Lüttich – Bastogne – Lüttich 2017: Pommes lügen nicht.

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Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die so eklatant verschieden sind, wie die Gefühle, die man nach einer Radfahrt von 273 km am Abend danach hat und die Gefühle, die man am Abend nach einer Radfahrt von 273 km zwei Abende danach hat. 

Umsomehr, als die Teilnahme an Lüttich-Bastogne-Lüttich den Saisonhöhepunkt dieses Jahr darstellt. Das er so früh im Jahr kam ist umso erfreulicher, denn nach langen Tagen des Trainings (2 Mal in Bremen, 5 Mal auf Mallorca) kann ich nun endlich die Beine hochlegen, und das Jahr langsam ausklingen lassen. OK, es warten noch diverse RTFs und das eine oder andere Rennen, aber das fühlt sich eher so an wie noch ein Espresso, nachdem man gerade eine große Pizza gegessen hat.

Jochen hatte mich im Januar angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, dieses Jahr zusammen mit ihm, Silke und Andi LBL zu fahren. „Klar„, sagte ich, ohne lange darüber nachzudenken, denn in Belgien war ich schon lange nicht mehr und was sollte schon groß passieren? „Die kurze oder die lange Distanz?“ „Die lange natürlich.“ Das die lange Distanz 273 km lang war, die kurze 157 km und dass es noch eine sehr kurze Distanz von 75 km gab wusste ich da noch nicht. Die 75 km wurden sowie überhaupt nicht erwähnt. Je näher die Tour kam, umso mehr Bammel bekam ich vor der Aufgabe, die ich mir so unnötigerweise selbst gestellt hatte. Richtig trainiert wurde erst 4 Wochen vorher, dabei nur zwei Mal mit den Bremern, bis der Druck so groß wurde, dass ich mich kurzentschlossen nach Mallorca abseilte um wenigstens ein paar Kilometer in die Beine zu bekommen. Danach fühlte ich mich aber auch sehr OK. Eher trügerisch, wie sich später herausstellen würde. Zum Glück ging es den anderen nicht besser.

Lüttich – Bastogne – Lüttich ist das älteste noch ausgetragene Eintagesrennen im Radsport, daher auch sein Spitzname „La Doyenne“ („Die Älteste“). Wegen seiner Länge und wegen eines Profils, dass sich prinzipiell auch zum surfen eignen würde, gilt es auch als eines der schwersten Radrennen der Welt. Zeit das also endlich in Angriff zu nehmen.

Und so sassen wir am Freitag Morgen zu viert eng aneinander gekauert zwischen Rennrädern, Luftpumpen, Packtaschen und Tupperware im Volvo von Jochen und machten uns auf den Weg nach Belgien. Dieser Weg führt, wenn auch nicht zwangsweise, direkt über meine Heimatstadt Mönchengladbach und durch meine Studentenstadt Bremen, zwei Orte deren Besuch ich tunlichst vermeide. Wenn es aber darum geht deren Schönheit und Charme anzupreisen, dann hält mich nichts zurück. Auch wenn man von Gladbach von der Autobahn nichts weiter sieht als das Klärwerk in Neuwerk  und Aachen sowieso rechts liegengelassen wird. Dann kamen wir nach Belgien und sofort änderte sich die Stimmung: Landschaften, Städte und Dörfer verspritzten diesen typischen französischen Esprit und Charme, untermauert durch gelegentlich gehisste Landesfahnen an Orten die eher selten von Menschen besucht werden.

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Wir hatten uns einquartiert im Hotel Club Midi in Dison, etwa 20 km vom Start entfernt. Das Hotel ist nicht ganz so dunkel, wie es uns deren Website glauben machen will; es verfügt zudem über drei überdachte Tennisplätze an deren Rückseite fast unmittelbar die Gästezimmer liegen. Zum Glück wurde nicht Tennis gespielt, stattdessen liefen die Vorbereitung zur Messe „Salon Feminine“ auf Hochtouren und Händler aus der Umgebung hatten auf dem Filz der Plätze alles aufgebaut, was belgische Frauen begehren: Schmuck, Kosmetika, Bücher, Sportnahrung, esoterische Wandteppiche und, ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, aber es fällt wohl unter den Oberbegriff „Bekleidung“. Ohne Tennis und vor allem ohne tropikanische Zumba Disco ab 21 Uhr am Freitag, die zwar angekündigt auf einem Plakat war, aber laut Website im Juli 2014 eingestellt wurde, war das Laden eigentlich ganz angenehm. Das was nicht so angenehm war konnte in einer Vielfalt belgischer Biere ertränkt werden.

Übrigens waren wir nicht die einzigen Gäste dort, die Gästeliste ist lang und illuster. Dr. Feelgood hat dort schon übernachtet und auch diese Band, die mir aus Teenytagen immer noch im Ohr ist:

Wie an Kopfbedeckung, Brille und Sprachartikulation unschwer zu erkennen ist, handelt es sich hier um Belgier. Sogar Guns&Roses haben dort schon gepennt! Das haben die nur auf ihrer Website aus Versehen falsch geschrieben: „Roses, de Guns & Roses“ .

Wir machten uns auf den Weg nach Lüttich, um uns zu registrieren und die Stadt zu erkunden. Das Leben ist billig in Lüttich, für 20 Cents hätten wir bis zum Montag um 8 Uhr früh parken können. Wir haben das aber doch nicht gemacht, da eine weitere Übernachtung mehr Geld gekostet hätte, als durch parken zu sparen gewesen wäre. Tja, und dann war da noch Lüttich, aber dazu später.

Die Registrierung war sehr unaufgeregt. Es gab keine langen Schlangen, alles ging fix, es gab auch keine großartigen Stände mit Dingen die man noch unbedingt braucht (und wenn, dann hätten wir uns ja auch auf dem Salon Feminine eindecken können), es gab fast nichts zu kaufen, keine Pommes, fast kein Bier. Nur eine großartige Parade des Mavic Services.

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Immer noch am rätseln, was hier gemeint ist: Vermutlich es ist zu einfach ein Auto links zu überholen, wenn man einen Verbrennungsmotor am Rad hat, mehr Spaß ist jedoch dabei es aus eigener Kraft zu schaffen?

Ab ich die Stadt. Die begrüßt einen von der Autobahn her erst einmal mit Tanklager und Industriegebieten, bevor man durch Häuserreihen, deren Baulücken gar nicht, oder sehr unorginell durch Siebzigerbeton aufgefüllt wurden, in die Innenstadt kommt.

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Nur weil das stabil dran steht, heißt dies nicht automatisch, dass das auch stabil ist.

Nein, Lüttich konnte uns auf den ersten Blick nicht mit seinem Charme begeistern. Es erinnerte mich stark an eine Mischung aus Eisenhüttenstadt, so wie Tom Hanks es einmal beschrieben hat und Detroit. Ich war zwar noch nie in Detroit, aber alles, was ich jemals über Detroit gesehen habe, wurde vermutlich in Lüttich gedreht. Eigentlich könnte das alles ganz nett sein, es gibt durchaus schöne Häuser, Cafes, einen Gemüseladen der aussah, als wenn Toulouse-Lautrec dort schon Auberginen gekauft hätte, aber es fehlt an Geld und Menschen. Während in den Erdgeschossen noch Geschäfte und Cafes betrieben wurden, war spätestens nach dem 2. Obergeschoss Schluss: Offene Fenster, leere Höhlen, alte Gardinen ohne Goldkante. Ich dachte zunächst, dass die Stadt sich über die Jahre, ähnlich wie Detroit, entvölkert hat aber Wiki belehrte mich eines besseren.

Wir fanden eine nette Pizzeria, aßen gut zu Abend, tranken dann anschließend noch Kaffee in einem Cafe auf dem Marktplatz bevor wir vorbei an Tennisplatz und Salon Feminine zu Bett gingen.

Denn um 5:40 klingelte bereits der Wecker, um Freunde und Optimismus zu verbreiten hatte ich dieses hier als Weckton eingestellt. Ein letzter Gruß, bevor wir irgendwo in den Ardennen verschwinden. Uns weckte noch etwas anderes: Das Geräusch von leichtem Regen, etwas was man so gar nicht hören wollte, was aber auch nicht unerwartet kam. Der Wetterbericht (also, fast alle, denn wir hatten sie wirklich alle angeschaut auf der Suche nach einer guten Nachricht) hatte Regen erst für 9 Uhr angekündigt. Das konnte ja wenig heiter und wolkig werden.

Ich hatte zwar mehr Radkleidung mit, als meine Tochter T-Shirts im Kleiderschrank hat, aber bei 5 – 11 Grad, Regen, später aber nicht, war es wirklich schwierig die richtige Auswahl zu treffen. Ich entschied mich dann für ein langes, warmes Unterhemd, ein leichtes langärmliges Jersey und eine Hardshell Regensjacke. Letzteres von Rose, vor zehn Jahren für €30 gekauft, wirklich nichts besonders. Es war aber keine schlechte Wahl, nur einmal machte ich den Fehler als ich dachte es wird wärmer und ich die Regenjacke auszog. Die nächste Abfahrt zeigte mir schnell, dass das keine gute Idee ist. So schnell, wie sich Anstiege und Abfahrten in den Ardennen abwechseln kann man die Kleidung gar nicht wechseln.  Doof war nur, dass die Regenjacke gar keine Außentaschen hatte und ich so beim Fahren nicht an die Riegel ran kam. Das sollte sich noch rächen.

Jede Menge Bremer am Start (und ein Nienburger). Die meisten auf der mittleren Distanz und die, die die längere fuhren waren schon unterwegs.

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Silvia wählte übrigens eine interessante Streckenvariante: Für die mittlere Distanz von 157 km angemeldet, fuhr Sie nicht Lüttich-Bastogne-Lüttich, sondern Lüttich-Bastogne, Bastogne-Lüttich. Also erst irrtümlich die lange Strecke nach Bastogne und dann den exakt gleichen Weg zurück. Macht 200 km plus.

Wie bei der Registrierung war auch hier alles sehr unaufgeregt. Irgendwann fuhren Andi, Jochen und ich an den Start … ja wo genau war denn der Start, denn es gab nichts was darauf hinwies, keine Linie, kein aufblasbarer Triumphbogen, keine Menschenmassen die dort ungeduldig auf den Schuss der Pistole warteten? Wir fuhren einfach los und waren schon mitten im Verkehr, denn die Strecke ist auch in Lüttich und auch morgens um 6:30 Uhr an einem Samstag nicht abgesperrt. Andi hatten wir gleich verloren, und so machten Jochen und ich uns auf den Weg hinaus aus dem Maastal von Lüttich. Der erste Anstieg ging bereits über 200 Höhenmeter, nach ein paar Wellen dann noch einmal 350 Hm hoch, aber hey, wir waren noch frisch im Feld und irgendwie und fälschlich voller Optimismus. Dieser Optimismus verführte uns auch dazu die erste Verpflegungsstation nach 43 km rechts liegen zu lassen und weiter zu fahren. Nach ca. 50 km trennte sich die Strecke und die Langstreckenfahrer waren unter sich. So ging es eigentlich ganz gut weiter, Welle um Welle, aber nach 90 km merkte ich, dass mir die Energie ausging. Normalerweise habe ich keine Probleme 100 km am Stück zu fahren, ohne viel zu essen und zu trinken, aber die Kälte und der Regen sogen geradezu die Kalorien aus meinem Körper bis nichts mehr vorhanden war außer Rotz und Wasser. Und die Rotze habe ich an diesem Tag auch noch literweise durch die Nase verschwinden sehen.

Jochen und ich hielten an, damit ich einen Riegel auspacken konnte, eine endlose Tortur und die erste Minikrise. Die Handschuhe waren feucht und ließen sich nicht ausziehen, ich kam nicht an das Jersey ran und musste den Reissverschluss ganz öffnen – so ein Powerbar ist auch kein Meisterwerk des Leichtöffnens – die Verpackung hat jemand erfunden, der auch die Glasflasche für Ketchup entworfen hat. Das dauerte alles endlos, aber brachte mich zumindest nach Bastogne.

Alternativ hätten wir auch die Möglichkeit gehabt die Strecke unerlaubt abzukürzen, zum Beispiel quer rüber bei Manhay nach Osten, aber so fertig waren wir auch noch nicht.

 

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Jochen offiziell.

Bastogne begrüßt einen mit altem Kriegsgerät und entsprechenden Monumenten: „Wo ist die nächste Verpflegungsstation?“ „Aha ja, an der Kaserne vorbei bis zum Sherman Panzer, dann geradeaus zum Kreisverkehr mit dem Panther und dann gleich links beim amerikanischen Soldatenfriedhof.“ An der Station selber gab es Bananen, Müsliriegel, Weingummi, Waffeln; ehrlich gesagt mir war es egal, einfach alles gleichzeitig in den Mund rein, kauen und dann schnell runter bevor es kalt wird. Achtung: Isst man Bananen mit Waffeln und Weingummi gleichzeitig, bleiben die Weingummis irgendwo hintern rechts im Mund übrig und schmecken nach Bananen. In dem Moment, wo ich aufhörte zu treten setzte das große Frösteln sehr schnell ein. Da das Rennen ja Lüttich-Bastogne-Lüttich heißt, könnte man annehmen, das die Hälfte der Strecke und der Höhenmeter in Bastogne geschafft sind. Das ist ein großer Irrtum; gerade einmal 103 der 273 km sind in Bastogne absolviert, fast alle brutalen Anstiege stehen noch bevor und es ist gerade ein Drittel der Gesamtzeit verstrichen. Daher müsste das Rennen korrekterweise Lüttich – Bastogne – noch mehr Ardennen – Lüttich heißen, um den Fokus richtig zu verstehen, denn der war nun definitiv eben noch mehr Ardennen. Und auch noch mehr Regen und richtig guter Gegenwind.

Das ging quasi nach Bastogne los und die Fahrbahn wurde nun richtig nass; so langsam begann ich mir Sorgen zu machen, dass die Socken nun nass, und dies auch bis zum Ende des Rennens bleiben werden. Diese Sorgen waren schnell vergessen. Nicht weil das Wetter besser wurde, sondern weil wir in Hoffalize kurzerhand links von der Hauptstrasse abbogen und plötzlich vor einer Wand standen, dem Côte de Saint-Roch 1,0 km; 116 Hm) dem ersten richtigen Helling der Strecke. Helling ist ein belgisches Wort aus dem 14. Jahrhundert, das einen scheiß-steilen Hügel beschreibt, an dem der Karren mit Kuhmist samt Esel umkippt, wenn versucht wird ihn hochzufahren. Hellinge sind nie Teil der Hauptstraße, sondern verstecken sich immer rechts oder links der Marginalen um die Ecke, so dass einem der Riegel im Mund steckenbleibt wenn man final sieht, auf welche Wand man da gerade zufährt. Oder geradezu fährt.

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Mein erster Helling.

 

Ich wurde auf diesem ersten Helling zunächst von einem mir persönlich bekannten Vereinskollegen aus Bremen überholt, bis ich diesen wieder einholte, als sich dieser entschied den Weg nach oben zu Fuß fortzusetzen. In diesem Moment, und zwar nur in diesem, war ich so relaxt wie Frankie goes to Hollywood. Jochen der ohnehin deutlich schneller als ich war, war bereits voraus und kurz darauf erreichten wir die nächste Verpflegungsstelle, die nun ungefähr die Hälfte der Distanz markierte und in der deutschen Enklave Belgiens liegt – dort wo die Orte Steinbach heißen. Orginell. Auf der wallonischen Seite heißen sie „Froideville“. Andi war bereits da, ihm war kalt und weg war er.

35 km stand der Côte de Pont auf dem Programm, der etwa vergleichbar mit dem ersten Helling war. Trotzdem dauerte es für mich nun länger hier hochzufahren, da ich deutlic weniger Kraft in den Beinen hatte. Das was zu Beginn des Tages noch so spielend gelang, wurde nun zu einer extrem kraftraubenden Angelegenheit. Jochen, der mit Leistungsmessung fuhr meinte ebenfalls, dass er nun halb so viel Watt treten würde wie am morgen, sich aber körperlich am Anschlag befindet. Nur ganz wenige Kilometer später folgte dann der Côte de Bellevaux, der etwas einfacher zu fahren ist. Und kurz darauf ist zum Glück auch wieder ein Verpflegungspunkt in Malmedy, den man nun auch ganz dringend braucht. Neben dem Verpflegungspunkt befand sich die Friterie Chantal.

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Drei Tage später kann ich mich kaum noch an die Details erinnern, ich war so darauf konzentriert zu fahren, ich habe wenig Erinnerung an das, was um mich herum vorging. Bis zum nächsten und letzten Verpflegungspunkt in Sprimont, waren nun noch weitere 4 Hellinge angesagt:  Der Côte de la Ferme Libert mit bis zu 20% Steigung und den ich teilweise in Schlangenlinien hochgefahren bin, der Col du Rosier, der nicht wirklich steil ist, aber zu diesem Zeitpunkt eben mit 3,8 km sehr lang; der Col du Maquisard, den ich irgendwie so mitnahm und dann der berühmteste überhaupt, der Côte de La Redoute mit bis zu 22% Steigung. Das ist ganz schön gemein nach so viel Strecke. Aber irgendwie habe ich es geschafft alle Anstiege hoch zu kommen, ohne abzusteigen, auch wenn meine Geschwindigkeit teilweise bis auf 6 km/h abfiel. Ich habe keine Erinnerung auf auch eine Ahnung, wie ich das geschafft habe.

In Sprimont wurde der Mund noch einmal richtig voll mit Weingummi etc. genommen und alle beiden Wasserflaschen mit ISO Plörre gefüllt. Da muss wohl auch Magnesium drin gewesen sein und was weiß ich noch was; jedenfalls hatte ich im Rennen und auch in den Tagen danach keinerlei Krämpfe in den Beinen. Das Zeug ist gut, hat aber auch sehr unvorhersehbare Auswirkungen auf meine Verdauung. Nein, eigentlich sehr vorhersehbare Auswirkungen auf meine Verdauung.  Die Aussicht auf ein Dixieklo am Ziel ließ mich noch einmal eine ganze Ecke schneller fahren.

Von Sprimont waren es noch 39 km ins Ziel. Noch zwei Hellinge waren laut Programm zu absolvieren und jetzt war klar, dass ich es schaffen würde anzukommen und weniger als 2 Stunden dafür sollten auch reichen. Der Rest ist denn nur noch durchhalten und sich irgendwie ins Ziel quälen. 10 km später schwankt am Côte de la Roche-aux-Faucons noch einmal diese Gewissheit. Das Ding ist zwar nur 1,3 km lang, was aber eben zu diesem Zeitpunkt so lang wie 13 km erscheint. Kommt man aber oben an, muss man feststellen, dass man noch einmal einen weiteren Kilometer hoch in eine andere Richtung zieht. Ich fühlte mich wie betrogen.

Bei dem Versuch eine rote Ampel zu umfahren und weil ich im Hinterkopf keine Augen habe, übersah ich den Polizeiwagen direkt hinter mir. Der hupte zunächst (was ich als Aufforderung interpretierte mich zu beeilen), doch als die Sirenen anfingen zu heulen wusste ich, dass ich in der Klemme bin. Es blieb zwar bei einer mündlichen Verwarnung auf französisch, aber von nun an musste ich nicht nur schnell fahren, sondern mich auch peinlich genau an die Straßenverkehrsordnung halten.

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Silke offiziell.

Nach 258 km etwa waren wir wieder an der Maas und in einem hässlichen Teil von Lüttich gelandet. Nicht, dass die anderen Teile so besonders viel schöner gewesen wären, aber nach 258 km ist eben auch wenig Platz für Optimismus. Wir überquerten die Maas und hätten jetzt am Fluss lang Richtung Messehallen, also dem Ziel radeln können. Das war dem Veranstalter aber zu einfach:  Der Côte de Saint-Nicolas, also der Nikolaushügel, zieht sich Serpentine per Serpentine durch eine Industrieruinengegend und eine langweilige Hochhaussiedlung hoch bis auf die Hauptstrasse nach Ans. Und diese sieht man dann in ihrer ganzen Pracht wie die ebenfalls schräg nach oben verläuft über eine sehr lange Distanz. Da fühlt man sich noch einmal richtig beschissen und fragt sich: Warum wollen die mir hier unbedingt ihre Stadt zeigen? Wär’s nicht besser Start und Ziel sowieso außerhalb zu machen, denn die Dörfer der Ardennen haben durchaus Charme?

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Anstieg nach Saint-Nicolas. Ne, war nur ein Spaß, das ist wirklich Detroit.

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Das ist eine sehr positive Darstellung von Saint Nicolas.

Nein, man muss hier hoch fahren, weil das der letzte Anstieg ist, den die Profis im Rennen fahren; denn das Renen endet nicht in Lüttich sondern in Ans. Oben auf dem Hügel biegen die Pros nach links ab in die Rue des Francais und kommen 200 m weiter neben dem Carrefour Supermarkt durch das Ziel. Alle anderen, nämlich die Nicht-Profis, müssen sich dann weiter 8 nutzlose Kilometer durch Lüttich quälen, bevor sie die Messehallen und deren Dixie-Klos erreichen. Es war geschafft, fast 275 km lagen hinter Jochen und mir und die Stimmung war indifferent.

Strava.

Andi war da, Silke war auch schon länger zurück, auch sie hatte die mittlere Distanz gestanden. Schnippo kam kurz danach ins Ziel, die weiteren Bremer haben wir seitdem nicht mehr gesehen. Es gab keine Pommes am Ziel – eine mittlere Katastrophe! Ich fragte mich, warum ich verdammt noch Mal all diese Mühe auf mich genommen hatte, wenn am Ende nicht die verdammte Belohnung da sein würde. Also schnell weg nach Dison, unserer neuen belgischen Heimat und auf die Suche nach der ersten Pommesbude. Keine Ahnung wo, wir halten an einer Tankstelle und Jochen meint ich soll einmal gerade rüber hüpfen und fragen, wo die nächste Pommesbude ist. Rüberhüpfen? Angesichts meiner körperlichen Verfassung wäre „rüber schleppen“ das passende Wort gewesen. Und dann fragte ich in meinem Schulfranzösisch von 1979, das seitdem durch diverse Schichten von japanisch und chinesisch überlagert wurde, wo denn im Ort eine Pommesbude sei. Dönerbuden gab’s da jede Menge, aber wo bitte ist eine Friterie (nach Möglichkeit mit dem Namen Chantal)? Ja, sagte der Tankwart, da kenne er eine, da gäbe es auch leckeres Pita Döner…Abgelehnt!… Ehrlich gesagt hatte ich nicht genau verstanden was er sagte, denn ich kann weitaus besser französisch parlieren als verstehen, aber tatsächlich führte uns der Weg zum Fritten Snack, wo wir erst einmal jede Menge Frites moyenne (französisch: heißt auf Deutsch XXXL) mit Mayo und den anderen tausend Dingen die sich Belgier so auf Pommes tun, bestellten. Lecker. Pommes lügen nicht. Das sollte eben auch nur ein kleiner Snack werden, richtig essen wollten wir im Hotel.

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Die Pommes Moyenne danach

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Ich kann mich aber nur noch erinnern, dass wir im Hotel ein paar Bier bestellten, einen Blick auf den Salon Feminine wagten und dann in den Sofas an der Bar schon einpennten, neben mir Andi. Ein letztes „hüpfen“ in die Zimmer, dann war der Tag vorbei.

Und so machen es die Profis

Am nächsten Morgen wollten wir herausfinden, wie gut denn die Profis sind. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, wofür wir 11 1/2 Stunden reine Fahrtzeit brauchten, benötigt ein Profi wie A. Valverde lediglich 6 1/2 Stunden und selbst der lahmste Lutscher 2016 (Simon Yates als 153.) kam nur 16 Minuten später an. Und 47 Fahrer haben aufgegegebn, darunter auch Japans Hoffnung Fumiyuki Beppu von Trek-Segrafredo.

Und, zwei Dinge müssen hie auch einmal klar gestellt werden: Statt den 274 km, die wir gefahren sind, mussten die Profis nur ca. 256 km fahren – und das auch noch bei schönstem Wetter dieses Jahr, Im Gegensatz zum Tag davor. Von daher ist es nur fair anzunehmen, dass etwa 4 der 5 Stunden Zeitunterschied zwischen Valverde und mir auf die kürzere Strecke und das bessere Wetter zurückzuführen sind und dass der tatsächliche Leistungsunterschied zwischen uns nur für eine weitere Stunde Verspätung verantwortlich ist. Mit Simon Yates bin ich quasi fast leistungsgleich.,

Wir fuhren zunächst zum Côte de Saint-Roch in der Nähe von Bastogne. Das ist ein guter Platz ein Radrennen zu schauen, denn der Anstieg beginnt in einem kleinen Dorf, das eine Friterie sein eigen nennt („Autre Chose“) und einen Kinderspielplatz inklusive deutschem Kampfpanzer aufzubieten hat.

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Friterie Autre chose im Ort

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Typisch belgischer Kinderspielplatz

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Kein klassisches Rennen ohne klassisches Polizeikäppi.

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Der Anstieg mit einem Tribut an Michelle Scarponi.

Der Anstieg ist rechts und links von Häuserzeilen gesäumt. Wir waren zu früh, da die Profis mal wieder auf der Strecke trödelten,  aber eine Ausreissergruppe von 8 Fahrern hatte 13 Minuten Vorsprung auf das Feld herausgearbeitet und sollte nun bald kommen. Die Stimmung war auch hier sehr unaufgeregt. Ich hätte gedacht, dass unheimlich viele Menschen dort stehen, es schwer ist überhaupt einen Blick auf das Rennen zu ergattern, das Fahnen geschwungen werden und das Bier in Strömen fließt – nein, die Stimmung war gut aber ruhig, bis dann ein Raunen durch die Menge ging und die Ausreißer an uns vorbei die Steigung hochfuhren. Sieben von acht Fahrern machten das sehr mühelos und schnell, nur einer hatte eine etwas verbissene Miene und drohte aus dem Feld zu fallen. Eine Weile später folgte das Feld.

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Auch hier lockere Mienen, sehr gutes Tempo und es überraschend mich immer wieder zu sehen in welcher Dichte so ein Feld fahren kann. Will sagen, wie nah die alle zusammen fahren ohne zusammen zu stoßen.  Ist eigentlich wie das Boyle-Mariott Gesetz p x V = const.; also je größer der Druck im Feld ist, umso kleiner wird das Volumen. Jochen meinte, einen Profi muss dieser Abzweig von der Hauptstraße auf den Helling auch sehr überraschend gekommen sein, denn ein Riegel ragte noch aus seinem Mund.

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Es folgte die Kolonne der Teamwagen, die Ambulanz, ein Abschleppwagen, die Polizei und der Besenwagen. Wir nahmen das Auto und fuhren nun Côte de La Redoute, etwa 35 km vor Ende des Pro Rennens und dort wo gestern schon die Wohnwagen an der Strecke parkten und richtig Stimmung war: Na ja, also um es wirklich ganz genau zu schreiben, eine Gruppe belgischer Männer trank dort Bier, sang und hatte Pimmels mit Kreide auf die Straße gemalt. Wir kamen dort an und liefen den Hügel hoch, um einen guten Platz zum sehen zu finden. Ich war überrascht wie steil es dort war und ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie ich dort hochgefahren sein könnte. Das Hochgehen war schon irre anstregend.

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1.000 m vor dem Ziel am Cote de la Redoute.

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Teamwagen nach dem Hauptfeld.

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Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis die Ausreißergruppe, die nun auf 5 oder 6 Fahrer zusammengeschmolzen war und nur noch 5 Minuten Vorsprung auf den Peloton hatte vorbeikommen sollte. Zeit sich ins Gras zu legen und die Augen zu schließen, um dann anschließend die Mannschaft mit dem „Underpant Man“ vom Giro d’Italia zu unterhalten.

Die Ausreißer sahen hier bereits etwa angestrengter aus, aber das ist alles kein Vergleich zu dem Anblick den wir am Vortag abgegeben haben müssen. Und im Peloton erkannte ich A. Valverde, den späteren Sieger, der aussah als wenn er auf einer BBC Runde am Freitag nach Fischerhude fahren würde. Dahinter wieder Teamwagen, Ambulanz, Abschleppwagen und Besenwagen, dazwischen einige versprengte Fahrer. Als wir uns auf der Straße auf den Weg nach unten machten kamen uns erstaunlicherweise noch einige Fahrer entgegen, die sich durch die Massen nach oben kämpfen mussten. Unter anderem Simon Yates.

Lächerliche 6 Stunden später waren wir wieder zurück in Bremen.

Fazit (5 Abende Später)

Es ist auf der einen Seite eine interessante Erfahrung einmal die Strecke eines Profirennens zu fahren. Man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie hart es für einen Profi sein muss und natürlich ist es auch interessant sich einmal von Leistung und Zeit mit den Pros zu vergleichen. Es ist andererseits aber vielleicht keine zu gute Idee, dass im April in Belgien in den Ardennen über 273 km zu tun, denn das macht teilweise wirklich wenig Spaß. Zu diesem Zeitpunkt sind sind die Vögel in den den Ardennen noch mit dem Arsch an den Zweigen festgefroren und die Frittenfelder liegen brach im Regen während der Belgier an sich zuhause bleibt und nur ab und an mit einem Glas Bier in de Hand an der Kirche vorbeischaut. Auch fünf Abende später denke ich noch „cool, dass Du das geschafft hast“, aber der Gedanke an eine Wiederholung liegt mir immer noch fern. Gestern Abend z.B. bin ich das OBKM Rennen in Bremen in meiner Altersklasse (7 Teilnehmer, einer davon verloren gegangen, ein Mädel noch zu jung und nicht schnell genug) und habe vermutlich einen hervorragenden 5. Platz herausgefahren, ja vielleicht sogar den 4., wer weiß). 21 km zum Start, 25 km fahren, dann wieder zurück. Sehr anstrengend im rennen, aber auch sehr wenig aufwendig. Irgendwie gut (nur sehr, sehr kalt). Oder ein paar Wochen vor LBL waren Silke, Andi und ich in Holland (Ibbenbüren) auf einer RTF. Relativ kurze Anreise, sehr schöne Strecke, Sonne, am Abend wieder zurück – das hat echt Spaß gemacht.

Aber natürlich kommt es am Ende besser raus zu schreiben: „Hey, ich bin dieses Jahr LBL 2017 (mit 7.000 Belgiern, Italienern, Engländern) gefahren!“ Als „Hey, ich war im April mit 400 Holländern in Ibbenbüren“.

Pommes lügen eben nicht.

8 Kommentare

Eingeordnet unter 2017, Mob, Rennen, Silke

8 Antworten zu “Lüttich – Bastogne – Lüttich 2017: Pommes lügen nicht.

  1. Dixieklo – ach wie herrlich, was hab ich gelacht ! Motivation ist eben alles, gell ?!

  2. Thomas

    Toller Artikel – vielen Dank!
    Thomas

  3. Uwe Burmester

    Klasse Bericht, kann man sich gut vorstellen die Quälerei.

  4. Neo

    Danke für den LBL-Bericht! Habe nach der Ankündigung im März schon ein wenig mitgefiebert und auch mitgebangt. War klar, dass das kein Zuckerschlecken werden würde. Von daher: herzlichen Glückwunsch! Lese Deinen Blog übrigens gerne, die Geschichten sind sehr gut geschrieben 🙂

  5. Alex

    Schöner Artikel. Ich bin in Gedanken nochmals mitgefahren nach Bastogne und dann im Gegenwind wieder zurück nach Lüttich. Im Moment schwanke ich noch mir das im kommenden Jahr dann bereits zum fünften Mal anzutun 🙂

    Grüße Alex

  6. Jochen

    Feiner Artikel, Danke! War ein schönes Wochenende!

  7. Pingback: Vögel am Arsch festgefroren… | Tausendkilometer

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