Archiv der Kategorie: Uncategorized

Radfahren im Kombinat Yokkaichi

Fragt man einen Japaner, was ihm zu der Stadt Yokkaichi einfällt, dann folgt aus seinem Mund in der Regel das Wort „Kombinat“. Es ist jetzt nicht so, dass viele Japaner Orte wie Eisenhüttenstadt besucht haben und von der Größe und Schönheit sowjetisch inspirierter Großindustrie fasziniert sind, sondern schlicht und simpel so, dass „Kombinat“ in Japan in den Fünfziger Jahren ein japanisches Wort für große petrochemische Industrieanlagen geworden ist.

Yokkaichi brummt vor lauter Kombinaten; was Rotenburg ob der Tauber für Fachwerkhäuser darstellt, ist Yokkaichi für Kombinate. Vielleicht wollte der JCRC nach einer Vulkaninsel, einem Zombieonsen nun mit einem Industriegebiet das gesamte landschaftliche Spektrums Japan abrunden, vielleicht ist es auch nur ein Beitrag innerjapanischer Entwicklungshilfe, aber auf jeden Fall ging es beim vorletzten Rennen der Saison nicht einmal rund um die Mülltonne, sondern einmal rund um die Erdölraffinierie.

Yokkaichi macht es dem zufälligen Besucher nicht einfach es zu mögen. Ich kam am Samstag vor dem Rennen mit dem Zug aus Nagoya und blätterte gelangweilt in dem touristischen Pamphlet über die Stadt, das mir der JCRC mit meinen Startunterlagen zugeschickt hatte. Besonders dick war es nicht, es hatte den Umfang peruanischer Sportleranekdoten. Oben rechts in der Ecke prangte ein Bild von einer Ölraffinerie. Die zweite Attraktion der Stadt war der wiedererrichtete australische Pavillon der Weltausstellung von 1970 in Osaka. Prima, da konnte ich mich ja voll auf das Rennen konzentrieren und sollte nicht unnötig von der Schönheit der Landschaft abgelenkt werden.

Kombinat Yokkaichi

Ich kam spät abends an und hatte ein Hotel direkt am Bahnhof reserviert. Auf dem Weg dorthin musste ich eine größere Straße überqueren, auf der gerade eine Bosozoku Gang ihre Motorräder paradierte.
Es gibt viele Dinge in Japan, die wir nicht kennen, oder kennen aber nicht schätzen bevor wir nach Japan reisen aber dann für immer lieben: Entspannung in den heißen Quellen von Onsen gehört dazu, genau wie Karaoke: Am Anfang will kein Besucher freiwillig mitmachen, aber nach fünf Stunden muss man dem gleichen Besucher das Mikro aus der Hand reißen und ihn zwingen nach Hause zu gehen. Aber auch banale Dinge wie japanische Süßigkeiten oder beheizte Klobrillen.

Es gibt viele Dinge in Japan deren Reiz dem ausländischen Besucher für immer verborgen bleiben werden. Warum es Spaß machen könnte in verrauchten Pachinkohallen Stahlkugeln in Löchern verschwinden zu sehen gehört genauso dazu wie eben, warum es toll sein könnte mit seinen Freunden auf frisierten Motorrädern immer wieder die gleiche Straße auf und ab zu fahren bis die Polizei kommt und man aufgefordert wird damit aufzuhören. Was dann auch in der Regel geschieht. Das ist im wesentlichen die Essenz von Bosozoku, man braucht ein Motorrad, dass dann mit einer neuen Auspuffanlage sehr laut gemacht wird, am besten kombiniert mit einer Dreiklanghupe. Dazu kommt auf jeden Fall eine sinnlose Frontverkleidung, ein Sitz mit einer langgezogenen Rücklehne, dazu noch ein paar Fähnchen am besten die japanische Kriegsflagge der Marine und dann halt der Typ selber.

Ein Bosozoku Motorrad sieht aus wie ein nach einem AKW Unfall mutiertes Bonanzarad. Bis in die Neuziger Jahre waren Bosozoku Gangmitglieder eher jung und wurden im Anschluss an ihre Karriere von der japanischen Mafia, sprich Yakuza requiriert, um dort aufzusteigen. Oder sie führten anschließend ein ganz normales Leben und arbeiteten in der Fischfabrik oder im Büro. Die Zahl der aktiven Mitglieder ging in den folgenden Jahren stark zurück und heute sieht man auch ältere Mitglieder die versuchen ihr Alter durch mehr PS und mehr Frontverkleidung zu kompensieren.

Eine gewisse Altersmilde ist auch bei der Farbwahl zu erkennen.

Ich checkte in das Hotel New Yokkaichi ein, wobei mir schmerzlich bewusst wurde, dass sich das „New“ eher auf die Stadt Yokkaichi und weniger auf das Hotel bezog. Das Hotel war sicherlich einmal neu gewesen, dass war aber zu der Zeit als die Bay City Rollers neu in den Charts waren; seitdem hatte man es nicht mehr für nötig erachtet den Hotelnamen zu ändern. Noch sonst etwas. Draußen fuhr die Bosozoku Gang immer noch ihre Runden und ich fragte den Rezeptionisten, ob ich ein Zimmer auf der anderen Straßenseite haben könnte wegen dem Lärm.
„Oh, machen Sie sich bitte keine Sorgen, ihr Zimmer hat sowieso keine Fenster!“

War die etwas überraschende Antwort. Oben angekommen stellte ich fest, dass mein Zimmer in der Mitte des Gebäudes war und tatsächlich über keinerlei Öffnungen bis auf die Tür verfügte: Kein Fenster, kein Belüftungsschacht – nichts. Es war sozusagen die touristische Yokkaichi-Version des Führerbunkers im vierten Stock. Ich war müde, es gab nichts zu sehen, nichts zu tun und ich schlief schnell ein. Ich träumte von russischen Artillerieeinschlägen die immer näher kamen, bis der Wecker um 5 Uhr morgens klingelte.

Im Zimmer war es noch dunkel, was jetzt nicht so überraschend war, da es ja keine Fenster gab. Ich packte mein Zeug und mein Rad und wollte mich auf den Weg in das ca. 15 bis 20 km entfernte Yokkaichi Sportsland machen. Draußen sah es nicht gut aus; ich wählte die falsche Straße aus der Stadt heraus und bis ich die richtige fand startete es Bindfäden zu regnen. Japaner haben für diesem Fall einen Regenschirm dabei. Sobald ein Wölkchen am Himmel auftaucht wird mit dem Regenschirm aus dem Haus gegangen, das ist so natürlich in der DNA eines Japaners wie Schlüssel, Geld und Handy mitzunehmen. Die favorisierte Methode deutscher Männer ist anders, viele von uns würden nie so etwas unnützes wie einen Regenschirm nur auf Verdacht mitnehmen. Es könnte ja auch nicht regnen. Wenn es dann doch anfängt stark zu regnen lösen wir das Problem in dem wir versuchen es zu ignorieren, auch wenn wir komplett durchnässen. Meine Frau ist daher ernsthaft der Überzeugung, dass es mehr deutsche Männer mit Glatzen gibt als japanische, weil wir keinen Regenschirm haben und der saure Regen unsere Haare wegätzt.
Ich wusste den Weg nicht genau, verfuhr mich ein paar mal und kam völlig durchnässt im Sportsland an, immer noch den Regen komplett ignorierend. Zum Glück hatte ich wenigstens noch Haare.


Da ich ja jetzt schon einmal da war, konnte ich auch gleich eine Proberunde auf der Stecke drehen. Der Kurs war 9 km lang und musste zwei Mal gefahren werden; es bestand also keine Gefahr überrundet zu werden, ich musste nur ankommen und konnte meine Punkte für die Meisterschaft mitnehmen. Aber natürlich hatte ich auch einen gewissen Ehrgeiz und hoffte ausnahmsweise einmal ein gutes Ergebnis zu erzielen. Natürlich nicht zu gut – denn wäre ich unter den ersten Sechs gelandet hätte dies automatisch zum Aufstieg in die C Klasse geführt und die Meisterschaft in der D Klasse hätte ich vergessen können.

Der Kurs war nicht so einfach, aber auch bei weitem nicht so schwierig wie die Strecke von Gunma oder Shuzenji. Nach dem Start ging es zu zunächst leicht abwärts und daran schloss sich ein langer Anstieg von etwa 80 Höhenmetern an, das waren etwa zwei Drittel der gesamten Höhenmeter auf dem Kurs. Ich musste also unbedingt schauen, dass ich diesen Anstieg im Feld mitfahren konnte. Daran schloss sich eine sehr schöne und nicht so technische Abfahrt an, bei der man einen Hügel übersprinten konnte. Unten angekommen gab es dann wieder einen kurzen Anstieg, ein flaches Stück und dann 200 Meter vor dem Ziel eine technische Kurve bevor es dann in einem steilen Anstieg auf das Ziel zuging. Es gab einige hässliche Metallgitter und Kanaldeckel auf der Straße, ich musste also aufpassen hier nicht unglücklich zu fallen.

Mittlerweile hatte ich keinen trockenen Fetzen mehr am Körper und wollte mich umziehen, damit ich nicht mit einem zusätzlichen Gewichtsnachteil von mehreren Kilogramm Wasser am Körper starten musste. Ich ging auf eine der öffentliche Toiletten und freute mich daran, dass auch diese über eine beheizte Klobrille verfügte. Die Freude dauerte allerdings nicht lange an, denn irgendwann fiel mir auf, dass da überhaupt kein Stromkabel verbunden war und die Hitze keineswegs von einer Beheizung, sondern von den vielen Menschen kam, die vor mir auf der Toilette gesessen hatten.

High Tec Toilette Japan

Trocken und wieder kalt ging ich zum Start, wo ich einige bekannte Gesichter wiederfand. Es hatten sich bei diesen Bedingungen auch nur 22 Fahrer in der D Klasse eingefunden. Jeder kannte mich, den einzigen Ausländer und wenn ich jemanden ansprach, dann erzählten die anderen Sportler gerne, wo sie mich schon überall gesehen hatten, aber ich kannte so gut wie keinen, ich kann mir einfach Gesichter nicht gut merken. Aber immerhin, wenn man mal mit jemandem auf einer explodierenden Vulkaninsel war, dann schafft das eine gewissen innere Verbundenheit. Wir quatschen ein wenig über das miese Wetter und dann ging es auch schon los. Action Time.

Wie gewöhnlich wurde das Rennen erst einmal am Start neutralisiert und das Führungsmotorrad gab ein moderates Tempo vor; so ging es dann auch in den langen Anstieg. Zu meiner Überraschung konnte ich auch recht gut mithalten; ich musste mich zwar unglaublich hart anstrengen und fiel Platz um Platz zurück, aber als wir am Ende des Anstieges waren, war ich immer noch am Ende des Feldes. In der langen, nicht technischen Abfahrt konnte ich mich dann wieder weiter vorne platzieren – Masse rollt eben gut. Im nächsten, kürzeren Anstieg fiel ich dann aus dem Feld heraus und war etwa 200 Meter hinter diesem, als es zum ersten Mal über den Zielstrich ging. Das Minimalziel war also schon erreicht und Letzter war ich auch nicht. So machte ich mich dann frohen Mutes zum zweiten Mal auf den langen Anstieg, der dieses Mal viel härter war. Bei den JCRC Rennen ist es so, dass alle Teilnehmer einer Klasse, in meinem Fall der D Klasse, die gleiche Farbe der Sturzhelmkappe haben, so dass man die Fahrer im Feld gut auseinander halten kann. Auf dem Anstieg sah ich einen weiteren Fahrer mit blauer Kappe, also meiner Klasse, etwa 100 Meter vor mir. Das motivierte mich zusätzlich und ich versuchte auf ihn aufzuschließen. Das schaffte ich zwar nicht mehr vor dem Ende des Anstieges, aber in der Abfahrt kam ich näher und näher. Und als dann der kleine Hügel kam und ich mit viel Masse von hinten vorbei schoss, zoomte ich an ihm vorbei. Das demoralisierte ihn dermaßen, dass er weit hinter mir ins Ziel kam wie ich später herausfand. Ich versuchte in der Folge immer noch schnell zu fahren, aber auch mich auf keinen Fall noch auf die Fresse zu legen. Damals fuhr man ja noch 8 bar und 23 mm Reifen, eine total gute Idee für Rennen im Regen.

Am letzten Anstieg vor dem Ziel überholte mich der führende Fahrer der E Klasse, die zwei Minuten nach uns gestartet waren. Da wusste ich, dass ich dieses Mal wirklich nicht schlecht war. Ich sprintete über die Ziellinie und wurde dann letztendlich 15. von 20 Fahrern die ins Ziel kamen. Das war zwar nicht meine beste Platzierung in diesem Jahr (das war der 8. Platz auf Miyakejima), aber wenn man das von hinten sieht, nämlich wie viele Fahrer sich hinter mir platziert hatten, war das mit Abstand meine beste Leistung. Zur Erinnerung: Auf Miyakejima war ich 8. von 9 Fahrern, der Letzte war mein Freund Stephen den ich zm Zweck nicht Letzter zu werden eingeladen hatte.

Für diese Platzierung bekam ich sogar ein paar Extrapunkte vom JCRC. Meine Konkurrenten landeten auf den Plätzen 7 und 9 in diesem Rennen, aber das war egal. Ich musste nur noch das letzte Rennen in Saiko zu Ende fahren und hätte es geschafft, ganz egal wo die oder ich am Ende landeten.

Es klingt immer ein wenig bescheuert, aber nach diesen 18 km Rennen war ich wirklich geschafft. Es sind ja nicht nur die 18 km: es ist die Nacht im Bunker, das sinnfreie Radeln durch den Regen, die Landschaft in Yokkaichi …. ich war jedenfalls heilfroh als ich mittags wieder im Zug saß und Richtung Heimat Tokyo fuhr.

Dort landete ich im Raucherabteil und das war dann auch mein letzter Eindruck der Stadt: Petrotechnik im Regen gesehen durch verrauchte Fenster im Schnellzug.

Die Präfektur Mie, in der Yokkaichi liegt ist übrigens eine total hübsche muss hier noch in aller Fairness angemerkt werden.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2022, Übergestern, Mob, Uncategorized

Übersicht: Übergestern in Tokyo

Kapitel 1
Übergestern in Tokyo

Kapitel 2

Auf dem Weg nach Tokyo

Kapitel 3

Renndebut in Saitama

Kapitel 4

Überstunden für Slartibartfast

Kapitel 5

Where is the gun, ma?

Kapitel 6

Vulkanausbruch auf Lummerland

Kapitel 7

Die elliptische Tretmühle in Hitachi-Naka

Kapitel 8

Zurück in Gunma

Kapitel 9

Auch zurück in Shunzenji

Kapitel 10

Schräge Horizonte

Kapitel 11

Dreimal ist Gunma Recht

Kapitel 12

Radfahren im Kombinat
Yokaichi 25. Oktober Positivo1 Positivo2

Kapitel 13

Meisterschaft in Saiko

Saiko Review Positivo Positivo 2

Kapitel 14

Nachwort

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Dreimal ist Gunma Recht

Wenn man in Bremen zwei Mal richtig Mist gebaut hat, aber es noch ein drittes Mal versuchen will, dann wird oft ausgerufen: „Dreimal ist Bremer Recht!“.Warum das so ist und wo das herkommt, keiner weiß es genau. Warum der JCRC drei Rennen in Gunma austrägt und ich da schon wieder hinfahren musste wusste auch keiner genau.

Aber eins wusste ich sehr sicher: Das würde das härteste Rennen der Saison werden denn es ging diesmal über 12 Runden des hügeligen 5 km Kurses in der japanischen Diaspora. Damit ich mir dort die notwendigen Punkte für die Meisterschaft holen konnte, durfte ich mich nicht überrunden lassen, aber selbst in guter Form hatte ich auf dem Kurs eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 31 km/hr, während die Spitze lachend mit fast 36 km/hr über die Ziellinie fuhr. Meine einzige geringe Chance war im Windschatten zu fahren und permanent angefeuert zu werden, aus diesem Grunde überzeugte ich Tom, mit dem ich bereits in Shiobara unterwegs war, und Ludwig mich nach Gunma zu begleiten.

Ludwig hatte ich ein Jahr vorher zum Radfahren gebracht. Wir hatten die gleichen Freunde, wohnten zu unterschiedlichen Zeiten in der gleichen Hütte in Tokyo, waren im gleichen Stipendium aber hatten uns nie getroffen. Bis wir es dann mal taten und kurz danach in derselben Firma arbeiteten. Leider hatten wir dann einige Reibereien und sahen uns eine Weile nicht, bis wir den Faden wieder aufnahmen und begannen zusammen Rad zu fahren. Ich lieh Ludwig mein altes Rennrad und wir fuhren los, am Anfang war er natürlich nicht besonders gut, aber da er jünger, leichter und noch ehrgeiziger war als ich, machte er mich schon bald an jedem Berg mühelos kalt. Trotzdem harmonierten wir gut miteinander und fuhren an den Wochenenden längere Touren in den Bergen nördlich von Toyko. Sowohl Ludwig als auch Tom waren also deutlich schneller als ich, was bedeutete, dass sie genug Luft in den Lungen haben sollten, um mich auch am Berg anfeuern zu können. Leider hatte ich ganz vergessen, das Ludwig ja in der X Klasse starten würde und nicht mit mir zusammen.

Wir machten uns also an einem wunderschönen Oktobertag mit stahlblauem Himmel im Firmen BMW auf den Weg nach Maebashi um dort in einem Business Hotel zu übernachten. Maebashi ist der letzte Zipfel der Tokyoter Zivilisation, einem riesigem Gebiet in dem mehr als 30 Millionen Menschen leben. Überwiegend übrigens Japaner, falls das nicht klar ist.

Japaner. Viele.

In Japan lebten 2020 etwa 126 Millionen Menschen, Tendenz sinkend. Etwa 2 bis 3% davon sind Ausländer, wobei der Begriff Ausländer hier sehr weit gefasst ist: Zu den Ausländern gehören etwa die Nachfahren koreanischer und chinesischer Zwangsarbeiter die im 2. Weltkrieg nach Japan verschleppt wurden und dann aufgrund der Bürgerkriege nicht mehr zurückkehren in ihre Heimat zurückkehren konnten. Mehr als 75 Jahre später haben viele dieser Menschen keinen japanischen Pass; die Gründe dafür sind vielschichtig und liegen nicht allein in der Politik Japans, aber am Ende leben fast eine Million Menschen ihr ganzes Leben in Japan, sprechen japanisch und sehen aus wie Japaner, haben aber keinen japanischen Pass.

2009 wurde ich eingeladen von der Stadt Itoigawa, die gerade von der UNESCO als „Geologisches Weltkulturerbe“ ausgezeichnet worden war. Japan liegt ja unglücklicherweise im Schnittpunkt von vier tektonischen Platten die immer noch heftig zucken. Und Itoigawa liegt gerade dort, wo die Eurasische Platte auf die Nordamerikanische Platte an die nördliche Küste Japans trifft. Ein paar andere Ausländer und ich sollten sich die Stadt und ihre touristischen Möglichkeiten ansehen und Ratschläge geben, wie man mehr ausländische Touristen anziehen könnte. Ich durfte da hin, weil die japanische Frau eines ehemaligen Kollegen dort aus der Gegend kam. Ich will jetzt gar nicht über das sinnlose Unterfangen an sich erzählen: Itoigawa war mal ganz schön, aber heute ist es das eben nicht mehr. In den Siebzigern und Achtzigern wurde alles schöne in der Stadt platt gemacht und durch etwas modernes ersetzt. Dann endete die „Bubble Era“, das Geld wurde knapp und all das neue moderne wurde in den nächsten dreißig Jahren alt, hässlich und blieb stehen. Dazu muss man wissen, dass in Japan ja nicht für die Ewigkeit gebaut wird, da Naturgewalten wie Erdbeben, Taifune und Tsunamis eh alles schnell zerbröseln lassen. Kein Mensch käme da auf die Idee sagen wir mal, Pyramiden zu bauen, denn die würden schon während der Bauzeit fünf Mal zerstört werden. Durchschnittlich hält ein Gebäude etwa dreißig Jahre, dann wird es durch etwas neues ersetzt. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Gebäude die in Japan standen, als ich 1985 zum ersten Mal da war, heute nicht mehr existieren. Wie die Hütte in der ich damals lebte.

Links Eurasien, rechts Nordamerika – der Hammer !

Jedenfalls gab es in Itoigawa wirklich nichts schönes. Klar, man kann mit dem Boot zum fischen rausfahren, oder die wunderschöne Natur in den Bergen außerhalb von Itoigawa bewundern. Aber in der Stadt selber gab es nur diese eine Grabung, bei der eine Stelle freigelegt wurde an der das geübte Geologenauge sehen kann, wie eine tektonische Platte auf der anderen liegt. alle anderen Augen sehen da nur Stein und Staub. Wie sollte man damit Touristen nach Itoigawa locken, außer Gruppen von perversen Geologen die nachts heimlich an der Grabung ejakulieren?

Wir waren eine Gruppe von 20 Ausländern, die genau diese Ideen haben sollten. Meine progressiven und originellen Vorschläge wie Radrennen, Radrennbahn, Sechstagerennen, Radrennen für Geologen wenn’s denn sein muss, fanden erwartungsgemäß wenig Gehör. Interessant war aber, dass alle anderen 19 Ausländern genau wie ich bereits mehr als zehn Jahre in Japan lebten. Da waren zwei japanische Opas dabei die ich für Japaner gehalten hatte, die aber beide als Kinder im Krieg von Korea nach Japan verschleppt wurden und seitdem in Kyoto, der japanischsten aller Städte überhaupt lebten. Und auch nur japanisch sprachen. Da würde ich jetzt die Bezeichnung „Ausländer“ zwar als faktisch richtig, aber wenig sinnvoll erachten.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Anteil an Ausländern in Japan nur deswegen steigt, weil die japanische Gesamtbevölkerung sinkt und mehr alte Japaner, als junge Ausländer sterben. Eine Immigration nach Japan gibt es so gut wie nicht. Einer der Hauptgründe für Immigration in Deutschland, nämlich politisches Asyl, ist in Japan quasi nicht existent. 2018 gab es in Japan etwas mehr als 10.000 Anträge auf Asyl, von denen 42 genehmigt wurden. Einbürgerungen gibt es mehr aber auch nicht viele, was an der langen Prozedur und den hohen Anforderungen liegt, das durfte ich selber ansatzweise erfahren.

Nach acht Jahren in Japan stellte ich einen Antrag auf Permanente Aufenthaltsgenehmigung (eijutai) und musste dafür eine Reihe von Dokumenten vorbereiten. Neben dem üblichen Kram wurde von mir verlangt eine Begründung auf japanisch zu schreiben, eine Skizze anzufertigen, wie ich von meinem zuhause zur nächsten U-Bahnstation komme, mit Angabe markanter Gebäude und Geschäfte entlang des Weges und außerdem sollte ich auch zwei Fotos beifügen, die meine Frau und mich in „typisch häuslichen Situationen“ zeigen. Letzteres empfand ich als besondere Herausforderung an meine kreativen Fähigkeiten. Wir machten ein Foto, wie ich im Wohnzimmer auf der Couch liege mit einer Flasche Bier und in der Hand und dabei eine japanische Wirtschaftszeitung, „Nikkei Shinbun“ lese, während meine Frau mit dem Staubsauger um mich herum saugt. Damit wollte ich nachweisen, wie sehr ich mich schon in die japanische Männerrolle zuhause eingefunden hatte. Japanische Männer machen nämlich zuhause absolut nichts, erstens, weil sie nichts können, und zweitens weil sie nichts dürfen.

Ein zweites Foto machte ein guter Freund von uns beiden. Meine Frau und ich lagen nebeneinander im Bett und lasen beide ein Buch, meine Frau „Stalingrad“ von Anthony Beaver und ich „Darum spinnen Japaner“ von Christoph Neumann. Das schien mir aber dann doch etwas zu gewagt und ich entschied mich für ein weiteres Fotos am Yasukuni Schrein in Tokyo, wo die ganze Familie still den Kriegstoten des 2. Weltkrieges gedachte.

Das war das Maximum, was ich an Opportunismus machen konnte; ein halbes Jahr später konnte ich mir meine Bescheinigung abholen. Die Prozedur um eingebürgert zu werden ist deutlich komplizierter und erforderte unter anderem die Annahme eines japanischen Namens. Kein Wunder also, dass das für viele nicht attraktiv ist, etwa 20 bis 40 Tausend Menschen werden jedes Jahr Japaner, die meisten davon Chinesen und Koreaner.

In Maebashi, um den Faden wieder aufzunehmen, übernachteten wir also in einem miesen Hotel mit kleinen Betten und schlechtem Frühstück und das war immer noch 60 km vom Gunma CSC entfernt. Kurz nachdem wir dort angekommen waren, fuhr ein anderer Ausländer auf den Parkplatz. Ich hatte seinen Namen schon einmal in der Ergebnislisten des JCRC gesehen und gegoogelt, das war ein erfolgreicher Headhunter für Investmentbanker in Tokyo. Im Gegensatz zu uns mit unserem mickrigen BMW fuhr der mit einem Porsche Sportwagen vor, auf dessen Dach zwei teure Räder fixiert waren. Da seine unglaublich gut aussehende japanische Freundin dabei war und ein Porsche ja fast keinen Kofferraum hat, waren auf dem Heck zwei schwarze Ledertaschen für den notwendigen Kram: Pumpe, Radkleidung, Erdsatzteile und Riegel in der einen, Kosmetika im wesentlichen in der anderen.

Jetzt würde ich ja gerne schreiben, was für ein schlechter Fahrer das ist, aber leider war das überhaupt nicht der Fall, er landete weit vorne in der A Klasse und stand somit in Punkto Leistung, Aussehen, Erfolg, Reichtum, Frauen für alles was ich verabscheue und mir gleichzeitig wünsche.

Alles was ich mir wünsche.

Zusammen mit Tom ging ich dann an den Start der D Klasse. Das Rennen entwickelte sich dann schnell wie erwartet: In der Abfahrt konnte ich gut mithalten, aber sobald es in den ersten Anstieg ging fiel ich wie in den beiden vorherigen Rennen aus dem Feld heraus. Tom blieb netterweise bei mir und feuerte mich an, während ich mir die Lunge aus dem Hals pedalierte. Ludwig tat ebenfalls sein bestes vom Streckenrand aus. Wenn ich mit Schwung aus den Abfahrten kam, war ich tatsächlich auch schneller am ersten Stück der Anstiege, was Tom dann immer glauben ließ, ich würde meine wahren Fähigkeiten zeigen und ihn noch lauter schreien ließ. Aber es war halt nur träge Masse, die sich gemäß physikalischer Gesetzmäßigkeiten bewegte. Zudem hatte ich auch Probleme mit der Schaltung, während des Transportes hatte ich irgendwie das Schaltwerk verstellt oder beschädigt und mir fielen ständig die Gänge raus. An sich war es von Anfang an hoffnungslos 12 Runden auf diese Weise zu überleben, aber da wir schon mal da waren taten wir alle unser bestes: Ich fuhr Rad und verausgabte mich völlig, Tom fuhr Rad neben mir und verausgabte sich eher weniger und Ludwig fuhr halt später.

Nach 8 Runden war es dann soweit, wir wurden von den führenden Motorrad des Hauptfeldes überholt und aus dem Rennen gewunken. 8 Runden sind an sich keine schlechte Leistung, beim ersten Mal in Gunma hatte ich so gerade 3 Runden überlebt, beim zweiten Mal 6 und jetzt schon 8. Aber es war halt immer noch viel zu schlecht um vorne mitspielen zu können.

Immerhin, von den 71 gestarteten Fahrern schafften es nur 51 ins Ziel, der Rest wurde wie ich früher oder später aus dem Rennen genommen. Insgesamt war es aber dennoch ein voller Erfolg, weil auch mein schärfster Verfolger in der Meisterschaft überrundet wurde und somit so wie ich keine Punkte bekam. Und der Drittbeste in der Jahreswertung landete sogar unter den ersten sechs im Rennen. Hm, dann bekommt er doch jede Menge Punkte, richtig? Ja, das stimmt aber auch dazu eine Beförderung in die C Klasse und ist damit raus aus der D Jahreswertung. Tja, zu gut darf man eben auch nicht sein beim JCRC.

Ludwig fuhr ein erstes, starkes Rennen und wurde erst in der letzten Runde überrundet, sonst wäre er auch in die Wertung gekommen. In den verbleibenden Rennen platzierte er sich irgendwie gut und konnte dann im Jahr darauf in der D Klasse starten. Wo er dann, genau wie ich versuchte die Meisterschaft zu holen und dies, genau wie ich, dann auch tat. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, ob er nächstes Jahr auch ein Buch darüber schreiben wird, so wie ich.

Wir fuhren nach Hause und ich radelte am nächsten Tag zu meinen Radladen „Positivo“, der dem wunderbaren Nagai-San gehörte, damit er mein Schaltwerk wieder in Ordnung brachte.

Der wunderbare Nagai-San (rechts)

Nagai-San hatte seinen kleinen Laden aufgemacht, nachdem er aus Europa zurückkam, wo er als Mechaniker im Pro-Team Fasso Bortolo bis 2005 gearbeitet hatte. Er hatte an den Rädern von Ivan Basso, Fabian Cancellara, Alessandro Petacchi, oder Vincenzo Nibali geschraubt und man sagte, wenn er eine Shimano 105 einstellt, dann läuft die wie eine Ultegra. Sein Laden war eher bescheiden klein, fast kein Platz für Räder und vollgestopft mit Teilen bis oben. Reparaturständer und Werkstatt waren vor der Verkaufstheke, so dass es auch keinen ruhigen Platz gab, an dem man konzentriert schrauben konnte. Trotzdem war Nagai-San immer voll da und beeindruckte mit Präzision und Schnelligkeit. Ihm war es egal, ob er für Nibali oder für mich schraubte, er versuchte immer sein Bestes zu geben. Ich konnte mir keinen besseren Mechaniker wünschen – noch nicht einmal von Radsport Lentzen in Aachen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2022, Übergestern, Mob, Uncategorized

Schräge Horizonte

Anfang Oktober als die Temperaturen wieder erträglich waren, veranstaltete der JCRC das nächste Rennen in dem kleinen Ort Shiobara. Das „Onsen“ Shiobara liegt etwa 200 km nördlich von Tokyo in der Präfektur Tochigi und, wenig überraschend mitten in den Bergen. Und was macht der JCRC dort? Nein, kein Bergrennen. Zwei Bergrennen.

Aber bevor ich über das Rennen schreibe einige Worte zum Thema „Onsen“. Das ist, wenig erstaunlich, ein japanisches Wort und heißt wörtlich übersetzt etwa „Heiße Quellen“. Im täglichen Sprachgebrauch ist entspricht es am ehesten einem Thermalbad, d.h. man geht dort hin, legt sich in das heiße Wasser und entspannt sich. Japan an sich wurde ja bekanntermaßen auf einem großen, brodelnden Vulkan gebaut, und da man es damals nicht geschafft hat alle Spalten und Ritzen abzudichten, spritzt quasi an jeder Ecke heißes Wasser aus dem Boden. In den Bergen gibt es viele schöne Onsen, die sich darauf spezialisiert haben Besucher anzulocken und im heiligen Dreiklang zu vergnügen: Essen. Natur. Heiße Quellen.

Shiobara ist so ein Dorf. Es gibt wirklich phantastische Onsen in Japan. Man sitzt draußen im heißen Wasser, um einen herum liegt Schnee liegt und einige rotärschige Affen wärmen sich im nächsten Becken.

Oder man sitzt am Rande eines Flusses in jahrhundertalte Holzbauten und bestaunt das rote und gelbe Laub der Momiji Bäume auf der anderen Seite. Einmal war ich an einem Onsen am Meer, dort gab es natürliche Becken in denen durch den Boden heißes Wasser reinblubberte. Es wurde dann immer heißer, bis endlich eine Welle vom Meer kam und kaltes Wasser in das Becken spülte. Das Gefühl warm – wärmer – scheißheiß – kalt war einfach großartig und extrem entspannend. Ich glaube von 100 Japanern lieben 100 Japaner den Gang in ein Onsen; es gibt in Deutschland nichts vergleichbares, was uns so vereint und entspannt. Doch vielleicht: In den Siebzigern in Mönchengladbach war das für Männer am Samstag Nachmittag das Auto auf der Straße waschen und dabei im Radio Fußballbundesliga zu hören. Damals hat Gladbach noch regelmäßig gewonnen.

Und genauso ist es bei den Onsen. Es gibt viele wahnsinnig schöne Onsen, aber die Wahrheit ist eben auch, dass es viele nicht so schöne gibt. Langweilige Betonkästen, die die Straßen durch kleine Dörfer in den Bergen rechts und links säumen. Gestapelte Ferienwohnungen mit dem Ziel möglichst viele Besucher unterzubringen und so effizient wie möglich zu vergnügen.

Irgendjemand entdeckt einen schönen Ort und dann fahren immer mehr Leute dorthin. Die Menschen dort stellen sich darauf ein und dadurch verliert der Ort viel von seiner ursprünglichen Schönheit. Die Besucher finden das doof, das ganze ist nun Touristennepp und ab geht es auf der Suche zum nächsten Ort. Wobei es einen wesentlichen Unterschied zwischen der Idee von Tourismus in Deutschland und in Japan gibt: Wir hier finden Tourismus per se erst einmal schlecht. Wenn wir irgendwo hinfahren, dann sich wir ja keine Touristen; aber alle anderen die da eigentlich nicht hingehören. Deshalb fahren wir ja nicht zu klassischen Tourismusorten wie Mallorca – oder nur notgedrungen wegen Familie, Corona oder Geld – und sind stattdessen auf der Suche nach exotischen, unberührten Orten wie, sagen wir mal Bergvölker in Burma (erstaunlicherweise aber nicht Salzgitter). Waren wir z.B. in Paris, dann gehen wir natürlich nicht zum Louvre, Eiffelturm oder Friedhof Pere Lachaise, sondern entdecken die Vorstädte neu oder machen was sonst gerade in und leicht absurd ist. Weil dann haben wir zuhause etwas zu erzählen, was dann mit den Worten „kennt kein Mensch, total ursprünglich, keine Touristen da, etc.“ unterstrichen wird. Und irgendwie ärgern wir uns, wenn andere da auch schon waren oder später dorthin reisen und davon erzählen.

Ich habe das Gefühl immer, wenn mir jemand erzählt, dass er Sa Calobra auf Mallorca mit dem Rad gefahren ist. Das ist so, als wenn mir jemand ethusiastisch einen Witz erzählt, den ich bereits vor fünf Jahren im Internet gesehen habe. Vermutlich steht er da auch schon zehn Jahre.

Japaner sind da ganz anders. Für Sie ist es quasi ein Muß die bekannten Sehenswürdigkeiten eines Ortes zu besuchen und anschließend stolz zuhause darüber zu berichten. Jeder Bericht vom Eifelturm wird zuhause oder im Büro dann mit viel „Eeehhh“ kommentiert. Nur wenige Japaner kämen auf die Idee nach Paris zu fahren, mit Drogenverkäufern in den Banlieues abzuhängen und dann zuhause darüber zu berichten. Es ist viel wichtiger die Erwartungshaltung zu treffen als zu beurteilen, ob man etwas wirklich schön oder gut findet.

Einmal ging ich mit einem Freund eine Straße in dem Vergnügungsviertel Shibuya in Tokyo lang und zeigte ihm ein kleines Restaurant, in dem ich vor ein paar Tagen wirklich gut gegessen hatte. „Das“, sagte ich, „ist ein richtig gutes Restaurant.“ Er schaute mich entgeistert an und antwortete: „Ja, aber kein Mensch kennt es!“

Ich denke, dass ist auch der Grund dafür, dass es in Japan teilweise unglaublich schlechte Onsen gibt, die vor vielen Jahren richtig schön waren, jetzt immer noch existieren, viele Besucher haben und nicht durch etwas schöneres ersetzt werden.

Shiobara hat halt den Charme genau eines solchen Onsendorfes, ich nenne die mal Zombieonsens: Die sind eigentlich schon tot, aber irgendwie bewegen die sich noch.

Die kleine Form des Onsens ist übrigens das „Sento“. Das sind kleine Badehäuser in der Stadt, in denen man sich erst in einem Vorraum wäscht und dann im Hauptraum in ein Becken mit heißem Wasser steigt. Der Zweck des Sento ist es eigentlich Menschen mit einer kleinen Wohnung ohne Bad in den großen Städten wie Tokyo oder Nagoya eine günstige Waschmöglichkeit zu geben, aber die Entspannung ist so großartig, dass man das gerne nutzt auch wenn zuhause ein Bad vorhanden ist.

In meiner Zeit als Stipendiat in Japan war ich oft mit meinen deutschen Freunden im Sento bei uns in der Nachbarschaft und habe dort die lustigsten Dinge erlebt.
Natürlich wurden wir ab und an von anderen Besuchern neugierig angesehen, was ja nicht so ungewöhnlich ist, wenn da auf einmal fünf nackte, weiße Deutsche ins Becken steigen. Oder aus dem Becken steigen, dann unten rot und oben immer noch weiß wie die polnische Flagge.
Einer der anderen Stipendiaten, Michael war wenig begabt japanisch zu lernen, auch sonst stand er nicht so auf das Land und machte ab und an etwas Schwierigkeiten.
Ihm ging das Anstarren mal so auf die Nerven, dass er die anderen Besucher auf japanisch anschreien wollte: „Warum starrt ihr so? Wir sind auch nur Menschen!“ Leider war wie gesagt, sein japanisch nicht so gut und stattdessen schrie er: „Warum starrt ihr so, wir sind auch nur Möhren!“ Was eher für zusätzliche Verwunderung führte.

Ein Onsen ist ein wunderbarer Ort an dem man entspannt wunderbare Dinge erleben kann.

Auch für dieses Rennen konnte ich jemand begeistern mit mir zu kommen: Tom lebte schon seit Ewigkeiten in Japan, kam aber eigentlich aus Belgien. In der Tradition von Eddy Merckx, Tom Boonen und Wim Vansevenant ist er auch ein sehr guter Radfahrer. Da er wenig mehr wiegt als ein durchschnittlicher japanischer Rennradfahrer, für die Gravitation nicht abwendbar ist, fährt Tom auch ziemlich schnell die Berge hoch. Mit anderen Worten, ich hatte niemanden, der hinter mir, dem Vorletzten, Letzter werden würde.

Tom und ich hatten uns seit Monaten mental auf das Bergrennen vorbereitet. Da körperliches Training für uns keinen Sinn macht, konzentrierten wir uns voll und ganz auf das mentale Training. Wir wussten dass die Straßen in Shiobara alle sehr steil sind. Um uns bereits in Tokyo daran zu gewöhnen, liefen wir nur noch mit dem Oberkörper leicht nach vorne oder seitlich gekippt durch die Gegend.

Auf diese Art und Weise hofften wir uns schneller an das ungewöhnliche Terrain aklimatisieren zu können. Auch die ganzen 200 km von Tokyo im Auto saßen wir beide seitlich nach rechts gebeugt.

Als wir in Shiobara ankamen wurde ich prompt von einer Biene gestochen. So etwas war mir nicht mehr passiert, seitdem ich acht Jahre alt war und in den Stoppelfeldern einen Drachen steigen ließ. Ich denke dass ist Karma, weil ich auch nicht mehr so einen Blödsinn gemacht hatte, seitdem ich acht Jahre alt war.

Die Rennen selber fanden an zwei Tagen statt. Am ersten Tag sollte es ein Bergeinzelzeitfahren gehen über 7 km und einem Höhenunterschied von 450 Meter. Die Strecke war an sich auch wunderschön in den Bergen gelegen und der Ausblick in die Täler phantastisch. Leider ist es so, dass ich nicht viel von der Landschaft um mich herum sehe, wenn ich mich mit einem Puls von 170 plus nach oben quäle. Das Gehirn dreht dann ganz kleine Kreise. Zum Glück gab es auf diesen 7 km auch einige „flachere“ Stücke, wo ich etwas Energie würde sammeln können um dann auch die steileren Stücke schnell zu fahren. Ich schätze einmal, dass die Steigungen in den Haarnadelkurven 15% oder mehr waren.

Am folgenden Tag sollte es dann ein 12 km langes Rennen geben, das im Tal gestartet wurde. Die ersten Kilometer waren recht flach am Fluss entlang durch das Dorf, bevor es dann wieder in die Berge ging und dann noch einmal genau die gleichen 7 km wie beim Zeitfahren am Tag zuvor ins Ziel gefahren werden mussten. Am ersten Tag hatte ich noch keine Ahnung wie schwierig das werden würde, am zweiten Tag würde ich es aber leider umso besser wissen.

Während wir das Dorf erkundigten, also in genau diesen 37 Sekunden, kam auch Goro-San aus Tokyo mit seinem Auto an. Wir erzähltem ihm, dass wir ganz früh auf unseren Fahrrädern in Tokyo losgefahren wären, aber Goro-San, der den Umgang mit Ausländern gewohnt war und sich in die komplexe Welt von Ironie und Sarkasmus eingelesen hatte glaubte uns kein Wort. Das Einzelzeitfahren wurde in der Reihenfolge der Leistungsklassen gestartet, also zunächst SS, dann SA, dann A, dann B usw. und zuletzt Frauen und Rentner. Goro-San hatte sich mittlerweile in die B Klasse hochgearbeitet und er sprach eigentlich nur noch mit Menschen aus SS, SA und A; ihm war es fast schon peinlich mit uns gesehen zu werden. Vielleicht lag es auch daran, dass wir immer noch seitlich vorgebeugt neben ihm gingen.

Gemeinsam schwangen wir uns auf unsere Räder und fuhren zum Start. Allein das war schon mächtig anstrengend und als wir dort ankamen stellte ich fest, dass es unmöglich war ohne Hilfe am Start in die Pedale einzuklicken und loszufahren. Dafür war es einfach zu steil. Jemand musste mich festhalten und mir einen Stoß geben, damit ich überhaupt losfahren konnte.

Der JCRC dachte sich ja immer etwa neues aus und dieses Mal wurde die Reihenfolge in der D Gruppe nach Alter festgelegt, die jüngeren zuerst, die Älteren zuletzt. Tom startete direkt hinter mir 15 Sekunden später. Ich fuhr los und Kette und Ritzel knirschten auf den ersten Metern gewaltig, damals fuhr man noch 10-fach 52/39 vorne und 11/28 hinten, Kompaktkurbeln waren noch nicht so verbreitet. Als ich mich nach ca. 30 Sekunden umschaute setzte Tom gerade von hinten zum überholen an. Das war doof. Cool war aber, dass ich den Fahrer der 15 Sekunden vor mir gestartet war auch etwa zum gleichen Zeitpunkt überholte. Sollte ich tatsächlich dieses Mal nicht letzter werden? Meine Hoffnungen bekamen dann einen Dämpfer als mich drei weitere ältere Starter überholten; von da an ging ich in den Survivalmode und versuchte es nur noch irgendwie in das Ziel zu schaffen.

Auf den steileren Stücken hatte ich Probleme, aber nie das Gefühl dass ich alles hinschmeißen müsste. Auf den flacheren Stücken fühlte ich mich prima. Ich wusste aus Erfahrung, dass ich über einen längeren Zeitraum etwa 15 Höhenmeter / Minute oder 900 m in der Stunde klettern konnte, für dieses Rennen würde ich also etwa 30 Minuten brauchen. Im letzten Jahr lagen die Zeiten der Sieger bei knapp über 20 Minuten; das erschien mir dann auch leider realistisch. Und so schaute ich abwechselnd auf die Straße, raus in die Landschaft und auf meinen Ciclo Hactronic Radcomputer, das heißeste Stück Technik, was es damals an Radcomputern gab – jetzt nur noch ein halber Kilometer bis zum Ziel.

Heißer Scheiß … und Tasten quasi überall.

Tja, ich hätte nicht so oft auf den Tacho schauen sollen denn genau in diesem Moment fuhr ich über eine von diesen stacheligen Kastanien die plötzlich auf der Straße lagen. Sofort konnte ich das Geräusch entweichender Luft aus dem Hinterreifen hören. Es gab nur noch eins, noch einmal richtig beschleunigen um so viele Meter wie möglich auf dem Rad zurückzulegen und dann den Rest zu laufen. In der nächsten Kurve rutschte mir das Hinterrad seitlich weg und ich fand es nun besser abzusteigen und den Rest zu laufen. Nach der dann nächsten Kurve konnte ich etwa 100 Meter vor mir das Ziel sehen wo bereits eine Menge Leute warteten. Die Strecke war nämlich komplett gesperrt, bis der letzte Fahrer ins Ziel fuhr, so dass dann alle Teilnehmer gemeinsam ins Tal fahren würden. Heißt, alle Fahrer der Klassen SS, SA, A bis E waren oben und sahen mich hochlaufen, was total peinlich war. „Was ist los?“ hallte es von oben auf mich ein und ich schrie „Ich habe einen Platten!“ als es plötzlich vor mir noch lauter wurde und ich Anfeuerungsrufe hörte. Ich drehte mich um und sah, dass der D Fahrer den ich kurz nach dem Start überholt hatte um die Kurve gekommen war. „Lauf!, Lauf!“ hörte ich nur noch und setzte mich in Bewegung. So gerade schaffte ich es noch vor dem anderen Fahrer ins Ziel zu kommen: Mission erfüllt nicht Letzter, sondern nur Vorletzter geworden. Tom im Gegensatz endete auf Platz 15, etwa in der Mitte des Feldes.

Oben am Ziel.

Oben am Ziel wäre es eigentlich an der Zeit gewesen den Schlauch zu wechseln und dann an geeigneter Stelle, am besten zusammen mit der Kastanie zu begraben und kurze Dankesworte zu sprechen. Da das Rennen aber nur 7 km lang war hatte ich aus Gewichtsgründen gar keine Satteltasche oder Trinkflasche mitgenommen und so war es auch bei den anderen Teilnehmern. Also wartete ich, bis die Organisatoren alles eingepackt hatten und fuhr dann mit ihnen im Van wieder runter ins Tal.

Den Ciclo Hactronic konnte man an einen PC anschließen und sich mittels Software einige Daten anzeigen lassen wie Herzfrequenz, Geschwindigkeit, Höhe und geschätzte Leistung. Das war 2008 vor Garmin und Wahoo extrem fortschrittlich und auch wenn ich das heute sehe finde ich das noch beeindruckend, vor allem das Höhenprofil.

Tom und ich machten uns dann erst einmal auf den Weg zum Onsen um entspannt in den zweiten Tag zu kommen. Obwohl wir nur 7 km intensiv Rad gefahren waren fielen wir danach total geschafft in unsere Betten und wachten erst am nächsten Morgen wieder auf.

Das zweite Rennen startete am Shiobara Damm, ein paar Kilometer flußabwärts vom Ort Shiobara und nach dem Frühstück setzten wir uns auf unsere Räder und fuhren dorthin. Es war noch ziemlich früh am morgen und auf den Straßen noch so absolut gar nichts los; Einheimische und Touristen lagen noch tief in ihren Futons eingekuschelt und träumten süße Träume von Onsen, Essen und Natur. Aber überall aus den Seitenstraßen tauchten rechts und links immer wieder Rennradfahrer in voller Montur auf, die sich wie wir auf den Weg zum Start machten. An der nächsten Straße kamen zwei Fahrer von Nalshima Friends, einen der größeren und guten Team aus Tokyo auf und wir hängten uns an die dran und ließen uns zum Damm ziehen.

Das Rennen sollte an dem tiefsten Punkt der Strecke starten, von dort aus ging es zunächst tendenziell vier Km bergauf am Fluss entlang durch den Ort Shiobara, aber durchaus etwas hoch und runter. Und dann wieder acht Kilometer hoch inklusive der sieben Kilometer der Strecke vom Vortag, insgesamt über 650 Höhenmeter. Unser Plan war, dass Tom direkt nach dem Start vor mir fährt und sich komplett verausgabt, so dass sich eine kleinere Gruppe mit uns beiden absetzen kann. Das würde mir zu Beginn des Anstieges einen kleinen Zeitvorteil verschaffen, den ich dann im Anstieg aufbrauchen könnte.

Tom war sehr motiviert. So sehr, dass er direkt vom Start an wie ein Verrückter losfuhr und das Tempo unglaublich hoch hielt, so dass ich wirklich Mühe hatte ihm zu folgen. Wir konnten uns tatsächlich in einer kleinen Gruppe absetzen, aber nach einer Weile holte uns das Feld wieder ein. Das Tempo war irre hoch, als wir nun durch den Ort Shiobara fuhren, wo leider niemand Zeuge unserer heroischen Bemühungen wurde, da immer noch alle am pennen waren. Auf den relativ flachen Stücken konnte ich auch gut mithalten, aber an den Steigungen fiel ich immer weiter in der Gruppe zurück, bis ich bereits vor dem Beginn des finalen, langen Anstieges aus der Gruppe gefallen war. Das war natürlich frustrierend auf der einen Seite, auf der anderen Seite hatten wir jede Menge Fahrer aus den früher gestarteten Feldern C und Frauen. Bis mich dann das E Feld überholte, das eine Minute nach uns gestartet war. Mit anderen Worten: es war so wie immer. Ich bog von der Hauptstraße rechts ab, schaltete auf das kleine Kettenblatt und machte mich auf den langen Anstieg zum Ziel.

Ich versuchte mich irgendwie an das E Klassen Feld zu hängen, aber die waren einfach schneller als ich. Und so versuchte ich wenigstens in mehr oder weniger konstantem Tempo hochzufahren und das Ding unambitioniert zu Ende zu fahren; meine Punkte hatte ich ja ohnehin sicher. Tatsächlich konnte ich noch ein paar E Klassen Fahrer, die aus dem Feld herausgefallen waren überholen und dann zu einem Fahrer aus meinem D Feld aufschließen. Ich fragte ihn, ob wir zusammen fahren sollten und das taten wir dann auch bis etwa 500 Meter vor dem Ziel. Ich hatte meine Augen auf der Straße und scannte sie nach Kastanien ab, dann spurteten wir beide, als hinter der letzten Kurve das Ziel in Sicht kam los. Er war jünger, sah besser aus und war vor allem schneller. Was mich im nachhinein mal wieder auf den vorletzten Platz brachte mit einer Zeit von 1:01:00 hr.

Tom war schon lange im Ziel, er hatte für die Strecke knapp unter 50 Minuten gebraucht. Das reichte aber auch nicht Ansatzweise für den Sieg in der D Klasse, dort lag die Zeit bei knapp über 45 Minuten.

Zusätzlich zu der regulären Wertung gab es einen speziellen Bergpreis für alle Teilnehmer über die gesamten 8 km und 520 Meter Anstieg bei dem ich 204. von 229 männlichen Teilnehmern wurde in 37:36 min. Mal zum Vergleich: Da trat ein dreizehnjähriges Mädchen an, das die gleiche Strecke fast so schnell wie Tom in unter 30 Minuten zurücklegte.

Oben am Ziel trafen wir auch Goro-San wieder. Er war von allen Teilnehmern der Neuntschnellste und hatte somit seinen Aufstieg in die A Klasse geschafft. Wir waren dankbar, dass er überhaupt noch mit uns redete.

Goro-San going down.

Nach diesen 12 Kilometern nahmen wir noch schnell ein paar Preise in Form von gigantischen Rettichen in Empfang und machten uns dann wieder auf den Heimweg in die große Stadt. Ich führte nach wie vor in der JCRC Jahreswertung und hatte nur noch drei Rennen vor mir. Da kannte nicht mehr viel schief gehen. Dachte ich.

So sehen Sieger mit gigantischen Rettichen aus.



Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2022, Übergestern, Mob, Uncategorized

Auch zurück in Shuzenji

Bevor ich das erste Mal 1985 nach Japan flog fragte ich eine Bekannte die dort gelebt hatte, wie es dort im Sommer ist. Und sie antwortete: „Es ist irrsinnig heiß und schwül und draußen hatte ich das Gefühl, als wenn ich durch Marmelade gehen würde.“ Zum Glück veranstaltet der JCRC im Sommer keine Rennen, und so ging es erst im September, als die Temperaturen nun knapp unter 30 Grad waren und die Marmelade zerlaufen, weiter mit dem nächsten Rennen, nämlich dem siebten, wieder in Shuzenji.

Ich hatte eine lustige Woche im Büro hinter mir. Meine Entlassung stand unmittelbar bevor, war aber noch nicht verkündet und ich musste nicht mehr allzu viel tun. Ich hatte ja schon geschrieben, dass die erste Zeit im neuen Job die beste ist, weil man nicht weiß was man tut und was man damit anrichtet. Die letzte Zeit im Job ist aber auch ganz OK – bis zu dem Zeitpunkt wo bekannt gegeben wird, dass man das Unternehmen verlässt – dann hört keiner mehr zu oder interessiert sich für einen. Leider ist die Zeit zwischen „erste Zeit“ und „letzte Zeit“ nicht so doll und so habe ich immer versucht diese zu minimieren. In der letzten Zeit versuchte ich dann noch einige lustige Dinge die ich mich bislang nicht getraut hatte.

Zu Beginn des Arbeitstages wurde im Büro immer Morgengymnastik gemacht. Es gibt da so eine Art „nationale Morgengymnastik“, die jedes Kind in Japan kennt da sie Tag ein, Tag aus im Radio läuft. Zur recht langsamen Klavierbegleitung sagt eine männliche Stimme an, welche Übungen zu absolvieren sind, das ganze dauert etwa vier Minuten. Lustigerweise müssen Besuchen der Freibäder in Japan auch jede Stunde das Becken verlassen und dann diese Gymnastik machen; aber ich glaube dass ist nur ein Vorwand um unauffällig nachzuschauen ob irgendwelche Leichen noch im Becken schwimmen die man vorher übersehen hat, weil es mal wieder so irre voll war.

Und alle raus aus dem Becken zur Gymnastik, bitte.

Jedenfalls hatten wir einen Kassettenrekorder (!) im Büro und morgens drückte unser kaufmännischer Leiter dann auf den Kopf und das Büro wurde über das PA System mit dem der Kassettenrekorder verbunden war, beschallt. Mehr oder mehr weniger enthusiastisch mussten dann alle Mitarbeiter an ihren Arbeitsplätzen mitmachen. Ich musste nicht mitmachen, denn ich war ja Ausländer. Eines Morgens nahm ich das Tape aus dem Rekorder und ersetzte es durch eines, das ich am Abend selber vorbereitet hatte. Nur war da nicht die Morgengymnastik, sondern der Titel „UFO“ eines japanischen Mädchenduos aus den Siebzigern namens „Pink Lady“ zu hören. Pink Lady waren damals unglaublich populär und sexy, sagen wir mal so wie Baccara und „Yes Sir I can boogie!“ in Deutschland. Ich weiß nicht genau worum es in UFO geht, aber das ist eine Up-Tempo Nummer mit einer ganz speziellen Choreographie; die beiden Mädels von Pink Lady tanzen eigenartig im Gleichtakt und imitieren irgendwie (japanische) Außerirdische die auf der Erde gelandet sind. Es ist schon sehr seltsam und doch auch unglaublich populär, sagen wir mal so wie „Lady Bump“ von Penny McLean.

Die japanische Antwort auf Baccara und Penny McLean: Pink Lady.

Am nächsten Morgen war ich unglaublich gespannt, was wohl passieren würde, wenn statt der Gymnastikmusik, UFO läuft. Würden alle schneller Gymnastik machen im Tempo von UFO? Oder würden alle UFO tanzen wie Pink Lady? Das Ergebnis war überraschend: Alle machten Gymnastik, so wie immer und im gleichen Tempo, so als wenn die Musik immer noch dieselbe wäre. Jedenfalls machten sie das solange, bis der Kaufmännische Chef die Kassette anhielt, zurückspulte und wieder von vorne laufen ließ. Das machte er drei Mal, dann gab es sich geschlagen und verkündete über Mikrofon, dass aufgrund technischer Probleme die Morgengymnastik ausfallen würde. Ich denke, so ist halt Japan; es ist schwer Veränderung zu akzeptieren, auch wenn auf einmal die Musik anders spielt.

Ich hatte ja schon von dem japanischen Soldaten Onoda geschrieben, der erst 1974, also fast 29 Jahre nach den 6 Jahren des 2. Weltkrieges kapitulierte. Man könnte nun meinen, dass das ja aus einer anderen Zeit ist, aber es gibt auch im modernen Japan einen vergleichbaren Fall: So stand ein japanischer Angestellter der von einer großen japanischen Firma zu Unrecht entlassen wurde vor dem Eingang dieser Firma, spielte auf seiner Gitarre und sang Protestlieder dazu. Soweit nicht ungewöhnlich, nur machte dies dieser Angestellter 24 Jahre lang bis in dieses Jahrhundert hinein.

Ich paar Tage später hatte ich noch eine lustige Idee, und zwar die eine E-Mail von unserem Regionalchef in Hong Kong etwas abzuändern und an alle Manager bei uns zu schicken. Die ursprüngliche Mail enthielt irgendwelche Banalitäten, ich machte daraus einen scharfen Aufruf an alle, in dem es hieß, dass sofort ein Bild unseres Regionalschefs in allen Büroräumen des Unternehmens aufgehängt werden sollte und zwar mindestens im Format 50 x 80 cm. Ich hatte dazu ein Portraitbild von ihm genommen und im Stil von Andy Warhol / Marilyn Monroe etc. einige bunten Farbflächen darüber gelegt, es sah schon ziemlich bescheuert aus. Um das Fass zum überlaufen zu bringen schrieb ich noch dazu, dass es für alle Manager die in einer Firmenwohnung lebten zudem verpflichtend sei das Portrait auch in ihrem Wohnzimmer aufzuhängen.

Die Reaktionen waren recht interessant; einige standen danach lange am Farbkopierer und versuchten die Datei irgendwie auf 50 x 80 zu bekommen, andere hatten die Mail noch vor dem lesen gelöscht oder spätestens danach. Ein ganz gewitzter dachte sich, dass das nicht erst gemeint sein könnte, dachte aber das wäre ein lustiger Streich des Regionalchefs persönlich und gratulierte ihm überschwänglich zu der unerwarteten Prise Humor. So kam dann auch raus, dass ich hinter dem ganze steckte. Aber interessanterweise hörte ich nie was von unserem oberen Chef, dem war ich eben auch mittlerweile egal.

Nicht egal war mir aber mein Ziel japanischer Meister zu werden und so machte ich mich eines morgens ganz ganz früh aber gut erholt von der nicht vorhandenen Arbeit mit dem Auto morgens um vier auf den Weg in das 140 km weit entfernte Shuzenji. Trotzdem waren die Straßen mal wieder voll mit Autos – das Gesetz der hohen Zahlen – und das Navigationssystem schlug auch noch einige verrückte Strecken vor die im wesentlichen auf der Idee basierten, dass die kürzeste Verbindung zwischen Europa und Asien die Seidenstraße, und zwischen zwei Punkten eine langgezogene Steilkurve ist.

Als ich ankam, hatte der Platz nichts von seinem ursprünglichem Schrecken eingebüßt – die Hügel waren immer noch so steil und hoch, die Rampen irrwitzig lang und die Konkurrenz erschreckend dünn und gewichtslos. Für Japaner spielt Gravitation, so mein Eindruck, irgendwie nicht die Rolle wie für mich. Es war als wenn eine Gruppe von Helium Atomen gegen ein Eisenerzkristall beim Wettfliegen antreten würden.

Bei diesem Rennen wurden auf dem 5 km langen Rundkurs, diesmal in umgekehrter Richtung, 5 Runden gefahren; also musste ich hier vier Runden schneller fahren als die anderen fünf; anspruchsvoller war ich nicht. Ich denke, wer bis hierhin gelesen hat, der versteht meine Überlebensstrategie auch recht gut ohne weitere Kommentare. Die schnellen Jungs fuhren auf diesem Kurs locker eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 32 km/h, entsprechend einer Rundenzeit von etwa 9:30. Ich musste also im Durchschnitt mindestens 26 km/h fahren, entsprechend einer Rundenzeit von 11:30, dann würde ich so gerade durchkommen. Das hatte ich mir alles schon vor dem Rennen überlegt. Eigentlich trainierte ich auch gar nicht mehr so richtig radfahren, sondern beschäftigte mich nur noch mit rechnen. Nie im Leben hätte ich eine Chance auch nur annähernd dieses Rennen zu gewinnen. Es sei denn alle andere Fahrer werden gezwungen mit ihren Beinen zu lenken und mit den Armen zu pedalieren. Und dann würde es auch noch helfen, wenn sie Augenbinden tragen würden. Und wenn dann noch eine Gruppe Bären aus dem Wald die Spitzengruppe attackieren und aufessen würde, ja dann hätte ich vielleicht eine Chance gehabt.

Ich war schon um 6 Uhr früh da, der Einlaß war aber erst um 6:30 Uhr, also trainierte ich nur so ein wenig auf dem Parkplatz, um warm zu werden bei über 25 Grad. Der Parkplatz hatte eine sehr charmante Eigenschaft, er war im wesentlichen horizontal.

Dann öffneten sich die Türen des CSC und ich wollte einfach so reingehen. Wenn man bei einem JCRC Rennen teilnimmt bekommt man vorher eine Postkarte zugeschickt, die man dann eigentlich zeigen muss bei der Ausgabe der Startnummern. Die hatte ich aber nicht dabei weil mich ohenhin alle kannten, die war ja auch der einzige Ausländer der immer teilnahm.

Am Eingang wurde ic dann gefragt, ob ich meine Registrierung dabei hätte. Ich fand das eine ziemlich doofe Frage, weil was macht man schon als Mann in den Vierzigern an einem Sonntagmorgen um 6:30 Uhr an diesem Ort, voll eingekleidet und mit dem Rennrad in der Hand wenn man nicht Rennen fahren will? Hallo, ich wollte mich reinschummeln und die Kinderachterbahn ausprobieren, doof dass Sie mich erwischt haben?

Aber als guter, assimilierter Ausländer versuchte ich es erst einmal auf die klassisch höfliche, japanische Art.
„Sie treffen mich in völlig verzweifelter Zerknirschtheit … ich muss doch tatsächlich und unglücklicherweise die Postkarte zu Hause vergessen haben … welch grauenhaftes Vollversagen … ist da wirklich nichts was getan werden kann in diesem unglücklichem Fall?“ Dazu das übliche ansaugen großer Mengen Luft und ziehen am Ohrläppchen um dem unglaublichen Grad der Verzweiflung mehr Ausdruck zu verleihen.

„Es ist absolut nicht erlaubt ohne Registrierung einzutreten!“ hallte es mir entgegen. Und kurz danach:

„Ha ha ha, das war nur ein Witz, kommen Sie rein!“

Ich war komplett darauf reingefallen, weil diese Art von Humor in Japan eben nicht üblich ist. Solche Ereignisse, nämlich das Japaner auf dem Weg waren die komplexe und subtile Art und Weise deutschen Humors zu erlernen, gab mir immer wieder Hoffnung, das langfristig Japan eben doch auch internationaler und offener werden würde. Aber immer wenn man Hoffnung schöpfte tauchte ein Onoda aus dem Busch auf und zerstörte sie mit seiner 29 Jahre alten, verrosteten Flinte.

Meine Frau, die mich vermutlich besser kennt als meine Eltern oder meine Schwester, versteht auch nach fast dreißig Jahren Ehe nicht meine subtilen ironischen Bemerkungen. Ich meine, sie weiß schon, dass ich ab und ab etwas mit sehr viel Ironie sage, aber sie weiß nicht wann das der Fall ist. So kann ich zum Beispiel als Beifahrer im Auto zu ihr an der Ampel sagen: „Fahr los, es ist grün. Ach so, für Dich blau.“ Und zwar deswegen weil die Japaner sagen „Die Ampel wird blau.“, auch wenn die tatsächliche Farbe wie bei uns grün ist. Ja ich weiß, ich kann das auch nicht erklären. Aber wenn ich zum Beispiel meine Frau am Tisch bitte mir Salz zu geben und ich das mit dem einzigen Gedanke tue eben Salz zu bekommen, dann lächelt sie mich müde an und meint: „Ha ha. Verarschen kann ich mich selber.“ So als wenn sie meine Ironie verstanden hätte die nun gar nicht da war.

Kann ich mal das Salz haben? Hahahaha.

Ich fuhr dann doch sogar zwei Trainingsrunden auf dem Kurs, einfach weil ich morgens um 6:30 Uhr nichts besseres zu tun hatte. Das Rennen fand diesmal auf dem Kurs im Uhrzeigersinn, was mir an sich besser passte. Nach dem Start ging es zunächst leicht berghoch und dann etwas steiler berghoch, aber von dort an erst einmal in eine lange Abfahrt mit einigen schnellen und technischen Kurven in denen man locker schneller als 60 km/h fahren konnte. Oder sogar noch schneller, wenn man es schaffte von der Straße zu fliegen, was für Weicheier wie mich immer eine reale Gefahr war. Danach begann der sehr, sehr lange Anstieg, bevor es noch einmal richtig abwärts ging mit 70 Sachen und dann ein supersteiler Anstieg auf die Zielgrade. Ich war noch nie länger als drei Runden in Shuzenji gefahren und heute sollten es fünf werden.

Um halb Acht ging ich zum Start und traf zufällig Goro-San der in der C Klasse 2 Minuten vor mir starten würde. Und ich traf Ishii-San, einen japanischen Fahrer vom Team „Space“ der mit mir in der D-Klasse fuhr. Er erzählte mir, dass er zwei Rennen vorher in Hitachi-Naka in dem Sturz in der letzten Runde verwickelt war. Er versuchte noch zu entkommen, in dem er zum Bunny-hop über einen gestürzten Fahrer anhob, aber es nutzte nichts: Gabel gebrochen, Laufräder kaputt, Rahmen unbrauchbar, mittlerweile hatte er sich neu mit Material eingedeckt.

Die Pistole knallte und dann ging das Rennen für die C Klasse los. danach schoben wir uns in der D Klasse an den Start und 2 Minuten später traten wir in die Pedale. Es hatte den ganzen Morgen leicht geregent, aber in dem Moment wo wie losfuhren, hörte der Regen auf. Zwei Minuten nach uns startete dann die E Klasse. Ich konnte nach dem Start dem Feld gut folgen und dachte „Hey Michael, Du bist ja echt super in Form!“ Aber dann in der Kurve fiel mir auf, dass ja noch das Motorrad der Rennleitung vor uns fuhr und das Feld neutralisiert führte. Als es dann in die Abfahrt ging verschwand das Motorrad nach vorne und das Rennen ging ernsthaft los. Ich konnte mich auf der Abfahrt gut im Feld halten und sogar ein paar Plätze gut machen, auch aus der Abfahrt raus hatte ich mit meiner größeren Körpermasse einfach mehr Schwung bergauf, aber sobald der Schwung weg war fiel ich wieder Position um Position zurück bis ich mich wieder auf dem gewohnten letzten Platz befand. Kurz danach hörte ich auch schon wieder das Geräusch des Motorrads, das das Feld nach hinten absichert. Der Fahrer dachte auch bestimmt: „Ach der schon wieder.“

Aber immerhin schaffe ich es nach dem Anstieg über die Ziellinie, bevor mich das E-Klassenfeld eingeholt hat, das ist schon einmal ein gutes Zeichen. Aber natürlich kommt dann im Anstieg der 2. Runde genau dieser Moment: Das komplette E-Klassenfeld überholt mich und ich falle hinten raus.

Die den Bergrennen in Shuzenji und Gunma fand ich immer die erste beiden Runden die schlimmsten. Man hat noch so viel vor sich und der Körper fühlt noch den Schmerz, da werden einfach noch nicht genug Endomorphine durch die Arterien gejagt. Ich ging dann erst einmal in den „Nur irgendwie Überleben Modus“ und versuchte wenigstens schneller als 15 km/h in den Anstiegen zu fahren.

Das funktioniert auch ganz gut und tatsächlich überhole ich am nächsten Anstieg einige D Klassenfahrer die sich überanstrengt hatten und aus dem Feld vor mir herausgefallen waren. Das hat zu Folge, dass ich zum ersten Mal in einem bergigen Rennen nicht mehr ein Motorrad unmittelbar hinter mir höre. Das motiviert. Ich fahre jetzt Rundenzeiten von etwa 11 Minuten, das ist deutlich schneller als beim ersten Rennen in Shuzenji und ich sollte bei diesem Tempo nicht vom D Feld eingeholt werden.

Bei der nächsten Abfahrt sah ich, dass sich im Feld vor mir ein Massensturz ereignet hatte. Ein Fahrer liegt noch im Gras am Straßenrand und hält sich den Kopf der im schnellen vorbeifahren irgendwie schief aussieht. Ich habe keine Zeit zu helfen und mache mich in den nächsten Anstieg. Dort überhole ich einen weiteren Fahrer aus dem D Feld vom Team „Nalshima“. Das ist der angesehenste Rennradladen in Tokyo mit einem sehr großen Team und vielen Fahrern, aber diese hier hat ein wenig Motivation verloren. Im Vorbeifahren rufe ich ihm zu „Gambatte“ und lächele, so als wenn mich der Anstieg nicht die letzte Kraft kosten würde; das ist der typische japanische Sportlergruß und bedeutet etwa so viel wie „Durchhalten!“.

Ich mache das nicht aus Nächstenliebe, ich will einfach nicht dass er aufgibt oder überrundet wird und ich wieder auf dem letzten Platz lande. Kurz danach überholt mich das Feld der C Klasse – das macht mir nun schon sorgen, denn gleich 2 Minuten dahinter war mein Feld gestartet. Ich hänge mich an das C Feld ran und versuche auf den letzten Metern des Anstieges alles zu gegeben. Dann bleibe ich mit dem Feld in der schnellen Abfahrt und sprinte hoch auf die Zielgerade. Ich bin so gut drauf, dass ich sogar einige C Fahrer überhole, die nicht verstehen warum ich mir so viel Mühe gebe, wo doch noch eine Runden zu fahren ist. Geschafft, ich kann nicht mehr überrundet werden und mache mich gemütlich daran die letzte Runde zu Ende zu fahren. Am Ende bin ich dann sogar noch relativ frisch und sprinte über die Ziellinie.

Kein Motorrad direkt hinter mir – ich bin also nicht auf dem letzten Platz gelandet. Ich freue mich schon auf die Unterhaltung mit meinem Sohn am Abend, die etwas anderes als sonst ist:
„Ich war heute in Shuzenji beim Rennen.“
„Wievielter bist Du geworden?“
„Siebenundvierzigster.“
„Ist das der letzte Platz gewesen?“
„Nein, eigentlich nicht.“

Also, ich wurde 47. von 48 Fahrern die ins Ziel kamen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26,2 km/h, das waren fast 3 km/h schneller als im ersten Rennen über nur drei Runden. Und drei Fahrer aus meinem Feld wurden überrundet und aus dem Rennen genommen. Das ständige Rennenfahren zahlte sich also aus – nicht dass ich Gefahr stand ein Rennen zu gewinnen, aber über die Monate war ich schon ein wenig schneller geworden. Ishii-San kam als 40. ins Ziel, immerhin noch vier Minuten vor mir.

Goro-San war im Rennen der C Klasse Dritter geworden und stand mal wieder auf dem Podium, ich freute mich für ihn.

Aber: Obwohl ich in bislang acht Rennen drei Mal letzter und zwei Mal vorletzter geworden war – und auch nur deswegen weil ich Stephen überredete mit auf die Vulkaninsel zu kommen- führte ich nun die Jahreswertung in der D Klasse an. Überall auf der Welt hätte man sich über meine Leistung totgelacht, aber aufgrund der besonderen Punktewertung in Japan war ich nun ganz heißer Scheiß. Nur noch vier Rennen. Vier Rennen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Übergestern, Mob, Uncategorized

Zurück in Gunma

Schön wäre es gewesen, wenn jedes Rennen des JCRC an einem anderen Ort stattgefunden hätte, von mir aus auch auf einer anderen Vulkaninsel. Aber Gott denkt und der JCRC lenkt. Und so kam es, dass 2008 von insgesamt zwölf Rennen, drei Rennen im Continental Cyclyng Centre in Gunma und zwei auf dem Kurs in Shuzenji stattfinden würden. Also wieder auf nach Gunma.

Einen Tag vorher war ich mit Alain, Jerome, einem ebenfalls verrückten Franzosen und seinem Sohn nach Tsukuba gefahren um dort auf dem Autorennkurs ein 8 Stunden Ausdauerrennen im Team zu fahren. Die Idee am Tag vor einem wichtigen Rennen zwei bis drei Stunden voll ausgepowert im Kreis zu fahren ist schon ziemlich bescheuert, aber zuerst sah es da ganz gut aus. Alain stand am Start, pfuschte sich mit Willen und Ellenbogen nach vorne und fuhr dann die nächsten Runden in der Spitzengruppe mit, bis ich ihn auf der Strecke ablöste. Danach ging es nur noch bergab und wir endeten acht Stunden später an Position 50.

Nach dem Rennen fuhr ich gleich weiter in Richtung Gunma. Jerome hatte mir während des Rennens ständig seine getrockneten Pflaumen zugesteckt, er schwörte darauf, dass diese die Leistung ins Unendliche steigern würden. Das mag sein, sie steigern allerdings auch die Darmaktivitäten ins Unermessliche. Das Auto konnte ich nur noch mit voll aufgedrehter Klimaanlage fahren und im Hotel schlief ich bei offenem Fenster, um mich nicht selber im Schlaf versehentlich zu töten.

Am nächsten Morgen waren die Beine immer noch schwer und ich machte mich auf die letzten Kilometer in Richtung CSC Gunma. Auch beim zweiten Mal konnte ich es noch nicht glauben, dass sich in dieser abgelegenen Ecke der Welt eine Radrennstrecke befindet sollte. Man verlässt die breiten Straßen und macht sich auf den Weg durch verlassene Kleinstädte und Dörfer, in denen die verbliebenen Einwohner nicht jünger sind als Neunzig. Ab und an stehen Pachinko Paläste am Straßenrand, die einzigen Orte, an denen sich Menschenmassen konzentrieren.

Wer Pachinko nicht kennt: Das ist im Prinzip wie Flipper, nur dass die Geräte kleiner sind, vertikal stehen und man das Spiel nicht mehr beeinflussen kann, wenn die Kugel erst einmal hoch geschossen wurde. Sie fällt dann in eins der vielen Löcher und je nachdem in welches gibt es verschiedene Möglichkeiten:

+ die Kugel verschwindet und wart nicht mehr gesehen

+ die Kugel verschwindet und man bekommt, eine oder mehrere Kugeln aus dem Gerät

+ da Gerät fängt an zu blinken und macht laute Geräusche und irgendetwas passiert

Japaner, meistens Männer verbringen Stunden in Pachinkoläden, meistens rauchend. Der Krach ist für Nicht-Pachinko Afinados komplett unerträglich, genauso wie es nicht verstanden werden kann, warum das Spaß machen soll oder entspannend ist. Aber genauso ist es für viele Japaner.

Die gewonnen Kugeln werden in großen Plastikbehältern gesammelt und können gegen Geld eingetauscht werden. Aber nicht im Pachinkoladen, denn Glücksspiel ist in Japan verboten. Stattdessen bekommt man Zigaretten, Lebensmittel oder andere Kleinigkeiten. Mit denen geht man dann aus dem Laden, drei Mal um die Ecke und zu einem kleinen Fenster in einer dunklen Seitengasse. Dort werden diese Dinge dann gegen Geld getauscht und vermutlich wieder zurück in den Pachinkoladen gebracht.

Jeder weiß, dass das so läuft, aber trotzdem kann sich keiner dazu durchringen gleich im Laden Geld zu geben, da sind die Japaner stur und lassen nicht mit Tradition und Kultur spaßen. Nicht umsonst ergab sich der letzte kämpfende Soldat Japans im 2. Weltkrieg, Onoda Hiro, nicht etwa 1945, sondern erst 1974 auf den Philippinen, und auch nur deswegen, weil ein japanischer Reporter seinen ehemaligen Vorgesetzten ausfindig gemacht hatte und der ihm den Befehl gab zu kapitulieren.

Veränderungen sind wirklich nicht so da Ding von Japanern. Und auch Gunma CSC sah noch genauso aus, wie ich in Erinnerung hatte, in etwa so wie die Siedlung Prypyat in der Nähe von Tschernobyl.

Das Rennen sollte diesmal über 6 Runden von jeweils 6 km Distanz gehen. Mein Ziel war wie immer nicht durch Überrundung disqualifiziert zu werden. Also musste ich 5 Runden mindestens in der gleichen Zeit fahren, in der die schnellen Fahrer 6 Runden zurücklegen, mit anderen Worten ich durfte maximal 16% langsamer sein als das Hauptfeld. Wäre ich noch in der Form vom Beginn der Saison gewesen, dann wäre das unmöglich gewesen, denn ich hatte es so gerade geschafft 4 Runden ohne Überrundung zu schaffen.

Auf der einen Seite war ich deutlich besser in Form und ich hatte sogar dem höheren Ziel der Meisterschaft wegen das Rauchen aufgehört. Auf der anderen Seite war ich am Tag vorher radmässig hyperaktiv gewesen und hatte auch noch kräftig zugenommen, wie das immer der Fall ist, wenn ich das rauschen stoppe.

Mein Leben als Radfahrer wäre so viel einfacher und schneller, wenn ich nicht so viel Zeit damit verbringen würde zu trainieren, sondern mich einfach darauf konzentrierte 25 kg abzunehmen, was durchaus machbar wäre. Es ist mir einfach unmöglich so viel zu trainieren, dass ich genug Muskelmasse habe mein Gewicht schnell nach vorne zu kapitulieren. Aber mit weniger Gewicht wäre das durchaus möglich, nur ich krieg’s einfach nicht hin. Stattdessen kaufe ich mir dann ein 500 Gramm leichteres Rennrad oder versuche 200 Gramm durch die Montage leichter Carbonlaufräder zu kompensieren. Mein Gefühl sagt mir allerdings auch, dass es den meisten Rennradfahrern ähnlich ergeht.

In Gunma traf ich Goro Akiyama von meinem Team NFCC. Es gibt einige wichtige Unterschiede zwischen Goro-San und mir, aber trotzdem verstehen wir uns prima: er ist Japaner, er wiegt um die 50 kg und er ist ein guter Radrennfahrer, der regelmäßig bei den JCRC Rennen in der A Klasse auf den vorderen Plätzen landet. Zusammen drehten wir eine geführte Trainingsrunde hinter einem Motorrad. Wie gesagt, die Abwärtspassagen sind kein Problem, aber sobald es bergauf ging konnte ich noch nicht einmal ansatzweise am Feld kleben bleiben, während Goro und seine Freunde quatschend und guter Laune hinter dem Motorrad hinterher fuhren. Und heiß und schwül war – wie es eben in Japan im Sommer heiß und schwül ist. Zum Glück sollte das erst einmal das letzte Rennen vor der Sommerpause sein; im September sollte es dann weitergehen auf dem Kurs in Shuzenji.

Das Rennen selber war wie ein deja-vu des ersten Rennens: Nach dem Start wurden wir zunächst durch ein Motorrad neutralisiert und fuhren dann in die Abfahrt, wo ich mich etwa in der Mitte des Feldes von 31 Fahrern befand. Als es danach in den Anstieg ging, fiel ich Position um Position zurück, bis mich schließlich auch der letzte Fahrer überholt hatte. Ich hatte an sich eine ganz ordentliche Rundenzeit von 11:01 Minuten, aber die schnellen Jungs lagen eher zwischen 9:30 und 10:00 Minuten. In der zweiten Runde wurde ich dann von dem D2 Feld (weil mehr als 50 Teilnehmer fuhren, war die D Klasse in 2 Gruppen eingeteilt), dass drei Minuten hinter uns gestartet war eingeholt. Ich versuchte Kontakt mit dem Feld zu halten, aber am Anstieg fuhren mir auch die alle davon; trotz meiner 11:31 min Rundenzeit.

Die nächsten Runden schaffte ich in 11:20 und 11:38 min, ich fuhr also sehr konstant, wurde dann aber von den Fahrern der Klasse E1 und E2 eingeholt, die jeweils drei Minuten nacheinander gestartet waren. Auf dem Kurs waren übrigens noch eine ganze Menge Fahrer aus dem früher gestarteten 5 Stunden Ausdauerrennen an die ich mich ab und an hängen konnte. Und ein Fahrer aus dem D2 Feld hatte etwa mein Tempo und wir fuhren in der Folge gemeinsam bis zum Ende. Nach fünf Runden und einer 11:45 min Runde war ich nun insgesamt 57:15 min auf dem Kurs, ganze vier Minuten schneller als beim letzten Rennen. Mit dieser Zeit hätte ich da sogar den 34. Platz geschafft und nicht den 37. und letzten. Mein Ziel hatte ich also erreicht, nun konnte ich nicht mehr überholt werden, das Feld kam dann etwa 2 Minuten nach mir ins Ziel. Die letzte Runde nahm ich dann leicht und rollte endlich über die Ziellinie, natürlich auf dem 28. und letzten Platz. Drei Teilnehmer hatten relativ schnell aufgegeben, ich war also ganz zufrieden, zumal ich jetzt sehr weit oben in der Gesamtwertung stand und nur noch wenige Fahrer auf mich aufschließen konnten.

In Ruhe schaute ich mir die anderen Rennen an, vor allem das von Goro-San in der C-Klasse. Wie immer fuhr er ganz hervorragend und belegte einen 4. Platz auf dem Podium.

Das klassische japanische erweiterte Podium mit Akiyama Goro auf der Vier.

Sobald er runter vom Podium war schnappte ich mir seine Siegerurkunde und rannte damit durch die Gegend, damit jeder wusste was für ein geiler Typ ich bin. Goro, der um 4 Uhr Morgens aufgestanden war und sich mit Zügen und Taxis durchgeschlagen hatte, und ich fuhren dann gemeinsam wieder Richtung Toyko. Im Wagen diskutierten wir die wichtigen Fragen die uns alle auf der Zunge liegen: Warum, zum Beispiel, haben die Straßen in Japan überwiegend keine Namen, aber quasi jede Straße mit Steigung. Goro meinte dazu nur, dass er vermutlich daran liegt, dass die Japaner Bergrennen lieben. Typen wie ich sind aber im Flachen unterwegs, deshalb geben wir Straßen Namen.

Ich erzählte ihm davon wie ich am Wochenende vorher mit Juliane, David und david in den Bergen von Tokyo unterwegs war. Vielleicht ist schon aufgefallen, dass ich einmal „david“ und einmal „David“ schreibe, dass hängt damit zusammen, dass es tatsächlich zwei Davids sind, von denen der eine größer ist als der andere.

Es waren gerade „Straßenverkehrssicherheitswochen“; d.h. überall hängen Poster und Fahnen, dass man vorsichtig fahren soll, um nicht zum Mörder ohne Absicht zu werden und die Polizei zeigt mehr Präsenz im Verkehr. Freiwillige stehen an den Zebrastreifen und bringen Kinder und alte Leute auf die andere Seite, egal ob sie wollen oder nicht. Wir waren in einem kleinen Ort am Tamagawa Fluß mit genau einer Kreuzung mit Ampel. Dort hatte sich unter einem Zelt die Polizei und viele Freiwillige versammelt, um zu essen und zu trinken, den Tag zu genießen und ab und zu jemanden über die Straße zu geleiten. Die Ampel war rot und David, Juliane und ich, die wir schon länger in Japan waren hielten an. david allerdings, der sich noch nicht so gut angepasst hatte wie wir, fuhr einfach über die rote Ampel. In dem Momente verstummte das eifrige Treiben im Zelt und es lag der Schock der Stille über dem ganzen Ort. So etwas war da noch nie passiert seit eine Horde Mongole 1234 durch den Ort getrabt war.

Goro hörte sich das alles nur geduldig an und bekam seine Vorurteile über Ausländer mal wieder brühwarm bestätigt. Da half es auch nicht, dass wir uns schon immer nur auf japanisch unterhielten.

Seit meiner Zeit in Japan habe ich da auch einen etwas anderen Blickwinkel auf das Thema „Integration“. Wir verlangen von Menschen die nach Deutschland kommen, dass sie sich an unsere Gesetze, Kultur, Sprache und Eigenarten anpassen sollen, in abnehmender Reihenfolge.

Die Gesetze nicht befolgen, das geht gar nicht, eine andere Religion zu haben ist OK, solange sie nicht Vollverschleierung für Frauen inkludiert, nach langer Zeit hier nicht richtig die deutsche Sprache zu beherrschen ist doof und Weißwurst oder Knipp muss man nicht unbedingt essen können – so etwa ist das gängige Bild von erfolgreicher Integration.

Ich selber fühlte mich in Japan ganz gut integriert, aber natürlich fuhr ich ständig bei rot über Ampeln oder machte anderen Mist. Und die japanische Kultur hatte ich auch schon einigermaßen angenommen, so fuhr ich z.B. niemals in einer Verkehrssicherheitswoche über eine rote Ampel. Aber meine Kinder gingen auf die deutsche Schule (das Äquivalent zur Koranschule in Japan), ich hatte kaum japanische Freunde und machte auch viele andere Dinger nicht, die für Japaner selbstverständlich sind. Wie zum Beispiel ständig Geschenke mitzubringen wenn man von einer Reise zurückkommt oder jemanden besucht um dann bei der Übergabe Dinge murmeln wie „Ich habe etwas langweiliges für Sie mitgebracht“ oder „Tut mir leid, dass dieses Geschenk nun zu ihrem Gepäck wird“. Und mit meiner Frau hatte ich ständig Konflikte, weil wir eben in bestimmten Punkten einfach von Geburt an verschiedener Auffassung war. Zwei gute Beispiele sind Fenster und Medikamente. Warum Häuser in Japan überhaupt Fenster haben ist mir ein komplettes Rätsel, denn diese bleiben immer verschlossen, die Klimaanlage läuft ja ist das Standardargument – und sind auch fast immer mit einem dicken Vorhang versehen, so dass die Nachbarn nicht reinschauen können. Im Sommer zog ich die Vorhänge zurück und machte die Fenster auf, so dass Licht und Luft in das Haus kommen. Mein Frau macht dann alles wieder dicht; übrigens auch noch heute 12 Jahre später in Bremen, wo Sonnenlicht nicht gerade die Regel ist. Ich glaube ich habe noch nie einen Vorhang zugezogen, oder ein Fenster geschlossen und meine Frau hat noch nie einen Vorhang oder ein Fenster geöffnet.

Ähnlich verhält es sich mit Medikamenten. Deutsche sind überwiegend der Ansicht, dass Medikamente unnatürlich sind, nur in äußersten Notfällen genommen werden sollten und am besten komplett auf die Selbstheilungskräfte des Körpers vertraut werden kann. Japaner denken hingegen, dass Medikamente gut sind, je mehr desto besser und bekommen dann entsprechend ihrer Erwartung bei einer Erkältung von ihrem Arzt jede Menge davon verschrieben. Die Diskussionen dass ich keine nehmen will, meine Frau aber jede Menge nehmen möchte sind längst vorbei und die Standpunkte des Anderen irgendwie akzeptiert. Aber was ist, wenn man gemeinsam Kinder hat, bekommen die nun jede Menge, die Hälfte oder gar nichts?

Das mögen jetzt relativ banale Beispiele sein, aber die Summe aller mehr oder minder banalen Beispiele definiert eine Kultur. Für die meisten Menschen und auch mich ist es unheimlich schwer, die eigene Kultur aufzugeben, auch wenn einige Sachen einfacher sind als andere. Ich finde es eben bescheuert einen Fahrradschlauch hinter dem Rad zu vergraben. Und ich denke aus diesem Blickwinkel müssen wir auch das Verhalten von anderen Menschen beurteilen, die in unserer Kultur leben. Da kann man Integration eigentlich nur langfristig und generationenübergreifend sehen.

Wie dem auch sei, ich war superfroh und extrem müde, als ich aus Gunma zurück endlich wieder zuhause war und integrierte mich nahtlos in mein Bett.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Übergestern, Mob, Uncategorized

Die elliptische Tretmühle in Hitachi-Naka

Um Sportlern die Gelegenheit zu geben auch an Rennen teilzunehmen, veranstaltete die JCRC das nächste Rennen auf einer gesperrten Teststrecke in Hitachi-Naka, etwa 140 km nördlich von Tokyo an der Küste und nicht auf einer noch weiter entfernten Vulkaninsel.

Die Teststrecke befindet sich auf dem Gelände des Japan Safe Driving Center. Sicheres Fahren nimmt in der öffentlichen Wahrnehmung in Japan einen besonderen Stellenwert ein. So muss zum Beispiel der Führerschein alle drei Jahre, wenn man Verkehrsverstöße begannen hat, bzw. alle fünf Jahre, wenn eben keine angefallen sind, verlängert werden. Dazu ist es notwendig zum Führerscheincenter zu gehen und eine Schulung über sich ergehen zu lassen. Bei mir bestand diese Schulung unter anderem darin, dass ich mir zusammen mit vielen anderen Japanern einen Film ansehen musste: „Mörder ohne Absicht!“

In dem Film ging es um einen Angestellten der Klimaanlagen repariert und der auf einer Firmenparty gut einen pichelt. Dort ruft ihn sein Chef an und bittet ihm zu einem Kunden zu fahren, um eine Anlage zu reparieren, was er dann nach einiger Diskussion auch tut. Man sieht ihn dann im Auto auf einer einsamen Straße.

Schnitt.

Eine Großmutter und ihre Enkelin kommen gut gelaunt und lachend von einer japanischen Kirmes zurück und gehen eine einsame Straße lang.

Schnitt.

Ist schon klar was folgt, oder? Jedenfalls verliert der Typ dann seine Arbeit und seine Familie mit den beiden Kindern muss aus ihren schönen, westlichen Haus in eine japanische Bruchbude an einer Bahnlinie ziehen. Er will sich bei den Eltern des verstorbenen Kindes entschuldigen, doch die schreien ihn nur an „Gib uns unsere Tochter zurück!“ Er muss dann ins Gefängnis, seine Frau arbeitet Tag und Nacht auf einer Baustelle, um die Kinder durchzubekommen. Man sieht sie dann mit den Worten „Ich bin so müde“ auf einem beschrankten Bahnübergang zugehen, es folgt das Bremsgeräusch eines Zuges.

Von da an geht es bergab. Klar, wir schon ganz unten im Tal aber jetzt geht es in den Mariannengraben. Am Ende des Filmes sieht man den Mann im Regen auf den Stufen vor dem Haus des getöteten Mädchens, er bollert an die die Tür und schreit „Verzeiht mir! Verzeiht mir!“ doch keiner macht auf. Die Kamera macht einen großen Schwenk weg von ihm auf die Hochstraße auf der viele Autos fahren und die subtile Message, für diejenigen, die es immer noch nicht kapiert haben ist: „Siehst Du, da fährst Du in Deinem Auto, aber wenn Du nicht aufpasst, dann bist Du Ruckzuck im Regen vor der Tür und bettelst um Verzeihung!“

Ich will jetzt nicht also obercool hier rüberkommen, aber angesichts der völligen Überzogenheit der Geschichte musste ich doch ein wenig schmunzeln. Neben mir pennten die meisten Männer, einige Frauen standen kurz vor einem Weinkrampf. Wie dem auch sei, als ich mich danach ins Auto setzte und nach Hause fuhr, war ich immer noch so stark unter dem Einfluss dieses Filmes, das ich kaum schneller fuhr als Fußgänger laufen und ständig nach links und rechts schaute. Mann, hatte ich einen Schiß, unglaublich. Zum Glück war dieses Gefühl nach ein paar Tagen wieder weg, ich raste todesmutig mit meinem Rad und baute darauf, dass andere Verkehrsteilnehmer auch diesen Film gesehen hatten.

Also zurück nach Hitachi-Naka: Die Strecke besteht aus einem, 5 km langem Oval mit breiter Fahrbahn und ohne irgendwelche Anstiege. Mit anderen Worten, es geht immer nur gerade aus oder ganz leicht links in die Kurve, es gibt Null Höhenmeter, die Fahrbahn ist breit genug um allen und jedem ausweichen zu können, der Belag perfekt: also der ideale Kurs für schwere Fahrer ohne eine gute Fahrtechnik so wie mich. Im Prinzip war das ein NASCAR Kurs und dann auch nur sechs Runden oder 30 km.
Entsprechend erfolgreich war ich bislang auch bei Rennen auf diesem Kurs gewesen. Im Jahr zuvor hatte ich mein bestes Resultat jemals erreicht einen 6. Platz, der mich dann auf das Podium und in die D-Klasse brachte. Ja, in Japan geht das Podium nicht nur bis zum Dritten, sondern bis zum Sechsten Platz weil das so mehr Menschen glücklich macht. Und dann kam auch noch P-Cup Talento Fuko und überreichte mir meine Urkunde – ich fühlte mich auf dem Höhepunkt meiner Radfahrkarriere in meiner schicken DDR Trainingsjacke als Fuko und ihre beiden massiven Dinger auf mich zukamen. Auch die anderen Resultate dort waren nicht schlecht, auch wenn sich das nicht in Podiumsplätzen ausdrücken lässt. Aber in der Regal kam ich immer weniger als eine halbe Minute hinter dem Sieger ins Ziel, sogar auf einem 160 km Langstreckenrennen, dass mit einem Schnitt von fast 40 km/hr endete. Ich war also vorsichtig optimistisch, das ich hier etwas reißen könnte.

Hitachi-Naka ist übrigens nach dem Unternehmen Hitachi benannt, oder umgekehrt. Genauso übrigens, surprise!, die Stadt Hitachi. Viel los ist da nicht, es gibt schönere Gegenden in Japan.

Der Samstag vor dem Rennen war ein wunderschöner Frühlingstag und ich hätte jede Menge Spaß auf dem Rad haben können, aber ich wollte mich ja für das Rennen am Sonntag schonen. Als ich morgens um halb Fünf aufwachte regnete es allerdings und das setzte sich dann die zwei Stunden fort, die ich mit dem Dienst BMW nach Hitachi-Naka brauchte. Ich kam an, liefe durch den Regen zur Registrierung, sagte hallo zu einigen Menschen die ich kannte und hätte jetzt eine Erkundigungsrunde zum aufwärmen fahren sollen. Aber wie gesagt, ich kannte den Kurs, der war nicht schwierig und so legte ich mich noch einmal eine halbe Stunde ins Auto und schlief.

Ich wachte auf, als Alain und Jacques aus meinem Team NFCC an meine Tür klopften. NFCC ist die Abkürzung für Nippon-French-Cyclyng-Club, die Mitglieder waren fast alle Franzosen, bis auf einige Japaner und ich war durch einen wilden Zufall dort gelandet. Zuerst wollten die mich nicht aufnehmen, da ich weder Franzose noch Japaner war, aber andererseits fuhr dort auch Tom, der aus Belgien kam und ich konnte mit meinem Argument punkten: „Ich komme aus dem Rheinland, wir waren sehr oft von den Franzosen besetzt – zu vielen anderen Zeitpunkten in der Geschichte wäre ich jetzt Franzose.“ Ja, im Rheinland benutzen wir viele französische Ausdrücke, wie z.B. „Mach keine Fisimatenten!“ was angeblich aus der Zeit kommt, als französische Offiziere rheinische Mädels mit den Worten „Visitez ma tente“ zu einem Date in ihren Zelten einluden.

Alain ist der unglaublichste Radfahrer, den ich je kennengelernt habe, Jacques hingegen komplett verrückt, wie die meisten Franzosen die ich kenne. Alain war in seiner Jugend französischer Studentenmeister; er hat nicht nur sehr gute Beine, sondern auch eine exzellente Technik. So ist er zum Beispiel in der Lage sich innerhalb von 15 Sekunden nach dem Start in einem dichtgedrängten Feld mit der Kraft seiner Ellenbogen von der letzten in die erste Reihe zu fahren. Ich habe das ein paar mal gesehen uns es ist wirklich erstaunlich wie subtil und wenig gewaltsam er das kann. Alain hatte mal versucht mir das beizubringen, aber mir fehlt einfach die subtile Beiläufigkeit in der Durchführung, so dass mir schon ein paar Mal Prügel angedroht wurde, als ich das versuchte. Alain hat auch ein sehr gutes Gefühl für den Zielsprint, so dass es eine sichere Sache war die letzten hundert Meter an seinem Hinterrad zu kleben.

Jacques hingegen arbeite als Personenschützer in der französischen Botschaft in Tokyo und sah aus, als wenn er gerade aus dem Irak gekommen wäre. Er hatte jede Menge Tätowierungen, ein Bowiemesser in der rechten Socke stecken und sprach weder Englisch noch Japanisch; es fehlte nur noch eine Augenklappe und der hätte zum Beispiel bei „Die Hard“ mitspielen können. Jacques sah so aus, als wenn man sich besser nicht mit ihm anlegt und deshalb kam er auch mit jeden Scheiß in Japan durch. Einmal drehte er sein Rad mitten im Feld kurz vor dem Start des Rennens um, setzte sich drauf, drehte an einem imaginären Lenkergasgriff und machte laute Geräusche: „Brumm Bruuummmm“. Oder wir fuhren mal gemeinsam mit der NFCC Trainigsgruppe in den Bergen. Die Gruppe hatte uns abgehängt, da wir mit Abstand die größten und schwersten Fahrer waren. An einem Anstieg überholten wir eine Frau auf einem Rad und Jacques fuhr vor mir, so dass ich mitbekam wie er sich auf gleicher Höhe zu ihr umdrehte und sie, wenn auch nett, anschrie: „DAIIIIIIJOOOUUUBUUU?“ Was etwa so viel heißt wie „Alles in Ordnung?“.

Die Frau fiel fast vor Terror und Angst vom Rad, stellte jegliches Treten ein, zitterte und fiel dann, weil sie ja nicht mehr fuhr, fast seitwärts vom Rad.
Kurz, er war verrückt und kam damit durch. Und Radfahren konnte er auch nicht. Jacques hielt einfach weder Linie noch Tempo, so dass er lebensgefährlich war hinter oder neben ihm zu fahren. Andererseits war er natürlich auch extrem sympathisch.

Wir machten uns dann mit unseren Rädern auf dem Weg zur Strecke und fuhren im strömenden Regen zwei Runden, um uns aufzuwärmen, so dass wir nicht so lange nass und kalt am Start stehen mussten, wo bereits die meisten der anderen 53 Fahrer nervös auf uns warteten.

Wir waren bereits am Start komplett durchnässt und dann ging es endlich los, so dass mir langsam wieder warm wurde. Am Start bin ich immer extra nervös, aber sobald das Rennen losgeht übernimmt das Adrenalin und ich kann mich gut konzentrieren maximale Kraft herauszuhauen. Was bei den Jedermannrennen ja auch notwendig ist, denn im Gegensatz zu Profirennen, wo sich die Kraft eingeteilt wird, um vielleicht einen Ausreisversuch zu wagen, oder beim Zielsprint noch genügend Power zu haben, ist es bei den meisten Jedermannrennen so, dass am Start alles, wirklich alles gegeben wird so lange es möglich ist. Und dann nach 15 Minuten fährt das übrig gebliebene Feld in völliger Erschöpfung die Strecke unambitioniert zu Ende.

Ich konnte dem Tempo des Feldes gut folgen und versuchte möglichst kräfteschonend und risikoarm im vorderen Drittel mitzufahren. Das Tempo variierte ein wenig, lag aber im Mittel bei etwa 40 km/hr. Normalerweise versuche ich im Rennen in Kurven möglichst weit innen zu fahren, denn wenn es in der Kurve jemanden umhaut, dann wird der durch die Zentrifugalkraft nach außen beschleunigt und räumt weitere Fahrer ab, die weiter außen fahren. Hier gab es aber praktisch keine Kurven, so dass ich versuchte mich möglichst an den Rändern des Feldes zu bewegen, damit ich bei einem Crash schnell ausweichen, oder ab und mal mit einem Zwischensprint Positionen aufholen konnte.

Nach der 2. Runde fuhr ich vorne weg über die Zielstrich, ich mache das ganze gerne weil das meine Kinder glücklich macht wenn ich wenigstens einmal vorne bin, aber irgendwie war das ja auch unnötig, da meine Familie gar nicht dabei war. Also ließ ich mich wieder im Feld zurückfallen, in dem sich immer noch mehr als 50 Fahrer befanden. dabei überholte mich Jacques, der sich an die Spitze des Feldes gesetzt hatte. Er fuhr wild von rechts nach links über die gesamte Breite der Fahrbahn, so als ob er imaginären Hindernissen ausweichen müsste und das Feld folgte seinen Schlangenlinien, was alle noch einmal eine Ticken mehr nervös machte. Alain hielt sich wie immer bedeckt im Feld auf und sparte seine Kräfte für den Schlusssprint auf. Ich hatte mittlerweile auf die harte Weise gelernt, dass man seinen Sprint erst 200m vor dem Ziel anzieht. Bei meinen ersten Rennen war ich noch 1 km vor dem Ziel losgehechelt, weil ich in dem irrsinnigen Glauben war, ich könnte 90 Sekunden auf extrem hoher Leistung fahren. Natürlich geht das nicht. Auch 500m gingen nicht und Alain machte mich dann darauf aufmerksam, das 200m das Optimum sind.

Die nächsten Runden passierte nichts, ich kam gut mit und fühlte mich nicht besonders erschöpft und nach der fünften wurde dann die Glocke für die letzte Runde eingeläutet. Sofort ging das Tempo einen Schlag höher und das Feld wurde nervöser. Fahrer überholten rechts und links und versuchten sich in eine gute Position für den Sprint zu bringen, es wurde viel rumgeschrien und geflucht. Etwa 3 km vor dem Ziel hörte ich direkt vor mir das Geräusch eines Sturzes. Das Feld vor mir war sehr dicht, es regnete immer noch, so dass ich nicht genau sehen konnte was vor sich ging, aber das Geräusch von sich aufreibendem Carbon, Lycra und Haut auf Asphalt ist eindeutig. Instinktiv wich ich scharf nach außen aus und zwar so weit, dass ich auf dem Gras neben der Strecke lande und alle Geschwindigkeit verliere. Der Sturz hatte sich etwa in der Mitte des Feldes abgespielt und so war das unbetroffene vordere Drittel schon ein ganzes Stück weit weg. Zum Glück überlegte ich nicht lange, trat so gut wie es ging in die Pedalen und konnte die Lücke zum Feld wieder schließen. In meinem Sog konnten dann auch einige Fahrer hinter mir wieder Anschluss finden.

Zum Glück ist das Feld nicht allzu schnell, sonst hätte ich ja auch nicht den Anschluss geschafft und das gibt mir die Möglichkeit mich ein wenig zu erholen. Etwas vor mir sehe ich Alain und ich hänge mich an sein Hinterrad. Alain orientiert sich in die Mitte des Feldes, dort wird es aber immer voller und am Ende muss ich sogar bremsen, damit ich nicht auf Alain auffahre. Aus irgendwelchen Gründen sprintet Alain nicht und ich bleibe hinter ihm bis uns die Strecke ausgeht und wir über die Ziellinie rollen.

Das Ergebnis ist dann auch nicht so toll, ich hatte das Gefühl, das hier mehr drin gewesen wäre: Alain wird 29., ich werde 31. und Jacques endet auf Platz 49. Von den 56 gestarteten Fahrern kommen 53 ins Ziel, davon 47 innerhalb von 10 Sekunden nach dem Gewinner. Der Rest war vermutlich vom Sturz betroffen.

Aber vielleicht war es auch ganz gut so. Ich war immerhin nicht gestürzt und hatte das Ziel erreicht. Wäre ich unter die ersten sechs gekommen, hätte das meinen Aufstieg in die C Klasse zur Folge gehabt: Also noch längere Rennen, noch härtere Konkurrenz und die Meisterschaft hätte ich mir ohnehin abschminken können.

Eigentlich hatte ich ja auch für ein weiteres 2 Stunden Rennen am Nachmittag angemeldet, aber ich wollte mein Glück an diesem Regentag wirklich nicht komplett ausreizen. Ich fuhr nach Hause und dachte daran, was ich an dem Tag alles hätte tolles machen können, statt 30 km durch den Regen zu fahren. Aber da ich ja ein Radrennfahrer bin fiel mir da auch wirklich nichts ein.

Fuko links, A und B Mädels rechts.


inem

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2022, Übergestern, Mob, Uncategorized

Vulkanausbruch auf Lummerland

Für das nächste Rennen hatte sich der JCRC etwas ganz besonderes ausgedacht: Einmal rund um einen aktiven Vulkan auf einer abgelegenen Insel – vorzugsweise mit aufgesetzten Gasmasken. Doch alles der Reihe nach.

Eigentlich war es auch nicht das nächste Rennen. Es hab noch eines auf einem flachen, 1 km langen Kurs in der Nähe von Chiba bei dem ich aus dem Hauptfeld herausfiel, aber trotzdem noch 15. von 22 Fahrern wurde. Aber dann ging es auch gleich weiter auf die Insel.

Miyakejima gehört zu der Gruppe der Izuinseln und liegt etwa 180 km südlich von Tokyo. Im Prinzip ist das keine Insel, sondern ein Vulkan im Meer an derem Küste sich Menschen angesiedelt haben, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer. Im letzten Jahrhundert kam es immer wieder zu Ausbrüchen bei denen Lavaströme die Ortschaften zerstörten. Wer dann noch nicht tot war, den erwischten die giftigen Schwefelgase, die aus den unzähligen Spalten und Löchern auf der Insel wabbern.

Der letzte große Ausbruch datiert aus dem Jahr 2000; damals wurden sämtliche Einwohner nach Tokyo gebracht, denn administrativ gehört die Insel zur Stadt Tokyo. Das ist in etwa so, als wenn ein Erdrutsch droht ein Dorf in den bayrischen Alpen zu zerstören und alle Einwohner werden nach Berlin Kreuzberg evakuiert, wo sie dann die nächsten fünf Jahre verbringen müssen. 2005 durften die Einwohner wieder zurück nach Miyakejima.

Es ist schwierig einen Ort zu finden, der sich dermaßen schlecht für die Organisation eines Radrennens eignet, genauso gut könnte man eine Fußball WM in der Wüste durchführen. Erklären lässt sich das nur dadurch, dass Geld von der Tasche A in die Tasche B wandert. Für mich war das allerdings ein echter Glücksfall, denn es sollte nicht nur ein Wertungsrennen, sondern sogar zwei auf Miyakejima durchgeführt werden: Ein Bergrennen und ein normales Rennen auf einem Rundkurs. Und da ich davon ausging, dass nicht viele Konkurrenten Lust hatten ein ganzes Wochenende auf der Fähre hin und zurück und dazwischen an den Ufern eines brodelnden Vulkan zu verbringen, rechnete ich mir gute Chancen aus auch mit zwei letzten Plätzen ganz nach vorne in der Gesamtwertung zu kommen.

Die Fähre verließ Tokyo Freitagnacht und mit Juliane, david und Stephen hatte ich lustige Begleitung dabei. So lustig, dass wir die halbe Nacht mit viel Alkohol draußen auf dem Schiff verbracht und die andere Hälfte in halbverenkten Stellungen auf dem Vinylboden der unteren Klassen. Als wir morgens aufwachten sahen wir die Insel am Horizont und als wir näher kamen hatten wir dann auch gleich diesen beißenden Schwefelgestank in der Nase, der uns den Rest des Wochenendes begleiten sollte. Mittlerweile ging die Besatzung herum und verteilte Gasmasken, die wir doch bitte zu unserer eigenen Sicherheit auf der Insel immer dabei haben sollten.

Der Hafen selber war teilweise von den Lavaströmen des 2000er Ausbruches zerstört worden, die Anlagen waren noch in Betrieb, aber leben tat hier keiner mehr. Was hat man für einen Eindruck von einem Ort, der aus zerstörten und zerfallenen Häusern besteht, menschenleer ist, stark nach Schwefel riecht und den man nur mit einer Gasmaske in der Tasche betreten darf? Das war wie eine Vision des Japans von übergestern.

Ein Bus brachte uns zu unserer Pension, einem kleinen Holzhaus in der Nähe von Start und Ziel. Die Pension hatte bessere Tage gesehen und war ziemlich runtergekommen. Als wir in unser Zimmer kamen, schlug uns ein penetranter Gestank von Schimmel entgegen, also rissen wir schnell die Fenster auf. Sofort kam uns der beissende Gestank von Schwefel entgegen – na schön, dann bleiben die Fenster eben doch zu. Wir legten uns erst einmal hin und machten uns dann auf dem Weg zum Strand. Dieser Strand war anders, als alle anderen Strände die ich bis jetzt gesehen hatte, denn er bestand ausschließlich aus mittelgroßen, pechschwarzen Kieselsteinen. Das half dabei unseren schlechten Eindruck von der Inseln zu mindern und wir pennten und platschten vor uns hin. Das Meer war warm genug für Briten, Iren, Deutsche und Ostdeutsche.

Eigentlich hatten wir geplant alle vier an dem Bergrennen teilzunehmen, aber Juliane und david zogen es vor am Strand zu bleiben und so machten Stephen und ich uns auf dem Weg zum Start. Ich war sehr froh, dass Stephen dabei war, denn ich wusste, dass er am Berg noch langsamer war als ich und da wir in der gleichen D Klasse starten würden, gab er mir die Möglichkeit nicht auf dem letzten Platz zu landen.

Das Bergrennen selber war 3,6 km lang und über eine Höhendifferenz von 150 m. Der erste Kilometer war sehr flach und danach ging es mit relativ konstanter Steigung von 5-10% hoch bis zum Ziel, inklusive einiger kurzer, flacher Stücke. Da wir ja den halben Tag am Strand verpennt hatten, konnte ich den Kurs vorher nicht fahren, hatte also keine genaue Ahnung nach welcher Kurve nun das Ziel lag, so dass ich zum Schluss noch einmal alles geben konnte.

Mittlerweile war ich gar nicht mehr so schlecht in Form. Wir waren einen Monat vorher das Tokyo – Itoigawa Rennen gefahren, über 300 km und die japanischen Alpen vom Pazifik zum japanischen Meer. Und ich war sehr viel in den Bergen jenseits von Tokyo unterwegs gewesen, so dass mein Selbstbewußtsein doch merklich gestiegen war. Natürlich war ich immer noch nicht schnell, aber eben schneller als einige andere. An sich war es wie in diesem alten Radfahrerwitz, wo zwei Radfahrer einen Berg runter fahren und plötzlich sehen, dass von unten ein Grizzlybär auf sie zugerannt kommt. Der eine dreht um und will den Berg hoch fahren und der andere schreit: „Glaubst Du echt, dass Du schneller bist als der Bär?“ Und der zweite antwortet: „Nein, aber schneller als du.“

In der D Klasse waren außer Stephen und mir noch sieben weitere Fahrer angetreten. Das Rennen wurde als Einzelzeitfahren ausgetragen; ich startete als Erster direkt nach dem letzten Fahrer der C Klasse und dann die weitere Fahrer aus dem D Feld in Abständen von 15 Sekunden. Stephen sollte der letzte sein.

Hoch motiviert fuhr ich los und auf dem ersten gerade Stück konnte ich fast an den letzten Starter der C Klasse heranfahren, der 15 Sekunden vorher losgefahren war. Ich fühlte mich sooooo gut, ja so musste eine Bergrennen sein! Unglücklicherweise wurde ich doch sehr schnell sehr viel langsamer, sobald der Anstieg begann und innerhalb von Sekunden verlor ich den Fahrer vor mir aus den Augen. Der Anstieg war jetzt bei fast 10% und ich hatte mich natürlich auf dem ersten Stück völlig verausgabt, was sich nun rächte. Zum Glück kam bald wieder ein flaches Stück und der Rest bis zum Ziel war nicht ganz so steil, vielleicht 5%. Aber immerhin, ich wurde nur von einem einzigen Fahrer überholt und nach einer sehr engen Kurve kam dann auch schon direkt das Ziel. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich noch mal richtig angestrengt, aber so fuhr ich einfach nur locker über die Linie.

Ich wartete auf Stephen, der ja etwa 2 Minuten hinter mir gestartet war an der letzten Kurve, um ihn noch einmal richtig anzufeuern. Und nachdem auch alle anderen 110 Fahrer oben waren, kamen auch Juliane und david nach. Jetzt war ich doch einmal gespannt, wievielter ich geworden war und wollte unbedingt zum Start fahren, um mir die Ergebnisse anzusehen. Dummerweise war es aber so, dass selbst auf der kleinsten japanischen Insel unmittelbar vor Untergang und völliger Vernichtung immer noch bitte schön die japanischen Regel eingehalten werden müssen. Diese wurden durchgesetzt von eine Gruppe wirklich unfreundlicher Polizisten die die Fahrer mit gezogenem Schlagstock in Schach hielten und zwangen in einer geschlossenen Gruppe wieder ins Tal zu fahren. Das japanische Wort für Schlagstock ist übrigens „Gebarutobo“, das leitet sich ab aus dem deutschen Wort „Gewalt“ und dem japanischen „Bo“ für Stock.

Juliane, die deutlich mehr Erfahrung im Umgang mit unerfreulichen Autoritäten hat als wir alle, ließ die Luft aus ihrem Reifen, täuschte einen Platten vor uns so konnten wir dann doch schließlich zusammen nach der Gruppe fahren wann wir wollten. In aller Ruhe pumpten wir den Schlauch auf und als gute Japaner und um nicht den Zorn der lokalen Gottheiten auf uns zu ziehen, murmelten wir dabei Dinge wie „Danke kleiner Schlauch, dass Du so lange die Luft gehalten hast“ usw.

Endlich unten angekommen schaute ich auf die Ergebnisse: Hm, das war ja gar nicht so übel. Von 110 Fahrer die teilgenommen hatten war ich insgesamt auf Platz 77 gelandet. In der D Klasse allerdings war ich Vorletzter, zum Glück hatte ich mich da auf Stephen verlassen können.

OK, wir hatten also trotz Lavaströmen und giftigen Gasen ausgeharrt, aber jetzt sollte das Unterhaltungsprogramm kommen. Der JCRC organisiert nämlich bei vielen Rennen ein Rahmenprogramm, bei dem mehr oder minder unbekannte, oder nicht mehr bekannte „Talentos“ auftreten. Talentos sind Menschen die angeblich irgendein Talent haben, und wenn auch nur das, ein Talento zu sein; das entspricht in etwa dem B-Promi in Deutschland. Mein Gott was musste ich mir da alles ansehen bei den vielen JCRC Rennen! Höhepunkt jemals war Fuko, ein japanisches Modell mit einer riesigen Oberweite. In Japan werden BHs in Körbchengrößen angegeben, die meisten Japanerinnen bewegen sich da, nach Angaben meiner Frau, im Bereich A oder B. Fuko allerdings hatte P, entsprechend 120 cm. Von ihr bekam ich meine Urkunde überreicht, als ich im Vorjahr den 6. Platz bei einem Rennen in Hitachi-Naka geschafft hatte und in die D Klasse aufstieg.

Naturgemäß gibt es nicht genug Talentos die so verzweifelt sind, dass sie das Risiko eingehen, während ihres Auftritts von einem siedenden Lavastrom hinweggerissen zu werden und so beschränkte sich das Programm auf einen japanischen Schlagersänger Nishikino Akira, ein Comedy Duo namens 360° Monkeys und einem Mädchenduo aus dem Bereich A / B. Wir machten uns daher auf in unser Hotel Schimmelprinz wo zu unserer großen Überraschung Reis und Fisch serviert wurde. Keine so große Überraschung.
Allerdings immer doch dann, wenn Besuch aus Deutschland nach Japan kam. Die typische Reaktion ist dann, wenn am ersten Tag zum Frühstück Fisch und Reis serviert wird: „Oh, Fisch zum Frühstück, mal was anderes.“ Und am zweiten Tag: „Gibt’s in der Nähe einen McDonalds?“ und schließlich am dritten und allen folgenden Tagen: „Schon wieder Fisch? Mir reicht’s!“.

Danach gingen wir in eine japanische Snackbar, denn selbst auf einer Insel mit 2.500 Einwohnern gibt es mindestens vier Snackbars. Wir hatten ja schon gegessen, was eine gute Idee war, denn in einer Snackbar gibt es mitnichten etwas zu essen, sieht man einmal von dem Schälchen Erdnüssen auf dem Cocktailtisch vor einem ab und das unter den Begriff „Tablecharge“ fällt. In Snackbars setzen sich meist ältere Frauen zu einem an den Tisch, tätscheln einem die Knie, zünden Zigaretten an und hören geduldig zu, wenn langatmig über Leben und Schicksal geredet wird. Dazu gibt es Whiskey und Karaoke und nach ein paar Stunden und etlichen Yen weniger geht man gestärkt wieder zurück ins richtige Leben und packt sein Schicksal an.

Am nächsten Morgen hatten wir eine dicke Birne und wachten gerade noch rechtzeitig auf um zum Start zu fahren und uns den 2,5 km langen Rundkurs anzusehen, den wir insgesamt acht Mal fahren sollten. Beim Abfahren stellten wir dann mal wieder fest, dass der ganz schön hügelig war, damit hatte ich so gar nicht gerechnet. Und während wir am Abend vorher Pläne geschmiedet hatten, wie und wann wir aus dem Feld ausbrechen würden, um den Sieg zu sichern, ging es jetzt darum hart zu überlegen wie wir unsere Gesichter wahren könnten. Stephen, david und ich fuhren ja gemeinsam in der D Klasse und wir hatten die großartige Idee nach der 7. Runde die Hände am Zielstrick hochzureissen, uns von Juliane gratulieren zu lassen und dann Knall auf Sack zu verschwinden.

Wie so oft kam uns das gütige Schicksal zur Hilfe: Die Meßstationen auf der Insel hatten eine erhöhte Konzentration von Schwefeldioxid gemessen, so dass es nicht mehr sicher war sich draußen ohne Gasmaske zu bewegen. In der Konsequenz wurde das Rennen abgesagt. Wie genial war das denn, ohne zu fahren bekam in die Punkte für das Rennen geschenkt!

Wir setzen unsere Gasmasken auf und machten uns daran Fauna und Flora der Insel zu erkundigen- oder das, was davon noch übrig geblieben war.

Also schwangen wir uns auf unsere Räder und machten eine volle 32 km Runde um die ganze Insel, sprangen noch mal in die heißen Quellen und fuhren dann zurück zum Hafen wo unsere Fähre zurück nach Tokyo bereits wartete.

Ich muss sagen, die Abfahrt nahm mich doch sehr mit: Lange, bunte Bänder wurden vom Schiff in Richtung Mole geworfen und die vielen Einheimischen die zur Abfahrt gekommen waren hielten diese fest, bis sich das Schiff so weit entfernte, dass sie rissen. Von Mole und Schiff wurde heftigst gewunken und sogar die Polizei hatte sich eingefunden und winkte sanft mit ihren Schlagstöcken in den Abendwind.

Die Nacht verbrachten wir wieder auf dem Deck und als wir am frühen Morgen in Tokyo ankamen, hatte sich unser Eindruck von Miyakejima doch erheblich geändert. Als wir zwei Tage vorher ankamen fürchteten wir, dass eine Gruppe von Zombies unseren Bus stoppen würde oder wir von gigantischen Mango Schildkröten gejagt werden. Aber als wir abfuhren hatten wir nur noch Respekt für die Insel und ihre Einwohner deren Schicksal von den Naturelementen bestimmt wird. Es ist kein einfaches Leben auf Miyakejima aber wir hatten mal wieder eine Menge netter Menschen kennengelernt. Die Erinnerung daran wird auch dann noch bestehen, wenn der Geruch von Schimmel und Schwefeldioxid längst vom Seewind weggeblasen wurde.

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2022, Übergestern, Mob, Uncategorized

Übergestern in Japan: Überstunden für Slartibartfast

Auch wenn einige immer noch „Fake News!“ rufen schuf Gott die Erde in sechs Tagen. Ihm ging es so wie uns allen, wenn wir irgendetwas komplizierteres von Lego aufbauen: Alles ist fertig, prima, aber warum liegen da noch so viele Teile rum? Und so hatte Gott am siebten Tag noch jede Menge Hügel, Schluchten, Abhänge und Böschungen übrig. Einen großen Teil verbaute er am Sonntag Vormittag und komplizierte damit unnötig die Küstenlinie Norwegens, den Rest schmiss er nach Shuzenji in Japan. Zur Sicherheit baute er noch einen hohen Zaun um die Gegend und alle 100 Meter hängte er Schilder auf, auf denen „Menschheit! Betretet nicht dieses Gebiet! Und denkt schon gar nicht daran hier Rad zu fahren!“ stand. Aber dann war auch mal Schluss, es war schon fast Mittag und er war noch zum brunchen eingeladen.

Die folgenden 3,5 Milliarden Jahre lief auch alles gut. Alle intelligenten Lebewesen, sei es Einzeller, Amphibien, Reptilien oder Känguruhs hielten sich schön weit weg von Shuzenji entfernt. Und auch die ersten Menschen waren mehr damit beschäftigt Mammuts zu jagen, Höhlen zu bemalen und für Nachwuchs zu sorgen, als über KOMs nachzudenken. Doch mit der Erfindung des Rades ging es dann ziemlich schnell bergab. Das heißt eigentlich: bergauf.

Die ersten Japaner tauchten auf, und da in und um Tokyo herum schon mehr als 30 Millionen von ihnen lebten und da wirklich kein Platz mehr war, fiel die Wahl für den Bau eines Radsportleistungszentrum mit Trainingsrennen naturgemäß auf Shuzenji. Das klingt vielleicht überraschend für jemand, der noch nie in einem japanischen Meeting saß, aber alle die mal da waren nicken jetzt nur zustimmend mit ihren Köpfen und lächeln leise vor sich hin.

„Hey Gott“, so ungefähr geht das Argument, „das war ja alles gut und richtig was Du Dir da vor Milliarden von Jahren ausgedacht hast, aber hey, wir haben 2008 und 10-Gang Shimano Di2 Schaltungen, Carbonsättel die 70 Gramm wiegen und Lightweight Carbon Laufräder – daran haste nicht gedacht, stimmts?“

Hey Gott, daran haste nicht gedacht, stimmt’s?

2002 war es dann so weit, das Cycle Sports Center Shuzenji wurde eröffnet, komplett mit Sportschule für die Ausbildung der Keirin Rennfahrern, 5 km Rennradstrecke, MTB Trail und einem Freizeitpark. Aber nicht nur das, an acht Mal im Jahr gibt es Kurse für Frauen die nicht Radfahren können mit einer Erfolgsquote von 99,9% – und das 2022. Kurz gesagt, Shuzenji ist ein Traum für Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen.

Leider hatte die JCRC entschieden zwei seiner Rennen in Shuzenji auszutragen, so dass ich gezwungen war Im Frühjahr 2008 dahin zu fahren, über den Zaun zu klettern und Gottes Gebote diesbezüglich zu missachten. Also machte ich mich eines morgens sehr früh auf den Weg um die 140 km von Tokyo nach Shuzenji zu fahren. 140 km in Japan sind nicht wie 140 km in Deutschland – jedenfalls fühlen sich die sehr viel länger an, vor allem auf den engen Landstraßen, die durch die hügelige Izu-Halbinsel führen auf der Shuzenji liegt. Und erstaunlicherweise sind um diese Zeit schon unglaublich viele Autos unterwegs; das liegt an dem statistischen Gesetz der großen Zahlen.

Ein noch so kleiner Prozentsatz, multipliziert mit einer großen Zahl ergib eine immer noch beachtlich große Zahl; man muss jetzt nicht Ingenieurwesen an der RWTH Aachen studiert haben, um das zu verstehen – aber was bedeutet das im echten Leben? Im echten Leben wurde mir das zum ersten Mal bewusst, als ich mich eines Abends mit einem Freund zusammen in Tokyo entschloss zu einem Kino zu fahren, um dort eine Reihe „Experimenteller Stummfilme des Dadaismus der Zwanziger Jahre aus Frankreich“ zu sehen. Eine solche Veranstaltung, zum Beispiel in Mönchengladbach durchgeführt, würde vermutlich zwei Kunststudenten anlocken von denen der eine in letzter Minute absagt. Klar, Mönchengladbach hat ja auch nur 150.000 Einwohner (Rheydt nicht mitgezählt, doch dazu später). In Tokyo und herum, mit 30 Millionen Einwohner gibt es aber durchaus genügend Japaner die sich so etwas antun. Und so war das Kino dann auch konsequenterweise ausverkauft, als wir ankamen.

Einige Jahre später fuhr ich mit meinem Sohn auf dem Anhänger am Fluss Tamagawa heraus aus Tokyo, als über den Fluss eine amerikanische Militärmaschine Richtung des Luftwaffenstützpunktes Yokota (dort wo es keine Räder gibt) flog. Hm, dachte ich, das wäre doch mal eine tolle Idee am nächsten Wochenende mit meinem Sohn zur Einflugschneise zu fahren und Flugzeuge anzuschauen. Gesagt, getan. Am nächsten Sonntag machten wir uns auf und fuhren mit Bahn und Taxi zur Airbase. Als wir ankamen dachte ich zunächst da wäre eine Demo in der Einflugschneise, denn da standen Massen von Japanern herum. Aber nein, das waren einfach Japaner die die gleiche Idee wie wir hatten und zum gleichen Zeitpunkt nach Yokota gekommen waren. Einige hatten ihre Familien mitgebracht und grillten, andere standen auf Leitern, um die Flugzeuge über dem Zaun besser fotografieren zu können. Einer erzählte mir, dass gleich eine Transportmaschine aus Pusan, Korea ankommen würde. Woher er das wusste? Er hatte einen Kurzwellenempfänger dabei mit dem er den Tower abhörte. Kurzum, ich dachte ich hätte eine ganz tolle Idee gehabt und wäre bestimmt der einzige Mensch in Tokyo dem so etwas tolles einfällt. Sind aber 30 Millionen Menschen um einen herum, wird das auch noch dem einen oder anderen einfallen und ein Volksfest daraus. Das ist das Gesetz der großen Zahlen.

Yokota Plane Spotiing – Meine Idee!

Und so sind dann eben morgens um vier schon unzählige Autos auf den Straßen von Tokyo unterwegs und ja, Gesetz der großen Zahlen, viele davon eben auch nach Shuzenji und es geht nicht so schnell vorwärts, wie ich mir das in meiner Nervösität gewünscht hätte.

In der D Klasse fing das Rennen kurz vor 8 Uhr an. Der Kurs selber ist 5 km lang und kann im, oder auch gegen den Uhrzeigersinn gefahren werden, dabei wird insgesamt ein Höhenunterschied von 140 Meter zurückgelegt. Bei diesem Rennen sollten nun drei Runden im Uhrzeigersinn gefahren werden; nach dem Start geht es auf der breiten Zielgerade zunächst einmal 30 Meter hoch und dann halsbrecherisch mit hohem Tempo über viele technische Kurven1,8 km runter. Ganz unten angekommen gibt es dann einen etwa 1,5 km langen Anstieg mit 70 Höhenmeter, bevor es dann wieder kurz runter in ein Tal geht. Danach beginnt dann der letzte Anstieg über 500 Meter zum Ziel. Wenn ich das hier so schreibe, dann klingt das so einfach: drei Runden sind auch nur 15 km und etwa 420 Höhenmeter – aber dieser Kurs ist wirklich die Hölle. Zum Glück waren nur drei Runden angesetzt, so dass die Gefahr einer Überrundung nicht besonders groß war. Ich musste nur das Ding zu Ende fahren und dann konnte ich wieder 60 Punkte mit nach Hause nehmen.

Am Start stand ich dann mal wieder hypernervös mit 27 Japanern und stellte fest, dass ich wahrscheinlich einer der Ältesten im Feld war. Vor mir stand ein, wie ich nachher herausfand, vierzehnjähriger Knirps der – Spoiler Alert – das Rennen gewinnen sollte. Egal, sobald der Startschuss ertönte war jede Nervösität weg, denn ich brauchte jedes Energiepaket, das in meinem Körper vorhanden war, um am Feld zu bleiben und den ersten Berg hoch zu kommen. Das schaffte ich unter völliger Verausgabung, auch wenn ich mich fast ganz am Ende des Feldes befand und wir begaben uns auf die lange Abfahrt. Hier habe ich gewisse Vorteile, denn Masse rollt gut, so dass ich keinerlei Mühe hatte die Position zu halten, bis wir ganz unten im Tal auf dem tiefsten Punkt der Strecke ankamen. Aber als nun das Feld den Anstieg begann war alles vorbei; ich konnte nur noch zusehen, wie sich auch der zweitschlechteste Fahrer zügig von mir in Richtung Ziel entfernte. So gut es ging strengte ich mich an den Berg hoch, und wieder runter zu kommen, aber als ich nach der ersten Runde im Ziel ankam war das Feld nicht mehr zu sehen und die wenigen Zuschauer sahen mich mit einer Mischung aus Mitleid und peinlicher Berührung an. Gut, dann noch eine Runde erst kurz hoch und dann wieder in die Abfahrt. Ich musste jetzt nur noch die zweite Runde beenden und nicht überrundet werden; also strengte ich mich auf dem langen Anstieg voll an und schaute mich immer wieder um nach dem Motorrad, dass die Rennspitze ankündigt. Aber da war zum Glück nichts. Nachher konnte ich nachlesen, dass sich die Spitze mit mehr als 31 km/h um den Kurs bewegte, während ich gerade mal mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 km/h um jeden Meter kämpfte. Aber das reichte eben auch. Die dritte Runde ließ ich dann deutlich langsamer angehen, ich musste ja nur noch heil ins Ziel kommen. Ich sah einen abgehängten Fahrer aus dem Feld vom Team „Spade Ace“ – das ist japanische für „Ace of Spade“ oder Pik As – aber selbst einen demotivierten, abgehängten Fahrer konnte ich nicht mehr einholen und rollte so über den Zielstrich.

Ergebnis: 25. von 25 Teilnehmern die das Rennen beendeten – immerhin drei hatten unterwegs aufgegeben. Ich fuhr nach Hause und mein Sohn fragte mich, welche Platz ich beim Rennen belegt hätte und ich sagte wahrheitsgemäß, dass ich Letzter geworden wäre. Da ich dies in den nächsten Wochen öfters sagen durfte entwickelte mein Sohn vermutlich nie einen sportlichen Ehrgeiz, denn ihm wurde klar, dass das ganze trainieren und üben total sinnlos ist – weil man ohnehin nur Letzter wird. Genau wie ohne jedes Training.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Übergestern, Mob, Uncategorized

Übergestern in Japan: Auf dem Weg nach Tokyo

Hinweis: In diesem Teil kommt das Thema Radsport gar nicht vor und wird nur ab und an aus schlechtem Gewissen erwähnt. Also:

Absolut kein Radsport in Düsseldorf.

1979 als ich schwitzend vor Angst im Okie Dokie stand hätte ich nie gedacht, dass ich einen großen Teil meines Lebens in Japan verbringen würde. Klar, in dem Monat dachte ich sowieso nur daran, wie ich nicht eins auf die Fresse kriegen würde, und möglichst schnell abhauen könnte. Aber auch ansonsten auch machte ich mir Punk-no-future-mässig wenig Gedanken um meine Zukunft. Warum auch, ich spielte in einer Band aus Mönchengladbach, EA80, brachte ein Fanzine raus, Das Mob, und machte Abitur. Ach ja, und ich fuhr ab und an Rad.

Mit Japan hatte ich noch nichts zu tun, auch später als ich von Mönchengladbach in die Glitzer- und Japanermetropole Düsseldorf umzog. Dort stellte sich das erträumte adrenalinhalte Punkleben als eine doch eher drögge Mischung aus Altbier, aufgesetzter Coolness und schlechter Musik heraus. Noch schlimmer wurde es dann, als ich ein paar Jahre später nach Aachen zog, um mein Ingenieurstudium zu beginnen. Heute stellt sich Aachen dar, als wenn es das wahre Silicon Valley Deutschlands wäre, aber in den Achtzigern gab es da weder Japaner noch Frauen.

Letzteres war ein Problem, ersteres überhaupt nicht. Ich war letztens noch mal in der Stadt und hatte meine damalige Nachbarin Evelyn besucht. Nachts spazierten wir durch den Park auf den Lousberg hoch und setzten uns oben auf eine Bank mit Blick über die Stadt. Wir hatten ein paar Flaschen Bier dabei, ich rauchte eine Zigarette und es war sehr romantisch. Eine Bank weiter saßen zwei Männer und ich dachte „OK“, bis ich Gesprächsfetzen auffing, die etwa so waren:

„Bei der letzten Übung in Thermodynamik habe ich nicht verstanden, warum die Konvergenz idealer Gase…..Bernoulli-Hypothese zur Biegung langer gerader Balken…..usw. gähn“

Ja, so ist Aachen. Meine Ingenieursfreunde hörten keine Musik, fuhren kein Rad und waren total humorlos. Als ich mit dreien von denen nach einer Vorlesung Richtung Stadt ging und gerade einen, wie ich fand, extrem lustigen Witz erzählte (es war der lustigste Witz der Welt und der Effekt war wie bei Monty Python, leider kann ich mich so gar nicht mehr daran erinnern) spielte sich folgendes ab:

Ich: „… und dann sagte der Arzt zu der Frau:…“
Ingenieursfreund: „So, macht’s gut, ich geh‘ noch in die Mensa, wir sehen uns dann später bei Wasserbau.“

Meine Freunde hatten auch keine Bücher; wenn ich denen eins zum Geburtstag schenkte dann hieß es: „Ein Buch? Aber ich habe doch schon eins. Da brauche ich ja bald ein Regal, hahahaha.“
Genauer gesagt hatten sie drei Bücher: Taschenbuch der Mathematik von Bronstein & Semendjajew, die
Louis Vuitton Tasche des Ingenieurs, und zwei Werner Comics. Das war gut für mich, weil ich schreiben konnte und in Gruppenarbeiten immer die angenehme Aufgabe hatte die Ergänzungsberichte anzufertigen. An dem Wort „Ergänzung“ merkt man schon, wie wichtig Text dem Ingenieur, im Gegensatz zu Tabellen, Graphiken und Formeln ist – nämlich gar nicht. Die klassische Diplomarbeit in Aachen fing an mit: „Wie in Abbildung 1.1.1.1.1 erkennbar …“ und endete mit einer Tabelle 27.23.8.13.3.

Ich hingegen verfasste elaborate Texte, die von divergierende Klothoiden in der Unendlichkeit des Tannhäuser Tores berichteten und kam mir vor wie Rutger Hauer in Blade Runner. Diese Berichte dienten vor allem dazu unseren Arbeiten das nötige Volumen zu verpassen, gelesen wurden sie eher selten. Ich war einmal bei einem Assistenten im Fach Abwasserreinigung in der Sprechstunde und hatte noch ein paar Fragen zu meinem Exkursionsbericht, als ein anderer Student reinkam und seinen Bericht abgab. Der Assistent meinte dann, er solle ihn in den Eingangskorb legen und könne den in zwei, drei Wochen abholen. Während er dann mit mir weitersprach, nahm er den Bericht, stempelte auf die zweite Seite „Bestanden“ und legte ihn in den Ausgangskorb.
Das sind so die Momente, wo einem das ganze menschliche Dasein und Tun total sinnlos vorkommt.

Jedenfalls war ich nun zu Unrecht sehr selbstbewusst, was meine schreiberischen Fähigkeiten anging und als ich im Frühjahr 1985 eine Anzeige der Japan Foundation im Spiegel sah, die zu einem Aufsatzwettbewerb in Japan einlud war ich sofort Feuer und Flamme. Es gab einen zweiwöchigen Aufenthalt dort zu gewinnen und dazu musste man nur einen Aufsatz zum Thema „Mein Bild von Japan“ verfassen. Wenn meine Freunde mich fragten, wo ich im Sommer den Urlaub verbringen würde, sagte ich nur kurz und lässig: „Japan. Bin eingeladen.“

Zum Glück war ich nicht größenwahnsinnig und ließ meinen Aufsatz vor der Abgabe von Christian Bieniek durchlesen. Christian kannte ich aus Düsseldorf; er war ein begnadeter Musiker, ein begnadeter Schreiber, und zudem auch noch leicht exzentrisch – später wurde er Kinderbuchautor. Vor allem aber war er der witzigste Mensch, den ich je in meinem Leben kennengelernt hatte – bis auf das rothaarige Mädchen, das in der Bäckerei neben Woolworth arbeitete. Christian fand meinen schnell geschriebenen und ganz schlecht recherchierten Text über das Image von Japanern in Deutschland zu recht fürchterlich und versuchte dann zu retten, was es zu retten gab, aber auch so war das Ergebnis, fast vierzig Jahre später betrachtet, immer noch ein furchtbares Machwerk von Vorurteilen, Plattitüden, Halbwahrheiten und Witzeleien. So hiess es z.B. darin, dass Japaner in der internationalen Musikszene immer präsenter werden. Man denkt da ja vielleicht an Yoko Ono, oder Ryuichi Sakamoto vom Yellow Magic Orchestra, aber ich dachte an Zeke Manyika, den Schlagzeuger des britischen One-Hit-Wonder Orange Juice. Für mich klang der Name irgendwie japanisch und ich erwähnte ihn, aber wenn ich vorher mal einen Blick auf die Rückseite der Orange Juice LP geworfen hätte, dann wäre mir klar gewesen, dass Zeke Manyika aus Simbawne, und nicht aus Japan stammt.

Zeke Manyika; Japaner, glaube ich, unten links.

Das war aber auch egal, denn in der Japan Foundation saßen viele Menschen des Types: „Assistent im Fachbereich Abwasserreinigung“. Heute glaube ich, dass da noch nie ein Ingenieur einen Aufsatz eingereicht hatte und ich alleine aus diesem Grund (Spoiler Alert) ausgewählt wurde. Ja, genau, neben etwa 40 weiteren Gewinnern aus der EU, bekam ich dann eines Tages von der japanischen Botschaft einen Anruf, der mir mitteilte, dass ich im September für zwei Wochen nach Japan fliegen würde. Ich weiß nicht ob das der glücklichste Moment meines Lebens war, aber es war mit Abstand der glücklichste Moment in Aachen. Manchmal, wenn ich mit meinem Leben nicht zufrieden bin dann denke ich daran, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals nicht nach Tokyo gegangen wäre. Vermutlich hätte ich in Aachen promoviert und meine Doktorarbeit über die symbiotische Verbindung von Hochlochziegeln und Mörtelfugen geschrieben, ein irrsinniges spannendes Thema das ca. 36 Menschen in der Welt interessiert und mit der man garantiert keine Frauen bekommt, schon gar nicht in Aachen. Stattdessen unterhalte ich mich heute über den Unterschied zwischen der Bremsleistung einer Shimano Dura Ace BR-7403 (meine Lieblingsbremse!) und einer Shimano Dura Ace BR-9100, ein Thema das garantiert mehr als 37 Menschen auf dieser Welt interessiert, bei Frauen allerdings gleichsam wenig beliebt ist.

Davor war ich in meinem Leben einmal geflogen – von Düsseldorf nach Zürich – und jetzt saß ich in der Businessclass einer 747 der Japan Airlines und machte ich auf den 23-stündigen Weg über Alaska nach Tokyo. 1985 gab es noch die UdSSR und die erlaube es nicht über ihren Luftraum zu fliegen, das hatte die Führung noch 1983 sehr klar gemacht, als sie eine koreanische Passagiermaschine abschießen ließen. Und so wurde Amerika der zweite Kontinent auf den ich meinen Fuß setzte.

Ich kann jetzt nur den Menschen sagen, die wie ich aus Mönchengladbach kommen: Tokyo ist anders. Und irgendwie, ehrlich gesagt, auch besser – Sorry Gladbach. Tokyo ist auch anders als Düsseldorf (mehr Glitzer) und auch als Aachen (mehr Frauen). Wir wurden wie Rockstars begrüßt und bekamen im Außenministerium dicke Briefumschläge mit vielen druckfrischen 10.000 Yen Scheinen (etwa €100), damit wir auch richtig Spaß in der Stadt haben können, denn billig war es da leider nicht. Und dann machte ich dort Dinge, von denen ich in Aachen nur träumen konnte! Ich fuhr mit 300 Sachen im Superschnellzug nach Kyoto, pinkelte in Pissoirs in denen goldfarbene Eiswürfel geschüttet waren, sprach mit gutaussehenden Frauen und tanzte in Discos, von denen zehn in einem Hochhaus übereinander gestapelt waren. Das war definitiv noch besser als das Okie Dokie! Ich badete in heißen Quellen mitten im Schnee und von hinten schauten mir dabei Affen zu oder zeigten ihre roten Ärsche. Ich fuhr im Bus über die aufgeständerte Stadtautobahn Tokyos und schaute direkt in erleuchtete Büros, Restaurants und Wohnungen hinein die nur wenige Meter weg waren. Ich trank viel Alkohol, aß eine Menge Dinge von denen ich nicht exakt wusste was sie waren und fuhr überhaupt kein Rad.

In den kommenden Jahren versuchte ich dann die Voraussetzungen zu legen dort wieder hin zu kommen. Spaßeshalber fing ich an japanisch zu lernen und lernte meinen ersten japanischen Freund, Morikawa Koichi, kennen, den ich spaßeshalber „Zeke“ nannte. Nach drei Jahren konnte ich immer noch kein japanisch, hatte aber so ziemlich jedes mögliche leckere japanische Gericht bei ihm zuhause gegessen.

Und dann musste ich auch noch das Studium zu Ende bringen und das dauerte dann noch Mal fast fünf lange und langweilige Jahre. Am Ende verfasste ich meine Diplomarbeit zum Thema „Optimierung einer Vorrichtung zur Prüfung der Zugfestigkeit von Mörtelprismen mittels der FE Methode“ und währenddessen verlor ich die wenigen Kontakte die ich nach Japan hatte. Ich hatte das Gefühl in die falsche Richtung zu driften und das mein Leben unter einer Unmenge von Hochlochziegeln begraben wird. Kurz vor Studienende bewarb ich mich daher für ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für zwei Jahre in Japan: Ein Jahr an einer Sprachschule in Tokyo und ein weiteres Jahr als Praktikant in einem Unternehmen; gut dotiert. Ich will nicht als gierig erscheinen, aber ohne Geld macht Tokyo echt keinen Spaß: Kein Superschnellzug, keine Pissoirs mit Goldgefärbten Eiswürfeln, keine heißen Quellen und wenig leckeres Essen.
Wie sagt man so langweilig: Das Schicksal war mir wieder gnädig. Meine Bewerbung fand Anklang, ich wurde zum Interview nach Bonn bestellt und irgendwie konnte ich die Menschen dort wieder davon überzeugen mich nach Tokyo zu lassen. Und so dass ich im September 1990 wieder in einer 747 der Lufthansa auf dem direktem Weg über Russland nach Tokyo.

In den zwei Jahren dort lernte ich ordentlich japanisch und hatte jede Menge Spaß auch wenn ich zusammen mit meinem Freund Jürgen in einer ziemlichen Bruchbude am Rande der Stadt wohnte. Wir hatten keine Klimaanlage, im Sommer konnten wir uns also nicht zuhause tagsüber aufhalten und im Winter hatten wir tragbare Gasöfen mit Schläuchen, die wir von einem Zimmer mit in das andere nahmen und dort an den Gashahn anschlossen. Meine Vorstellung von dem Hochtechnologieland Japan bekam da dann auch die ersten Risse: Wir sehen die USA und denken: Wow, die sind auf den Mond geflogen und haben Apple, Google, Flugzeugträger und Hamburger so hoch wie das World Trade Center (denn letztendlich: gleiches Schicksal), da ist dann auch alles andere tippi toppi. Nein, ist aber nicht so, in dem Hotel in Amerika wo ich abstieg, waren die Lichtschalter aus dem Mittelalter und die Fenster derart undicht, dass man auch gleich die Fensteröffnung mit einer Plastikplane hätte abdichten können. Und auch viele andere Dinge dort sind da ja echt gruselig.

Zum Glück gibt es ja Nordkorea. Die können Atomraketen bauen, aber bringen es nicht auf die Kette ihre Bevölkerung zu ernähren. So sind an sich alle Länder dieser Welt.

In Japan gab es 1990 bereits neben superpünktlichen Superschnellzügen, Gameboys, elektronischen Lexikas, Kaffee in Dosen und kleinen Faxmaschinen eben auch Waschmaschinen die nur mit kaltem Wasser wuschen, Toiletten die aus wenig mehr als einem Loch im Boden bestanden und vor allem viel Papier und noch mehr rote Stempel mit denen alles zwei-, drei- vierfach genehmigt werden musste. Rein zufällig spazierte ich mal in eine Ausstellung von Panasonic – die machten quasi alles vom Walkman bis zum Kühlschrank – und dort stand ein Stahlrennrad von Panasonic mit der brandneuen Shimano Dura Ace 7400 Schaltung. Das war zum ersten Mal, dass Schaltung und Bremsen in einem Hebel zusammen integriert waren und irrsinnig revolutionär – und dann auch noch mit 2 x 8 Gängen. Ist mehr als dreißig Jahre später immer noch so, gibt halt nur mehr Gänge. Ich machte mich dann auf die Suche nach einem Fahrrad und fuhr mit Jürgen raus zur amerikanischen Airbase nach Yokota, weil Jürgen gehört hatte, dass es dort günstige Räder in unserer Größe geben sollte. Das war nicht so und kostete uns beiden einen Tag unseres Lebens.

Wir wollten dann auf die Base, wurden aber von Wachposten am Eingang gestoppt. Da wir auch niemanden auf der Base kannten liessen sie uns auch nicht rein. Die Idee einfach so auf die Base zu gehen war auch ziemlich naiv – nein also eigentlich total bescheuert. Also schauten wir uns in der Nähe nach Radläden um. Die Gegend um Yokota ist nicht wirklich schön und Radläden gibt es dort auch nicht, aber zum Glück sprachen dort viele Menschen leidlich englisch, was sonst nicht so der Fall war. Jürgen schlug dann zu und kaufte sich ein „Shogun“ Rad. Das war damals schon scheiße und ist auch nach nostalgischen heutigen Maßstäben einfach nur scheiße. Ich konnte mich nicht entscheiden und ging ein paar Tage später zu einem kleinen Radhändler in der Nähe von Aburamen, den ich über den Lonely Planet Reiseführer gefunden hatte. Den Laden gibt es heute nicht mehr.

Der Laden war winzig und total dunkel. Aber der Mann hatte Ahnung, wie ich nun im Nachhinein weiß und bestellte für mich bei Panasonic ein blaues Rennrad in meiner Größe. Das ging so, dass er mich eine Menge Dinge fragte die ich leidlich verstand und dann ein Formblatt mit dem Fax zu Panasonic schickte und kurz darauf eine Antwort bekam. Das Rad war also bestellt und ein paar Wochen später sollte ich es dann abholen. Das komplette Zusammenbauen fand in dem Radladen statt, Panasonic lieferte nur den Rahmen und die Komponenten, alles andere musste der Radhändler machen, einschließlich des Einspeichens der Laufräder.

Revolution 7400

Für den Preis von 60.000 Yen, etwa € 500, bekam ich einen dunkelblauen Stahlrahmen mit einer kompletten 7-Gang Shimano 600 Trikolore Ausstattung. Die Kurbelblätter waren ovale Bio-Space, was heute alle bescheuert finden aber damals wie heute total egal war. Alles in allem war das ein Rad für dass man sich nicht schämen musste und das vielleicht sogar Radsport Lenzen repariert hätte.

Nach dem Kauf mußte ich allerdings nach Hause fahren und ich hatte keine Ahnung wie ich dorthin kam. Also versuchte ich erst einmal zum nächsten größeren Bahnhof, nach Shibuya durchzuschlagen. Von Shibuya aus ging die Inokashira S-Bahnlinie zu meinem Heimatbahnhof Higashi-Matsubara und machte vorher an dem Kreuzungsbahnhof Shimokitazawa halt. Von dem weiteren nördlich gelegenen Großbahnhof Shinjuku ging die Odakyu Linie ebenfalls nach Shimokitazawa. Also, dachte ich wenn ich auf der nördlichen Seite der Inokashira Linie bleibe und immer südlich der Odakyu Linie , dann komme ich irgendwann einmal nach Shimokitazawa.  So fuhr ich irgendwie kreuz und quer zwischen die Bahnlinien bis ich dann drei Stunden später in Shimokitazawa ankam. Ein absoluter, langanhaltender Alptraum. Ich versuchte dann die nächsten beiden Stopps bis zu meinem Bahnhof an der Inokashiralinie zu bleiben, verfuhr mich und eine weitere Stunde später hatte ich keine Ahnung wo ich war und sprach auf englisch eine Frau an. Die zum Glück auch gut englisch sprach und mir den Weg zum Bahnhof zeigte. Später fand ich heraus, dass ich nur etwa 200m von meiner Wohnung entfernt war.

Später kaufte ich mir einen Straßenatlas und fuhr häufig damit durch Tokyo und die nähere Umgebung. Eines der ersten Teile, die ich mir für das Rad kaufte war ein digitaler Tacho von Cateye. Mit Rad, Tacho und Atlas machte ich mich dann auf den Weg Tokyo zu erkunden. Das geht, wenn man etwa 200 Jahre Zeit hat aber auch später nach all den Jahren kannte ich immer nur wenige Strecken durch die Stadt und war rettungslos verloren, wenn ich ein, zwei mal links und rechts in kleine Seitenstraßen abbog. Auf einmal ist man weg von der großen Stadt in einem Dorf.

So desu, ne.

Mutiger geworden machte ich mich dann auf die ersten Touren raus aus der Stadt. Ich fuhr mit meinem Freund Tobias nach Kamakura an der Küste durch endlose Siedlungs- und Industrielandschaft. Wir hatten zwar einen Straßenatlas dabei, verfuhren uns aber doch ständig. Japaner zu fragen war quasi sinnlos, es war als hätten die noch nie in ihrem Leben eine Straßenkarte gesehen und konnten damit nichts anfangen. Japaner können das aber nicht zugeben, bzw. sie zeigen das auf eine Art und Weise die andere Japaner verstehen – wir aber nicht. Diese Art und Weise besteht aus einem langen Betrachten der Karte, wiederholtem drehen, murmeln von „Sooo desuu neee“, zupfen am rechten Ohrläppchen und dem plötzlichen und scharfen Einsaugens sämtlichen verfügbaren Sauerstoffes in der unmittelbaren Umgebung. Ein normaler Japaner weiß dann sofort: „Eh, der Honk hat ja gar keinen Schimmer!“, aber wir dachten einfach, na ja, der guckt ja, spricht, hört und lebt noch, also irgendwann wird der schon mit was vernünftigem rauskommen. Das kostete uns wieder einen halben Tag unseres Lebens.

Da ich zum ersten Mal mit Hakenpedalen fuhr, kippte ich auch zum ersten Mal an einer Ampel beim Anhalten mit dem Rad um, dieses Erlebnis kennt ja wirklich jeder. Am späten Nachmittag kamen wir in Kamakura an, blieben etwa 15 Minuten am Strand und machten uns schleunigst auf den Weg zurück um noch vor Mitternacht zuhause zu sein. Jahre später fuhr ich das in sechs Stunden locker hin und zurück, aber beim ersten mal war es eben auch am aufregendsten.

In der Woche fuhr ich nachts eine dicke Straße, die Inokashira-Dori, raus zu meiner Fast-Freundin Barbara G. nach Musahi-Sakai im Westen der Stadt. Das klingt nah, waren aber auch fast 20 km. Zwar gab es in Tokyo mehr Japaner als in Aachen, aber in Punkto Frauen gab es für mich persönlich nicht so viel Unterschied. Nachts die Inokashira Dori runterzubrettern war aber fantastisch. Es war warm, dunkel und schnell, also eigentlich wie im Okie Dokie.

Dann, im Sommer 1992 lief mein Stipendium aus, das Geld ging zu Ende und ich musste wieder zurück nach Deutschland und, noch schlimmer, anfangen richtig zu arbeiten und Geld zu verdienen. Ich hatte Kazuko kennengelernt und wir heirateten und zogen für kurze Zeit zurück in die Glitzermetropole Düsseldorf, wo ich einen Job bei Hochtief in Essen in der Auslandsabteilung annahm. In der Folgezeit war ich dann viel im Asien unterwegs und versuchte meine Karriere und Familie in Schwung zu bringen, das ging dann leider nur auf Kosten von Rad, Sport und Fitness. Ich hatte mein Panasonic Rennrad mit nach Deutschland gebracht und fuhr an den Wochenenden, wenn ich in Deutschland war, gerne von Düsseldorf nach Essen an die Ruhr und von da aus durch das bergische Land nach Langenberg und Grafenberg. Ich war nicht ambitioniert, aber auch keine Schnecke; Berge fahren konnte ich überhaupt nicht aber ich hatte Spaß daran.

1994 wurde ich dann für zwei Jahre auf eine Staudammbaustelle am gelben Fluß nach China versetzt und nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland recht schnell wieder 1996 nach Malaysia. Nein, das war nicht der Dreischluchtenstaudamm den man hier noch kennt, sondern ein fast ebenso hoher, aber dummerweise total in der chinesischen Pampa liegender Felsschüttdamm. Bei Staudämmen denken ja viele an elegant geschwungene, massive Betonmauern, ein Felsschüttdamm ist das leider gar nicht, dass ist einfach nur ein Haufen größeren Drecks, um den das Wasser einen Bogen macht.

China 1994 ist nicht China heute – und schon gar nicht da auf dem Land wo ich war. Ok, die nächste Stadt war Luoyang mit etwa 6 Millionen Einwohnern – aber ehrlich gesagt hatte Mönchengladbach in jeglicher Hinsicht mehr zu bieten. Es gab wenig zu kaufen und wenn dann war es Schrott wie die billigen Fernseherkopien von „Tony“ oder „International Panasonic“, die Taschentücher von „Tempi“ oder, das war noch am besten, das Parfüm von „Oil of Olaf“. Ich kaufte mir das teuerste Rad in der Stadt irgendsoein taiwanesisches oder chinesisches MTB mit einer Suntour Schaltung. Direkt bei meiner ersten Fahrt hatte ich das Pedal aus der Kurbel rausgetreten – das war echt schlimmer Schrott. Im Workshop auf der Baustelle wurde das noch mal geschweißt, aber es half nichts, das Teil war nach einem Tag hinüber. Ich hätte mir besser doch so ein stabiles Kommunistenrad wie „Ostwind“ oder „Weiße Taube“ holen sollen.

Chinesischer Ingenieurstraum

Alles in allem war ich froh da weg zu kommen und noch froher dann in Malaysia arbeiten zu können wo auch unser Sohn Henri geboren wurde. Ich käme nie auf die Idee in Malaysia oder Kuala Lumpur Urlaub zu machen, aber dort kann man richtig gut leben. Radfahren geht da natürlich gar nicht, denn erstens ist es dort sehr hügelig und zweitens durchgehend schweineheiß. Das Wetter war an sich jeden Tag gleich, heiß und sonnig am morgen, noch heißer und schwüler mittags, dann wieder sonnig, schwül und heiß gefolgt von Gewitter und massig Regen am Spätnachmittag.

Zurück in Düsseldorf wollte Hochtief mich dann in den Libanon schicken für die nächste Jahre. Das wollte ich nicht, also suchte ich mir einen Job in Japan und kündigte bei Hochtief.

Ich hatte mal wieder Glück: Schindler Aufzüge hatten eine schlecht gehende Tochterfirma in der japanischen Provinz und suchten jemanden, der den Laden auf Vordermann brachte. Warum sie da auf mich kamen ist mir auch heute noch ein Rätsel, aber nach meinen Erfahrungen beim japanischen Außenministerium, dem DAAD und nun Schindler hatte die Sache System. Ich nahm den Job dankbar an und im April 1998 flog ich mit Swissair nach Japan um meinen Einsatz in Fukuroi, in der Präfektur Shizuoka anzutreten. Dort begann dann mein Liebesdreieck mit Japan und dem Rad.

Ich kann jetzt nicht schreiben, dass das die glücklichste Zeit meines Lebens war, aber es war erstens besser als China, zweitens besser als Aachen und drittens besser als Mönchengladbach.

Ich hatte immer noch mein Panasonic Stahlrad und fuhr damit an den Wochenenden einmal um ein großes Binnenmeer, den Hamanakako in der Nähe von Hamamatsu wo wir wohnten. Hamamatsu ist, für japanische Verhältnisse eine mittelgroße Stadt mit 800.000 Einwohnern und bekannt für drei Dinge: Salzwasseraale – die werden gegessen, Unagi Pai,eine Süssigkeit aus Saltwasseraal und die tatsächlöich auch gegessen wird und Yamaha – die bauen Pianos und Motorräder in einer Fabrik mitten in der Stadt. Wie es überhaupt um Hamamatsu herum sehr viele Fabriken gibt die Motorräder, Waschmaschinen und andere nützliche Dinge produzieren und daher viele Arbeiter brauchen. Die japanische Bevölkerung veraltet sehr flott und dem Thema „Gastarbeiter“ steht man in Japan eher skeptisch gegenüber. Aber wenn eine japanische Familie in den Zeiten der Depression zwischen den Weltkriegen nach Brasilien auswanderte, dann können deren Nachfahren ohne größere Probleme nach Japan kommen um dort zu arbeiten. In Hamamatsu, mit seinen vielen Fertigungsbetrieben hat sich daher eine große brasilianische Gemeinde gebildet, deren Mitglieder mehr oder weniger japanisch aussehen, Jose Tanaka, Pablo Kuraoka oder Alfredo Ohmachi heißen und prima portugiesisch sprechen. Und so wurde auch ich in Hamamatsu immer wieder für einen Brasilianer gehalten. Das ist leider eher negativ. Wird man als Amerikaner eingeschätzt, oder noch besser als Deutscher dann sind die meisten Menschen erst einmal freundlich und nach dem dritten Bier heißt es dann: „Das nächste Mal wieder zusammen, aber dann ohne die Italiener.“ Als Brasilianer kommt man noch nicht einmal zum ersten Bier. Ich musste z.B. meinen deutschen Führerschein auf einen japanischen umschreiben lassen, das ist ein rein bürokratischer Akt für Deutsche; Brasilianer müssen eine extra Fahrprüfung ablegen. Im Rathaus wurde ich dazu in einen extra Raum gebeten, um die Fahrerlaubnis zu erhalten, damit „meine brasilianischen Freunde das nicht sehen“, denen ich auch auf keinen Fall sagen sollte, dass ich den Führerschein so bekommen habe. Was ja nur möglich ist, weil „Japan und Deutschland Länder auf etwa dem gleichen Level sind“.

Unter diesen Umständen ist es natürlich eher schwierig Freunde zu finden. Und so fuhr ich meistens auch auf dem Rad alleine durch die Gegend. Langsam wagte ich mich Richtung Norden, weg von der Küste in die Berge. Ich war ein echt mieser Bergfahrer, aber ich liebte es über die einsamen Straßen durch die Wälder zu fahren. Wir hatten eine deutsche Hippiefreundin, die mit einem Japaner und ihren beiden Kindern in einem Bauernhof abgelegen in den Bergen lebte und die wir oft besuchten. Die Straße dort hoch war so steil, dass ich sie mit meiner Heldenkurbel nicht hochfahren konnte. Runter mit Felgenbremsen ging auch nicht wirklich.

Tja, alles hätte so schön sein können, aber ich musste ja unbedingt Karriere machen und im Jahr 2000 wurde ich in das Hauptbüro von Schindler nach Tokyo versetzt. Wie gesagt, ich liebe Tokyo mit all seinen großen und kleinen Straßen und obskuren Besonderheiten. Aber es ist auch verdammt groß und alles dauert. In Hamamatsu konnte man sehr wenig machen, aber das was man machen konnte war sehr einfach. Raus an den Sandstrand? 10 Minuten mit dem Auto. Mit dem Kind in den Park? Kein Problem, direkt um die Ecke, Radfahren: Nach 30 Minuten schon in den Bergen. Tokyo hingegen hat so viel mehr tolle Orte, so gute Restaurants und im Westen so tolle Straßen durch die Berge. Aber um dorthin zu kommen musste ich eine Stunden mit der S-Bahn fahren, drei Mal umsteigen und in der schwitzenden Masse ausharren. Tokyo kostet so viel Energie und Zeit.

Von unserer Wohnung aus war ich aber mit dem Rad schnell am Tamagawa. Das ist eine der drei großen Flüsse der durch Tokyo fließt. Der Tamagawa entspringt westlich von Tokyo in den Bergen und man kann mehr oder minder an beiden Ufern überwiegend auf Fahrradwegen etwa 80 km weit bis zu einem Stausee, dem, Okutamako fahren. Das probierte ich in der ersten Zeit sehr oft, weil es die einfachste Art und Weise war aus der Stadt herauszukommen. Fahrradweg klingt jetzt erst mal gut, aber ALLE Japaner versuchen IMMER aus Tokyo heraus zu kommen, und deswegen ist es da extrem voll. Da wird gepicknickt, Baseball gespielt, gesoffen – und du versuchst Dich da mit dem Rad irgendwie durchzumoggeln. Wenn man Bremen kennt, könnte man sagen, dass ist etwa so wie 80 km Osterdeich bei einem Werder Heimspiel. Langsam kämpfte ich mich in die Berge vor und war mächtig stolz, als ich dann irgendwann einmal den Stausee erreichte. Ich fühlte mich wie Eddy Merckx und dann lernte ich auch die ersten anderen Radfahrer kennen, allen voran Juliane.

Juliane war im gleichen DAAD Stipendium wie ich gewesen, allerdings ein paar Jahre später und dann auch gleich in Tokyo geblieben. Sie kommt noch aus der DDR, war dort eine gute 400m Läuferin gewesen; ihr Vater was Kommandant eine Panzerfahrschule der NVA und Juliane hatte auch manchmal so etwas in ihr, aber wenn ich ihre langen schlanken Beine sah, dann war ich hin und weg und dachte an Mensch gewordene Gazellen. Also diese schnellen, grazilen Tiere, nicht diese langsamen, unförmigen Kisten aus Holland. Julianes Beine waren so schön, dass ich einmal, leicht betrunken, auf die Idee kam mir die Beine zu rasieren in der unsinnigen Hoffnung, dass sie dann so aussehen würden wie die Beine von Juliane. Leider war das aber so gar nicht der Fall, ich habe halt so dicke weiße Stempel wie unter den Konferenztischen von Putin und anschließend ein paar Schnittwunden.

Juliane hatte nicht nur schöne Beine, sondern auch einen sehr schönen Bauch.



Juliane hatte sich einer japanischen Trainingsgruppe angeschlossen den „Tamagawa Cyclists“ und ich durfte dann auch mal mitfahren. Im Gegensatz zu deutschen Radgruppen wo quasi alles erlaubt ist und es regelmäßig zu Stürzen und Wortgefechten kommt, die dann anschließend mit Genuss in diversen sozialen Medien weitergeführt werden, herrscht in einer japanischen Radsportgruppe eine strenge Hierarchie und noch strengere Regeln – nichts davon war mir im mindesten bekannt. So ist es zum Beispiel grob unhöflich den Chef zu überholen. Auch wenn der Chef der ist, der am längsten dabei, deshalb auch am ältesten ist und am langsamsten fährt. Es geht nicht, der Chef fährt voran und gibt die Richtung vor, etwas was radfahrende Punkrocker und NVA Gazellen nur sehr schwierig akzeptieren können.

Wir trafen uns an den Wochenende morgens an einer Bretterbude am Tamagawa die eine richtig gute Kneipe war und machten uns am Fluss lang auf den Weg in die Berge – immer schön hinter dem Chef her. Die Jungs – Frauen waren da natürlich sonst nicht dabei – kannten sich gut aus und zeigten uns die besten Straßen aus Tokyo raus. Und wir fuhren mit ihnen zu den Jedermannrennen. Mein erstes Rennen war bei einem 8 Stunden Staffelrennen auf einem Autorennkurs in Tsukuba – man war das aufregend. Aber, leider kommt einem dann irgendwo die eigene Kultur in die Quere. An einem Tag waren wir unterwegs in die Berge, wo wir in einer kleinen Pension an einer heißen Quelle übernachten wollten. Juliane hatte einen Platten und ich half ihr den Schlauch zu wechseln. Wir hielten kurz an einem Supermarkt, um uns zu verpflegen, schmissen den kaputten Schlauch weg und machten uns daran die anderen wieder einzuholen. Es war ein wunderschöner Tag und nachdem wir angekommen waren saßen wir in den heißen Quellen und schauten in die leicht Nebel verhangenen Berge und auf die Straße die wir hochgefahren waren. Wir grillten und prosteten uns mit Bier zu – es war der perfekte Abschluss für den perfekten Tag. Also, ich will hier nicht ungelenk dramaturgisch weiter Spannung aufbauen, ist ja schon klar, das jetzt irgendetwas schreckliches kommt. Aber wie schrecklich, das konnten Juliane und ich nicht ahnen.

Es fing an mit einer einfachen Frage:
„Sag mal Juliane, wo ist denn der kaputte Schlauch, den Du gewechselt hast?“
„Ach, den habe ich am Supermarkt weggeschmissen.“

Schlagartig veränderte sich die Atmosphäre komplett. Es war, als wenn Schneewittchen mit den sieben Zwergen speist und guter Dinge ist, sich aber plötzlich herausstellt, dass die sieben Zwerge aus Nordkorea kommen und Maschinenpistolen unter ihren Mützen versteckt hatten.

„Bist Du verrückt? Der Schlauch, der dich so viele Kilometer gefahren hat? Der Schlauch, der dich immer loyal getragen hat, dich nie im Stich ließ und klaglos alle Stöße dämpfte? Den hast Du einfach so WEGGESCHMISSEN ????“

Wir waren beide etwas geschockt von der Wucht der Konversation und kamen gar nicht mehr zu Wort, da nun aus allen Richtungen in erregtem japanisch auf uns eingeredet wurde. Vieles haben wir in dem Moment auch nicht verstanden, aber die generelle Botschaft war schon klar: Ihr Barbaren!

Falls es jemand interessiert, was wir hätten tun müssen wäre: Den Schlauch mit nach Hause nehmen, im eigenen Garten vergraben, die Hände falten und ein kleines Dankesgebet aussprechen: „Danke kleiner Schlauch, dass Du mich so lange getragen hast, dass Du usw.“

Was wir getan haben war dann nicht mehr mit den Jungs zu fahren.

Ehrlich gesagt war das aber auch nicht so tragisch, denn in der Zwischenzeit hatten wir eine Reihe von sehr netten und lustigen Menschen kennengelernt mit denen das Radfahren sehr viel Spaß machte. Und die hießen: David, david, Tom, Ludwig, Steven, Jerome, Laurent, Dominic, Graham und Marek. Fällt da was auf? – richtig da ist kein japanischer Name dabei. Meine Freunde waren alles westliche Ausländer, so wie ich.

Wenn ich heute zurückschaue, dann hatte ich es geschafft in 14 Jahren mit genau vier Japanern eine vertrauensvolle Freundschaft aufzubauen: Ishiyama war mein Chef im Praktikum des Stipendiums. Nagashima war ein Kollege bei Schindler der lange im Ausland war. Frau Komatsu war eine Mitarbeiterin von mir und „Zeke“ Morikawa kannte ich noch aus meiner Studienzeit in Aachen. Ich finde, dass ist keine gute Bilanz, vier Freundschaften in 14 Jahren, aber nicht unbedingt untypisch für Ausländer in Japan, auch wenn sie so wie ich gut japanisch sprechen, mit einer Japanerin verheiratet sind und im großen und ganzen willig sich kulturell einzufügen. Es ist einfach so, dass es so viel einfacher ist Freundschaften mit anderen Westlern einzugehen und ich habe in Japan ein paar wirklich tolle Menschen kennengelernt, wie fast alle mit denen ich gemeinsam Rad gefahren bin.

Mein Eindruck ist, dass das Konzept von Freundschaft in Japan auch generell ein anderes ist. In Deutschland suchen wir uns Freunde, die uns sympathisch sind, ganz egal aus welcher sozialen Klasse, wo sie arbeiten, ob Mann oder Frau, oder was sie sonst so machen. Deutschland ist kein Ponyhof, aber im großen und ganzen machen wir in Punkto Freundschaft unser Ding und es gibt wenige Regeln. In Japan werden Freundschaften in der Schule, in der Uni und im Job geknüpft. Mann geht nicht in die Kneipe, spricht jemanden an und wird beste Freunde. Die Basis für eine Freundschaft ist in der Regel der gleiche Hintergrund. Deshalb gibt es dann auch nach der Heirat wenig gemeinsame Freunde – der Mann hat seine, die Frau hat ihre und man geht nicht zusammen raus. Ehrlich gesagt finde ich das ja auch gar nicht so schlecht, wenn ich an die ganzen Freundinnen meiner Frau aus der Eiskunstlaufabteilung von 1860 Bremen, und wenn meine Frau an meine Freunde aus dem Radsportbereich denke. Campagnolo und Kufenschleifen passen nicht wirklich zusammen.

Ich bin mir nicht sicher, wie das unter Japanern ist, aber zwischen meinen japanischen Freunden und mir gab es wenig, oder eigentlich keine Gespräche aus dem Bereich „Psyschohygiene“. Will sagen, ab und an brauche ich mal Menschen denen ich sagen kann wie doof meine Frau gerade ist, wie undankbar die Kinder, dass ich Symptome von Lungenkrebs glaube zu haben, dass ich nicht mehr so schnell Rad fahre wie früher und mich das an den nahenden Tod denken lässt usw.. Und meine Freunde erzählen mir dann von ihren Prostatabeschwerden, der Frau die sie verlassen hat, dass es im Bett nicht gut läuft und von den undankbaren und doofen Kinder. Das letzte Thema läuft an sich immer gut. Nachdem wir uns dann gegenseitig ausgeheult und gut getrunken haben geht es uns dann besser und wir gehen zurück zu unseren Frauen und Kindern. Ich finde, dass ist ein elementarer Teil von Freundschaft. Menschen mit denen ich so etwas nicht habe würd ich nicht als Freunde bezeichnen – na ja, vielleicht eher nicht als gute Freunde. All dies, würde ich jetzt mal behaupten, gibt es nicht so ausgeprägt in Japan und das macht den Aufbau einer Freundschaft so schwierig. Am Anfang läuft es gut an, alles ist nett, entwickelt sich prächtig; aber schon bald kommt man an einen Punkt wo es nicht mehr weitergeht. Wir erwarten jetzt gute Gespräche, aber die kommen nicht und wenn wir sie anfangen dann enden diese im nirgendwo.

Und dann nachdem es gerade so frustrierend mit den Japanern in Japan ist lernt man ein paar nette Ausländer kennen und wupp – es funktioniert wieder.

Mein Job war anstrengend und auch die Familie forderte Zeit und Energie, aber in den nächsten Jahren fuhren wir an fast jedem Wochenende gemeinsam mit anderen Bekannten raus und erkundigten in immer weiteren Radien die Gegend um Tokyo herum. Radsportler denken bei tollen Straßen vielleicht an den Stelvio, Sa Calobra oder den Mont Ventoux – ich denke an die vielen kleinen abgeschrankten asphaltierten Forstwege in den Bergen nördlich von Tokyo.

Landflucht und demographischer Wandel haben auf dem Land einiges angerichtet.
Es ist daher eine japanische Besonderheit, dass die Größe der Wahlkreise schon lange nicht mehr im Verhältnis zu ihren Bevölkerungszahlen stehen. Die Landbevölkerung ist daher viel stärker im Parlament vertreten, als es proportional gerecht wäre und der Abgeordnete eines jeden Landkreises versucht so viel wie möglich an Geld für Projekte in seinen Wahlkreis zu bekommen. Und so ist das Straßennetz auf dem Land erstaunlich gut ausgebaut, es werden immer wieder neue Tunnel und Brücken gebaut um Orte miteinander zu verbinden die nur noch auf dem Papier existieren. Das ist volkswirtschaftlich schlecht für Japan, aber großartig für Radfahrer. Um das Holz aus den Bergen zu bekommen gibt es einsame Forstwege, die für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind und teilweise mit Brücken und Tunnel ausgebaut wurden so dass man lange Strecken ganz ohne Autolärm oder Kontakt zu anderen Menschen zurücklegen kann. Ab und zu begegnen einem Wildschweine, Rehe oder Affen und wenn man Pech hat ein Bär, aber ansonsten lässt sich dort sehr schön fahren. Ich würde mal sagen, von allen Straßen die ich mit meinen Rädern gefahren bin sind dies die schönsten. Ist natürlich eher doof, das die dann gleich so weit weg von Deutschland bzw. Bremen sind.

Oder wir fuhren in den Süden Richtung Izu Halbinsel wo uns am Ende ein traumhafter Strand in der Nähe von Shimoda erwartete. Es gibt da einfach so viele Möglichkeiten etwas zu unternehmen und so viele Dinge zu sehen, dass es wie in einem Traun ist, dessen Inhalte man sich auswählen kann und trotzdem immer wieder überrascht morgens aufwacht.

Ab und an nahmen wir auch an Rennen teil. Der JCRC organsierte jedes Jahr eine Rennserie mit 10 bis 15 Rennen von denen viele in der Nähe von Tokyo durchgeführt wurden. Eines der schönsten Rennen, vor allem weil es quasi flach war, war das Rennen um den Saiko See in der Nähe des Fujis. Wir fuhren dort die Einzelrennen von 20 km Länge und ein paar Mal versuchten wir uns auch im Viererteam über 10 km was aber im absoluten Chaos endete. Natürlich gewannen wir nie etwas, wir waren wie die Fischer von San José:
„Die Fischer von San José / schifften Tag und Nacht in die offene See / doch Fische, die fingen sie nie.“

Wir hatten eine Menge Spaß, kamen ganz schön herum und lernten eine Menge netter Menschen kennen, die aus oben beschriebenen Gründen nicht unsere Freunde wurden.

Ich war zwischenzeitlich weg von Schindler’s Liften zu einem amerikanischen Konzern in Japan gewechselt und deren Japanchef geworden. Mir wird leider schnell langweilig und daher ist meine Jobhalbwertszeit ziemlich genau fünf Jahre. Danach brauche ich etwas neues, und dass hängt mit zwei Schwächen zusammen: Der Unfähigkeit sich auszumalen, dass etwas kompliziert sein könnte und der Umgang mit Kollegen wenn es dann doch so ist. Aber im einzelnen.

Wenn ich gefragt werde eine neue Arbeit oder Aufgabe anzufangen, wie z.B. einen Staudamm in China zu bauen dann denke ich mir aus, wie das in groben Zügen gehen könnte und rufe meine Frau an und sage: „Ich bin dann mal für zwei Wochen weg.“ Leider ist das dann alles sehr kompliziert und viele Menschen sind auch nicht so begeistert und wollen mitmachen. Klar 180.000 Menschen zu überzeugen, dass ihr Wohnzimmer zum Aquarium wird wegen dem Stausee – und zwar für immer, das erzeugt Reibung. Aber ich bin immer begeistert dabei. Über die Alpen in sieben Tagen, 1.000 km und 20.000 Höhenmeter mit Übernachtung in der Turnhalle? Hey, meld‘ mich an. Eine konkurse Firma aus dem Sumpf ziehen? Klar, warum nicht? Aus China kam ich zwei Jahre später wieder und da dauerte es immer noch 4 Jahre bis der Damm fertig war, aber irgendwie kommt ja immer etwas vernünftiges raus wenn man sich Mühe gibt und keine Ahnung hat. Nur, beim zweiten Male, jetzt wo ich weiß wie aufreibend das ist, da bin deutlich weniger motiviert, weil ich jetzt Ahnung habe. Und da ich es beim ersten mal in meinem ungestümen Vorwärtsdrang leider mit allen Kollegen versaut habe, macht es noch weniger Spaß und ist noch schwieriger. Also brauche ich einen neuen Job, was nicht ja nicht so kompliziert sein kann.

Die Amis bezahlten extrem gut, aber leider hatte mich niemand darauf vorbereitet, dass die Amerikaner anders sind als wir. Also, als ich nach Japan geschickt wurde, da wurde mir von allen Seiten geraten ich solle aufpassen, nicht voreilig urteilen und ich würde sicherlich den einen oder anderen Kulturschock bekommen. Aber bei Amerikanern? Die sehen doch genauso aus wie wir! OK, also Amis tragen diese komischen Khakihosen und sagen unglaublich oft „Sensationell“ oder „Phantastisch“, aber hey wir Deutschen sind auch die einzigen die glauben, dass „Wie geht es Dir?“ eine Frage ist. Sensationell. Phantastisch. Und Dir?

Wie die Japaner, haben aber auch die Amis so ihre Eigenarten, wie übrigens auch die Deutschen, Jordanier oder Sudanesen. Das jede Kultur ihre Eigenarten hat ist das, was jede Kultur gemeinsam hat. Bei Amerikaner denkt man ja häufig an den Hort der Demokratie und das es lustig sein muss in Firmen wie facebook, instagram oder twitter zu arbeiten, weil das überall Kicker auf den Fluren stehen und es in der Kantine Hafermilch Latte und Superfood umsonst gibt. Dies unterscheidet sich deutlich, z.B. vom Bürgeramt Bremen Mitte auf der Stresemannstraße mit seinen ungebohnerten Vinylbodenbelägen, Bakelit Tresen und Security Gards die beides miteinander verbinden. Und es mag ja auch in Amerika Firmen geben, wo das alles prima läuft, aber meine Erfahrungen in der traditionellen Industrie sind eben anders, eher so wie ein Kindergarten in Nordkorea: Man singt zusammen hübsche Lieder und hört gut zu was der große Führer einem befiehlt. So war mir zum Beispiel nicht klar, dass die nette Suggestion „You might want to consider to…“ einfach auf Deutsch übersetzt bedeutet: „Das ist mal besser bis morgen erledigt, sonst…“ Oder mein Chef einmal behauptete etwas sei eine Firmenregelung und ich in fragte wo das denn stehen würde – in seinen Augen alles schlimmste Aufmüpfigkeiten – da antwortete er mir: „In dem Moment wo ich es ausspreche wird es zur Firmenregelung.“ Willkommen im nordkoreanischen Kindergarten: „Papi, woher wissen wir denn, dass der große Führer recht hat?“

Also mir war klar, dass ich da kündigen musste, es sei denn ich wollte das Datum meiner Kündigung nicht selber bestimmen.

Ich ging dann lustigerweise zum genauen Gegenteil, einem schwäbischen Familienunternehmen, das langweilige Produkte weltweit vertreibt und sich gemütlich Häfele ausspricht. Ich wurde dann 2006 ihr Japanchef und brachte es innerhalb kürzester Zeit fertig mich mit meinen Vorgänger und Jetzt-Chef völlig zu verkrachen worauf dann konsequenterweise und vor der Halbwertszeit von fünf Jahren im Frühjahr 2008 zum Ende des Jahres meine Kündigung folgte. OK, dann brauchte ich halt einen neuen Job, kann ja nicht so schwierig sein. Ist bis Montag erledigt. Aber natürlich war es viel komplizierter als ich gedacht hatte, denn 2008 schickte Lehmann die globale Wirtschaft die Achterbahn runter und mittlerweile war ich auch Mitte Vierzig.

Das war ein harter Schlag, denn ich hatte mein Leben lang Karriere gemacht und glaubte an ein gerechtes Prinzip von Leistung und Belohnung. Ich denke, Karriere machen ist wie eine Sonnenblume.

Zu Beginn sind wir alle in dem Stamm der aus dem Boden wächst, so wie man mit seinen Freunden zusammen in der Grundschule ist. Dann kommen alle gemeinsam in die Oberstufe, nein doch nicht alle, Albert fängt eine Ausbildung bei Philips an, Volker geht zur Polizei und Thomas verkauft Hambuger bei McD. Das sind so wie Blätter, die sich vom Stamm abschälen, zuerst noch in Richtung Sonne, aber tendentiel zeigen die Spitzen nach unten. Man schaut sich das an und lächelt, tja nicht geschafft. Man selber hat es ja eigentlich auch nicht verdient, aber alles ist gut, man ist weiter im Stamm. Meine Freunde und ich fangen an zu studieren, Achim auch, aber der macht Germanistik und fährt dann Taxi. Der erste Job kommt und ist nicht mehr Ingenieur, sondern Manager auf der Baustelle, während der Beste im Studium nie aus dem Planungsbüro herauskommt. Und so geht es weiter, rechts und links knicken die Blätter weg und man selber wächst schön mit nach oben im Stamm.

Aber Tatsache ist halt, dass es nur eine Blüte gibt und auf der ist nicht gerade viel Platz. Wir können nicht alle Winterkorns, Zetsches oder Ackermanns werden. Und irgendwann sind wir dann auch eines der Blätter und andere lächeln uns mitleidig und nachsichtig nach. Und genau an diesem Punkt meiner Karriere war ich gerade angelangt.

Nun ist es aber wichtig darüber nicht traurig zu sein. Nur weil man dem beruflichen Erfolg das ganze Leben lang hinterherhetzt heißt es ja nicht, dass der das ist was einen glücklichen gemacht hat. Und wenn der Tresor erst einmal voller Cash ist umso besser. Aber ich bin heute noch stolz, das ich nicht jammere weil ich nicht mehr Business Class fliegen darf – im Gegensatz zu meinem Sohn, der mich mit dreizehn Jahren bei dem ersten Economy Flug seines Lebens beim einsteigen nur angsterfüllt ansah und fragte: „Was, nach hinten?“ Oder dass es mir nichts ausmacht in der Jugendherberge am Dümmer See im Etagenbett mit einem Kollegen zu übernachten und auf dem Flur zu duschen.
Das doofe bei auf dem Flur duschen ist eigentlich nur, dass alle sehen, wenn man sein Rad mitnimmt.

Ich fand also nicht wirklich einen Job, was mich dann langfristig wieder nach Deutschland gebracht hat, um etwas zu tun, was ich mir als absolut unkompliziert vorgestellt hatte, nämlich eine private Hochschule zu gründen. Ich meine, ist ja nur ein Bürohaus und kein Staudamm. Natürlich hat das auch geklappt und war unendlich kompliziert und ich würde das auch nie wieder tun, aber darum geht es ja hier zum Glück ja nicht.

Aber im Frühjahr 2008 war ich in Japan, hatte meine Karriere erst einmal geparkt und brauchte ein neues Ziel. Diese neue Aufgabe war es, japanischer Meister beim JCRC zu werden, und davon handelt dieses Buch auch wenn zwischenzeitlich der Eindruck entstanden ist, dass es hier gar nicht um Radfahren geht.

Das war eine schön unkomplizierte Aufgabe, die ich mit wenig Aufwand bis Ende des Jahres erledigen könnte. Dachte ich.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized