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RTF. Das Delmenhorst Syndrom.

Eine RTF bietet dem ambitionierten Hobbyrennradfahrer die Möglichkeit sich einmal über 20 km völlig auzupowern und an seine Leistungsgrenzen zu gehen. Am Anfang natürlich. Am Ende plaudert man dann entspannt in der Gruppe und rollt das Ding nach Hause.

Delmenhorst, hört man diesen Namen, woran denkt man dann? Als ich am Tag vorher meinem Sohn sagte, dass ich am nächsten Morgen an einer RTF in Delmenhorst teilnehme meint er nur: „Ich habe letztens eine Statistik über Mordraten in Deutschland gesehen. Das war so eine Karte in grün, gelb und rot. Delmenhorst war da tiefrot. Pass auf Dich auf.“ Das ist aber Fake-News, der Spiegel zeigt, dass man in Delmenhorst sicherer lebt als zum Beispiel in Bremen. Meinem Sohn werde ich nun empfehlen nachts auf die Discomeile in Delmenhorst zu gehen. Wenn es so etwas gibt. Ansonsten ist Delmenhorst ein beschauliches Städtchen. Eine Bildersuche mit Google ergab unter anderem die folgenden Treffer:

An der Inkoop-Baustelle an der Oldenburger Straße hat es am Mittwochnachmittag einen schweren Unfall gegeben. Foto: Andreas Nistler

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Ich denke diese Impressionen geben einen guten Überblick, was den Fremden in Delmenhorst erwartet, wenn es schon nicht Mord und Totschlag ist.

Die RTF in Delmenhorst, ausgerichtet von dem rührigen RSV Urania Delmenhorst (internationaler Partnerverein ist übrigens Plutonia Pyöngjang: Städte die sich gegenseitig an Schönheit überbieten), ist eine der schöneren in der Umgebung von Bremen. Dieses Jahr bin ich sie zum 5. oder 6. Mal mitgefahren. Sie hat ein paar große Vorteile:

  • Die Anreise aus Bremen ist kurz und mit dem Rad.
  • Sie führt sehr schnell aus Delmenhorst hinaus in die Geest.
  • Man kann sich auf der Strecke entscheiden, ob man 80, 120 oder 155 km fahren möchte.
  • Am Ende fährt man nur kurz wieder nach Delmenhorst rein.

Aber auch einen großen Nachteil, denn die RTF ist traditionsgemäß schlecht ausgeschildert. Ich bin da noch nie 80, 120 oder 155 km gefahren, sondern immer 90, 133 oder 180, je nachdem wie viel ich mich verfahren hatte.

Da ich ja dieses Jahr durch Lüttich-Bastogne-Lüttich sehr gut vorbereitet war, musste ich am Abend vorher etwas gegen meine gute Vorbereitung tun, damit ich im Feld nicht weiter auffalle. Zufällig war ich zu einer Party der Absolventen meiner Hochschule eingeladen. Nach Steaks und Würstchen, vielen kleinen Bierchen redete ich dort ziemlich viel Mist; vermutlich, denn so genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Den Weg nach Hause habe ich auf dem Rad im Regen zurückgelegt und auch daran habe ich kaum eine Erinnerung. Woran ich mich allerdings sehr gut erinnere ist, dass fünf Stunden später der Wecker klingelte und ich zunächst glaubte, dass Körper und Kopf voneinander getrennt worden wären, denn der eine tat nicht was der andere ihm befahl.

Zum Glück kam Hannes vorbei und wir radelten los um uns mit den anderen Bremern am Subway in der Pappelstrasse zur gemeinsamen Anfahrt nach Delmenhorst zu treffen. „Früher“ war da, wo heute das Subway haussiert, Radsport Schröder.

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Serviervorschlag

Traditionsgemäß wurde nun dort zunächst ein Kranz niedergelegt („Den Opfern des Radsportes“), traurige Lieder angestimmt („An einem Rädlein helle“; „Beim Schröder vor dem Tore“) und viel Mist geredet bevor unsere große Gruppe mit Trommeln und Pyro sich aufmachte Richtung Delmenhorst.

Angekommen entdeckten wir viele bekannte Gesichter, unter anderem auch den Jungen, den ich bereits beim letzten Mal kennengelernt hatte. Der verkaufte mir ein Salamibrötchen und eine Cola. Für €1,50 – das gibt es eben nur den den RTFs die vom Verein organisiert werden. Da waren auch wieder die Fahrer der SG Stern, denen wir bereits eine Woche früher bei der Bremer RTF hinterhergefahren waren. Da waren Karin und Torsten die ich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte (nicht weil sie in Delmenhorst wohnen), Jan, Lars, und und und. Das konnte ja lustig werden.

Zunächst einmal stellten wir uns aber an den Start. Da wir bereits ziemlich spät waren, fanden wir nur einen Platz im Mittelfeld. Die Stimmung war prächtig, Rennradfahrer bis zum Horizont, teilweise hinter Hecken und sonstwo.

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Am Start. Vorne die üblichen Verdächtigen.

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Prächtige Stimmung am Start. Siehe Andi (ganz links)

Es ging gleich zackig los. Also wie immer, bereits nach 100 Metern waren die ersten Löcher gerissen. Hannes und ich wollten eigentlich wieder bei den Sternen mitfahren, aber die hatten wir bereits ganz zu Anfang verloren. Ich versuchte uns nach vorne zu fahren, aber der Gegenwind und der Schädel hatten etwas dagegen. Bereits nach ein paar Minuten brach ich total ein. Hannes übernahm dann die Führung, aber ich konnte nicht folgen, so wenig Kraft brachte ich auf die Strasse. Es war echt schlimm, ich war über-vorbereitet.

So langsam bildete sich dann doch ein Gruppe von vielleicht 20 – 30 Fahrern und wir saussten raus aus Delmenhorst, fast immer gegen den Wind und richtig schön anstrengend. Wir waren schnell, aber nicht extraschnell und trotzdem war es irrsinnig anstrengend für mich. Ab und an machte ich an der Spitze etwas Führungsarbeit, aber ich musste mich wirklich zurückhalten. Wäre ich ein Rad, ich hätte nun geknarzt.

Peinlicherweise hatte ich schon wieder Probleme mit dem Material. Ich hatte extra mein knarzendes Canyon zuhause gelassen und mich mit dem lahmeren Basso Fior di Loto begnügt. Das ist eins von zwei Rädern, die nicht mit SPD Klickpedalen, sondern mit SPD-SL Klickpedalen ausgerüstet ist. Da ich das recht selten benutze hatte ich mir keine Gedanken über die Schuhe gemacht, zu mal ich ohnehin zwei paar SIDI habe, eins sehr alt und eins alt. Aus Versehen zog ich aber das sehr alte Paar an und da waren die Cleats nicht mehr im besten Zustand. Mitten auf freier Strecke, als ich in den Wiegetritt ging, klickte ich aus dem Pedal aus, trat auf die Strasse und musste einige Verrenkungen machen um mich nicht flach zu legen.

An einem T-Stück zeigte der Pfeil des Ausrichters nach links, aber viele waren sich sicher, dass wir nach rechts abbiegen sollten. Chaos. Schließlich entschieden wir uns dem Garmin und den Ortskundigen zu vertrauen und fuhren rechts weiter, was sich als die richtige Entscheidung herausstellte. Viele andere, unter anderem der schnelle Trupp vor uns, hatte sich aber für die falsche Richtung entschieden und kam deshalb an der Verpflegungsstation nach uns an. Warum das so kam weiß kein Mensch. Es könnte ein Versehen des Ausrichters sein, oder vielleicht hatte jemand das Schild auch umgehängt, wer weiß das schon. Tatsache ist aber auch, dass diese kleinen roten Pfeile mit gelber Spitze sehr schwer zu sehen sind. Man erkennt den Pfeil, braucht aber noch einige Zeit um die Richtung festzustellen. Und teilweise waren die Pfeile sehr spät vor den Abzweigungen festgemacht, so dass es zu scharfen Bremsungen im Feld kam. Das könnte und das sollte besser werden.

Da wir eine der wenigen, schnellen Gruppen waren, die die richtige Abbiegeentscheidung getroffen hatten kamen wir dann auch als erste an der Station in Colnrade an. Die schnelle Gruppe kam vielleicht 5 Minuten später, hatte einen dicken Hals und fuhr fast geschlossen an der Station vorbei (Auf Strava kann man gut nachverfolgen, wie sie etwa 10 Minuten Zeit verloren haben). Nach ca. 45 km muss man ja auch nicht unbedingt eine Pause machen. Wir bildeten dann eine kleinere Gruppe von vielleicht 20 Fahrern und machten uns auf und hinterher auf die 120 km Schleife. Dabei waren auch Kai Pi und Balacz, ersteren kenne ich schon sehr lange, zweiteren seit letztem Samstag. Und auch Lars. Ich wollte nun mit meinem iphone ein paar coole Photos machen, aber alles was mir aus Versehen gelang war dieses hier.

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Wie man sehen kann, habe ich mein sehr schickes Positivo Espresso Outfit an.

Die Gruppe passte ganz gut zusammen. Wir sammelten unterwegs noch zwei Fahrer auf, die aus der schnellen Gruppe gefallen waren, unter anderem einen Fahrer von der SG Stern der so aussah wie der Sportler unten heißt.

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Nein, nicht Kevin. So kann man nicht aussehen.

Das Klima in der Gruppe wurde nun immer besser, etwas das aus der Psychologie als „Stockholm Syndrom“ bekannt ist, oder meinetwegen auch als Delmenhorst Syndrom. Irgendwie ist alles zu schnell und zu anstrengend, aber man weiß auch, dass wenn es noch viel anstrengender wird und länger dauert, wenn man aus der Gruppe herausfällt. Deshalb entwickelt man eine Hassliebe für die Tempobolzer vorne an der Spitze.

Der Norddeutsche an sich und der Langstreckenfahrer im besonderen gilt ja allgemein nicht so als sehr offen und gesprächig (vgl. Horst Delme: „Der Norddeutsche – Aufzucht, Hege und Pflege“) im Gegensatz zum Rheinländer, aber bei einer RTF merkt man doch sehr deutlich, wie sich die Atmosphäre in der Gruppe langsam ändert. Am Anfang ist es sehr still, keiner sagt etwas, alle schweigen oder hecheln, denn bei 45 km/h ist es für die meisten von uns auch schwierig Konversation zu machen. Doch mit der Zeit beginnen die ersten Smalltalks. Der eine oder andere murmelt: „frei“, wenn eine Straße gekreuzt wird, oder flüstert „rechts“ wenn nach rechts abgebogen werden soll. Nach ca. 100 km sagt auch mal jemand „Vorsicht“, wenn ein Mähdrescher in voller Breite entgegenkommt, oder eben ein Haufen Fußballfans aus Dresden. Am Ende ist die Stimmung dann bereits orgiastisch. Man steht virtuell auf den Tischen und schreit „FFFREEEEIIIIIIIIII“ oder „AUUUTOOOOO VONNN VOOOOORNE !!!!“ in einer nicht für möglich gehaltenen Lautstärke. Hier verliert der Nordeutsche alle Hemmungen und geht in der Gruppe auf.

Ich klippte versehentlich noch zwei Mal aus. Beim zweiten Mal war es in einer Kurve in Colnrade, ich war gerade im Wiegetritt und steuerte auf einen Bordstein zu. Zum Glück war der Winkel recht flach, ich knallte mit der Pedale dagegen, das Rad fuhr durch den Impuls nun vom Bordstein wieder weg und ich konnte wieder einklicken. Das war aber sehr knapp.

So kamen wir geschlossen zum zweiten Mal an den Verpflegungspunkt.  Nach einer kurzen Pause entscheiden Hannes, Kai, Balacz und zwei andere aus unserer Gruppe, dass wir die 155 km in Angriff nehmen wollten. Wir fuhren los, aber ich schaffte es nicht in mein rechtes Pedal einzuklicken. Der Cleat war jetzt total hinüber. Also zogen Hannes und ich die Konsequenzen und machten uns auf den Heimweg. Bislang war ja noch nicht wirklich etwas passiert, aber ich wollte unser Glück auch nicht strapazieren.

Hier hatten wir nun endlich Rückenwind und kamen auch zu zweit gut voran. So langsam hatte ich den Alkohol aus meinem Körper rausgeschwitzt und funktionierte wieder einigermaßen normal. Hannes und ich wechselten uns vorne ab, überholten die eine oder andere Gruppe bis wir an die Stadtgrenze von Delmenhorst kamen und dort von einer anderen Gruppe im Ortsschildsprint überholt wurden. Und dann war die RTF und somit 120 km auch wieder vorüber. Wir hatten uns nun wirklich Bratwurst, Ziwi, Kaffee und Kuchen verdient.

Strava

Das übliche Gequatsche danach, ich war froh das sich es geschafft hatte denn Körper und Material hatten heute eigentlich etwas dagegen. Und hey, da war ja auch der Typ von der Selfiebox, vom letzten Wochenende.

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Auf dem Jersey ist ein perfekter Kreis abgedruckt.

 

Jörg war da, später kam auch Silke rein und wir fuhren alle zusammen wieder zurück nach Bremen. Das Ende der Giro d’Italia Etappe habe ich noch so halb mitbekommen, die Bundesliga aber so gar nicht mehr. Macht nichts.

Hannes hingegen hatte anschließend mit seiner Familie noch „Die lange Nacht der Museen“ vor sich. Ich denke Sport und Kultur sollten in umgekehrter Reihenfolge abgefrühstückt werden.

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Lüttich – Bastogne – Lüttich 2017: Pommes lügen nicht.

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Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die so eklatant verschieden sind, wie die Gefühle, die man nach einer Radfahrt von 273 km am Abend danach hat und die Gefühle, die man am Abend nach einer Radfahrt von 273 km zwei Abende danach hat. 

Umsomehr, als die Teilnahme an Lüttich-Bastogne-Lüttich den Saisonhöhepunkt dieses Jahr darstellt. Das er so früh im Jahr kam ist umso erfreulicher, denn nach langen Tagen des Trainings (2 Mal in Bremen, 5 Mal auf Mallorca) kann ich nun endlich die Beine hochlegen, und das Jahr langsam ausklingen lassen. OK, es warten noch diverse RTFs und das eine oder andere Rennen, aber das fühlt sich eher so an wie noch ein Espresso, nachdem man gerade eine große Pizza gegessen hat.

Jochen hatte mich im Januar angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, dieses Jahr zusammen mit ihm, Silke und Andi LBL zu fahren. „Klar„, sagte ich, ohne lange darüber nachzudenken, denn in Belgien war ich schon lange nicht mehr und was sollte schon groß passieren? „Die kurze oder die lange Distanz?“ „Die lange natürlich.“ Das die lange Distanz 273 km lang war, die kurze 157 km und dass es noch eine sehr kurze Distanz von 75 km gab wusste ich da noch nicht. Die 75 km wurden sowie überhaupt nicht erwähnt. Je näher die Tour kam, umso mehr Bammel bekam ich vor der Aufgabe, die ich mir so unnötigerweise selbst gestellt hatte. Richtig trainiert wurde erst 4 Wochen vorher, dabei nur zwei Mal mit den Bremern, bis der Druck so groß wurde, dass ich mich kurzentschlossen nach Mallorca abseilte um wenigstens ein paar Kilometer in die Beine zu bekommen. Danach fühlte ich mich aber auch sehr OK. Eher trügerisch, wie sich später herausstellen würde. Zum Glück ging es den anderen nicht besser.

Lüttich – Bastogne – Lüttich ist das älteste noch ausgetragene Eintagesrennen im Radsport, daher auch sein Spitzname „La Doyenne“ („Die Älteste“). Wegen seiner Länge und wegen eines Profils, dass sich prinzipiell auch zum surfen eignen würde, gilt es auch als eines der schwersten Radrennen der Welt. Zeit das also endlich in Angriff zu nehmen.

Und so sassen wir am Freitag Morgen zu viert eng aneinander gekauert zwischen Rennrädern, Luftpumpen, Packtaschen und Tupperware im Volvo von Jochen und machten uns auf den Weg nach Belgien. Dieser Weg führt, wenn auch nicht zwangsweise, direkt über meine Heimatstadt Mönchengladbach und durch meine Studentenstadt Bremen, zwei Orte deren Besuch ich tunlichst vermeide. Wenn es aber darum geht deren Schönheit und Charme anzupreisen, dann hält mich nichts zurück. Auch wenn man von Gladbach von der Autobahn nichts weiter sieht als das Klärwerk in Neuwerk  und Aachen sowieso rechts liegengelassen wird. Dann kamen wir nach Belgien und sofort änderte sich die Stimmung: Landschaften, Städte und Dörfer verspritzten diesen typischen französischen Esprit und Charme, untermauert durch gelegentlich gehisste Landesfahnen an Orten die eher selten von Menschen besucht werden.

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Wir hatten uns einquartiert im Hotel Club Midi in Dison, etwa 20 km vom Start entfernt. Das Hotel ist nicht ganz so dunkel, wie es uns deren Website glauben machen will; es verfügt zudem über drei überdachte Tennisplätze an deren Rückseite fast unmittelbar die Gästezimmer liegen. Zum Glück wurde nicht Tennis gespielt, stattdessen liefen die Vorbereitung zur Messe „Salon Feminine“ auf Hochtouren und Händler aus der Umgebung hatten auf dem Filz der Plätze alles aufgebaut, was belgische Frauen begehren: Schmuck, Kosmetika, Bücher, Sportnahrung, esoterische Wandteppiche und, ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, aber es fällt wohl unter den Oberbegriff „Bekleidung“. Ohne Tennis und vor allem ohne tropikanische Zumba Disco ab 21 Uhr am Freitag, die zwar angekündigt auf einem Plakat war, aber laut Website im Juli 2014 eingestellt wurde, war das Laden eigentlich ganz angenehm. Das was nicht so angenehm war konnte in einer Vielfalt belgischer Biere ertränkt werden.

Übrigens waren wir nicht die einzigen Gäste dort, die Gästeliste ist lang und illuster. Dr. Feelgood hat dort schon übernachtet und auch diese Band, die mir aus Teenytagen immer noch im Ohr ist:

Wie an Kopfbedeckung, Brille und Sprachartikulation unschwer zu erkennen ist, handelt es sich hier um Belgier. Sogar Guns&Roses haben dort schon gepennt! Das haben die nur auf ihrer Website aus Versehen falsch geschrieben: „Roses, de Guns & Roses“ .

Wir machten uns auf den Weg nach Lüttich, um uns zu registrieren und die Stadt zu erkunden. Das Leben ist billig in Lüttich, für 20 Cents hätten wir bis zum Montag um 8 Uhr früh parken können. Wir haben das aber doch nicht gemacht, da eine weitere Übernachtung mehr Geld gekostet hätte, als durch parken zu sparen gewesen wäre. Tja, und dann war da noch Lüttich, aber dazu später.

Die Registrierung war sehr unaufgeregt. Es gab keine langen Schlangen, alles ging fix, es gab auch keine großartigen Stände mit Dingen die man noch unbedingt braucht (und wenn, dann hätten wir uns ja auch auf dem Salon Feminine eindecken können), es gab fast nichts zu kaufen, keine Pommes, fast kein Bier. Nur eine großartige Parade des Mavic Services.

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Immer noch am rätseln, was hier gemeint ist: Vermutlich es ist zu einfach ein Auto links zu überholen, wenn man einen Verbrennungsmotor am Rad hat, mehr Spaß ist jedoch dabei es aus eigener Kraft zu schaffen?

Ab ich die Stadt. Die begrüßt einen von der Autobahn her erst einmal mit Tanklager und Industriegebieten, bevor man durch Häuserreihen, deren Baulücken gar nicht, oder sehr unorginell durch Siebzigerbeton aufgefüllt wurden, in die Innenstadt kommt.

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Nur weil das stabil dran steht, heißt dies nicht automatisch, dass das auch stabil ist.

Nein, Lüttich konnte uns auf den ersten Blick nicht mit seinem Charme begeistern. Es erinnerte mich stark an eine Mischung aus Eisenhüttenstadt, so wie Tom Hanks es einmal beschrieben hat und Detroit. Ich war zwar noch nie in Detroit, aber alles, was ich jemals über Detroit gesehen habe, wurde vermutlich in Lüttich gedreht. Eigentlich könnte das alles ganz nett sein, es gibt durchaus schöne Häuser, Cafes, einen Gemüseladen der aussah, als wenn Toulouse-Lautrec dort schon Auberginen gekauft hätte, aber es fehlt an Geld und Menschen. Während in den Erdgeschossen noch Geschäfte und Cafes betrieben wurden, war spätestens nach dem 2. Obergeschoss Schluss: Offene Fenster, leere Höhlen, alte Gardinen ohne Goldkante. Ich dachte zunächst, dass die Stadt sich über die Jahre, ähnlich wie Detroit, entvölkert hat aber Wiki belehrte mich eines besseren.

Wir fanden eine nette Pizzeria, aßen gut zu Abend, tranken dann anschließend noch Kaffee in einem Cafe auf dem Marktplatz bevor wir vorbei an Tennisplatz und Salon Feminine zu Bett gingen.

Denn um 5:40 klingelte bereits der Wecker, um Freunde und Optimismus zu verbreiten hatte ich dieses hier als Weckton eingestellt. Ein letzter Gruß, bevor wir irgendwo in den Ardennen verschwinden. Uns weckte noch etwas anderes: Das Geräusch von leichtem Regen, etwas was man so gar nicht hören wollte, was aber auch nicht unerwartet kam. Der Wetterbericht (also, fast alle, denn wir hatten sie wirklich alle angeschaut auf der Suche nach einer guten Nachricht) hatte Regen erst für 9 Uhr angekündigt. Das konnte ja wenig heiter und wolkig werden.

Ich hatte zwar mehr Radkleidung mit, als meine Tochter T-Shirts im Kleiderschrank hat, aber bei 5 – 11 Grad, Regen, später aber nicht, war es wirklich schwierig die richtige Auswahl zu treffen. Ich entschied mich dann für ein langes, warmes Unterhemd, ein leichtes langärmliges Jersey und eine Hardshell Regensjacke. Letzteres von Rose, vor zehn Jahren für €30 gekauft, wirklich nichts besonders. Es war aber keine schlechte Wahl, nur einmal machte ich den Fehler als ich dachte es wird wärmer und ich die Regenjacke auszog. Die nächste Abfahrt zeigte mir schnell, dass das keine gute Idee ist. So schnell, wie sich Anstiege und Abfahrten in den Ardennen abwechseln kann man die Kleidung gar nicht wechseln.  Doof war nur, dass die Regenjacke gar keine Außentaschen hatte und ich so beim Fahren nicht an die Riegel ran kam. Das sollte sich noch rächen.

Jede Menge Bremer am Start (und ein Nienburger). Die meisten auf der mittleren Distanz und die, die die längere fuhren waren schon unterwegs.

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Silvia wählte übrigens eine interessante Streckenvariante: Für die mittlere Distanz von 157 km angemeldet, fuhr Sie nicht Lüttich-Bastogne-Lüttich, sondern Lüttich-Bastogne, Bastogne-Lüttich. Also erst irrtümlich die lange Strecke nach Bastogne und dann den exakt gleichen Weg zurück. Macht 200 km plus.

Wie bei der Registrierung war auch hier alles sehr unaufgeregt. Irgendwann fuhren Andi, Jochen und ich an den Start … ja wo genau war denn der Start, denn es gab nichts was darauf hinwies, keine Linie, kein aufblasbarer Triumphbogen, keine Menschenmassen die dort ungeduldig auf den Schuss der Pistole warteten? Wir fuhren einfach los und waren schon mitten im Verkehr, denn die Strecke ist auch in Lüttich und auch morgens um 6:30 Uhr an einem Samstag nicht abgesperrt. Andi hatten wir gleich verloren, und so machten Jochen und ich uns auf den Weg hinaus aus dem Maastal von Lüttich. Der erste Anstieg ging bereits über 200 Höhenmeter, nach ein paar Wellen dann noch einmal 350 Hm hoch, aber hey, wir waren noch frisch im Feld und irgendwie und fälschlich voller Optimismus. Dieser Optimismus verführte uns auch dazu die erste Verpflegungsstation nach 43 km rechts liegen zu lassen und weiter zu fahren. Nach ca. 50 km trennte sich die Strecke und die Langstreckenfahrer waren unter sich. So ging es eigentlich ganz gut weiter, Welle um Welle, aber nach 90 km merkte ich, dass mir die Energie ausging. Normalerweise habe ich keine Probleme 100 km am Stück zu fahren, ohne viel zu essen und zu trinken, aber die Kälte und der Regen sogen geradezu die Kalorien aus meinem Körper bis nichts mehr vorhanden war außer Rotz und Wasser. Und die Rotze habe ich an diesem Tag auch noch literweise durch die Nase verschwinden sehen.

Jochen und ich hielten an, damit ich einen Riegel auspacken konnte, eine endlose Tortur und die erste Minikrise. Die Handschuhe waren feucht und ließen sich nicht ausziehen, ich kam nicht an das Jersey ran und musste den Reissverschluss ganz öffnen – so ein Powerbar ist auch kein Meisterwerk des Leichtöffnens – die Verpackung hat jemand erfunden, der auch die Glasflasche für Ketchup entworfen hat. Das dauerte alles endlos, aber brachte mich zumindest nach Bastogne.

Alternativ hätten wir auch die Möglichkeit gehabt die Strecke unerlaubt abzukürzen, zum Beispiel quer rüber bei Manhay nach Osten, aber so fertig waren wir auch noch nicht.

 

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Jochen offiziell.

Bastogne begrüßt einen mit altem Kriegsgerät und entsprechenden Monumenten: „Wo ist die nächste Verpflegungsstation?“ „Aha ja, an der Kaserne vorbei bis zum Sherman Panzer, dann geradeaus zum Kreisverkehr mit dem Panther und dann gleich links beim amerikanischen Soldatenfriedhof.“ An der Station selber gab es Bananen, Müsliriegel, Weingummi, Waffeln; ehrlich gesagt mir war es egal, einfach alles gleichzeitig in den Mund rein, kauen und dann schnell runter bevor es kalt wird. Achtung: Isst man Bananen mit Waffeln und Weingummi gleichzeitig, bleiben die Weingummis irgendwo hintern rechts im Mund übrig und schmecken nach Bananen. In dem Moment, wo ich aufhörte zu treten setzte das große Frösteln sehr schnell ein. Da das Rennen ja Lüttich-Bastogne-Lüttich heißt, könnte man annehmen, das die Hälfte der Strecke und der Höhenmeter in Bastogne geschafft sind. Das ist ein großer Irrtum; gerade einmal 103 der 273 km sind in Bastogne absolviert, fast alle brutalen Anstiege stehen noch bevor und es ist gerade ein Drittel der Gesamtzeit verstrichen. Daher müsste das Rennen korrekterweise Lüttich – Bastogne – noch mehr Ardennen – Lüttich heißen, um den Fokus richtig zu verstehen, denn der war nun definitiv eben noch mehr Ardennen. Und auch noch mehr Regen und richtig guter Gegenwind.

Das ging quasi nach Bastogne los und die Fahrbahn wurde nun richtig nass; so langsam begann ich mir Sorgen zu machen, dass die Socken nun nass, und dies auch bis zum Ende des Rennens bleiben werden. Diese Sorgen waren schnell vergessen. Nicht weil das Wetter besser wurde, sondern weil wir in Hoffalize kurzerhand links von der Hauptstrasse abbogen und plötzlich vor einer Wand standen, dem Côte de Saint-Roch 1,0 km; 116 Hm) dem ersten richtigen Helling der Strecke. Helling ist ein belgisches Wort aus dem 14. Jahrhundert, das einen scheiß-steilen Hügel beschreibt, an dem der Karren mit Kuhmist samt Esel umkippt, wenn versucht wird ihn hochzufahren. Hellinge sind nie Teil der Hauptstraße, sondern verstecken sich immer rechts oder links der Marginalen um die Ecke, so dass einem der Riegel im Mund steckenbleibt wenn man final sieht, auf welche Wand man da gerade zufährt. Oder geradezu fährt.

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Mein erster Helling.

 

Ich wurde auf diesem ersten Helling zunächst von einem mir persönlich bekannten Vereinskollegen aus Bremen überholt, bis ich diesen wieder einholte, als sich dieser entschied den Weg nach oben zu Fuß fortzusetzen. In diesem Moment, und zwar nur in diesem, war ich so relaxt wie Frankie goes to Hollywood. Jochen der ohnehin deutlich schneller als ich war, war bereits voraus und kurz darauf erreichten wir die nächste Verpflegungsstelle, die nun ungefähr die Hälfte der Distanz markierte und in der deutschen Enklave Belgiens liegt – dort wo die Orte Steinbach heißen. Orginell. Auf der wallonischen Seite heißen sie „Froideville“. Andi war bereits da, ihm war kalt und weg war er.

35 km stand der Côte de Pont auf dem Programm, der etwa vergleichbar mit dem ersten Helling war. Trotzdem dauerte es für mich nun länger hier hochzufahren, da ich deutlic weniger Kraft in den Beinen hatte. Das was zu Beginn des Tages noch so spielend gelang, wurde nun zu einer extrem kraftraubenden Angelegenheit. Jochen, der mit Leistungsmessung fuhr meinte ebenfalls, dass er nun halb so viel Watt treten würde wie am morgen, sich aber körperlich am Anschlag befindet. Nur ganz wenige Kilometer später folgte dann der Côte de Bellevaux, der etwas einfacher zu fahren ist. Und kurz darauf ist zum Glück auch wieder ein Verpflegungspunkt in Malmedy, den man nun auch ganz dringend braucht. Neben dem Verpflegungspunkt befand sich die Friterie Chantal.

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Drei Tage später kann ich mich kaum noch an die Details erinnern, ich war so darauf konzentriert zu fahren, ich habe wenig Erinnerung an das, was um mich herum vorging. Bis zum nächsten und letzten Verpflegungspunkt in Sprimont, waren nun noch weitere 4 Hellinge angesagt:  Der Côte de la Ferme Libert mit bis zu 20% Steigung und den ich teilweise in Schlangenlinien hochgefahren bin, der Col du Rosier, der nicht wirklich steil ist, aber zu diesem Zeitpunkt eben mit 3,8 km sehr lang; der Col du Maquisard, den ich irgendwie so mitnahm und dann der berühmteste überhaupt, der Côte de La Redoute mit bis zu 22% Steigung. Das ist ganz schön gemein nach so viel Strecke. Aber irgendwie habe ich es geschafft alle Anstiege hoch zu kommen, ohne abzusteigen, auch wenn meine Geschwindigkeit teilweise bis auf 6 km/h abfiel. Ich habe keine Erinnerung auf auch eine Ahnung, wie ich das geschafft habe.

In Sprimont wurde der Mund noch einmal richtig voll mit Weingummi etc. genommen und alle beiden Wasserflaschen mit ISO Plörre gefüllt. Da muss wohl auch Magnesium drin gewesen sein und was weiß ich noch was; jedenfalls hatte ich im Rennen und auch in den Tagen danach keinerlei Krämpfe in den Beinen. Das Zeug ist gut, hat aber auch sehr unvorhersehbare Auswirkungen auf meine Verdauung. Nein, eigentlich sehr vorhersehbare Auswirkungen auf meine Verdauung.  Die Aussicht auf ein Dixieklo am Ziel ließ mich noch einmal eine ganze Ecke schneller fahren.

Von Sprimont waren es noch 39 km ins Ziel. Noch zwei Hellinge waren laut Programm zu absolvieren und jetzt war klar, dass ich es schaffen würde anzukommen und weniger als 2 Stunden dafür sollten auch reichen. Der Rest ist denn nur noch durchhalten und sich irgendwie ins Ziel quälen. 10 km später schwankt am Côte de la Roche-aux-Faucons noch einmal diese Gewissheit. Das Ding ist zwar nur 1,3 km lang, was aber eben zu diesem Zeitpunkt so lang wie 13 km erscheint. Kommt man aber oben an, muss man feststellen, dass man noch einmal einen weiteren Kilometer hoch in eine andere Richtung zieht. Ich fühlte mich wie betrogen.

Bei dem Versuch eine rote Ampel zu umfahren und weil ich im Hinterkopf keine Augen habe, übersah ich den Polizeiwagen direkt hinter mir. Der hupte zunächst (was ich als Aufforderung interpretierte mich zu beeilen), doch als die Sirenen anfingen zu heulen wusste ich, dass ich in der Klemme bin. Es blieb zwar bei einer mündlichen Verwarnung auf französisch, aber von nun an musste ich nicht nur schnell fahren, sondern mich auch peinlich genau an die Straßenverkehrsordnung halten.

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Silke offiziell.

Nach 258 km etwa waren wir wieder an der Maas und in einem hässlichen Teil von Lüttich gelandet. Nicht, dass die anderen Teile so besonders viel schöner gewesen wären, aber nach 258 km ist eben auch wenig Platz für Optimismus. Wir überquerten die Maas und hätten jetzt am Fluss lang Richtung Messehallen, also dem Ziel radeln können. Das war dem Veranstalter aber zu einfach:  Der Côte de Saint-Nicolas, also der Nikolaushügel, zieht sich Serpentine per Serpentine durch eine Industrieruinengegend und eine langweilige Hochhaussiedlung hoch bis auf die Hauptstrasse nach Ans. Und diese sieht man dann in ihrer ganzen Pracht wie die ebenfalls schräg nach oben verläuft über eine sehr lange Distanz. Da fühlt man sich noch einmal richtig beschissen und fragt sich: Warum wollen die mir hier unbedingt ihre Stadt zeigen? Wär’s nicht besser Start und Ziel sowieso außerhalb zu machen, denn die Dörfer der Ardennen haben durchaus Charme?

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Anstieg nach Saint-Nicolas. Ne, war nur ein Spaß, das ist wirklich Detroit.

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Das ist eine sehr positive Darstellung von Saint Nicolas.

Nein, man muss hier hoch fahren, weil das der letzte Anstieg ist, den die Profis im Rennen fahren; denn das Renen endet nicht in Lüttich sondern in Ans. Oben auf dem Hügel biegen die Pros nach links ab in die Rue des Francais und kommen 200 m weiter neben dem Carrefour Supermarkt durch das Ziel. Alle anderen, nämlich die Nicht-Profis, müssen sich dann weiter 8 nutzlose Kilometer durch Lüttich quälen, bevor sie die Messehallen und deren Dixie-Klos erreichen. Es war geschafft, fast 275 km lagen hinter Jochen und mir und die Stimmung war indifferent.

Strava.

Andi war da, Silke war auch schon länger zurück, auch sie hatte die mittlere Distanz gestanden. Schnippo kam kurz danach ins Ziel, die weiteren Bremer haben wir seitdem nicht mehr gesehen. Es gab keine Pommes am Ziel – eine mittlere Katastrophe! Ich fragte mich, warum ich verdammt noch Mal all diese Mühe auf mich genommen hatte, wenn am Ende nicht die verdammte Belohnung da sein würde. Also schnell weg nach Dison, unserer neuen belgischen Heimat und auf die Suche nach der ersten Pommesbude. Keine Ahnung wo, wir halten an einer Tankstelle und Jochen meint ich soll einmal gerade rüber hüpfen und fragen, wo die nächste Pommesbude ist. Rüberhüpfen? Angesichts meiner körperlichen Verfassung wäre „rüber schleppen“ das passende Wort gewesen. Und dann fragte ich in meinem Schulfranzösisch von 1979, das seitdem durch diverse Schichten von japanisch und chinesisch überlagert wurde, wo denn im Ort eine Pommesbude sei. Dönerbuden gab’s da jede Menge, aber wo bitte ist eine Friterie (nach Möglichkeit mit dem Namen Chantal)? Ja, sagte der Tankwart, da kenne er eine, da gäbe es auch leckeres Pita Döner…Abgelehnt!… Ehrlich gesagt hatte ich nicht genau verstanden was er sagte, denn ich kann weitaus besser französisch parlieren als verstehen, aber tatsächlich führte uns der Weg zum Fritten Snack, wo wir erst einmal jede Menge Frites moyenne (französisch: heißt auf Deutsch XXXL) mit Mayo und den anderen tausend Dingen die sich Belgier so auf Pommes tun, bestellten. Lecker. Pommes lügen nicht. Das sollte eben auch nur ein kleiner Snack werden, richtig essen wollten wir im Hotel.

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Die Pommes Moyenne danach

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Ich kann mich aber nur noch erinnern, dass wir im Hotel ein paar Bier bestellten, einen Blick auf den Salon Feminine wagten und dann in den Sofas an der Bar schon einpennten, neben mir Andi. Ein letztes „hüpfen“ in die Zimmer, dann war der Tag vorbei.

Und so machen es die Profis

Am nächsten Morgen wollten wir herausfinden, wie gut denn die Profis sind. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, wofür wir 11 1/2 Stunden reine Fahrtzeit brauchten, benötigt ein Profi wie A. Valverde lediglich 6 1/2 Stunden und selbst der lahmste Lutscher 2016 (Simon Yates als 153.) kam nur 16 Minuten später an. Und 47 Fahrer haben aufgegegebn, darunter auch Japans Hoffnung Fumiyuki Beppu von Trek-Segrafredo.

Und, zwei Dinge müssen hie auch einmal klar gestellt werden: Statt den 274 km, die wir gefahren sind, mussten die Profis nur ca. 256 km fahren – und das auch noch bei schönstem Wetter dieses Jahr, Im Gegensatz zum Tag davor. Von daher ist es nur fair anzunehmen, dass etwa 4 der 5 Stunden Zeitunterschied zwischen Valverde und mir auf die kürzere Strecke und das bessere Wetter zurückzuführen sind und dass der tatsächliche Leistungsunterschied zwischen uns nur für eine weitere Stunde Verspätung verantwortlich ist. Mit Simon Yates bin ich quasi fast leistungsgleich.,

Wir fuhren zunächst zum Côte de Saint-Roch in der Nähe von Bastogne. Das ist ein guter Platz ein Radrennen zu schauen, denn der Anstieg beginnt in einem kleinen Dorf, das eine Friterie sein eigen nennt („Autre Chose“) und einen Kinderspielplatz inklusive deutschem Kampfpanzer aufzubieten hat.

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Friterie Autre chose im Ort

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Typisch belgischer Kinderspielplatz

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Kein klassisches Rennen ohne klassisches Polizeikäppi.

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Der Anstieg mit einem Tribut an Michelle Scarponi.

Der Anstieg ist rechts und links von Häuserzeilen gesäumt. Wir waren zu früh, da die Profis mal wieder auf der Strecke trödelten,  aber eine Ausreissergruppe von 8 Fahrern hatte 13 Minuten Vorsprung auf das Feld herausgearbeitet und sollte nun bald kommen. Die Stimmung war auch hier sehr unaufgeregt. Ich hätte gedacht, dass unheimlich viele Menschen dort stehen, es schwer ist überhaupt einen Blick auf das Rennen zu ergattern, das Fahnen geschwungen werden und das Bier in Strömen fließt – nein, die Stimmung war gut aber ruhig, bis dann ein Raunen durch die Menge ging und die Ausreißer an uns vorbei die Steigung hochfuhren. Sieben von acht Fahrern machten das sehr mühelos und schnell, nur einer hatte eine etwas verbissene Miene und drohte aus dem Feld zu fallen. Eine Weile später folgte das Feld.

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Auch hier lockere Mienen, sehr gutes Tempo und es überraschend mich immer wieder zu sehen in welcher Dichte so ein Feld fahren kann. Will sagen, wie nah die alle zusammen fahren ohne zusammen zu stoßen.  Ist eigentlich wie das Boyle-Mariott Gesetz p x V = const.; also je größer der Druck im Feld ist, umso kleiner wird das Volumen. Jochen meinte, einen Profi muss dieser Abzweig von der Hauptstraße auf den Helling auch sehr überraschend gekommen sein, denn ein Riegel ragte noch aus seinem Mund.

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Es folgte die Kolonne der Teamwagen, die Ambulanz, ein Abschleppwagen, die Polizei und der Besenwagen. Wir nahmen das Auto und fuhren nun Côte de La Redoute, etwa 35 km vor Ende des Pro Rennens und dort wo gestern schon die Wohnwagen an der Strecke parkten und richtig Stimmung war: Na ja, also um es wirklich ganz genau zu schreiben, eine Gruppe belgischer Männer trank dort Bier, sang und hatte Pimmels mit Kreide auf die Straße gemalt. Wir kamen dort an und liefen den Hügel hoch, um einen guten Platz zum sehen zu finden. Ich war überrascht wie steil es dort war und ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie ich dort hochgefahren sein könnte. Das Hochgehen war schon irre anstregend.

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1.000 m vor dem Ziel am Cote de la Redoute.

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Teamwagen nach dem Hauptfeld.

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Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis die Ausreißergruppe, die nun auf 5 oder 6 Fahrer zusammengeschmolzen war und nur noch 5 Minuten Vorsprung auf den Peloton hatte vorbeikommen sollte. Zeit sich ins Gras zu legen und die Augen zu schließen, um dann anschließend die Mannschaft mit dem „Underpant Man“ vom Giro d’Italia zu unterhalten.

Die Ausreißer sahen hier bereits etwa angestrengter aus, aber das ist alles kein Vergleich zu dem Anblick den wir am Vortag abgegeben haben müssen. Und im Peloton erkannte ich A. Valverde, den späteren Sieger, der aussah als wenn er auf einer BBC Runde am Freitag nach Fischerhude fahren würde. Dahinter wieder Teamwagen, Ambulanz, Abschleppwagen und Besenwagen, dazwischen einige versprengte Fahrer. Als wir uns auf der Straße auf den Weg nach unten machten kamen uns erstaunlicherweise noch einige Fahrer entgegen, die sich durch die Massen nach oben kämpfen mussten. Unter anderem Simon Yates.

Lächerliche 6 Stunden später waren wir wieder zurück in Bremen.

Fazit (5 Abende Später)

Es ist auf der einen Seite eine interessante Erfahrung einmal die Strecke eines Profirennens zu fahren. Man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie hart es für einen Profi sein muss und natürlich ist es auch interessant sich einmal von Leistung und Zeit mit den Pros zu vergleichen. Es ist andererseits aber vielleicht keine zu gute Idee, dass im April in Belgien in den Ardennen über 273 km zu tun, denn das macht teilweise wirklich wenig Spaß. Zu diesem Zeitpunkt sind sind die Vögel in den den Ardennen noch mit dem Arsch an den Zweigen festgefroren und die Frittenfelder liegen brach im Regen während der Belgier an sich zuhause bleibt und nur ab und an mit einem Glas Bier in de Hand an der Kirche vorbeischaut. Auch fünf Abende später denke ich noch „cool, dass Du das geschafft hast“, aber der Gedanke an eine Wiederholung liegt mir immer noch fern. Gestern Abend z.B. bin ich das OBKM Rennen in Bremen in meiner Altersklasse (7 Teilnehmer, einer davon verloren gegangen, ein Mädel noch zu jung und nicht schnell genug) und habe vermutlich einen hervorragenden 5. Platz herausgefahren, ja vielleicht sogar den 4., wer weiß). 21 km zum Start, 25 km fahren, dann wieder zurück. Sehr anstrengend im rennen, aber auch sehr wenig aufwendig. Irgendwie gut (nur sehr, sehr kalt). Oder ein paar Wochen vor LBL waren Silke, Andi und ich in Holland (Ibbenbüren) auf einer RTF. Relativ kurze Anreise, sehr schöne Strecke, Sonne, am Abend wieder zurück – das hat echt Spaß gemacht.

Aber natürlich kommt es am Ende besser raus zu schreiben: „Hey, ich bin dieses Jahr LBL 2017 (mit 7.000 Belgiern, Italienern, Engländern) gefahren!“ Als „Hey, ich war im April mit 400 Holländern in Ibbenbüren“.

Pommes lügen eben nicht.

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Saisonauftakt: Teutoburgerwald Tocht – ein wahr gewordener RTF Pornotraum

Jedes Jahr, seit einigen, organisiert der Oldenzaalse Wieler Club, ein traditioneller, holländischer Radklub in der Nähe von Enschede, eine RTF mit kräftig Höhenmetern. Oldenzaal liegt zwar an der Grenze nach Deutschland, so dass man bei gutem Wetter von dort aus Hügel sehen kann, aber fahren kann man diese eben nur …. genau, in Ibbenbüren.

Die großen Anstiege in Holland hat bereits Rapha vor einigen Jahren auf den Punkt gebracht, dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

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Die Gegend um Ibbenbüren soll ja voll nicht schön sein, aber da wenigstens gutes Wetter angesagt war und es nun einmal die erste RTF des Jahres ist, machten wir uns sehr früh heute morgen auf den Weg zum Bahnhof. Wir, das waren Andi, der die Idee hatte, Silke, ich und „the mysterious single“, kurz MS. MS bat mich darauf zu verzichten seine Identität preiszugeben; an dieser Stelle sei nur gesagt, dass es sich um eine bekannte Radsportpersönlichkeit aus Bremen handelt. Der übrigens unglaubliche Geschichten erlebt hat. Die ich allerdings hier auch nicht preisgeben darf. Obwohl, also die mit der REWE Tüte …..  na egal, ich habe es halt nun einmal versprochen (bitte e-mail an mich).

Was zieht man an einem Tag an, der bei ca. 3 Grad im Nebel beginnt, und mit fast 20 Grad in Ibbenbüren vor dem Pommeswagen erst einmal endet? Am Bahnhof waren wir noch alle dick eingemummelt, hatten aber auch alle Rucksäcke dabei, um den Ballast am Start loszuwerden. Ich hatte mir im Vorfeld etwas Sorgen gemacht, wo ich denn meinen Rucksack während des Rennens lassen sollte, später hatte ich dann eine geniale Idee. Doch dazu später. Die Bahn nervte mal wieder. Bis Osnabrück war der Zug pünktlich und die Stimmung prima, aber unser Anschlusszug nach Ibbenbüren hatte eine Stunde Verspätung. Von Osnabrück bis Ibbenbüren sind es gerade mal 25 km, aber wenn man nicht weiß, wo man lang fahren muss ist das eben auch risikoreich. Zum Glück sind die Holländer, was den Beginn einer RTF angeht, doch ein wenig entspannter:

Wir kamen an, zogen uns fast nackt aus, denn mittlerweile waren die Temperaturen in zweistelligen Bereichen, zahlten die lächerlichen 8 € Startgeld und konnten uns gleich auf den Weg machen. Das war eben nicht die typisch norddeutsche RTF: Wenn, sagen wir mal in Delmenhorst, zwischen 8 und 9 gestartet wird, dann steht das gesamte Feld um 8 Uhr am Start und sprintet los, als wenn das Ziel gerade mal 250 Meter entfernt wäre. Kommt man im 9, kann man so eine RTF quasi komplett einsam, alleine und verlassen zurücklegen, man trifft höchstens ein paar aus dem Feld Herausgefallene und Pannenkünstler, die ihr Schicksal am Straßenrand lamentieren. Nicht so in Holland. Verzeihung, in Ibbenbüren: Hier ging immer noch ab und an ein Grüppchen auf Reisen und die Rezeption im großen weißen Zelt war auch noch offen. Überhaupt, die Holländer, da muss jetzt doch noch einiges zu gesagt werden. Zumal bei der RTF wirklich nur Holländer waren, außer uns Vieren und Maik.

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Holländer in Ibbenbüren

Jeder kennt die vielen Klischees, die wir über unsere Nachbarn im Westen im Kopf haben. Ein Klischee hat oft auch etwas wahres, man darf halt nur nicht jeden und jede in dieses Klischee pressen. So sieht man hier sehr schön die ausgeprägte Leidenschaft für das Camping: Ohne Wohnwagen oder Zelt fährt der Holländer nur ungern ins Ausland. So ein großes Zelt auf einem Hänger hinten am dieselnden Nissan auf der Autobahn macht auch echt etwas her und sorgt dafür, dass kein Autofahrer dahinter überholen kann. Sogar die Busse, mit denen die Holländer angereist kamen hatten Anhänger, da waren dann die ganzen Räder drin.

Wir fuhren aber erst einmal los. Silke, Andi und ich etwas gemütlicher, MS powerte gleich richtig rein und wir haben ihn bis zum Ziel nicht mehr gesehen. Nein, stimmt nicht, wir sahen ihn 5 Minuten später wieder, da er falsch abgebogen war. Was bei dieser RTF übrigens sehr schwierig war, denn an allen Überquerungen größerer Strassen standen Streckenposten – so einen Aufwand habe ich bislang noch nie, weder in Deutschland noch in Japan gesehen. In Deutschland machen sich die Vereine nicht den Aufwand; in Japan zwar schon, aber die Streckenposten stecken das Geld ein, legen sich auf die Wiese und schlafen erst einmal ein Ründchen bis das Geräusch eines Unfalls sie aufweckt. Also wenn überhaupt.

Es ging übrigens ganz schön auf und ab, insgesamt sollten es so etwa 1.200 Höhenmeter werden und genau deswegen waren wir ja auch gekommen. Im Prinzip führte die Strecke an der Flanke des Hügelrückens des Teutoburger Walds lang, immer mal ein Stück hoch, dann wieder runter. Die Aussicht war voll nicht schön.

 

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Keine Aussicht

 

Da waren schon einige fiese Steigungen dabei und gerade die ersten, wenn man noch nicht richtig aufgewärmt ist, tun richtig weh. Wir sind allerdings auch sehr diszipliniert und gleichmäßig gefahren, dieser Tatsache verdanke ich es, dass ich überhaupt jetzt noch am Computer sitzen und schreiben kann.

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Immer noch keine voll schöne Aussicht.

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So langsam wird es ja mit der schönen Aussicht.

Nach 55 km kamen wir nach Bad iBurg. Das hieß früher mal Bad Burg, hat sich aber im Zuge der Digitalisierung gerade umbenannt. Dort gab es die erste Verpflegungsstation. Ich wollte an den Stand springen und bereits für alle bestellen: „Een Frikandell spezial und.äh.tweee halve kip.“ da ich ja ganz gut der holländischen Sprache mächtig bin. Das kommt daher, weil ich in Mönchengladbach aufgewachsen bin, was gerade einmal 50 km von Venlo entfernt liegt. Wenn meine Eltern in den Siebzigern gut chinesisch essen gehen wollten, dann fuhren sie 50 km nach Venlo, denn in Gladbach gab es nur Erbsensuppe und Eintopf. Ich musste tatsächlich 17 Jahre alt werden, bevor ich meine erste Pizza gegessen habe, so international war Gladbach. Nicht ganz – wir hatten ziemlich viele Engländer von der Rheinarmee in der Stadt, die allerdings nur sehr wenige kulinarische Spuren hinterlassen haben. Wenn überhaupt welche. Und unser Fernseher hatte genau sechs Programme: ARD, ZDF, WDR und AVRO I und II aus Holland, sowie BFBS. Und so bin ich mit holländischem Fernsehn groß geworden,vor allem mit Top Pops, das war meine Lieblingssendung. Das war so eine Kombination aus „Disco“, „Beat Club“ und „Hitparade“ moderiert von einem unglaublich coolem Holländer namens  Ad Visser.

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Viele Holländer die heute mitgefahren sind sahen übrigens genau so aus, diese charmante Mischung aus David Cassidy, Atze Schröder und Charles Manson. Durch Top Pop hörte ich zum ersten Mal richtig gute Musik, Alice Cooper’s „School’s Out“ zum Beispiel hinterließ einen sehr starken Eindruck.  Und zwangsweise wurde ich zu einem intimen Kenner der holländischen Musikszene. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das wirklich eine gute Erfahrung war, aber Meilensteine der holländischen Popmusik die jeder kennen sollte sind auf jeden Fall:

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Long Tall Earnie and the Shakers

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Pussycat

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BZN – just an Illusion. Leider nein.

Und natürlich Hansje.

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Hansje war so ziemlich die Dura Ace der holländischen Popmusik. Aber zurück nach Ibbenbüren an den Verpflegunsgstand. Da gab es exakt: süssen Tee. Und sonst nichts. Wobei mir ein weiteres Klischee über Holländer einfällt: Sie sind geizig. Hans van Lier, einen holländischen Freund aus Japantagen fragte ich einmal, wie viel Taschengeld er seinem 12 jährigen Sohn gibt (ich wollte wissen wie viel ich meinem Sohn geben sollte) und er sagt: „I gave him 10 € an month, but he used it to buy sweets and toys and this nonsense, so I stopped giving him money.“

Nebenan gab es ein schickes Zelt mit Kuchen und Kaffee, aber dafür hätten wir bezahlen müssen. Und wir waren nun geizig und fuhren weiter. Die iBurg ist übrigens wirklich sehr schick.

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Silke vorweg, Andi hat Mühe mitzukommen.

Es ging weiter auf und ab. Da waren auch ein paar richtig gute Abfahrten bei, die bei dem schönen Wetter noch einmal extra Spaß machten, auch wenn die Gegend voll nicht schön war. Nachdem wir den Teutoburger Wald noch gefühlt fünf Mal zickzack überquert hatten kam wir nach 100 km und etwas schneller als erwartet zurück nach Ibbenbüren. Wir wollten ja ans ich 120 km fahren, aber irgendwo müssen wir eine Abzweigung verpasst haben und so kamen wir nach 100 km ins Ziel. Ein wenig später kam dann auch MS an, der es auf 125 km brachte.

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Dort am Ziel, wo ich mich fast noch einmal auf die Fresse legte bei dem Versuch eine Bodenschwelle zu ignorieren, hatte in cleverer deutscher Unternehmer einen Pommeswagen aufgestellt und gleich kulturell richtig equippt.

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Wir sind dann aber doch schnell nach Hause gefahren; so schnell wie es eben die Deutsche Bahn zuließ.
Fazit: Eine tolle Veranstaltung, wobei man sich durchaus fragen darf, ob es Sinn macht um 5:45 Uhr aufzustehen und nach 18 Uhr nach Hause zurückzukommen, um 100 km Rad zu fahren. Macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,5 km/h – manche Menschen laufen das. Aber die Höhenmeter und die Holländer machen den Unterschied.

Und dann darf ich noch berichten, wie ich mein Rucksackaufbewahrungsproblem gelöst habe. Während alle anderen ihre Rucksäcke beim Veranstalter abgaben und dann auch wieder zurück bekamen, habe ich meinen in der Westfalenbahn nach Ibbenbüren liegen lassen. Genial oder? Da musste ich kein unnützes Gepäck rumschleppen und wenn alles gut läuft bekomme ich das Ding sogar in 8 bis 10 Tagen wieder. In Bielefeld.

Auf Strava

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Me & Andi Arbeit.

 

dscf3042Andi organisierte heute die jetzt vielleicht wirklich letzte schöne Tour des Sommers nach Bruchhausen-Vilsen. Viele kamen.

Also: Andi nervte mich diese Woche, weil er auf fb zwei Songs einer Gruppe gepostet hatte, an die ich zu Recht 25 Jahre nicht mehr gedacht hatte. „Me & the Heat“ – nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Kirmestruppe, die am anderen Ende des musikalischen Spektrums auf Veranstaltungen wie „Magic Bike Rüdesheim“ rumdudelt. Nein, diese Hardcoretruppe bildender Künstler aus dem Bochum der Achtziger, die uns mit Songs wie „In another mood“ beschallten.

Es gab eine Zeit in den Achtzigern, da bin ich auf alle möglichen Konzerte gefahren, aber nachdem mir Martin von EA80, Me & the Heat vorspielte, habe ich auf deren Gig verzichtet. Wie überhaupt die ganze Kunstpunk/Industrial Ecke a la Trobbing Gristle, Mark Stewart & the Mafia, Swans, SPK, Cabaret Voltaire etc. für mich persönlich eine richtige Sackgasse war: Man fährt 100 Sachen und holt das letzte aus seinem alten VW Käfer raus, weil neben dir Blondie, und hinten auf den Rücksitzen die Undertones und die Specials sitzen. Dann biegt man mitgröllend und voller guter Stimmung um die Kurve und knallt gegen eine Wand von schlechter Laune, gebaut von Künstlern mit erhobenem Zeigefinger.

Leider war das Mitte der Achtziger gerade sehr trendy. Und da man fünf Jahre früher den Trend der Zeit erkannte und in den Punkrock VW Käfer stieg und dabei riesig viel Spaß hatte, war man jetzt gezwungen die Ohren offen zu halten auf der Ausschau nach dem nächsten, großen Ding. Konnte ja keiner wissen, dass es Rap und Hiphop werden sollte – wir dachten da eher an die einstürzenden Neubauten.

Jedenfalls dachte ich am Morgen an all die schwere „Kunscht“ und brachte mich in Schwung mit einigen Ohrwürmern. Also eigentlich nur einem, der mir aber nicht mehr aus dem Kopf geht. Vielleicht liegt es ja nur an meiner japanisch mutierten Genetik, aber ich kann nur warnen, wer ein paar Mal „One Night Carnival von Kishidan und Hamasaki Ayumi hört, bekommt das nicht mehr aus dem Kopf.

Visuell ist der Eindruck, den die Frisuren von Kishidan hinterlassen natürlich auch sehr verstörend.

Jedenfalls fuhr ich „Can you master, baby !!!!“ summend Richtung Erdbeerbrücke und Wehrstrasse, wo bereits eine große Truppe versammelt war. Aufgrund der Komposition der Gruppe war es relativ schnell klar, dass die vorher getroffene Ansage von Andi „Wir haben’s nicht so eilig“ relativ zu verstehen war. Langsam würde das jedenfalls nicht werden.

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Das Wetter war traumhaft, die Stimmung gut und wir fuhren die Höhenmeter ab, die der Bremer Süden so zu bieten hat. Legendäre Anstiege wie der Okeler Berg (20 Höhenmeter, die einem aber vorkommen wie 20.000), die Hölle von Falldorf, Alpe du Barbusch, Col de Berxen (bekannt aus dem Rennen Berxen-Berxen-Berxen), all dies lag heute auf unserer Strecke. Ich will gar nicht viel schreiben, war ohnehin unbeschreiblich gut, statt dessen ein paar Bilder.

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Da wir es ja nicht so eilig hatten, blieb die Gruppe gut zusammen, mit Ausnahme von jedem Ortsschild, jedem Anstieg und jeder Abfahrt. 

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Pause bei da Angelo in Bruchhausen-Vilsen

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Pistazie & Malaga

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Insgesamt war es eine gute Mischung von Tempo, Rücksicht und Ballern. Im Hinblick auf den Münsterland Giro, der nächstes Wochenende als letztes Rennen der Saison auf dem Plan steht, war das ein sehr gutes Training mit vielen Intervallen.

Es gab eine längere Pause bei „da Angelo“ in BV – das war gut, aber Melissa in Etelsen ist schon der beste Eisladen im Süden.

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Zurück an der Bank.

Auf den letzten Metern kurz vor Kühlschrank, Gin Tonic und Zigaretten reichte es dann noch für den KOM auf der Konrad Adenauer Allee.

Egal. Danke an Andi, für die Motivation am Sonntag noch einmal länger zu fahren und auch den letzten Zipfel Sommer auszunutzen. Und an die vielen netten Mitfahrer für gute und lustige Gespräche, Windschatten und Sticheln des Ehrgeizes.

Strava

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Velotörn Bremen. Teil I: World of Fixedcraft.

Anstatt schon wieder ein recht normales Rennradrennen von 100km auf der sehr langweiligen Strecke in der Überssestadt in Bremen zu fahren, entschloss ich mich beim Velotörn am Fixie Rennen teilzunehmen. 30 Runden gegen den Wind, über Kopfsteinpflaster, haarscharf an Barrieren vorbei und das Ganze auf einem scheiß-unbequemen Rad.

Ich weiß auch nicht, warum ich mir das alles in meinem Alter noch antue. Ich könnte ja auch Samstags lange schlafen, ein Auto waschen und dabei Bundesliga im Radio hören, und dann im Garten grillen. Stattdessen mache ich mich am Samstag Morgen auf den Weg in die Überseestadt, um die Rennstrecke de Velotörns zu erkunden. Zum Glück zeigt sich Bremen an diesem Wochenende von seiner allerschönsten Seite.

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Bremen, wo die Weser wie ein richtiger Fluss aussieht (also fast so wie der Rhein)

Die Strecke führt auf der Konsul-M-Schmitt-Strasse die Weser runter, macht dann eine S-förmige Linkskurve über recht fieses Kopfsteinpflaster und läuft dann parallel über die Kaje am Hafenbecken in die entgegengesetzte Richtung. Es gibt dann wieder eine schnell durchfahrbare S-Kurve auf die Konsul-M-Schmitt-Strasse, dann ca.200 Meter Gerade zum sprinten, bevor es nach ca. 1,1 km wieder ins Ziel geht. Wäre dies eine Autorennstrecke, dann vielleicht Daytona im 18.Jahrhundert – wegen  dem Kopfsteinpflaster.

Ich habe Familie, einen Job und wenn ich mich mit dem Rad hinlege, dann dauert es eine Weile, bis wieder alles verheilt ist. Konsequenterweise hat mein Fixie Bremsen. Was aber bei diesem Rennen nicht erlaubt ist. Auch sind keine Kurbeln an nicht-Bahnrahmen mit einer Kurbelarmlänge von mehr als 165mm erlaubt. Überhaupt gibt es viele Regeln, was nicht dem kulturellen Anspruch des Rennens entspricht: „die jungen Wilden“; „Fixie-Subkultur“ etc. Es erinnert mich an eine Online-Anzeige von zwei sehr coolen Typen in Hamburg, die einen neuen Mitbewohner für ihre WG suchten. Zunächst einmal beschrieben sie sehr schön,wie locker und gechillt das Leben mit ihnen ist, um am Ende Interessenten zu bitten, Ihnen „ihr aktuelles Lieblingslied und ein polizeiliches Führungszeugnis“ zuzusenden.

Die richtige Antwort auf das Lieblingslied ist natürlich sehr simpel.

Jedenfalls hatte das zur Folge, dass ich mein japanisches Nagasawa Bahnrad reaktivieren musste, das nun seit 2 Jahren als Weihnachtsschmuckadapter an der Wohnzimmerwand verstaubt. Erst einmal andere Laufräder rein, damit wenigstens die teuren Mavic SSC überleben werden. Und dann kam ein anderer Lenker und Vorbau ran, denn dieser NJS Vorbau der an Keirin Bahnrädern quasi Standard ist bringt das Kinn knapp über die Höhe des Vorderrads. Ist man nicht rasiert, kann man nur noch maximal 20 mm Reifen montieren, sonst ist da einfach kein Platz mehr.

Wegen dem Kopfsteinpflaster hatte ich dann doch noch ein Lenkerband gewickelt, damit es ein wenig bequemer wird. Dafür opferte ich mein sehr schickes George Sorell Korkband, das ich 2011 zusammen mit David in Ravenna im Radladen Sambi gekauft hatte. So jetzt noch abnehmbare Bremsen dran, damit ich zum Rennen komme und los.

In der Überseestadt tummelte sich die Creme de la Creme des bremischen Radsportes. In  früheren Berichten habe ich immer jeden einzelnen mit Namen aufgeführt den ich kannte, heute ist das nicht mehr möglich (Sorry, Silke, Silvia, Caro, Linda, Jessica, Maren, Jörn, Andreas, Andi, Thomas, Jan, Philipp, Schnippo, Marc, Matthias, Christian, Benjamin, Tim, Harald, Didi…) Es ist ein sehr schönes Gefühl von vielen netten Menschen erkannt und gegrüßt zu werden und dazu zu gehören. Vor allem, nachdem ich vergleichsweise nach 12 Jahren Leben in Japan gerade einmal vier japanische Freunde hatte – die ich jeweils ein bis zweimal pro Jahr traf. Mit den Ausländern dort lief es wesentlich besser, das hatte nur den Nachteil, dass das japanische Haltbarkeitsdatum eines typischen Ausländers etwa drei Jahre ist – danach geht es wieder zurück in die Heimat oder in das nächste Land. Zum Gefühl der Zughörigkeit später mehr.

So standen wir also an der Rennstrecke und schauten uns das Rennen von Linda an.

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Die creme de la creme des bremischen Radsports

Linda war bei den Frauen zusammen mit den U17 Fahrern gestartet, insgesamt etwa 16 Fahrer. In den ersten Runden hielt sie sich gut im Hauptfeld, aber dann fuhren vorne 8 Fahrer das Feld zu Klump und büxten aus. Danach war sie ein wenig verloren und zu zweit oder zu dritt unterwegs und es wurde sehr anstrengend. Dementsprechend  schnell muss das Rennen gewesen sein, denn Linda ist wirklich nicht gerade langsam (das ist eine klassische Umschreibung von: „Linda ist deutlich schneller als ich.“ Von den acht blieben sieben vorne und gewannen nach 30 Runden das Rennen. Linda wurde Zweite bei den Frauen.

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Im übrigen konnte man hier wieder beobachten, dass bei großer Anstrengung nach dem Rennen die Birne rot anfängt zu glühen, und zwar nach der Formel: „Je jünger der Fahrer, desto roter die Birne.“ Ist mir bereits beim OBKM aufgefallen, wo der 70-jährige Zweite der Meisterschaft kalk-weiß war, geradezu Mumienhaft, während Linda (Kolibri) rot strahlte wie ein schmelzender Reaktorkern in Fukushima. Was aber immer noch nichts gegen Schnippo nach dem Rennen war, der rot strahlte wie ein tätowierter, russischer Mafia-Reaktor. Doch dazu später.

Darauf folgte das Derny Rennen. Ein paar Runden fährt der eine auf einem enthemmten e-Bike und der Andere hinterher, dann wurde gewechselt und es werden ein paar Runden umgekehrt gefahren. Am Start waren Schnippo und Philipp, sowie Marc und [vergessen].

Sportlich war das, na ja, aber sonst war es der Höhepunkt des Tages. Beim Wechsel mussten auch die Schuhe getauscht werden. Wir erwarteten am Streckenrand, irgendetwas in der Geschwindigkeit eines Triathlonwechsels. Stattdessen lief das ganze in erschreckender Zeitlupe ab. Schnippo und Philipp beim Wechsel zu beobachten war etwa so schnell und spannend wie die Ziehung der Lottozahlen im Fernsehn zu schauen. Und als dann  Schnippo auf dem e-Bike vor Philipp fuhr tat er das genau zwei Runden. Dann war es Philipp zu langweilig und er überholte Schnippo  auf der Zielgeraden. Denn das E-bike war nicht so richtig enthemmt – Philipp allerdings schon.

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Nachdem ich mich also gut amüsierte hatte war jetzt leider Schluss damit, denn nun musste ich auf die Strecke. Was ist bislang gesehen hatte, machte mir Angst. Da waren Fixiefahrer, die aussahen wie Simon Geschke und Frauen auf Fixies die….nun,  ebenfalls aussahen wie Simon Geschke. Andreas meinte treffend, dass das keine Radkuriere sind, sondern welche vom Radpaketdienst. Zack, vier Waschmaschinen unter den Arm und dann ab ausfahren zu den Kunden. Zum Glück gab es nur 19 davon. Und Philipp und Schnippo. Und mich. Alle fuhren auf Rahmen mit nach hinten offenen Ausfallenden; es gab viele Tätowierungen zu sehen, Piercings und Totenköpfe etc. auf den Jerseys. Da gehörte ich nun definitiv nicht rein. Erstens nicht von der Leistung, zweitens nicht vom Alter und dann auch wegen ein noch ein paar anderer offensichtlicher Mängel an Muskeln, Barthaar, Street Credibility und Geldknappheit. ich fühlte mich da sehr falsch. Wann hatte ich das letzte Mal dieses Gefühl? Vermutlich als ich 1990 versehentlich in einem heißen Quellenbad in Japan in die Damenumkleide ging, da dort keine Symbole, sondern chinesische Schriftzeichen an die Tür gemalt waren.

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Ich bin eben Rennradfahrer und fahre Radrennen. Bei so etwas habe ich keine Chance. Also nicht, dass ich sonst eine hätte. Meine Taktik war daher etwa wie die von Steven Bardbury  im Short Track bei den olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City: Hinten fahren und hoffen, das sich vorne alle auf die Fresse legen. Dann non-chalant vorbeiziehen. Nein -zu gemein, ich fuhr wieder mit meiner Standardtaktik: Versuche irgendwie zu überleben und nicht zu bescheuert auszusehen.

Aber da ich da schon einmal stand konnte ich ja ein paar Bilder machen und mitfahren.

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Und dann ging es auch schon los. Alle meine Sorgen waren umsonst, die erste Runde konnte ich echt gut mithalten! Leider stellte sich dann heraus, dass dies nur die neutralisierte Einführungsrunde war und wir am Start wieder stehen blieben. Trotzdem, eine gute Idee, um warm zu werden. Und zum Glück wurde das Rennen auch von 30 auf 20 Runden verkürzt.

Die zweite, also die nun eigentlich erste Runde, war schon deutlich schneller.  Am Anfang war es sehr nervös und ich machte mir da auch ein wenig Sorgen im Feld zu fahren, aber nach zwei Runden war ich da quasi draußen und in einer Dreiergruppe. Die Kurve mit Kopfsteinpflaster nahm irre viel Geschwindigkeit weg und es war extrem hart, dann wieder gegen den Wind zu beschleunigen. Nach 5 Runden hatte ich nur noch wenig Lust und überlegte aufzugeben. Das ist ja immer so, weil ich mich noch nicht warm gefahren habe und es dann am meisten weh tut -später wird es besser.

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Feuerwerk der Radkunst

Dann war ich mit einem der Mädels in dem Rennen zusammen. Ich wollte Sie animieren, dass wir auf die Gruppe der drei Männer vor uns auffahren. Sie sagte ja, ich machte Tempo, und als ich dann wechseln wollte blieb sie hinter mir. Für die nächsten drei Runden. Da ich alleine ohnehin nicht aufholen konnte wurde ich erst einmal wieder etwas langsamer.

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Lutscher !

In der S-Kurve zum Zielsprint drehte ich dann auf, als ich eine weitere, überrundete Fahrerin vor mir sah und setzte mich ab. An die hängte ich mich erst einmal dran und dann gab ich ihr Windschatten. Dann fuhr sie wieder vorne und erstaunlicherweise hatte sie noch gut Power und zog davon. Ehrlich gesagt lag das auch an der Technik, die fuhr die Kurven einfach viel besser als ich. Und als es dann in einer der beiden Kurven einen Sturz gab und ich langsamer wurde und die Richtung wechselte, war sie fast weg. Zwei der schnellen Fahrer waren zu schnell in die Kurve gegangen und matzten in die Barrieren.

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Erst überholen und vorweg …

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….und dann ein paar Runden später den Anschluss verlieren

Nach jeder Kurve musste ich erst einmal die Lücke wieder zu sprinten und das kostete viel Kraft. Aber jetzt war ich zumindest ganz gut dabei. Auch wenn die Spitzengruppe mich in der Zwischenzeit zwei Mal überrundet hatte. Dann sah ich kurz vor Ende Schnippo vor mir, den ich nun überrunden würde. Was er nicht wollte und ihm frische Power gab.

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Prima, mit Schnippo war das jetzt natürlich wieder viel besser und so kamen wir in die letzte Runde und dann auf die Zielgerade. Schnippo fragte mich:,“Wollen wir zusammen ins Ziel fahren, oder das ausfahren?“ „Ausfahren!“ Und so legte wir einen guten Spurt und Bike-throw zum Schluss hin. Nun hatte ich wirklich keine Lust mehr. Allerdings auch keine Bremsen, um zu stoppen.

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Strava

Am Ende wurde es ein 12.Platz von 23 Teilnehmern, von denen wiederum 17 ins Ziel kamen und sechs aufgaben (zwei glaube ich wegen Sturz). Hinter mir nur Frauen. Und Schnippo (Rennen drei). Vor mir eine Frau, und zwar die, deren Trikot so aus sah wie ein Mosaik-gefliestes Badezimmer auf den Bahamas.

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v.l.n.r : Das bahamische Badezimmer; gut getarnte Norddeutsche; meine Begleiterin für ein paar Runden am Start vor mir.

Das hat jetzt nix mit: Ich bin besser als Frauen oder so zu tun, sondern ist einfach meine Erfahrung in den typischen Platzierungen meiner Karriere: Zweitstärkste Frau.

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Hier sieht man noch einmal einen der gestürzten. Fiese Delle am Oberrohr des Standaert Rad.

Prima, ich hatte überlebt, ein Top-12 Finish und war fix und fertig.  Und neben mir glühte Schnippo. Eigentlich keine so gute Idee, denn er fährt morgen das 100 km Rennen beim Velotörn und ich die 150 km der RTF Lauenau. Und dann kam noch einer der schnellen Fixiefahrer und gab mir die Hand – eine Welle von Zusammenhalt wallte in mir auf.

Es ist übrigens keine gute Idee mit wenig gefahrenem, bzw. wenig  getestetem Gerät ins Rennen zu gehen. Der Vorbau fixierte den Lenker nicht gut und da ich fast auschließlich im Unterlenker fuhr, drückte ich im Verlauf des Rennens den Lenker nach vorne und oben. Das war am Ende sehr unbequem. Und sah auch echt scheiße aus.

Und ganz zum Schluss löste sich auch noch ein Kurbelarm vom Vierkanttretlager. Ich fuhr zu Matthias, aber der hatte auch kein passendes Werkzeug (8mm Inbus) dabei. Dafür aber Carolin Schiff, die ich fast übersehen hätte. Ich hatte Sie ja nur einmal im Rennen gesehen und war mir nicht sicher, ob sie es wirklich war. Die Beine schienen mir ein wenig dünn (vor allem nach dem was ich da im Fixie Rennen gesehen hatte), aber dann gab es auf dem Schienbein ein paar markante Narben und ich dachte ich frage sie mal, ob sie es ist. Bingo. Taktisch wollte ich nur beweisen, das ich netter bin, als dass was ich schreibe und wir unterhielten und über das, worüber sich erwachsene Menschen so unterhalten: Radrennen, Motorboote auf dem Gardasee, über die Unsinnigkeit in Bremen zu wohnen und so weiter.

Das waren ja für einen Tag mit so herrlichem Wetter recht wenig Kilometer, diese aber sehr intensiv. Insgesamt war die Veranstaltung gelungen, mit €20 auch nicht zu teuer und spaßig. Zum Glück habe im Rennen ich nicht geschmittet (Bremer Fachwort für „sich auf die Fresse legen“).

Allerdings ist da auch kein großer Unterschied zu den Bremen Challenge Veranstaltungen mit Streckenführung in der Überseestadt zu spüren. Aber trotzdem, danke für die Mühe der Organisation. Danke auch an Silke, Harald und Linda für die Fotos.

Wir sehen uns dann total platt beim RCB Montagstraining.

 

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OBKM BKOM BOKM MOB K

OBKM ist die Abkürzung für „Offene Bremer Kriterium Meisterschaften“. Alle vier Buchstaben sind ebenfalls die Initialien meiner Vornamen und meines Nachnamens. Das nur so. Wichtiger: Heute fand der vierte Lauf in Heilshorn am Sachsenring statt.

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Den ersten Lauf hatte ich nicht mitbekommen, den zweiten vor einiger Zeit verpasst, weil ich bei der Arbeit sehr busy war. Den dritten Lauf vor zwei Wochen habe ich willentlich verpasst, denn das Wetter war echt mies. Aber heute war das Wetter großartig und im Büro war es extremst langweilig – es gab also leider keine Ausrede mehr nicht zum Rennen zu fahren.

Wie läuft so ein Kriterium- bzw. Punkterennen ab? Nun, zunächst es gibt einen technisch anspruchsvollen Rundkurs der in unserem Fall ein Viereck mit einem Umfang von 1,1 km war. Total flach, kaum Wind und die Kurven konnte man alle auch noch mit 40 Sachen durchtreten. Ein Kurs wie geschaffen für meine technischen Fähigkeiten. Der einzige Kurs auf der Welt der noch einfacher zu fahren ist dürfte Hitachi Naka sein; und da habe ich mal 2007 den sechsten Platz gemacht und bekam von einem japanischen  Busenwunder tolle Urkunden überreicht.

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Japanisches Busenwunder links, keine japanischen Busenwunder rechts davon.

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2007 in Japan kurz vor der Wiedervereinigung

Man fährt denSachsenringkurs in unserem Fall 25 Mal. Alle fünf Runden gibt es eine Punktewertung. Der erste Fahrer bekommt dann 5 Punkte, der zweite 3, der dritte 2 und der vierte einen Punkt; bei 25 Runden passiert das genau vier Mal. In der letzten Runde werden ebenfalls die besten vier Fahrer gewertet, allerdings gibt es dann die jeweils doppelte Punktzahl.

Meine bisherigen Erfolge in Punkterennen sind sehr, sehr bescheiden. 2008 war das erste Rennen der Saison in der JCRC Serie  (Japanese Cycle Racing Clubs Association) ein Punkterennen in Kawagoe und da machte ich den 30. Platz von 38 Fahrern. Und das letzte Rennen der Saison, NATS, war ebenfalls ein Punkterennen. An das Ergebnis kann ich mich nicht erinnern, es wird ähnlich gewesen sein. Ich bin zu schwer, um schnell zu beschleunigen und erreiche auch keine hohe Endgeschwindigkeit. Und meine Fahrtechnik ist auch nicht großartig, so dass ich nach Kurven oft Lücken zufahren muss, was wiederum Kraft kostet. Aber ich habe Ausdauer, bin zäh und ehrgeizig. Hoch motiviert und leistungsschwach fasst es zusammen.

Ich weiß nicht, warum diese Veranstaltung „Offene Bremer…“ heißt, denn Heilshorn liegt gefühlt in Norwegen. Ich musste erst mal 25 km mit dem Rad raus fahren. Als ich ankam, waren bereits 3/4 der Rennhasen vor Ort: Silke und Caro hatten sich als Streckenposten verdingt und Linda fuhr das Rennen mit. Organisiert wurde das ganze vom RSC Vegesack, der vor Ort mit professioneller Ausrüstung und Gerät vorgefahren kam.

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Voiture d’equipe

Kritisch muss ich hier allerdings anmerken, dass bereits zum Zeitpunkt des Startes die Lakritzdose verdammt leer war.

Ich fuhr noch ein paar Mal den Kurs ab. Von der letzten Kurve bis zum Ziel waren es etwa 180 Meter – zu kurz um den Sprint nach der Kurve anzuziehen für mich. Ich musste also auf der Geraden zuvor schauen, dass ich aktiv werde.

Das erste Rennen war dem jüngeren Nachwuchs vorbehalten: 15 Runden: ein Junge gegen ein Mädchen. Das Mädchen gewann die Frauenwertung, der Junge die der Männer, wenn ich das richtig behalten habe.

Ich quatschte gerade mit Linda über einkaufen in China und Mama-chari Grand Prix Rennen in Japan als wir auch schon an den Start mussten. Insgesamt waren wir acht Fahrer. Und ich wollte gerade den Faden der Unterhaltung mit Linda wieder aufgreifen, als der Rennleiter so beiläufig sagte: „Und los geht’s.“

Natürlich war ich kalt. Die anderen irgendwie nicht. Oder nicht so kalt wie ich. Jedenfalls ging es gleich ordentlich schnell los und ich dachte nur, hm, das wird gar nicht lustig heute. Ich hatte doch ziemlich Mühe dran zu bleiben und wurde nach hinten durchgereicht. Aber irgendwie ging es dann doch. Als die Glocke die 5. Runde einbimmelte wurde das Feld auf der Gegengerade langsamer. Ich hing so etwa in 4. Position und wartete darauf, dass jemand den Sprint anzieht hinter den ich mich klemmen konnte. Das passierte dann auch, aber es war keine gute Idee, denn da riss gleich eine riesige Lücke auf und ich kam erst als 5.und somit ohne Punkte ins Ziel.

Dann machte Frank Stephan (Name geändert), mit dem ich zwei Mal zusammen den Giro Dolomiti gefahren bin und mit dessen Familie ich in Eppan Abendessen war und der mich trotzdem nie grüßt, geschweige denn erkennt (das musste jetzt doch noch einmal gesagt werden) einen Ausreissversuch, als wir anderen gerade müde vom Sprinten waren. Eine clevere Idee, denn keiner von uns hatte Lust vorne Führungsarbeit zu machen und ihn einzuholen.  Nach drei Runden fuhr ich dann die Lücke zu ihm zu. In der letzten Runde wurde es wieder deutlich langsamer und als wir durch die vorletzte Kurve gefahren waren und so ca. 250 Meter vor dem Ziel zog ich kräftig an und links am Feld vorbei. Ich kam als erster aus der Kurve, sah aber auch die Schatten der anderen hinter mir. Dann flutschte mir der Gang raus, aber immerhin schaffte ich meinen ersten Punkt jemals auf dem vierten Platz. Es ging also doch.

In Runde 10 vor Schluss machte ich es ganz genau so noch einmal, zog aber den Sprint noch einmal 30 Meter früher an. Wieder kam ich als erster aus der Kurve und spurtete auf die Ziellinie zu und dieses Mal wurde ich nur noch von einem Fahrer überholt. Dabei hatte ich auch alles gegeben und als der nächste Ausreissversuch kam konnte ich nicht mehr parieren.

Runde 5 vor Schluss fuhr ich einen lustlosen Sprint. Am Ende versuchte ich es noch einmal halbherzig, aber da zwei Fahrer ohnehin bereits vorne weg waren machte das auch nur wenig Sinn. Aber immerhin, gesamt 4 Punkte. damit hätte ich nicht gerechnet.

Was habe ich daraus gelernt?

Nun in dieser Konstellation sind Kriteriumsrennen gut fahrbar. Die Teilnehmer waren alle technisch sicher und fuhren wenig aggressiv, ich hatte keine Angst da auf die Fresse fallen zu müssen. Je länger das Rennen dauerte umso mehr Kurven wurden auch bei höheren Geschwindigkeiten komplett durchgetreten. Oder anders ausgedrückt: das Rennen hätte ich auch auf einem Fixie ohne Bremsen fahren können.

Dadurch, dass das Feld auch wieder langsamer wird, kann wieder Anschluss gefunden werden, wenn man vorher rausgefallen war. Und hat somit immer wieder eine Chance am Sprinten teilzunehmen, was sehr motivierend ist. Ist eigentlich ein wenig ähnlich wie Intervalltraining und gut für die Tempohärte.

Übrigens, kurz nach dem Rennen konnte ich eine interessante Beobachtung bei den Teilnehmern machen: Je jünger der Fahrer, desto roter die Birne. Wolfgang „Tiger“ H., Baujahr 1943 war quasi kalkweiß, während Linda „Kolibri“ glühte wie fliessendes Lava.

Zuletzt und mit anderen Worten, ich hätte mal besser weniger Respekt davor gehabt. Insofern kann ich nur jedem empfehlen, der sich in etwa auf oder über meinem Niveau befindet (im Prinzip also 95% aller RCB Mitglieder, ach quatsch, der Menschheit!) da mitzufahren. im besonderen möchte ich das mal Thomas Voss ans Herz legen. Ich hätte schon viel früher damit anfangen sollen. Was Linda und ein paar andere getan hatten, denn es folgte die Siegerehrung für den Gesamtsieger der 4 Läufe. Und da fand sich Linda auf dem dritten Platz wieder.

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Es gab alkoholfreies Bier und Blumen.

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Gesamtsieger OBKM: Wolfgang H. (oder so), 2. Platz: Wolfgang H. (sind, glaube ich, Zwillinge.), 3. Platz: Linda Wolfgang

Ja, es hilft in Bremen ungemein, wenn man Wolfgang heißt. Übrigens genau wie mein Onkel, Wolfgang Adolf Krähe, geboren 1940. Mein Großvater erzählte ihm später, dass er seinen zweiten Vornamen von einem sehr entfernten Großonkel bekommen hat, der dann leider aber im Krieg verstarb. Im Prinzip ist das ja auch nichts anderes als der Kevin und Mandy Effekt heutiger Tage.

Danach fuhren dann die richtig guten Jungs. Und Carolin Schiff. Sie wird schon mal schnell übersehen. Das war ein sehr dichtes Feld mit ca. 30 Teilnehmern.

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Die richtig schnellen Jungs. Auf dem Foto ohne Carolin Schiff.

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Da gab es dann eine Dreiergruppe, die sich zunächst absetzte und dann das Feld überrundete. Sehr cool. Aber die Lakritzdose war leer, ich hatte Hunger, ich musste nach Hause. Bis zum nächsten Mal bzw. Jahr. I ‚ll be back.

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Ach so ja: Ich bin übrigens letzter geworden im 4. Lauf. Egal, ich war trotzdem zufrieden. Da nächste Mal versuche ich es mit dem Moulton TSR zu fahren, da könnte ich in Kurve und Beschleunigung einige Vorteile haben.

Ich hätte noch den Wunsch an die Organisatoren mich in der Gesamtwertung zu platzieren, damit meine drei Punkte aktenkundig werden.

Strava

Danke an die Organisatoren. Wir hätten nicht so viel Spaß im Leben, wenn es nicht Menschen gäbe, die uns das auf Kosten ihres eigenen Spaßes ermöglichen würden.

 

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Elb-Bremen Cyclassics 2016

Hamburg, das etwas größere Bremen an der Elbe, oder auch kurz das Elb-Bremen, wie es von seinen höflichen, toleranten, weltoffenen und verständnisvollen Bewohnern genannt wird, ist seit 1996 Schauplatz eines Radrennens, den Cyclassics. Dieses sollte dieses Jahr zum letzten Mal ausgetragen werden – Zeit also dabei zu sein.

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Ich bin leider nur sehr selten in Hamburg, da es ja leider so ist, dass diese Stadt absolut nichts hat, was Bremen nicht schon hätte. Hafen? Hat Bremen auch. Speicherstadt? Hat Bremen auch in Form der Überseestadt. Mittelmäßiger Fußballverein? Schlechtes Wetter?Schiefgegangene Bauprojekte a la Elbphilharmonie oder Spacepark? Reeperbahn? – Helenenstraße. St. Pauli? – das Viertel. Cyclassics? Bremen Challenge! Na gut, also irgendwie doch 1:0 für Hamburg.

Mitte dieses Jahres hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass der Rückzug von Vattenfall als Sponsor der Cyclassics das Ende der Veranstaltung, zumindest in Hamburg bedeuten würde. Zwar beteuerte der Veanstalter, dass es zwei ernsthafte Angebote anderer Städte für die Fortführung geben würde, aber wir wissen ja ziemlich genau, welche Städte heute so verzweifelt sind dies zu tun: Pjöngyang, Dubai oder Damaskus. Also meldete ich mich für die 100 km Strecke an, um wenigstens einmal in Hamburg dabei gewesen zu sein. Als dann bekannt wurde, dass ein neuer Sponsor EuroEyes, gefunden wurde und das Rennen in Hamburg bleibt, dachte ich erst einmal ich seh‘ nicht richtig. Und dann entschied ich mich doch teilzunehmen und nicht zu warten bis EuroEyes auch kein Interesse mehr hat.

Und so fand ich mich am Sonntag Morgen zusammen mit Silke um 6:30 Uhr im Zug nach Hamburg. Wenige Minute vorher war eine Sushiparty bei uns zu Hause zu Ende gegangen, die mein Sohn initiiert hatte. Er hatte in den letzten Monaten mitbekommen, dass „Willst Du noch ein Bier bei mir trinken?“ eine deutlich niedrigere Erfolgsquote bei Frauen seines Alters hat als „Kommst Du auch zu meiner Sushiparty?“ Und so haben wir in der letzten Zeit eine Sushiparty nach der anderen, was sehr lustig ist, wenn man meinen Sohn kennt: Der will nämlich nie mit uns Sushi essen gehen, weil er das nicht mag bis auf eine einzige Sorte (Ikura). Und an der Zubereitung von Essen zeigte er ebenfalls noch kein Interesse; also auch wenn er halber Japanern ist heißt das noch lange nicht, dass er Sushis zaubern kann.

Ich dachte, wenn jetzt Mädels zu uns nach Hause kommen, dann sorgen die auch dafür, dass nach der Party aufgeräumt wird, aber das war eine komplette Fehleinschätzung. Ich durfte mir erst einmal durch Reis-, Avakoda- und Lachsreste eine Schneise auf dem Frühstückstisch schlagen zwischen Pfützen aus Soyasosse und Schleifspuren aus Wasabi.

Der ganze Zug hingegen war im Bereich des Radwagens voll mit Bremern die nach Hamburg fuhren. Um diese Uhrzeit trifft man im Zug normalerweise ja nur Menschen die aus der Discomeile Bremens nach Hause auf das Dorf fahren wollen und dabei verzweifelt versuchen beim Kotzen den kleinen Tischabfalleimer zu treffen. Da war heute komplett anders.

In Hamburg angekommen sagten wir schnell „Tschüß“, denn Silke war mit ihren Rennhasen in Block E verabredet, während es mich als Erstteilnehmer in Block I verschlagen hatte. Dort traf ich Fabian, der mit dem Motorboot über die Kanäle Mitteldeutschlands nach Hamburg geschippert war. Das war sehr praktisch, denn er hatte sein Motorboot im Parkhaus am Hauptbahnhof geparkt und musste dann nur wenige Schritte zum Start laufen. Ich hatte Fabian seit dem Velothon in Berlin nicht mehr gesehen und wir hatten uns einiges zu erzählen, zumal wir im September zusammen mit Steini auch endlich Berlin entlang des Mauerweges umrunden wollen.

Dann ging es plötzlich los. Das ist ja immer so. Man steht im Startblock, quatscht, ist komplett kalt und plötzlich sieht man, wie die Massen vor einem in Schwung kommen. Und in Hamburg war schon eine sehr große Masse vor einem, vor allem aus Perspektive I.

Von Alain, einem Franzosen, den ich in Tokyo kannte, habe ich gelernt, wie man sich gut durch ein dichtes Feld von Fahrern zu Beginn eines Rennens nach vorne durcharbeiten kann. Alain konnte das extrem gut und ich kann es ein wenig; während wir also im Schritttempo durch die neutrale Zone auf den Start zuradelte hattet ich bereits ein Drittel des Startblockes hinter mich gelassen. Und auch danach ging es nicht gerade schnell weiter. Bislang war ich es von Rennen gewohnt, dass die ersten 10 Kilometer, unabhängig von der Länge des Rennens, mit 50 Km/h plus durchgeballert werden bis man nur noch nach Luft japst und keine Kraft mehr hat. Die restliche Distanz bis zum Ziel wird dann in RTF Manier in einer Gruppe abgewickelt. Hier war es aber nicht so, es ging relativ gemütlich raus aus Hamburg und ich sprang vorwärts von einer Gruppe zur anderen.

Dann kam ein sehr schneller Fahrer vorbei, ich erinnere mich nur noch daran, dass auf seiner Hose „Veganes Radfahren“ stand, was auch immer das bedeuten soll. Ich verstehe ja, dass man vegan essen kann, aber Radfahren? Klingt ähnlich wie rauchen „ohne Atomkraft“; oder  „bumsen für den Frieden“. Der zog mich an weiteren Gruppen vorbei, war aber letztendlich zu schnell für mich. Dann kamen drei blaue Dänen von hinten, an die ich mich wieder ransaugen konnte und mit denen nahm ich die Köhlbrandbrücke in Angriff.

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Die kommt leider bereits nach 10 km und ich war noch nicht richtig warm – das tat also richtig weh und am Ende krabbelte ich da mit weniger als 25 km/h hoch. Aber es ging.

Dann kamen die Berge. OK, also was Hamburg so an Bergen zu bieten hat, was sich auch nicht wesentlich von dem unterscheidet, was Bremen an Bergen zu bieten hat. Allerdings braucht man in Bremen für jede Steigung erstens eine Autobahn und zweitens eine Brücke darüber. In grenzenloser Überschätzung meiner Fähigkeiten nach dem Dolomitentraining und da ich irgendwo gelesen hatte, dass die Bergwertung nur 1,7 km lang ist, ging ich den ersten Berg sehr forsch an und setzte mich von meiner Gruppe ab. Drei Minuten, so dachte ich, halte ich das locker durch. Aber ich war erstens nicht so gut und zweitens war die Strecke deutlich länger als ich dachte, am Ende etwa 6 1/2 Minuten und so wurde ich von dem gesamten Feld wieder eingeholt als ich jämmerlich langsam die letzten Meter zusammenkratzte.

Aber jetzt hatte sich, mehr als 30 km im Rennen, endlich einmal eine vernünftige Truppe gefunden, die in etwa bis zum Schluss zusammenbleiben sollte. Dabei waren unter anderem:

+ Dänen, die nicht lügen und schnell fahren können
+ Zwei weitere Dänen vom Team „Heino“ [das ist dänisch und heißt „Heino“ auf deutsch, vermutlich]
+ Ein Fahrer mit einem türkisen Trikot, das aussah als wenn es eine schlecht gemachte „Biancchi“ Kopie aus Nordkorea gewesen wäre und der von einer Parfümerie aus Wedel gesponsort wurde. Auf seiner Hose stand hinten drauf „Ein Duft sagt mehr als 1000 Worte
+ Ein Riese mit DEMAG Trikot und einem Cervelo.
+ Eine blonde Frau im weißen Trikot „Changing Diabetes“

Jetzt ging es richtig schnell vorwärts und wir rollten das Feld von hinten auf. Bereits auf dem Weg nach draußen kämpfen wir uns durch das H und G Feld durch. Wir überholten größere Gruppen von denen und dabei musste man immer aufpassen, das man an der schnellen Truppe blieb und nicht aus versehen dort hängenblieb weil man aus Versehen am falschen Hinterrad kleben bleibt. Weil die Straßen teilweise recht eng und kurvig waren, wurde das Tempo beim Überholen etwas langsamer, so dass alle in der Gruppe Anschluss finden konnte. Irgendwo holte die Gruppe auch Christian ein, der ebenfalls aus I gestartet war.

Es ging relativ schnell nach Hamburg wieder rein, jetzt mit Rückenwind. Ich konnte mich weiterhin gut an dem Duft mit 1000 Worten orientieren, bis der dann nach einer Kurve und schneller Beschleunigung heraus fiel. Die Gruppe wurde zum Ende etwas kleiner.

Im Hafen war eine Straße zur Hälfte für den Verkehr frei, zur anderen Hälfte für das Radrennen mit Hütchen gesperrt. Diese konnte man aber fast nicht sehen und beinahe wäre ich gegen das erste gefahren. Silke sah später an der gleichen Stelle einen ziemlich schlimmen Sturz, der sie ebenfalls fast ausgeknockt hätte.

Und dann waren wir auch schon nahe des Ziels. Es gab ein paar aufblasbare Tore, aber wie viel Kilometer die bis zum Ziel anzeigen sollten war mir nicht klar. Ich fuhr zu früh an, am Ende ging mir ein wenig die Kraft aus, aber es reichte dann um mit Christian gemeinsam über die Ziellinie zu fahren. Ergebnis: Etwa 2:35 hr Fahrzeit, Top 600 in der 100 km Distanz, fast Top 100 in meiner Altersklasse (Betreute Senioren 3), fast 39er Schnitt. Kam mir etwas schneller vor, aber in den „Hamburger Bergen“ fährt man doch halt längere Strecken im 30er Bereich.

Strava

Mein Vergleich für Hamburg sind die beiden großen anderen deutschen Jedermannrennen, die ich gefahren bin: Berlin und Münster. Im Vergleich dazu sind wesentlich mehr Fahrer auf der Strecke, es gibt nicht diese langen Stücke komplett ohne Fahrer zum Ende des Rennens. Die Strecke ist auch wesentlich kurviger und hat mehr gefährliche Stellen wie Schienen, Verkehrsinseln oder scharfe Kurven, man muss die ganze Zeit sehr konzentriert fahren. Andererseits hatte ich erwartet nach den Berichten bislang, dass mehr gefährliche Fahrer auf der Strecke sind; aber bis auf einen Flachlenkerwichser, der es lustig fand bei den Hütchen der Straßenabtrennung Slalom zu fahren, war das Niveau gut.

Nach dem Rennen trafen sich die Bremer auf dem Platz wo es Paulaner gab.

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Junge, gut aussehende Hamburgerinnen in hanseatischen Kostümen verteilten die Getränke an die Teilnehmer. OK, 2:0 für Hamburg, die Frauen haben den größeren Charmefaktor.

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Oder vielleicht doch 1:1, wenn man sie mit den RCB Rennhasen vergleicht.

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vl.n.r.: Linda Hase, Silvia Rabbit, Silke Usagi und mein Name ist Hase, ist weiß von nichts.

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Immer mehr Bremer kamen und wir verloren uns in Unterhaltungen. Ich sprach recht lange mit Kai, der bald den Ötztaler Marathon fahren wird; Fabian, Kathrin und die Kinder kamen, später auch Jan und Caro und Friedel, nein Klaus.

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Die Fahrt zurück nach Bremen dauerte dann zu lange in einem zu vollen Zug.

Fazit: Hamburg ist zwar verdammt weit weg von Bremen, aber durchaus ab und an einen Abstecher wert. Danke an alle für Organisation, Unterstützung und Freundschaft.

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Giro Dolomiti Day 2: Le Déjeuner sur l’herbe

Die Ereignisse des Tages begannen damit, dass ich 10 km von zuhause aus feststellte, dass ich meine Wasserflaschen vergessen hatte, wieder zurückfuhr und dann wie ein Bescheuerter nach Bozen raste um rechtzeitig zum Start zu kommen. Unten am Start fiel mir ein, dass wir ja ohnehin durch meinen Ort, Wolkenstein fahren und ich mir all die Hektik hätte  sparen können.

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(c) ADP, glaube ich

Am Start erschien das Feld irgendwie kleiner als am ersten Tag an dem mehr als 500 Fahrer teilgenommen hatten. Da die allermeisten ihre Trikots gewechselt hatten und nicht wie die Winterthurer, sieben Sätze mit nach Bozen brachten, war es gar nicht so einfach die Bekanntschaften vom Vortag wieder zu entdecken. Dafür sah ich einige Fahrer aus dem letzten Jahr, die  nun endlich wieder die richtigen Jerseys anhatten. Ich sage nur: Pedali Bolognese.

Gut organisiert ging es im Verband raus aus Bozen entlang der Eisack auf der Landstrasse bis nach Blumau; dort begann der erste Anstieg des Tages Richtung Völs, Seis und Kastelruth. Das Feld zieht sich dann sehr lang; ich muss da immer aufpassen nicht gleich in den Rennmodus zu schalten und akzeptieren von Fahrern überholt zu werden die schwerer oder älter sind als ich, bzw. ein anderes Geschlecht haben. Das ist also genau umgekehrt wie ein RCB Montagstraining, bei dem jeder Versuch des Überholens direkt mit dem Sprintanzug bestraft wird.

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Ein langer, aber sehr angenehmer Anstieg der letztendlich bis auf das etwa 2.100 m hohe Grödner Joch führen sollte. Die Sonne schien und wir kamen an der Konditorei Andreas [OHZ] vorbei und dann durch St. Michael.

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Vor mir der Däne, der mich später zwang auf die Damentoilette zu gehen.

Gerade als ich den kleinen Anstieg an der Kirche St.Michael hochfuhr läuteten die Glocken zwei Mal und zeigten an, dass es halb Zehn sei. Ein gutes Omen für den Rest des Tages, das ich sicherlich noch brauchen würde.

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Vor uns die Kirche St.Michael.

Neben mir fuhr eine Gruppe von Russen, die teilweise in Fucking Radklamotten eingekleidet waren.

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Es gab auch fucking Socken die ein hübsches und schnelles russisches Mädchen anhatte, leider konnte ich das nicht richtig gut photographieren.

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Coole fucking Socken

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Noch einmal coole fucking Socken ganz links.

Der Russe davor, mit dem blauen Jersey war auch nicht schlecht: Er gehörte zum Team „Gazprom Colnago“; wäre dies ein Formel Eins Team, dann könnte die Entsprechung „Schalke Ferrari“ sein in blau-rot gestreiften Autos.

Ein weiteres Highlight des Tages war das Team „www.Flinker-Zahn.de“, dass trotz großspuriger Ankündigung von hinten keine eigene Website besitzt. Macht nichts, auf der Website der Dentalpraxis Dr. Straube erfährt man alles nötige. Übrigens waren das die Fahrerinnen, die am Vortag diese rosa Hosenträger Jerseys anhatten.

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Flinke Implantate von Dr. Straube

Wir sind ja alle durch unsere Berufe irgendwie geprägt, ich kann z.B. nicht in einen Aufzug steigen ohne zu prüfen wer den hergestellt hat und wo und ob der Notausgang in der Decke ist. Tja, dafür reichen fünf Jahre bei Schindler. Wenn ich mit den Zahnarzthelferinnen bei meinem extrem guten Zahnarzt (Dr. Pfannenstiel) spreche, dann bin ich immer leicht neurotisch, was sie wohl über mich denken mögen. Vielleicht: „Eigentlich ein netter Typ, aber die Fehlstellung mit Engstand unten drei ist ja so etwas von Achtziger!“ oder „Boh, der sieht nach drei Stunden Zahnreinigung wie im Steinbruch aus.“

Ich traf auch einen der „Ulmis“ aus dem letzten Jahr den ich prompt ansprach: „Hey, ich kenne Dich vom letzten Jahr, Du bist immer unseren Mädels hinterher gefahren!“ Gefolgt von einer halbherzigen Leugnung.

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Rechts ein Ulmi im neuen Trikot. Links das Uhrwerk: Fuhr die ganze Etappe im gleichen Tempo durch, manchmal vor, manchmal hinter mir. Hielt nie an.

Jedenfalls ich das immer ein gutes Zeichen, wenn ich Zeit habe Photos zu machen und mich umzuschauen, das sollte sich nämlich später ändern. Bis Wolkenstein waren es immerhin ca. 50 km und 1.500 hm hoch und so langsam begann der Magen zu knurren. Ich konnte mich aber motivieren in dem ich mir versprach im Supermarkt am Ort ein Stück Apfelstrudel zu kaufen. Am Ortseingang wartete meine Familie auf mich und schrie und winkte. Also fuhr ich schnell noch ein Stück die Strasse hoch und bog dann ab. Cola, Apfelstrudel und zur Sicherheit noch ein paar Powerbars und dann weiter die letzten Meter bis zur offiziellen Verpflegung. Die da nicht so doll ist: Kekse, Bananen, Linzer und ein paar geschmierte Butterbrote wenn man schnell da war.

Um 11 Uhr ging es weiter Richtung Grödner Joch. Diese Strecke war ich letzte Woche bereits gefahren und ich wusste, was auf mich zukommt. Ich war deutlich langsamer als in der letzten Woche, aber das war OK. Und so begann die Abfahrt nach Corvara so gegen 12 Uhr. Auf der Strasse war viel Verkehr, so dass man nicht so richtig aufdrehen konnte. Von nun an ging es 27 km und mehr als 1.000  Höhenmeter abwärts. Das fuhr sich zwar sehr geschmeidig, hatte aber auch den Nachteil, dass mir bewusst wurde, dass ich eine Menge davon wieder hochfahren muss. Es war so, wie John Oliver von This week tonight angenehme Dinge mit unangenehmen Beigeschmack beschrieb: „It’s like catching an icecream cone out of the air, because a child was hit by a car.

An einer Baustelle, bei der gerade ein Teil der Strasse neu asphaltiert wurde fuhren viele andere und ich elegant an den wartenden Autos auf der linken Seite vorbei, nur um ein paar Meter weiter festzustellen, dass wir alle eine Zentimeterdicke Teerschicht auf unseren Reifen haben die sich quasi nicht mehr entfernen liess. Der Teer war noch heiß und weich und tausende von kleinen Steinchen sammelten sich in ihm an wie Schokostreusel auf einem Zuckerdonut. Das war gar nicht gut und ich machte mir etwas Sorgen, dass sich die Steine irgendwann durch die Reifen arbeiten würden.

Zeit als auf Toilette zu gehen und einen Espresso zu trinken. Kurz vor St. Martin in Thurn fand ich eine nette Bar – nur die Toilette war voll mit anderen Radfahrern (BASF!) und Osterhus-Däne sagte: „Geh‘ döch auf dö Damentölette!“ „Echt?!“ „Öch klör!“ Na gut. dann hockte ich ein der paar mit ein paar Fahrern aus der Gegend und liess es mir gut gehen- es sollte das letzte mal an diesem Tag sein. Die anderen Bremer hatte ich, bis auf Marc, seit Wolkenstein nicht mehr gesehen.

Der Rennstart war nur 2 km entfernt. Von hier aus sollte es 14 km hochgehen bis zum Würzjoch: Zunächst einmal 5 km und 450 Höhenmeter bis es wieder 3 km runter ging und dann noch einmal 6 km hoch mit 550 Höhenmeter.

Am Anfang war ich gut motiviert und überholte erst einmal einen fucking Russen.

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Das fühlte sich schon mal fucking gut an. Lief eben gut die ersten fünf Kilometer, ich überholte eine Menge Fahrer und wurde auch einige Male überholt. Alles im grünen Bereich. Ich strengte mich an, aber auch nicht zu sehr. Ab und an einen Gang höher, in den Wiegetritt und weiter. In den Spitzkehren immer schön den kürzesten Weg genommen und mit viel Schwung raus. Hoch traf ich zunächst Dietmar und dann Matthias, denen ich ein wenig Schwung mitgab.  Dann kam die Abfahrt, die viel zu schnell vorbei war. Und danach wurde es richtig hart.

Es waren zwar nur noch 6 km und 550 hm bis zum Ziel aber das zog sich verdammt lange. Und einige Stücke waren ätzend steil. Und mir ging auch langsam die Energie aus. Eine echte Qual, ich zählte quasi jeden Meter den ich fuhr. Bloß nicht aufhören zu treten, bloß nicht absteigen. Selbst als ich das Ziel in der Ferne sah, motivierte mich das nicht besonders, ich war einfach nur froh als ich oben war. Am Ziel stellte ich dann fest, dass die gefahrene Zeit für mich gut war. Das war aber auch so mit das härteste, was ich bisher gefahren bin. Härter waren an sich nur noch der Mortirolo, der Stelvio etc. von der Transalp 2011 und quasi jedes Mal Wada Toge in Japan hochzufahren. Und mindestens zwei RCB Montagstrainings dieses Jahr.

Bloß schnell runter zur Verplegungsstelle, dazu musste man 3 km ins Tal fahren. Ich freute mich schon sehr, meine Erwartungshaltung sah etwa so aus:

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Mittagessen am Würzjoch 1863 (Edouard Manet)

Und Stimmungsmässig wie der gleichnamige Film von Jean Renoir.

Wie bitter wurde ich enttäuscht. Es fing an zu nieseln und das Essen war eine Mischung aus Kinderalptraumspinat, englisch zubereitetem Rindfleisch (mindestens 5 Stunden gekocht) und lustloser Pasta. Nur ein Teil der Sitze war unter Zelten und ich musste mich da irgendwo reinfriemmeln, gegen den erklärten Willen von zwei Winterthurern. Marc war bereits da, nachher kamen auch noch Andreas, Matthias und Dietmar.

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Mittagessen am Würzjoch 2015 (ADP)

Da das Wetter aber immer ungemütlicher wurde machte ich mich los auf den Weg nach unten. Zunächst einmal weitere 100 Höhenmeter hoch, während es um mich herum anfing zu blitzen und kurz danach zu donnern. Ich hatte zwar eine dünne Regenjacke dabei, die aber nicht viel nützte. Innerhalb kurzer Zeit waren nicht nur die Klamotten, sondern auch die Schuhe komplett nass und wir wurde kalt. Die Straße runter war in keinem guten Zustand und sehr schmal, für den Verkehr war sie ebenfalls nicht gesperrt, was die Fahrt nach unten sehr risikoreich machte.  Das einzig gute war, dass der Regen unten wärmer wurde.

Etwas nördlich von Klausen kamen wir wieder in das Eisacktal, von dort aus waren es noch etwa 40 km zurück nach Bozen. Zunächst fuhr ich auf der Schnellstraße, da ich aber in keiner Gruppe war und der Verkehr sehr dicht, nahm ich ab Kollmann den Radweg, den ich von letzter Woche her schon kannte. Das war wesentlich angenehmer. In Bozen angekommen regnete es erst einmal nicht, fing dann aber auch wieder an. Das reichte mir total für heute, ich setzte mich in das Auto und fuhr wieder zurück nach Wolkenstein.

Insgesamt ein zwiespältiger Tag, einerseits eine extreme Leistung, die zunächst auch Spaß machte, aber mehr als zwei Stunden im Regen ohne Organisation auf dem Rückweg waren alles andere als lustig. Da ich keine Wechselklamotten habe, alles nass war, wenig Lust zum Radfahren und Kazuko heute auch Geburtstag nicht zuletzt entschloss ich mich heute einen Ruhetag einzulegen.

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Giro Dolomiti Day 1: Mummy you’re not watching me

Drei Tage Höhentraining in Wolkenstein, zwei Tage absolutes Nichtstun, der Familie gegenüber als „Regenerationsphase“, bzw. „Stabilisationsmigration“ verkauft. Heute dann der Start des Giro Dolomiti mit einer Transferetappe.

Mit Transfer ist hier gemeint, dass nun langsam der Transfer von einen normalen Leben in eins, dass sich komplett dem Radfahren unterordnen muss, stattfindet. Es gibt keine Mahlzeiten mehr, sondern nur noch „Verpflegungspausen“ oder „Zeit für einen Riegel“; es gibt keine Freizeit und keinen Müßiggang mehr, sondern nur noch erschöpftes einschlummern gefolgt von hektischem Vorbereiten auf den nächsten Tag.

Ich machte mich um 6:30 Uhr auf den Weg von Wolkenstein in das 50 km entfernte Bozen; es war Sonntag und die Straßen leer. Um Zeit zu sparen frühstückte ich im Auto, sobald ich unten im Tal fuhr und hörte dazu Sade, TV Personalities und Natalie Imbruglia und noch schlimmer, Alvaro Soller [den wir als Kind von der Deutschen Schule in Yokohama kennen] , also die perfekte Mischung zwischen purer Freude und leichter Genervtheit, um wach zu bleiben. Dazu hatte ich das perfekte Gerät dabei, meinen ipod shuffle von 2005 mit unglaublichem 512 MB Speicher. Das ist übrigens das einzige Apple Geär, das ich besitze; nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil es sich so ergeben hat.

Parkplätze gab es genug an der Messe, ich parkte neben einem Bus in dem sich minderjährige Pfadfinder fertig für die Fahrt in die Berge machten. Am Start traf sich mehr oder weniger die Bremer Fahrer, es blieb gerade noch Zeit für ein Photo vor der grünen Wand und dann ging es schon auf die Strecke.

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(c) Andis Dolomiten Photo (ADP)

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Es war sehr nostalgisch einerseits, denn es gab viele Jerseys aus dem Vorjahr zu sehen – von den etwas mehr als 500 Startern waren ca. 532 vom RSC Niddatal in der markanten Ketchup/Senf Montur, dazu Winterthur, Pedali Bolognese, Hövelshof, Erkelenz und viele mehr – es gab einige Wiedersehen vom letzten Jahr – der Zwerg war wieder dabei, Rapunzel ebenso wie die rosa Socken aus Maschsee und den Rest habe ich wohl nicht erkannt, da er gerade das falsche Trikot anhatte. Und irgendwie war ich auch ein wenig traurig gestimmt, denn Silvia, Thomas, David und Jochen fehlten mir doch am Start.

Gewohnt gut organisiert wurden wir durch Bozen und dann auf die Landstraße an de Eisack in Richtung Brenner geführt. Diese war in beide Richtungen für uns gesperrt, es war noch etwas kühl am Morgen und das Tempo eigentlich gemütlich. Trotzdem kam es zu zwei Stürzen, beide Male in einem Tunnel; am ersten Tag kochen die Hormone halt noch ordentlich hoch, aber Körper, Alter und Natur tun im weiteren Verlauf das ihrige, um den Pegel auf Normalniveau zu bringen.

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So ging es die ersten 26 Kilometer langsam hoch durch das Tal bis nach Waidbrück, wo wir von der Hauptstraße abbogen und uns auf den Anstieg nach Barbian machten. Das waren die ersten 350 Höhenmeter des Giros, bei denen das Berggefühl aufkam. Ich passte auf, das ich da in meinem Tempo gleichmäßig hoch fuhr, denn ich wollte mich ja nicht vor der gestoppten Strecke verausgaben. Dabei unterhielt ich mich ein wenig mit Dietmar, der wie ich aus Mönchengladbach kommt. Na ja, eigentlich aus der Nähe von Mönchengladbach, aber zum Glück nicht aus Rheydt. wie überhaupt das Rheinland beim Giro immer gut vertreten ist: Erkelenz, Brühl und natürlich jede Menge Holländer.

Die übrigens nicht nach 31 km in Barbian begann, sondern etwa 3 bis 4 km später. Da gab es eine schöne, schmale Abfahrt, eine enge Kurve und dann war da auf einmal dieses Tor für den Beginn der Zeitnahme. Ups. Das ging mir aber zu schnell,  ich drehte um, fuhr den Hügel wieder ein Stück hoch und machte mich (geistig) fertig.

Dann los, den Hügel runter, mit Schwung durch die Zeitaufnahme und gleich gebremst von der Gravitation und einem Mini Stau. Vor mir rosa Socken aus Maschsee, das sollte für die nächsten Kilometer erst einmal mein Orientierungspunkt sein. Durch den Ministau wurde meine Übermotivation erst einmal gebremst und dann war es ohnehin erst einmal so steil, dass es an sich nur noch ums Überleben ging. Dann kam nach ca. 3 km eine kurze Abfahrt und ich war mir unsicher, ob dies nun bedeutete, dass wir doch das 14 km lange Original fahren würden, denn ich dachte dass das 9 km Stück komplett ohne Abfahrt wäre. Das machte mich nun doch etwas unsicher und ich hielt mich etwas mehr zurück für den Fall, dass ich doch noch länger fahren müsste. Irgendwo überholte mich Andi, was von ihm phototechnisch ausführlichst festgehalten wurde.

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(c) ADP

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(c) ADP

 

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(c) ADP

Kann auch sein, dass das alles vor dem Rennen war, aber so genau bekam ich das nicht mehr mit.

Es folgte eine weitere Abfahrt und das Schild „3 km bis zum Ziel“. Cool. Dann noch ein paar kurze Aufstiege und das Schild „1 km bis zum Ziel“. Noch eine Abfahrt und dann war es auch schon zu Ende. Andi stand bereits am Ziel mit der Kamera in der Hand.

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Silke im Ziel

Kurz hinter dem Ziel lag die Verpflegungsstelle, bei der es den üblichen dolomitischen Misch aus Keksen, Marmeladenkuchen und Bananen gab. Nachdem die harte Arbeit vorbei war, wurde die Stimmung auch deutlich entspannter.

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Hilde (c) ADP

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Silke van der Kitten  [CN] (c) ADP

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(c) ADP

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(c) ADP

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(c) ADP

Zeit also, sich einmal nach dem bestaussehenden Sportler des Tages umzuschauen. Schon auf der Fahrt hoch nach Barbian war mir „Die Mumie“ aufgefallen. Wie würde man so eine Hose bezeichnen: Dreiviertel-lang? Siebenachtel-lang? Hochwasserhose?

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Trikot des Tages: Die Mumie (2. von rechts)

Mal was anderes. Jedenfalls anders, als die vielen, vielen bunten ALE jerseys mit love bubbles, siehe Big Mistake von Natalie Imbruglia. Trikotdesign und Leistung haben übrigens nichts miteinander zu tun. Heute wurde ich von zwei älteren Frauen überholt, die Trikots anhatten, die ausssahen wie rosa Unterhemden und darüber blaue Hosenträger. Davon muss ich unbedingt noch ein Photo machen.

Nach der Pause musste noch ein wenig geklettert werden, bis wir schließlich durch Oberinn kamen,

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und dann begann auch schon die schöne,lange Abfahrt zurück nach Bozen. Der obere Teil war etwas kurviger und der untere Teil war nicht mehr sonderlich steil, aber schnell, schnell, schnell und durch jede Menge Tunnel.

Nach 79 km war alles vorbei und wir waren zurück an der Messe in Botschaft. Ich musste mich etwas beeilen, da meine Familie wieder etwas von mir haben wollte und machte mich relativ zügig auf den Weg zurück nach Wolkenstein.

Der Rest des Tages: Einschlummern bein anschauen der Tour de France, hektisches Vorbereiten auf den nächsten Tag. Nudeln en masse. Morgen die erste Königsetappe von sechs weiteren.

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RCB Montagsvelothon.

Mein Standardprogramm für das Wochenende sieht derzeit so aus: Am Freitag die sehr gemütliche BBC Runde, am Samstag Grundlagenausdauer- und Stabitraining und am Sonntag ist Ruhetag. Nur auf diese Art und Weise bin ich in der Lage beim RCB Training am Montag teilzunehmen.

Nachdem es die letzten drei Montage ausgiebig geregnet hatte, war heute mal wieder gutes Wetter und entsprechend viele Fahrer waren zum Treffpunkt nach Borgfeld gekommen. Während im Frühling Pollenflug Allergien verursacht, bekam ich heute fast eine Adrenalin oder Testoronallergie – die Ungeduld aller lag spürbar in der Luft: Es würde schnell, dreckig und brutal werden, auf jeden Fall in der Heizdüsengruppe.

Jede Menge bekannte und berüchtigte Gesichter. Ich habe leider keine Photos gemacht. Selbst wenn ich welche gemacht hätte, wären nur verschwommene Schatten erkennen zu gewesen, so schnell war das Tempo und so gesättigt die Luft mit Adrenalin. Aber ich habe heute eins im Web gefunden, das den nach der Geburt getrennten Zwillingsbruder von Stefan Schnippowski zeigt der heute auch dabei war.

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Uwe Schnippowski

Die Einsteiger sollten sich hinten auf dem Parkplatz sammeln, die Heizdüsen mitten auf der Strasse. Alle andere blieben stehen wo sie waren. Dann ging es los und innerhalb von 300 Metern waren wir zu Viert vorne und hatten die anderen bereits verloren. Wir waren eine recht große Truppe bei den Heizdüsen heute, vielleicht so um die 20 Fahrer, die dann wieder Anschluss fanden.

Das Tempo war…schnell. Als ich wieder zuhause war und auf meinen GPS Datenlogger schaute, zeigte dieser einen Schnitt von 35 km/h – inklusive der getrödelten An- und Abfahrt durch die Stadt. Und hatte ich den nicht auch an, als ich bei Rewe Riegel kaufen ging und verträumt an den Regalen vorbei schlenderte? Mir kam es so vor, als wenn wir überwiegend mit 40+ durch die Gegend gerast wären.

Quasi an jedem Ortsschild gab es einen Sprint, angefangen in Quelkhorn, und dann in Ottersberg, Ottersstedt, Otterswerk, Ottershorn, Ottersthal und sogar in Ottersfeld. Ich hielt mich taktisch zurück, da ich nicht wusste, ob ich nicht doch irgendwann einmal herausfallen würde. Aber als wir fast wieder zurück und ich noch gut in Schuss war, dachte ich mir, ich könnte ja auch einmal ein paar sinnlose Attacken fahren. Also begann ich Ortsschilder anzutäuschen.

„Los, da vorne ist Quelkhude“ murmelte ich, beschleunigte wie ein Blöder und musste feststellen, dass sich eine ganze Truppe hinter wir dranhielt, die alle den Sprint nach Quelkhude, respektive Borgstedt oder Dogrepel für sich gewinnen wollten. Man, waren die gut. Ich nahm wieder Tempo raus und schaute mir die Sache von hinten an. Vorne wurde es ja auch wieder langsamer, wenn nach exzessivem Sprinten kein Ortschild in Sicht kam.

Wir waren also irre schnell zurück. Noch weit vor dem Sonnenuntergang.

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Borgstedter Deich Richtung Hühnersiel

Da gab es dann endlich mal die Gelegenheit etwas zu reden, denn beim Fahren war daran nicht zu denken. Das war definitiv härter und schneller, als der Velothon in Berlin vor zwei Wochen. Zum Glück konnte ich den als Vorbereitung für das Montagstraining mitnehmen.

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Nach dem Training war ich ziemlich müde. Da aber diese Woche kein Body Attack stattfindet, da die Trainerin in Urlaub ist und zudem mal wieder mieses Wetter nach Bremen zieht, fuhr ich noch ein wenig an Wümme und kleiner Wümme lang, um mir die Füsse zu vertreten und noch ein paar Kilometer zu sammeln. Denn in 2 Wochen bin ich wieder in den Dolomiten, das könnte dann tatsächlich etwas härter werden, als ein RCB Montagstraining. Auch wenn man sich das noch nicht vorstellen kann.

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