Übergestern in Japan: Renndebut in Saitama

Leading the pack at the back.

Ich überlegte mir, ob es besser wäre, wenn mir spontan ein Bein abfallen, oder wenn ich von Nordkoreanern entführt würde. Letzteres war gerade ein sehr populäres Thema in Japan. Mit anderen Worten, ich war gerade sehr nervös, was das erste Rennen am nächsten Tag anging und suchte nach einer passenden Ausrede. Und so richtig schön warm ist es in März in Tokyo auch noch nicht. Egal, ich glaube der Tag an dem ich nicht mehr aus dem Bett komme, ist der Tag an dem ich es auch gleich sein lassen kann.

Aber hey, das erste Rennen der Saison war ja auch nur eine Stunde von zuhause entfernt in Kawagoe in der Präfektur Saitama und ich hatte auch meine Kinder für die „Milky Way“ Kinderrennen angemeldet. Meine Frau hätte ich auch gerne für das Frauenrennen registrieren lassen, aber ich wollte es auch nicht übertreiben, ich war sowieso schon froh, dass sie überhaupt mitkam. Als wir ankamen und ich in die Radklamotten überzog meinte sie nur ich würde fett aussehen, da war ich dann auch nicht mehr so froh.

Es gibt in Japan 45 Präfekturen, dazu noch die Hauptstadt Tokyo und die relativ spärlich besiedelte Insel Hokkaido im Norden; diese entsprechen in etwa den deutschen Bundesländern. Auf meiner persönlichen Rangliste der Präfekturen liegt die Präfektur Saitama da recht weit unten, der Grund ist schlicht und einfach die Nähe zu Tokyo – ein Schicksal das Saitama mit Chiba, Kanagawa und Yamanashi teilt. Als Japan ab den Sechzigerjahren wirtschaftlich erfolgreich und wohlhabend wurde, wuchsen insbesondere die Einwohnerzahlen in den großen Städten wie Tokyo, Osaka und Nagoya schnell an und das umliegende Land wurde durch Eisenbahnlinien, Schnellstraßen und Siedlungen erschlossen. Das südliche Saitama ist daher eine schrecklich langweilige, zersiedelte Gegend geworden, an deren Straßen sich Autohäuser, Spielhallen und Supermärkte beliebig ballen. Jede Stadt dort sieht gleich aus, jede Straße hat man schon mal gesehen und jedes Haus ist eine Kopie eines anderen Hauses. Meistens dessen, das daneben steht.

Es gibt in Japan wunderbare Orte, geradezu mystisch mitten in der wunderschöne Natur, alten hellrot gestrichenen Tempeln und Kirschbäumen. Und es gibt Städte aus der Zukunft mit pulsierendem Leben, gewagten Bauwerken, vier Lagen Autostraßen und Unterhaltung rund um die Uhr. Saitama gehört nicht dazu; Saitama ist für Tokyo, was Bergheim für Köln, Delmenhorst für Bremen oder Offenbach für Frankfurt ist.

Saitama auf deutsch: Delmenhorst

Wir fuhren mit dem dicken Firmen BMW hin und kamen morgens am Kawagoe Suijopark an, wo das Rennen stattfinden sollte. Der Park besteht zu einem einem Drittel aus Parkplätzen, einem Drittel aus diversen Seen und Schwimmbecken und einem Drittel aus … äh … Park. Es gab dort einem 1,5 km langen abgesteckten Rundkurs, auf dem wir uns duellieren sollten. Technisch also nicht besonderes anspruchsvoll, zwei etwas engere Kurven, dazu einige engen Passagen, aber im Prinzip ein Rennen der Gattung „Rund um die Mülltonne“ wie sie häufig auch von Vereinen in Deutschland organisiert werden. Ich hatte mein neues Cervelo Rad noch nicht fertig bekommen und stattdessen mein Cannondale R1000 mitgebracht. Man erinnert sich, das grüne Bernsteinzimmer des japanischen Radhandels. Das Cannondale war mein erstes modernes Rennrad – Alurahmen mit einer Ultegra 9-fach Schaltung, was man halt so als ambitionierter Einsteiger fährt ohne gleich negativ („Oh, Du fährst ein Rad mit ’ner 105er Schaltung? Hast Du Deinen Job verloren?“) oder positiv („Dura Ace? Das fahr ich ja nie raus!“) oder gar nicht („Häh, wie heißt das? Campagpolo?“) aufzufallen. Ich hatte seit dem Kauf nur wenige Änderungen vorgenommen. Zunächst einmal hatte ich das Übersetzungsverhältnis geändert. In einem Land mit wirklich vielen Bergen wurde dieses Rad nämlich vorne mit 52/39 Kettenblättern, und hinten mit einer 11/23 Kassette ausgeliefert. Als ich damit zum ersten Mal in die Berge fuhr und selbst in der 39/23 Übersetzung nur noch eine Trittfrequenz von 2 hatte wurde mir klar, dass es nicht ausschließlich an mir liegen könnte. Und dann hatte ich Campagnolo Zonda Laufräder mit G3-Einspeichung verbaut, weil das wesentlich schneller ist die zu putzen. Insgesamt war das Rad OK – aber ich war es leider gar nicht. Ich war untrainiert, fett und hatte mich dann auch noch wie der totale Anfänger angezogen. Mein auffälliges, oranges Euskatel Jersey spannte aber dem Bauch bis zur schwarz/weißen Radhose. Darunter dann zwei Wintergebleichte Kalkweiße, behaarte Beine und als Höhepunkt knatschgelbe Überzieher über den Schuhen. Jeder, der mich da so sah wusste, dass ich keine Chance hätte das Rennen vorne zu beenden. Der einzige der das nicht wusste war ich mit meiner „es ist noch immer gut gegangen“ und „schau wer mal“ Mentalität.

In der D Klasse erschienen 42 Starter. Das Rennen war als Punkterennen aufgebaut; für diejenigen, die sich darunter nichts vorstellen können: Jede zweite Runde bekommt der Erste der das Ziel durchfährt 7, der Zweite 5, der Dritte 4 usw. Punkte. Wer nach 10 Runden die meisten Punkte hat, hat das Rennen gewonnen; bei Punktegleichheit ist der Fahrer der zuerst die 10 Runden absolviert hat vorne. Eine japanische Besonderheit ist, dass alle startenden Fahrer einen Punkt bekommen, so dass keiner mit Null Punkten abschließen muss und sich dann vielleicht schlecht fühlt.

Ich wusste auch aus Erfahrung, dass vermutlich nur 10 oder 20 Fahrer überhaupt in der Wertung Punkte bekommen werden, also im Sprint einmal unter den besten Sechs sind. Daher war meine Strategie nur einmal zu sprinten, ein paar Punkte einzusammeln und dann das Rennen in aller Ruhe zu Ende zu fahren. Na das würde doch dann ein entspannter Nachmittag werden, so wie Napoleon ja auch mit der richtigen Strategie ein paar heiße Nächte in Moskau verbracht hätte. Außerdem dachte ich mir noch, dass bestimmt alle supernervös losfahren würden und versuchen beim ersten Sprint Punkte einzusammeln, so dass ich mich erst einmal dranhänge und dann beim 2. Sprint nach vier Runden zuschlage. Dann wäre ich gerade mal 6 km gefahren und könnte die letzten 9 km gemütlich und unambitioniert nach Hause radeln. Ach so, falls es noch nicht aufgefallen ist: Die JCRC Rennen in Japan sind sehr kurz – 15 km, da lachen viele. Aber der grundsätzliche Gedanke viele kurze Rennen (in Kawagoe insgesamt 19!) mit kleinen Gruppen gleicher Leistung an einem Renntag zu fahren hat schon seinen Charme, im Gegensatz zu einem langem Rennen mit zu vielen Startern die am Ende dann nur in verschiedenen Klassen gewertet werden. Vor allem ist man dann auch schneller zuhause, noch frisch und kann den Tag für andere Dinge sinnvoll nutzen.

Am Start stand ich irgendwo in der Mitte des Blocks und eh ich überhaupt darüber nachdenken konnte nervös zu sein, ging das Rennen auch schon los – natürlich in einem höllischen Tempo auf das ich nicht gefasst war. Heute würde ich sagen, klar, ist ja immer so, selbst bei einer RTF wo es nichts zu gewinnen gibt, aber da ich ja noch keine Erfahrung hatte war ich ….. überrascht …. na ja, eigentlich mehr überwältigt. Zuerst konnte ich noch ganz gut mithalten, aber mit zuerst meine ich auch nur die ersten drei Runden, danach flog ich hinten mit ein paar anderen aus dem Feld raus. Soweit zu meiner genialen Strategie. Nach zwei Runden war an einen Sprint gar nicht zu denken, ich musste einfach nur kämpfen, um im Feld zu bleiben. Und beim nächsten Sprint nach vier Runden war ich ja schon mit sechs anderen Fahrern hinter dem Feld.

In diesem Moment wurde mir dann klar, dass ich nun unbedingt so schnell fahren musste, dass mich das Hauptfeld nicht einholt und überrundet, denn dann drohte mir gleich im ersten Rennen die Disqualifikation und damit das Scheitern meines ganzen Vorhabens. Das Risiko war gar nicht mal so gering, denn die Durchschnittsgeschwindigkeit hier lag bislang bei 45 km/h und die Strecke war eben auch nur 1,5 km lang, ergo 2 Minuten Zeit pro Runde. Von einem entspannten Sonntag wandelte sich das ganze also plötzlich in einen Nachmittag des Überlebens in Verdun.

Jetzt wäre es natürlich toll gewesen, wenn wir uns innerhalb der 6 Fahrergruppe hinter dem Feld immer schön vorne abgewechselt hätten, und wer weiß, vielleicht wären wir sogar noch einmal an da Feld heran gekommen. Aber ich hatte so eine Panik, dass ich fast die ganze Zeit vorne fuhr und mich total sinnlos verausgabte. Hinter mir lachten und schwatzten die anderen 5 Fahrer in meinem Windschatten, am Streckenrand versteckten sich meine Kinder, damit sie nicht mit mir, dem einzigen Ausländer im Park, in Verbindung gebracht würden und meine Frau telefonierte angeregt und lange mit ihren Freundinnen um allen klar zu machen: „Ich bin nicht unbedingt freiwillig hier“.

Nachdem wir dann nach 9 Runden wieder durch das Ziel gekommen waren, war nun klar, dass wir nicht überholt werden würden, oder vielleicht doch: beim ausrollen der Sprinter nach dem Ziel. Die letzte Runde gingen wir dann also gelassener an und ich machte mir zur Aufgabe wenigstens den Sprint der sechs Fahrer zu gewinnen.

Kurz hinter der letzten Kurve, etwa 250 Meter vor dem Ziel zog ich von vorne weg an und schaffte es dann fast. Na, immerhin kam ich als Zweiter der Gruppe ins Ziel und insgesamt als 30. von 38 Fahrern die es in überhaupt in das Ziel schafften. Das motivierte mich wieder ein wenig und ich hatte wie geplant die ersten 60 Punkte auf dem Weg zur Meisterschaft gesammelt, auch wenn es deutlich anstrengender war als geplant.

Mein Sohn, dessen sportliche Gene überwiegend von mir vererbt sind, schlug sich auch etwa so ähnlich wie ich, so dass ich aus Gründen der Barmherzigkeit nicht weiter darüber schreiben möchte. Er könnte auch wesentlich besser fahren, wenn es sich nicht immer beim Start die Ohren zuhalten würde, denn er ist sehr lärmempfindlich und fürchtet sich vor dem Startschuss. Meine Tochter hingegen stand mal wieder auf dem Podium in ihrer Altersklasse. Von unserer gesamten Familie ist sie mit Abstand die sportlich erfolgreichste, wenn auch nicht auf dem Rad, sondern beim Eiskunstlaufen. Und für meine Frau war es ein Sonntag im Park.
A walk in the park, a step in the dark (Nick Straker)

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2 Antworten zu “Übergestern in Japan: Renndebut in Saitama

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