß! In der Wolfsschlucht probierte ich dann schon einige gewagtere Abfahrten aus und machte mich dann auf einem kleinen Trail Richtung Syke, den hatten wohl MTBler angelegt, denn an einer Stelle verzweigte er sich: Links ging es einfach weiter runter, rechts war eine Mini Sprungschanze, vielleicht so 20 cm über dem Boden. Hey, springen – das hatte ich ja schon 40 Jahre nicht mehr gemacht, geil.

Hätte ich auch lieber lassen sollen.

Ich weiß nur noch, wie ich auf einmal senkrecht aber verkehrt rum in der Luft stand und dann mit dem Kopf voll auf den Boden schlug. Der Schmerz machte mir gleich klar, dass der nicht nicht einfach ignoriert und erst einmal weiter gefahren werden kann. Ich fuhr irgendwie aus dem Wald raus, rief meine Frau an und die brachte mich nach Bremen ins Krankenhaus.

Über die Erfahrungen dort gäbe es eine Menge zu schreiben, aber das ist ja hier ein Blog über Räder und nicht Spahns Health Care System Blog. Jedenfalls war das Ergebnis meines wagemutigen Experiments zwei gebrochene Halswirbel und eine zermatschte Bandscheibe. Zwei Wochen Krankenhaus, eine OP und 4 Titan Schrauben und eine Klammer (ich hoffe Dura-Ace Specs) später geht es mir schon wieder ganz OK. Allerdings kann ich meinen Hals nicht mehr besonders gut nach rechts und links, und schon gar nicht nach oben verdrehen. Die Physio wird da sicherlich noch einiges richten, aber Rennradfahren kommt erst mal nicht in Frage. Bei der typischen Rennradhaltung sehe ich nur Asphalt vor mir, da ich den Kopf nicht hoch genug bekommen.

Ich brauchte also ein neues, behindertengerechtes Rad.
Enter Trek Chefpoint.

Enter Chefpoint

Zur Zeit sind „Gravelbikes“ extrem gehypt. Ein Gravelbike ist so etwas wie eine Eierlegendewollmichsau, will sagen, man kann damit auf der Straße fahren, im Gelände, bei Regen zur Arbeit oder mit Gepäck auf Radtour. Was man damit nicht macht ist eigentlich nur eins: Lange Strecken nur auf Gravel fahren, denn das gibt es, im Gegensatz zu den USA hier weniger. Ein Gravelbike ersetzt also vier Räder und ist ideal für Menschen die sich nicht entscheiden können. Meist verkaufen die sich als Alurahmen mit Shimano GRX400 oder GRX600 Ausstattung für Preise zwischen 1.500 und 2.000 Euro. Typische Gravelbikes sind das Ridley Kanzo A, das Orbea Terra und eben das Trek Checkpoint.

Die extreme Flexibilität eines Gravelrades hat natürlich auch einen großen Nachteil: So ein Rad kann nichts richtig: Auf der Straße ist es lahmer als ein Rennrad, im Gelände nicht so leicht zu fahren wie ein Fully MTB, in der Stadt wird es gerne geklaut und so weiter; es gibt ja eben auch einen Grund, dass noch Rennräder, MTBs etc., gebaut werden. Viele Menschen die ein Gravelbike wollen, wären mit einem Rennrad besser bedient, denn eigentlich fahren sie fast immer auf der Straße und brauchen nur etwas dickere Reifen, eine entspanntere Haltung und ein paar Ösen. Die kaufen dann ein Marathon Rennrad, auch wenn (weil sinnvollerweise aus Carbon) das teurer ist.

Der Aufbau

Ich brauchte jetzt auch etwas mit einer entspannteren Haltung, dicken Reifen und der Möglichkeit Schutzbleche anzubauen, und dafür besorgte ich mir (man kann ja) einen Trek Checkpoint ALR Rahmen. Das Checkpoint hat sogenannten „Stranglehold“ Ausfallenden, d.h. man kann die Steckachse des Hinterrads nach hinten verschieben, so dass auch ein Singlespeed Aufbau möglich ist.

Ich wollte schon immer einmal Rene Herse/Compass Reifen ausprobieren. Das sind extrem dicke 50 mm Reifen mit extraweichen Flanken die, wenn tubeless gefahren, auch nicht langsamer rollen sollen als Rennradreifen. Das behauptet jedenfalls Jan Heine, der Herausgeber von Bicycle Quaterly. Wenn es nach Jan Heine gehen würde, dann würden wir alle auf französischen Stahlrahmen mit Mittelzugbremsen und dicken Reifen fahren, denn seit den Fünfziger Jahren hat sich technisch nichts mehr sinnvolles getan, Genau wie die Jugend werden auch die Räder von heute immer schlechter – Jan Heine ist da sehr streng in seinen Ansichten. Aber hey, das heißt ja nicht, dass er komplett unrecht hat, also wollte ich gerne einmal die Reifen selber fahren, um mir ein Urteil zu bilden.
Dafür suchte ich mir eine Kombi aus stabilen Shimano Gravel Laufrädern GRX570 in 650B, Rene Herse Switchback Hill Reifen mit 48 mm Breite extralite in Naturflanke und Campagnolo Bremsscheiben aus. Zu dem Gesamterlebnis später mehr.

Just another brick in Walle

Wichtig war mir auch eine gute Bremse, deshalb griff ich dann gleich zu einer Deore XT Vierkolbenbremse vorne und einer etwas einfacheren Version hinten, da sich die MTB Bremssättel nur mit viel Aufwand oder gar nicht am Hinterbau montieren lassen. Gestern bin ich mal wieder Rennrad gefahren mit einer „normalen“ Scheibenbremsen und hey, da fühle ich mich nun echt ein wenig unsicher mit – ganz zu schweigen von einem Rad mit Felgenbremse. Soviel zur Entwicklung der Technik.

Beim Antrieb wollte ich auf jeden Fall auf Singlespeed gehen und ein sehr schönes Factory 5 Track Kettenblatt verbauen. Da die Kettenstreben des Checkpoints aber sehr breit bauen musste da dann letztendlich doch eine GRX Kurbel dran komplementiert mit MKS Allways Pedalen.

Eine 46/15 Übersetzung für die Stadt schien mir OK, und so habe ich ein 11-fach 15er Ritzel aus einer Shimano 105er Kassette genommen und das ganze mit einer 11-fach KMC X11EL Kette kombiniert. Auch keine gute Idee, denn das Ritzel hat eingefräßte Schaltungshilfen, die dafür sorgen, dass die Kette recht gerne abspringt. Nachdem das eine Weile mächtig genervt hatte besorgte ich mir ein dickeres 1/8 einfach Ritzel aus dem Versand und baute das mit der entsprechenden Kette um und seitdem funktioniert das wunderbar.

Um zuletzt noch den Komfort zu erhöhen verbaute ich eine Pro Vibe Carbon Stütze mit 27,2 mm Durchmesser und 20 mm offset und einen neueren Fizik Argo Sattel. Da sind diese neuen sehr kurzen Sättel (gegen die ist ein klassischer Fizik Arione ein Torpedo) die relativ breit sind und große Ausschnitte haben, ahnlich wie der Prologo Dimension 143 oder der Pro Stealth. Man muss sich die Dinger schön gucken aber dann passt es schon.

Zum Komfort gehört auch ein Riser Bar der ordentlich nach oben aufbaut von Renthal und Ergon GA1 Griffe in passendem Orange. Außerdem, seitdem nun der Herbst seit heute in Bremen begonnen hat, auch ein paar breite schwarze Metallschutzbleche. Und schon war der Aufbau fertig. Und wie fuhr er sich nun?

Die Fahrt

Obwohl das Rad mit knapp über 8 kg recht leicht geworden ist und es sich schön fluffig fährt ist es mal definitiv nicht so schnell und leichtfüßig wie ein gutes Rennrad. Es ist, auch im Vergleich zu meinen Stahl Fixies, eben nicht so einfach auf Geschwindigkeit zu bekommen und verhält sich weniger agil. Kurz, es motiviert weniger dazu schnell zu fahren. Soviel zu Jan Heine.

Das heißt aber nicht, dass es ein schlechtes Rad ist; es ist eben nur auch kein Rennrad. Zunächst einmal sind die dicken Reifen toll. Der Komfort auf den schlechten Straßen von Bremen ist einmal phänomenal. Ich brauche keine Angst mehr zu haben vor Schienen oder Bordsteinen und kann diese auch problemlos schräg anfahren. Wegen der Tubeless Reifen brauche ich mir auch keine Sorgen um Durchschläge zu machen. Aber damit nicht genug, die dicken Reifen machen es auch möglich schnell auf nicht asphaltierten Wegen zu fahren oder einen Abstecher über den Rasen zu machen. Daher gehört jetzt ein Abstecher auf den Fußwegen durch den Wald im Bürgerpark zu meinen quasi täglichen Routen. Die Federung ist wirklich gut und das macht das Fahrerlebnis, in Kombination mit der entspannten Haltung und dem breiten Lenker sehr angenehm.

Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen doch wieder eine Schaltung zu verbauen, wir würden sogar 7 oder 8 Gänge reichen. Aber eine 1:3 Übersetzung ist einfach zu schwer zum ständigen anfahren in der Stadt und bei ca. 30 km/h wird dann die Trittfrequenz doch auch arg hoch. Ich mag das Fixie fahren, weil ich dann ohne Bremsen die Geschwindigkeit senken kann, aber Singlespeed? Macht wenig Sinn.

Was leider wirklich nervt ist der tubeless Aufbau. Obwohl die Felge Tubeless-ready ist, die Reifen ebenfalls dafür ausgelegt und intensiv getränkt wurden vor der endgültigen Montage und die gute Stan’s no tube Milch verwendet wurde erweicht da einfach viel zu viel Luft. Ich muss morgens einmal vor der Fahrt zum Laden und dann auch noch Abends einmal vor der Rückfahrt pumpen. Nachdem ich da letztens noch einmal gefühlt einen Liter Dichtmilch reingepresst habe geht es nun, aber diese „Tubeless-Restangst“ ist immer noch da.

Letztens war ich mit dem Rad mal im Gelände, anlässlich eines Cyclocross Trainings unseres Ladens. Auch da ist die 3:1 Übersetzung nicht wirklich hilfreich. Und was mich auch nervt ist das Kurvenverhalten: Werden die Reifen mit 3 bar oder mehr aufgepumpt, fährt sich das Rad in Kurven sehr sicher, auch wenn ein Rennrad mit 25mm Reifen besser auf der Straße liegt. Allerdings ist der Federungskomfort oberhalb von 3 bar auch nicht mehr so gut.

Zwischen 2,5 und 3 bar ist die Federung gut und das Kuvenverhalten ist OK. Also nicht großartig, aber OK. Unterhalb von 2,5 bar fängt das Rad in dem Kurven an zu schwimmen. Das wundert mich, denn ich bin wirklich nicht der MotoGP Schräglagenfahrer. Liegt das an mir und meiner Fahrtechnik? Liegt es an dem Rad? Ich weiß es nicht.

Mittlerweile habe ich das Rad fertig für Herbst und Winter gemacht: 47 breite schwarze Metallschutzbleche sind montiert und vorne leuchtet eine Cateye Gvolt 50 Lampe in Kombination mit einer Fabric Lumaray V2 , die brauche ich, um auf einem Garminhalter einen Wahoo ELMNT zu montieren. Und hinten benutze ich bereits seit längerem die Cateye Rapid X2 Kintec, ein Rücklicht mit einem Beschleunigungssensor. Wenn ich bremse, wird das Licht heller, in etwa wie das Bremslicht eines Autos, um dann noch 3 bis 4 Sekunden wieder normal hell zu leuchten. Ein japanischer Ingenieur von Cateye, der einmal bei mir im Laden zu Besuch war, hat mir eine in Deutschland nicht zugelassene Version davon geschenkt.

Um damit auch mal mit Cleats fahren u können, habe ich letztens die MKS Allways Pedale gegen Crank Brothers Double Shot 1 getauscht. Das sind Hybrid Pedale, also auf der einen Seite Plattform, auf der anderen Seite für Cleats. Ich bin kein Fan von Hybridpedalen, aber diese funktionieren OK. Besonders erfreulich ist das extrem leichte Ausklicken, wenn die entsprechenden Cleats (Easy 6) von den Crank Brothers montiert werden.

Das Rad wird mich gut durch den Herbst und Winter bringen und dann sollte so langsam klar werden, wo die körperliche Reise hingeht.

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Battle of Okel 11.4.2020 BUBUU 2

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Deutschland sucht gerade den Superstar und findet ihn seit hundert Jahren nicht. Aber der Superstar von Okel könnt ihr am nächsten Samstag dem 11.4. werden. Wie?

Jeder Teilnehmer muss am 11.4. die vorgegebene Runde von etwa 34 km in der vorgegebenen Richtung von Barrien nach Gödestorf Plus ALLEINE fahren. Die Gesamtzeit wird nicht gewertet, aber das ganze muss auf Strava aufgezeichnet und nachvollziehbar sein. Die Strecke kann bei Garmin Connect geladen werden.

Es gibt fünf brutale Anstiege von 600 bis 1.700 Meter Länge mit insgesamt unglaublichen 200 Höhenmetern die jeweils einzeln mit Punkten gewertet werden:

Für den ersten Platz auf jedem Segment gibt es 10 Punkte, für den 2. Platz 9 Punkte, für den 3. 8 Punkte und so weiter bis zu einem Punkt für den 10. Platz. King of Okel (Kinoo) ist derjenige der insgesamt die meisten Punkte hat.
Die erzielten Punkte werden aufaddiert in der großen BUBUU (Battle um Bremen und umzu) Serie. Die erste Battle war die Battle for Wilstedt, organisiert von Schnippo und wir werden in Zukunft sehen, wer weitere Battles an den folgenden Wochenenden organisieren wird. Es bleibt also spannend.

Sollte das Wetter am Samstag dem 11.4. nicht vorteilhaft sein, dann verschieben wir das ganze auf den Sonntag oder notfalls auf das folgende Wochenende.

Es gib eine kurze Straßenbaustelle in Okel, bei der man ca. 50 Meter über ein, ich sage mal, Gravelsegment fahen muss. Das geht aber prima, kein Problem, und da wir die Gesamtzeit ja ohnehin nicht betrachten macht das ja nichts – konzentriert euch auf die Anstiege, denn die ziehen ordentlich. Ich bin das heute mal gefahren und musste echt beißen.

Okel ist nicht umsonst das Mekka des Radsports in Niedersachsen. Lange Jahre gab es das Lizenzrennen Syke-Okel-Syke und wir fahren einen Teil der alten Strecke ab. In den letzten Jahren wurde es dann still um den Finanzplatz Okel – alles dicht, alles aufgerissen, dagegen war Dresden 1945 wie ein Tag im Phantasialand. Aber das ist jetzt vorbei.

2003 Hasselmann
Start ist an der Konditorei Hasselmann in Barrien. Falls da zufällig geöffnet sein sollte, gebe ich gerne einen Kaffee aus, ruft mich einfach mal an. Dann geht es den bekannten Krusenberg hoch, nicht lang aber knackig.

Drei weitere Anstiege beginnen am Ortsrand von Syke und sind etwa 1,5 km lang durch den Wald Richtung Golfplatz, Osterholz und Schnepke. Nicht besonders steil, aber durch die Länge echte Beißerstrecken. Und der Okeler Berg, ein Klassiker ist auch dabei.

Dazwischen geht es schön auf und ab mit vielen Hügeln und Wellen. Das eine andere bekannte Ballerstück, zum Beispiel vom Golfplatz Syke nach Okel und von Osterholz nach Gödestorf ist auch dabei. Es wird also nicht einfach.

Und nicht vergessen: Das alles soll auch Spaß machen.

okel2

 

 

 

 

 

 

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Battle for Wilstedt 2020

Die Battle for Wilstedt ist das traditionell erste Rennen der Battle um Bremen und umzu  (BUBUU!) Rennserie die dieses Jahr zum ersten Mal durchgeführt wurde. Das weiß zwar noch keiner, ist aber nun mal so.

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Die Idee dazu kam von Schnippo und ist genial einfach. Unter „genial einfach“ verstehe ich Ideen, die man auch selber haben könnte, aber auf die man nie gekommen ist, wie z.B. Farbe über das Gesicht von Marilyn Monroe zu kippen. Manche Menschen formulieren das auch als: „Wieso kostet das Geld, das hätte ich auch selber gekonnt!“.

Haben sie aber nicht.

Die Idee der Battle for Wilstedt ist also am letzten Samstag in Borgfeld loszufahren, auf einem Rundkurs 6 Ortsschilder in Wilstedt anzusprinten und dann an den Startpunkt zurückzufahren. Man muss dabei die exakte Route abfahren und bekommt für jeden der 6 Sprints Punkte je nach Platzierung aller Teilnehmer. Natürlich alleine. Wer die meisten Punkte hat, hat gewonnen. Völlig sinnlos, aber eben genial.

Noch genialer ist, daraus eine Serie zu machen, was aber der Definition von „genial einfach“ widerspricht, denn die Idee hatte ich ja nun mal selber.

Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr in Wilstedt und dieses Jahr auch nur mäßig wenig unterwegs auf dem Rad unterwegs. Wilstedt ist ja nun mal als ein kleines Kaff und im größeren Kontext der Weltgeschichte unwichtig, aber wenn man im Nordwesten von Bremen unterwegs ist, muss man da durch. Ist ähnlich wie „Alle Wege führen nach Rom“. Am Papst, Stan Libuda und an Wilstedt kommt man einfach nicht vorbei, vor allem dann nicht, wenn man Mitglied im RCB ist und bei den Montagsrunden mitfährt. Und bei vielen löst eben der Anblick eines Ortsschildes auf dem Wilstedt geschrieben steht einen sofortigen Pavlov’schen Sprintreflex aus. Egal, ob jemand alleine, oder in der Gruppe fährt, am Ortsschild Wilstedt wird gesprintet. Punkt.

Ein wenig Training an Vorbereitung wäre ja nicht schlecht, dachte ich mir und ich fuhr deswegen am Vortag einen Teil der Strecke mit meinem Winterrad ab. Da oben blies mal wieder ein richtiger mieser Wind, aber es war trocken, sonnig und bei der Bäckerei traf ich zufällig auf Joern und Jens. Jörn fuhr das im Training in 2:44 hr zu Ende, eine Zeit die ich am nächsten Tag nicht einmal erreichen sollte – soviel zu meinen Chancen da irgendetwas tolles zu gewinnen. Aber egal, raus aus der Lethargiefalle und mal wieder etwas anstrengendes tun war wichtiger als der Welt zu zeigen wie toll ich Radfahren kann.

Am nächsten Tag wachte ich spät auf, hatte jede Menge Arbeit auf dem Schreibtisch vor mir, bevor ich mich auf die Strecke machen konnte und schaute so gegen 12 mal bei Strava rein um zu sehen, ob schon jemand die Strecke ganz früh gefahren war. Man sieht das bei Strava sofort an der charakteristischen Streckenführung, siehe das Bild oben: das symbolisch die güldenen Straßen und die grüne Topgraphie der Landschaft zeigt. Jannis hatte offensichtlich eine Zeit von unter 2:15 hr mit einem Schnitt von fast 38 km/h vorgelegt. Hm, dachte ich mir, vielleicht ist es doch besser zu Hause zu bleiben und noch ein paar Runden Panzer General zu spielen. Russland könnte ich locker am Samstag erobern, Wilstedt eher nicht.

Endlich, nachdem auch der letzte Mist erledigt war und es keine Ausreden mehr gab nichts zu tun, also so kurz nach 15 Uhr machte ich mein Wilier Yellow Submarine klar.

We all live in a yellow submarine, yellow submarine.

Hm, Hochprofilfelgen waren bei dem Wind vielleicht nicht die schlauste Idee. Dafür hatte ich aber diesen genialen Redshift Aufsatz, der es erlaubt in eine windschnittige Position zu gehen, oder das Ding in 10 Sekunden abzumontieren und in die Trikottasche zu stecken.  Sehr praktisch, wenn jemand wie ich mal alleine, und mal in der Gruppe fährt. Nicht so praktisch ist der High-Tec Sattel von Fabric. Klar, der sieht gut aus, voll Carbon und, das wichtigste, da steht klein irgendwo „Airbus“ drauf, weil er zusammen mit Airbus entwickelt wurde, aber angesichts des Komforts wäre ein Prägung „Boeing 737 max“ doch irgendwie treffender.

Der Jan-Reiner-Weg raus nach Borgfeld war voll wie immer und als ich zum Startpunkt kam drehte ich mich in Position und versuchte konstant schneller als 30 km/h zu fahren, was bei dem Gegenwind gar nicht so einfach war. Christian kam mir entgegen, wahrscheinlich war er auch gerade fertig geworden und so sah er auch aus.

Die Battle

Auf der Straße von Huxfeld nach Wilstedt rein kam mir dann Vanessa entgegen, die vermutlich gerade ihre Battle beendet hatte. Sie sah, äh, ein wenig fertig aus und schenkte mir ebenso wenig Beachtung. Ich hatte auch keine Zeit zu schreien, zu grüßen oder umzudrehen, denn ich war ja im Battlemodus und das erste Ortsschild war nur wenige hundert Meter vor mir. Der Wind kam quer von vorne und ich war noch richtig gut drauf – wenn ich das bei Strava richtig sehe bin ich da mit 39s und 36er Schnitt 3. geworden. Guter Start, wenn ich das nur gewusst hätte.

Es ging dann voll gegen den Wind raus Richtung Tarnstedt und am Kreisverkehr dort dieselbe Straße wieder zurück – diesmal schön mit Rückenwind. Da ich nicht genau wusste, wo die Segmente anfangen und wo genau sie aufhören (denn auf der Strava Karte sieht man ja nicht wo die Dinger genau liegen), habe ich etwas länger durchgezogen. Die sind eh schon verdammt lang angesetzt gewesen, eher 400m als wie angekündigt 200m lang, so dass da weniger Sprint als Beissen angesagt war. Mit 34 s und 40er Schnitt wurde ich da immerhin noch 8. – auch nicht schlecht. So langsam hätte ich eine Bewerbung für die Rg Bremen schreiben können.

Mit gutem Rückenwind ging es nun raus Richtung Buchholz. Unterwegs kam mir ein Rennradfahrer entgegen den ich nicht kannte. Der kam mir dann später noch einmal entgegen, ich konnte den später aber dann nicht bei Strava, noch bei den Fly-bys finden. So wie der da rum-eierte denke ich mal, dass er einen dieser seltenen Momente im Leben hatte, in dem er entschied seine Aufzeichnungen später nicht auf Strava hochzuladen. Warum eigentlich, ist doch total egal, ob man da gut fährt oder nicht. Hauptsache man hat Mumm und zieht das ganze durch. Außerdem fand ich das auch doof, da ich ja an sich nicht Letzter werden wollte.

Nachdem ich jetzt schon über eine Stunde unterwegs war, dachte ich mir, es wäre doch eine gute Idee einen Schluck Wasser zu trinken. Ich griff nach unten in ein Loch, das schwärzer war als ein schwarzes Loch. In diesem schwarzen Loch war meine Trinkflasche verschwunden. Und durch dieses schwarze Loch fiel sie dann genau auf den Küchentisch bei mir zuhause, wo ich sie fand, als ich zurück nach Hause kam. Seltsam. Dann auch besser keine trockenen Müsliriegel essen? Dann stellte ich fest, dass ich diese zuhause hatte liegen lassen – super, dieses Problem stellte sich somit auch nicht.

Die Frage war nur, ob ich drei Stunden ohne Energie und Wasser durchhalten würde.

Aber hey, wenn ich schon eine Stunden gefahren war, dann würde ich auch noch zwei durchhalten, oder? Also sprintete ich von Dipshorn am 3. Ortsschild nach Wilstedt rein, mit unglaublichen 30 km/h. Wow. Das konnte ja lustig werden.

Es ging nun raus nach Vorwerk und über Bülstedt wieder rein nach Wilstedt. Am Vortag, mit dem Wind richtig im Rücken war ich da noch richtig schnell gefahren, aber jetzt war da einfach nur noch überleben angesagt. Zum Glück hatte ich noch genug Energie und 4 von 6 Sprints hinter mir.

Es ging jetzt raus Richtung Dipshorn und dann von Vorwerk rein nach Wilstedt. Diese Strecke war ich noch nie gefahren und ich hatte keine Ahnung wo das Ortsschild ist. Entsprechend spät zog ich an und entsprechend schlecht war die Zeit. Und spätestens jetzt hatte ich auch keine Power mehr – dummerweise kam aber jetzt noch ein Sprint voll gegen den Wind, von Buchholz rein. Boh, das war so peinlich, darüber möchte ich nichts schreiben.

wind

Aerokinn

Nachdem ich jetzt das Sprintprogramm erledigt hatte, musste ich mich nur noch nach Borgfeld retten. Die ganze Zeit hatte ich diese Vision von einer riesigen Colaflasche am Horizont vor mich, die nie näher kam, auch wenn ich schon seit gefühlten Stunden ihr entgegen fuhr. Man war ich froh, als ich endlich beim Rewe in Borgfeld rein konnte und mich mit den schlimmsten Ernährungsfallen und Getränken eindeckte, die diese Welt zu bieten hat.

Am Ende machte ich den 9. Platz (von 10 Teilnehmern), da sind ja noch mehr gefahren, aber was ich so gehört habe, haben sich da ja einige „verfahren“ oder „das Navi ging auf einmal kaputt“, so dass wohl nicht alle Ergebnisse hochgeladen wurden. Ist ja auch egal, ich war froh das getan zu haben.

Nachgang: Battle of Okel (BOO)

Super Idee von Schnippo. Und gute Ideen werden natürlich gleich in Serie kopiert. Daher mein Vorschlag für Samstag den 11. April: Battle of Okel:

Battle of Okel

Strava Route

Im Gegensatz zu Sprints auf Wilstedt sind hier fünf der fiesesten Anstiege zu fahren, die Bremen und umzu zu bieten hat, darunter der Krusenberg und der Okeler Berg.

  1. Krusenberg auf Strava
  2. Syke – Osterholz auf Strava
  3. Syke Golfplatz auf Strava
  4. Okeler Berg auf Strava
  5. Syke Schnepke auf Strava

Insgesamt müssen auf der 70 km langen Strecke krasse 300 Höhenmeter zurückgelegt werden, davon 200 Hm unter Battlebedingungen – im Profil sieht man ja schon gut wie unglaublich hart das werden wird – sieht aus wie die Sella Runde.

Sellaronda Bike Day: Die Pässe gehören den Radfahrern – Südtirol News

Der Gewinner und die Platzierungen werden ermittelt unter allen Teilnehmern die am 11. April den gesamten Kurs fahren. Dabei werden die Zeiten alle 5 Anstiege addiert und daraus der Gewinner und die Platzierungen ermittelt.

Falls das Wetter an dem Tag nicht mitspielt werden wir das ganze verschieben.

Und wer bastelt schon an der nächsten Battle für den 25. April ?

Die schönsten Rennradziele in Italien und Spanien

Blick auf Okel vom Golfplatz aus (Serviervorschlag)

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Vier Rennen grau: Karriere im Spätsommer.

Plötzlich, und so ganz ohne Grund, packte es mich im August mein Können auf den Jedermannrennen in der Umgebung nicht zu zeigen: Hamburg, Hannover, wieder Hamburg und Münster waren die Bühnen. Ein Vergleich.

cyc

Die Rennen

Als erstes standen im August die Cyclassycs, also die Cyclassics in Hamburg auf dem Programm. Spricht man einen beliebigen Rennradfahrer auf dieses Rennen an, dann sagt der mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit: „Da fahr‘ ich nicht, das ist mir zu gefährlich. Da sind zu viele Idioten dabei.“ Die Gefährlichkeit der Cyclassics ist ein beliebtes Themen auf RTFs, Manche RTF unterscheidet sich allerdings nicht wesentlich von den Cyclassics: Am Start rasen alle los wie die Blöden, es gibt eine Menge Stürze und ja, ein paar Irre sind auch oft dabei. Lange Jahre hatte ich mich von den Berichten davon abhalten lassen in Hamburg zu fahren, bis ich es dann 2016 doch gewagt habe. Vattenfall war als Sponsor abgesprungen und es drohte die letzte Cyclassics zu werden die meine Euroeyes jemals sehen würden. War dann aber doch nicht so. Danke, Euroeyes.

2018 gab es dann neue Strecken, ich fuhr die 100 km Runde und die war wirklich schlimm – die Veranstalter hatten sich durch Streckenführung und Personal die größte Mühe gegeben, alle Vorurteile der Cyclassics gegenüber in die Realität umzusetzen. Also entschied im mich dieses Jahr die 60er Runde zu fahren. Start und Ziel machen bei Jedermannrennen am meisten Spaß – der Rest ist RTFisch, finde ich.

proam

In Hannover, bei Proam war ich bislang noch nie gestartet. Hier gibt es zwei Runden, eine von 68 km Länge und eine mit 103 km und deutlich mehr Höhenmetern. Dank Yvett, Torsten, Rainer und Hannes von der SG Stern hatte ich die Möglichkeit im Team Van dort hin, und dann ohne Team Van auf dem Rad, dort zu fahren. Prima, mal wieder was neues. Außerdem fuhr ich auch zum ersten Mal mit Sebastian, er auf seinem neuen System Six.

Aber das härteste Rennen fand am 22. September in Hamburg statt. Ich hatte meiner Frau zum Geburtstag Karten für das Musical „Paramour“ des Cirque du Soleil geschenkt und ich wusste, dass es ein extrem harter Kampf gegen Müdigkeit, Langeweile und guten Geschmack werden würde.

para

Ich mag keine Musicals, das hängt im wesentlich damit zusammen, dass ich es unlogisch finde, wenn Menschen im Gespräch miteinander auf einmal anfangen zu singen. Und dann aus allen Ecken Menschen kommen und um die beiden herumtanzen. Das ist eine sehr eigenartige Darstellung der Realität. Schlimmer als Musicals sind eigentlich nur indische Filme, da ist das meistens so dass Mann und Frau irgendwo romantisch im Park chillen….ihre Gesichter beginnen sich zu nähern, die Lippen öffnen sich, das Verlangen tropft gerade in langen Fäden von der Leinwand und Du denkst: „OK, Action Time Baby!“

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Endlich alleine, Baby !

Und genau in diesem Moment, Millisekunden und Nanometer von einem Kuss entfernt, beschleunigen beide Gesichter weg von einander, ein musikalisches Gewitter erbricht sich vom Himmel und die beiden fangen an zu tanzen und zu singen. Spätestens beim Refrain stellt sich dann heraus, das sich in den Büschen und Bäumen hinter ihnen jede Menge Komparsen versteckt hielten die nun alle rauskommen und mitmachen. Cut.

 

 

Nein, schlimmer als Musicals ist nur noch Pantonime…boh…ich bin einfach zu doof die zu verstehen, da setzt es bei mir aus. Wollte der Typ jetzt zeigen wie Hitler in den Teppich beißt, oder einfach nur zwei Hotdogs bestellen?  Für mich bleibt immer ein Rätsel worum es gerade geht.

panto

Boh was denn nun? Scheibenbremsen entlüften? Lenkerband wickeln?

Paramour hatte zwar keine Inder, aber jede Menge Pantonime.

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Zum Abschluss der Saison ging es dann am Tag der deutschen Einheit nach Münster zum Münsterland Giro. Das ist für mich immer das letzte Rennen der Saison und ich fahre da sehr gerne. Nachdem ich mich Jahre lang mit Jochen nach Münster aufgemacht hatte, bin ich dieses Jahr mit Martin zusammen gefahren.

Ich mag Münster, sowohl in den ungeraden Jahren, wo die Strecke nach Osten geht und eher flach ist, als auch in den ungeraden Jahren, wo man nach Westen rausfährt und sich über ein paar Hügel kämpfen muss. Münster gefällt mir als Ort einfach auch sehr gut und nach dem Rennen kann man sich noch am Schloßplatz aufhalten und das Profirennen schauen.

Der Start

Hamburg fuhr ich zum zweiten Mal zusammen mit Fabian; wir fahren seit 2011 jedes Jahr gemeinsam beim Velothon in Berlin, aber den gab es ja leider dieses Jahr nicht. Also Hamburg; wir starteten gemeinsam aus Block D oder so. Ich fuhr zum ersten Mal mit meinem neuen gelben Wilier Cento10Pro, eine extrem auffallende Angeberkarre, die in keinster Weise mein Leistungsniveau widerspiegelt.

1909 New Bike Leaning against something

Das ist nicht der Lambo von Tim Wiese.

Es ging los und es war unglaublich lahm, so als wenn das Rennen erst einmal neutralisiert worden wäre und eine Schneeraupe vorne weg fährt. Wir chillten so mit 30 Sachen durch das Feld und überholten dennoch jede Menge Fahrer. Da wir aber doch etwas ambitioniert waren, machten wir uns dann daran mit mehr Stoff nach vorne zu fahren. Das ging gut, ich war meistens vorne und sprang von einer Gruppe zur anderen und Fabian hing an mir dran. Auf einem langen, geraden Stück war dann der Abstand zur nächsten Gruppe vor uns bereits sehr groß. Heroisch machte ich mich daran die Lücke zuzufahren, aber der Abstand war einfach zu groß und die Gruppe vor uns auch zu schnell. Zum Glück hatte unser Versuch noch ein paar andere Fahrer aus ihrer Lethargie gerissen und mit vereinten Kräften schafften wir es dann doch an die Gruppe anzuschließen. Das war unser Glück, denn diese Gruppe war mit 40+ km/h richtig gut drauf uns sorgte dafür, dass wir schnell unterwegs waren. Sonst wäre das wirklich öde geworden.

1909 ProAm Hannover 5

In Hannover waren wir zwar im B Block, aber viel zu spät am Start, so dass wir uns recht weit hinten einordnen mussten. Natürlich ist man dann trotzdem noch kalt und kann an sich keine Leistung bringen. Das macht aber nichts, in dem Moment wo das Rennen los geht muss man sich nach vorne drängeln, bzw. nach vorne fahren bis man kotzt, sonst wird das alles nichts mit einer schnellen Truppe. Das habe ich dann auch versucht und es lief richtig gut. Nach 8 km hatte ich die Spitze des Feldes immer noch in Sichtweite. Aber irgendwann war ich dann unkonzentriert und/oder die Körner fehlten und nach einer Kurve musste ich abreißen lassen. Hinter mir war auch niemand mehr, der ernsthaft die Lücke zufahren würde. Ich war allein auf weiter Flur und wartete bis die nächste Gruppe mich überholen würde. Das passierte dann auch recht flott und ich sah wie Yvett an mir vorbeischoss. Kurz danach kamen auch die anderen.

Bei Paramour wurde ich zunächst mit einem Glas Latte Macchiato nicht in das Theater gelassen. Man kann war Getränke mitnehmen – aber nur in Bechern und nicht in Gläsern wurde ich aufgeklärt. Also kaufte ich so einen doofen Plastikbecher mit Paramour Aufdruck und schüttete meinen Latte Macchiato, den ich mir bestellt hatte um möglichst viel Koffein zu mir zu nehmen, hinein. Den Becher schenkte ich dann später meiner Tochter und machte ihr weiß, dass ich den extra für sie gekauft hätte.

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Mitten im Gruppetto

Neben uns am Start sassen so Schwaben und andere Reisende, die von Bussen aus der ganzen Republik nach Hamburg gefahren wurde, die blieben dann auch das ganze Rennen neben uns. Ist im Rennen ja immer so, ist man erst einmal in eine Gruppe gelandet kommt man da nie wieder raus. Bei dem Musical, ich kann mich daran nur schemenhaft erinnern, ging es um Frauen die alle als Männer verkleidet auf dem Schlachtfeld in Solferino herumirrten. Ach ne, das war ein Takarazuka Musical, das ich mir 2010 in Tokyo angesehen hatte und aus dem ich immer noch nicht wieder aufgewacht bin. Nein, es ging um Hollywood und einen großen Produzenten, seinen Star und ihren unbedeutenden Freund. Die ganze Stimmung, sowohl im Publikum, als auch auf der Bühnen war, wie Hannes das so schön ausdrückte: „OK, lass uns das mal hier unambitioniert zu Ende fahren.“

Zwei Wochen später in Münster war ich immer noch im Musical Schock, oder vielleicht auch immer noch nicht wieder aufgewacht. Ich war mit Martin runter gefahren, den ich aus dem Laden kannte, weil er auch mal ein Wilier gekauft hatte. Martin fährt auch Dienstags in unserer Trainingsgruppe mit und fällt dadurch auf, dass er immer sehr entspannt aussieht, nie aus dem Sattel steigt und trotzdem irgendwie schnell ist, was auf seine Vergangenheit als Profiruderer zurückzuführen ist. Wir fuhren mit seinem Wagen nach Münster und parkten im besten Parkhaus der Welt. Wir waren früh genug da und standen dann recht schnell in Block A. Wow, Block A, wie hatten wir das denn geschafft? Zum Glück war es auch noch trocken, so dass wir nicht zu sehr froren.

Startschuß! Wie immer gebe ich alles und versuche mich unter vollem Einsatz und voller Ambition nach vorne zu fahren. Zuerst klappt das auch ganz gut, die Strecke ist verwinkelt, viele Kurven, viel Bremsen und Beschleunigen. Aber nach drei Kilometern schon geht mir van der Poel/Yorkshire-mässig die Luft aus – was ist denn da los? Ich kann einfach keine Kraft auf das Pedal bringen. Auf einmal werde ich von ganzen Gruppen von hinten überholt und ich kann nichts dagegen machen, so ein Mist. Da fahren Leute an mir vorbei, die dürften eigentlich aufgrund ihrer Räder und ihres Aussehens nicht an mir vorbeifahren und sie machen es trotzdem. Es hilft nichts, ich reihe mich in eine Gruppe ein, kurz darauf kommt auch Martin von hinten in einer schnelleren Gruppe und ich hänge mich an sein Hinterrad. So springen wir wenigstens etwas nach vorne, aber schnell ist anders.

Der Rennverlauf

In Hamburg bei den Cyclassics lief es in der schnellen Gruppe sehr gut. Die Gruppe war im flachen schnell, aber nicht so schnell, als dass wir in Gefahr laufen würden hinten raus zu fallen. Zudem waren die Straßen breiter, die Sicherung besser, die Kurven weniger als bei der 100 km Strecke im letzten Jahr; es gab keine Stürze in unserem Feld und auch sonst lagen keine Radfahrer blutend Straßenrand und warteten auf den Sani. Nö, es machte richtig Spaß. Nach einer Schleife Richtung Westen ging es durch Wedel an die Elbe und jetzt wurde es auf dem Stück nach Blankenese auch ein wenig hügeliger.

Ich habe keine Angst vor Hügeln, im Gegensatz zu vielen anderen Fahrern aus Norddeutschland. Oft merke ich schon dass ein Hügel oder Anstieg kommt, wenn die ganze Truppe langsamer wird. Dann fahre ich nach vorne und beginne den Anstieg an der Spitze des Feldes. Ist der Anstieg länger falle ich dann zurück, denn leider bin ich einfach zu schwer, um da glatt hochzukommen. Aber das macht nichts, oben bin ich dann immer noch im Feld und kann weiter vom Windschatten profitieren. So lief das auch dieses Mal; dummerweise hatte Fabian einen Defekt und fiel zurück, aber ich war noch dabei. Ein paar Fahrer aus den Blocks vor uns hatte ich aber trotzdem überholt. Einer fuhr weit links und wollte mich einfach nicht vorbei lassen. Da fuhr ich dann neben ihn, stupste ihn kurz mit dem Ellbogen zur Seite und schon war ich vorbei. Alain Rapois, der beste Radfahrer mit dem ich je in meinem Leben gefahren bin, hatte mir mal gezeigt wie man das richtig macht und mittlerweile kann ich mich ganz gut durch ein Feld durchwursteln.

Hinter hier hörte ich nur etwas in der Größenordnung „EEEEEHHHH, bist Du BESCHEUUERRRTTT?“ – aber ich denke mir immer, so lang noch so viel Kraft zum schreien da ist, kann es ja nicht so schlimm gewesen sein und schreien ist ja auch Ausdruck von Frustration und Aufgabe – den sehr ich also nie wieder.  Wovor ich wirklich Angst habe ist, wenn ich gar nichts höre und dann, irgendwann später fährt jemand an mir vorbei und schlägt mir in die Fresse.

Interessanterweise wurde das Tempo nach dem Anstieg deutlich langsamer, so dass auch eigentlich abgehängte Fahrer wieder aufschließen konnten und die Gruppe noch relativ groß war, als wir uns dem Ziel näherten.

1909 ProAm Hannover 1

In Hannover war ich jetzt mit allen Fahrern der SG Stern in einer Gruppe gelandet. Das Tempo war schnell, aber nicht richtig schnell. Nachdem es zunächst überwiegend flach war, kamen zwischen dem 25. und 45. km die Anstiege. Der erste war gleich der härteste. Aus einem Dorf heraus ging es über eine Rampe in den Wald und die Steigung war recht ordentlich. Wie immer war ich vorne rausgefahren, da das Peloton vor Angst mal wieder fast stehenblieb. Aber der Anstieg war recht lang und ich wurde mal wieder rechts und links überholt. Irgendwann fuhr auch Torsten rechts an mir vorbei, ich schaute rüber und sah seinen total verbissenen Gesichtsausdruck und musste lachen. Torsten, den ich bislang nur als total chilligen und entspannten Typ kennengelernt hatte biß sich gerade die Zunge ab vor lauter Ehrgeiz. Der Anblick brachte mich dann auf den Berg.

Ein paar Fahrer hatten wir auch hier verloren, aber die Gruppe war immer noch sehr groß und das Tempo gut. Nach einer Weile sahen wir vor uns eine andere Gruppe und man merkte richtig, wie nun gearbeitet wurde, diese einzuholen. Und als das geschehen war wurde das Tempo wieder langsamer. Es folgten ein paar fiese Abbiegungen und zum ersten Mal hörte ich hinter mir das Geräusch von Stürzen. So langsam kamen wir dann auch wieder in das Stadtgebiet von Hannover – ich hatte keine Ahnung wo das Rennen enden würde aber ich arbeitete mich schon mal langsam nach vorne.

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Bei Paramour war es deutlich weniger spannend. Ich war in einer Gruppe von vielleicht 1.000 Besuchern die alle nach vorne auf die Bühne starrten wo nichts nennenwertes passierte. Da wurde eine Geschichte erzählt, von der völlig klar war wie sie ausgehen würde (also etwa so klar wie meine Ergebnisse bei Radrennen) und die ich in einer Minute hätte zusammenfassen können. Damit das ganze aber auf zwei Stunden gedehnt werden konnte, wurde da viel gehüpft und gesprungen und noch mehr, genau, gesungen und getanzt. Ich versuchte das ganze unambitioniert zu ertragen und war dann wirklich froh, als es eine Pause gab und wir in die Verpflegungsstation durfen um ein Glas Rotwein zu kippen. Nur noch eine weitere Stunde.

In Münster war ich nun in einer Gruppe mit Martin. Diese Gruppe war echt nicht schnell, da würde also auch nichts gutes bei herauskommen. Ich hatte jetzt doch etwas mehr Power, aber aus der Gruppe würde ich nicht mehr herauskommen. Als uns eine schnellere Gruppe überholte hängte ich mich da ran, aber auch das brachte nicht viel. Irgendwie war es extrem langweilig, auch null Anstiege bei denen eine Selektion hätte stattfinden können. Zum Glück bin ich Münster ja schon oft gefahren, so dass ich wusste, wann ich mich im Feld nach vorne arbeiten musste, um einen guten Sprint zu fahren.

Ziel und Fazit

Also, ich machte mich auf den Weg nach vorne, wurde aber davon überrascht, dass die 60 km Strecke tatsächlich nur 57 km lang ist. Wenn ich da die Startgebühr durch die Streckenlänge teile und ausrechne, was ich da pro km bezahlt habe – ich hätte auch Taxi fahren können. Jedenfalls ging mir die Strecke aus.

Die Atmosphäre in Hamburg am Ziel ist immer eine gute. Ich haute volle Kanne rein und konnte den Sprint sogar so gut timen, dass die Beine quasi genau in dem Augenblick anfingen zu krampfen, als ich über den Zielstrich fuhr. Gerade mal bei Strava nachgesehen … 44 km/h über die letzten 800 m waren meine höchste Geschwindigkeit bislang und mit 1:05 min lag ich nur 20 Sekunden hinter Übermenschen wie Alexander Kristoff oder Sacha Modolo.

Mit anderen Worten: Ich fühlte mich total großartig. Aber auch nicht so gut, dass ich dachte, oh, da hättest Du auch die 100 km fahren können. Mal schauen….39,5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, 259. von 3.630 Männern, 54. in der Altersklasse und – der Vergleich der am wichtigsten ist – bei den Frauen wäre ich mit dieser Leistung 8. geworden. Merke: Ein Rennen ist gut gelaufen, wenn man bei den Frauen in die Top Ten fährt.

Kurz danach kam auch Fabian ins Ziel. Wir quatschten noch etwas auf dem großen Platz, wo sich nach dem Rennen alle treffen und dann machten wir uns auf ins Karolinenviertel zu dem berühmten Cafe Panda. Was auch ganz großartig war.

Hamburg hatte mich so richtig angefixt für die weiteren Rennen der Saison.

In Hannover waren wir nun schon in der Stadt, fuhren an so einem See oder so vorbei und ich hatte keine Ahnung wie weit es noch sein würde. So langsam machte ich mich aber an die Spitze. Das Feld wurde nervöser und die Geschwindigkeit auch höher. Ich dachte schon, dass ich auf der Zielgeraden wäre, aber dann gab es noch mal eine Rechtskurve. Die führte in eine Straße, auf der ein Teil der Fahrbahn durch Hütchen etc. abgesperrt war, und zwar auf der Außenseite der Kurve. Ein Fahrer, ca 10 m vor mir, war zu schnell in die Kurve gefahren, fuhr zwischen zwei Absperrungen durch in den abgesperrten Bereich und bei dem Versuch wieder auf die Strecke zurück zukommen fuhr er in eine der Absperrungen. Dabei überschlug er sich, krachte auf den Asphalt und fing sehr,s ehr laut an zu wimmern. Der Polizeiwagen, der vor unserer Gruppe fuhr hatte das irgendwie mitbekommen und hielt mitten auf der Strecke an. Das führte dazu, dass einige Fahrer in den Wagen hineinfuhren und das ganze Feld fast zum stehen kam. Bis ich mich da vorbeigemogelt hatte, war die Spitze des Feldes bereits weg und der Sprint entschieden. Aber immerhin heil angekommen.

Wir waren alle im Feld geblieben und nach einer Weile kamen auch Yvett und Sebastian rein. Und auch Dennis und Lena, und viele andere die ich kannte. Jörn, vom RCB Cyclyng Racing Team hatte übrigens auch das Rennen gewonnen. Also, ein super Tag.

1909 ProAm Hannover 6

Mal schauen….125. von 649 Männern, 15. in meiner Altersklasse (Senioren des 19. Jahrhunderts), 38.7 km/h Durchschnitt und …trarara….drittschnellste Frau ..sogar noch vor Yvett.

1909 ProAm Hannover 4

Links, dieser chillige Typ. Meistens.

Insgesamt war das ein supertolles Rennen in einer sehr guten Besetzung, was echt Spaß gemacht hat.Ich war also total scharf auf Münster. Aber vorher musste ich noch mal nach Hamburg.

Die Pause war zu Ende und das hüpfen, springen, tanzen und singen ging weiter. Ich hätte ja gerne die Augen zugemacht und ein wenig gedöst, aber selbst das gelang mir nicht bei diesem Langstreckenrennen. David hatte mir mal von einem Artikel über Ultralangdistanzrennen (also etwa Race across America) erzählt von einem Fahrer, der durch Schlafmangel Halluzinationen auf dem Rad bekommt. So z,B. das irgendwelche schleimigen Ungeheuer hinter ihm her sind. Was ihn dann natürlich noch schneller macht. Ich hatte diese Ungeheuer vor mir, direkt auf der Bühne, aber es war leider keine Halluzination sondern einfach nur das, was viele Menschen in Deutschland als „Unterhaltung“ bezeichnen.

Boh, war ich froh, als alles vorbei war. Das war eines der härtesten Rennen meines Lebens. Danke, Hamburg.

In Münster kurvten wir nun in der Stadt auf das Ziel zu. Auch hier fuhr ich so weit es ging nach vorne, aber auch hier schien mir die Strecke auszugehen. Endlich hatte die Truppe ml ein wenig Zug. Und als ich dachte, das Ziel ist um die Ecke machte ich richtig Dampf. Oh je, das war es aber nicht, ich war zu nervös und viel zu früh losgesprintet. Vor mir war ach keiner schnell genug, an den ich mich hätte dranhängen können und so versuchte ich mich ins Ziel zu retten. Auf den letzten Metern wurde ich nach hinten durchgereicht und auch Martin konnte sich nicht zurückhalten und zog noch an mir vorbei. Wie gesagt, auf irgendeine lockere Art und Weise.

Fazit: Warum lief das soooo mies? Ich hatte so gar keine Power. Ein paar Tage später fand ich dann zumindest einen Grund heraus. Ich hatte die Sattelklemme bei meinem Rad nicht fest genug angezogen, so dass sich langsam der Sattel abgesenkt hatte, am Ende um ganze vier Zentimeter. Dadurch bekam ich dann auch nicht so richtig Druck auf das Pedal. Es wäre aber zu einfach, das nur daran festzumachen.

Mal schauen….. Platz 222 von 979 Männern, 49. in meiner Altersklasse, 37,2 km/h Durchschnitt und, ist schon klar, …. das wäre Platz 15 bei den Mädels gewesen.

Riesenfrust. Aber Martin und ich hatten noch Spaß in Münster, wo wir im Bad, bei Pizza und im Lazzaretti abhingen und dann schliesslich auch noch die Profis sahen.

Und damit war die Saison zu Ende.

1907 Rad Sommerferien04

Jahr für Jahr stellt sich die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist in meinem Alter noch an Rennen teilzunehmen. Ich kenne fast niemanden noch, der das tut, alle haben Angst vor Stürzen, Verletzungen und einem Leben im Pflegeheim. Zumal es ja auch keine Entwicklung mehr nach oben gibt. Auch mit viel Training ist kaum noch eine Verbesserung zum Vorjahr möglich. Einerseits.

Andererseits, macht es immer noch irgendwie Spaß, es gibt viel zu erzählen und zu schreiben und wenn man Rennräder verkaufen möchte, dann sollte man auch mit gutem Beispiel vorangehen und die Dinger auch fahren und ein wenig Ahnung haben. Hat ja leider fast sonst keiner in diesem Geschäft. Klar, in Bremen gibt es zwei Ex-Profis mit Läden, aber die fahren ja seit Jahren keine Rennen mehr. Und dann gib es einen guten Amateurfahrer, aber sonst?

Aber vielleicht ist es auch einfach nur gut, etwas erlebt zu haben.

Und darüber zu schreiben.

 

Strava Münster
Strava Hannover ProAm
Strava Hamburg Cyclassics

mondrian

 

 

 

 

 

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