Monatsarchiv: Mai 2021

Die Playlist von Chris Froome. Oder doch Chris Roberts?

Das doofe an der Kombination von Corona und wenigen Anreize für die Fahrradindustrie etwas neues zu entwickeln, weil man sich ja ohnehin gerade doof und dämlich verdient (oder wie jemand letztens zu mir meinte „wegen Reichtum geschlossen“) ist, dass es so gar keine coolen Radnachrichten mehr gibt.

Hey, I just met you and this is crazy / But here’s my number, so call me, maybe

Bis auf Radrennen natürlich, aber sonst macht ja schon der Verkaufsstart eines Tubeless Reifen Reparatursets in eloxierten Farben riesige Schlagzeilen. Gähn. Aber als ich so letztens bei Cycling Tips blätterte, da fiel mir doch etwas spannendes auf: Chris Froome hatte auf Strava seine Playlist veröffentlicht, die er bei Trainings hört und Cycling Tips kommentierte das. Mittlerweile hat auch der Besenwagen das Thema aufgegriffen.

Unglaublich, dass der Mann 147 km und fast 4.000 Höhenmeter irgendwo in Spanien auf dem Rad mit einem rumeiert, wie auf Strava dokumentiert, und dazu diese Musik hört …. ich meine, es ist schon unglaublich wenn man nur diese Musik erträgt, aber dabei noch Rad zu fahren – das ist unmenschlich. Nun habe ich ja nicht den Anspruch an Sportler, dass sie irgendetwas gut können müssen außer ihrem Sport. Von Lothar Matthäus erwartete ich nicht das Verfassen feinsinniger Sonette, Rene Weller musste nicht singen können und Tonya Harding nicht …. äh catchen? Trotzdem ist es manchmal schockierend zu sehen, wie manche Menschen A gut können und in B völlig versagen. Ich meine, jemand, der so cool ist wie Chris Froome, der hört doch mindestens Greta van Fleet? äh Oasis? OK Weekend? Mitnichten. Call me maybe.

Aber dann fiel mir wieder ein, dass ja auch Andre Greipel vor Jahren, noch bei Lotto Soudal versuchte zu rappen und das ganze relativiert sich wieder ein wenig. En Titel auf der Playlist von Chris Froome sprang ,mir dann aber total ins Auge. Die neunziger Jahre Megaspaß-Sause von Mr. President: „Coco Jamboo“. Für alle die damit jetzt noch nichts anfangen können, die werden es gleich:

Ya-ya-ya coco jambo, ya-ya yeah / Ya-ya-ya coco jambo, ya-ya yeah

Genau, dieser Song. Den man eigentlich so gar nicht mag, der einem aber nicht mehr aus dem Ohr geht. Das Audio Gegenstück zu Megan Fox sozusagen. Oder für die Älteren hier: Samantha Fox.

Jemand der bereits lange diesen Blog und den Vorgänger „Positivo Espresso“ liest weiß, das ich eigentlich einen ganz guten und vielseitigen Musikgeschmack habe, dass es da aber auch eine sehr dunkle Stelle gibt: David Hasselhoff. David Hasselhoff ist der einzige Musiker auf der Welt, der es geschafft hat durch ein Lied die Geschichte eines Landes komplett zu verändern: Deutschlands. Denn wie jeder weiß verdanken wir Deutschen David Hasselhoff die Wiedervereinigung.

Cool. Sogar drei Möpse.

Egal, kann man alles hier irgendwo nachlesen. David Hasselhoff war sogar mal in Bremen und hat das Sechstagerennen eröffnet. Genau wie Suzi Quattro, Hot Chocolate und Middle of the Road. Ja, und Klaus & Klaus sind auch jedes Jahr dabei, in Bremen versammelt sich halt doch die musikalische Elite der Welt.

Zurück zu Chris Froome und Mr. President: Das besondere an Mr. President ist, dass die aus Bremen kommen. Und nicht nur, das, sondern Mr. President ist sogar die erfolgreichste Popgruppe Bremens jemals. Hey – Coco Jamboo – Platz 2 in Deutschland, 8 in Großbritanien und 21 in den USA, das musste erst mal schaffen. jede Menge Platin, Gold und Silber, über 900.000 verkaufte Tonträger, das ist schon ordentlich. Und wer kommt sonst so aus Bremen? James Last. Und Sarah Connor – ne, die kommt aus Delmenhorst, das ist geographisch nah an Bremen und geistig näher an Ulan Bator. Und dann noch Roy. Also nicht Roy Black, sondern der Roy von Siegfried & Roy, der eine Zeit lang in Bremen im Zoo arbeitete, als es in Bremen noch einen Zoo gab. Aber gesungen hat der halt auch nicht.

In Bremen muss man schon ganz tief in der Kiste der Erinnerungen wühlen, um jemand hervorkramen zu können, der mal richtig erfolgreich und gut im Musikgeschäft war. Mir fallen da spontan nur noch die drei Peheiros ein. Hammer.

Obwohl ich nun erst elf Jahre in Bremen lebe und mich niemals als echter Bremer bezeichnen würde ist das nun mal mein zuhause und ich habe mich gut eingelebt, ein paar Freunde und Bekannte und kenne mich in den Bremer Geschichten und Geschichtchen ein wenig aus. Mein Herz aber bleibt in der Heimat und die ist nun einmal Mönchengladbach, ob ich das mag oder nicht. Man kann sich vorstellen, was da in mir am letzten Bundesligaspieltag der Saison 2020/21 vorgegangen ist. Was mich an vielen, aber nicht allen Bremern ein wenig stört ist diese Kleinteiligkeit im regionalen Denken. Bremen-Nord zum Beispiel, ist für viele Bremer einfach nicht Teil von Bremen. Ebensowenig alles was sich von Bremen auf der linken Weserseite befindet – die Bremer Neustadt: Ein Viertel von Hipstern aus dem 17. Jahrhundert. Die Überseestadt? – Irgendwo knapp vor Vegesack oder so.

Stadtteil Überseestadt Bremen in Gewerbeflächen Bremen - WFB
Die Überseestadt von Norden aus gesehen. Vorne der Waller Sand

Tatsächlich ist die Überseestadt aber gerade mal 4 bis 5 km von dem Zentrum der Überseestadt – also einem Radladen namens Cyclyng, oder von mir aus dem Skatepark, entfernt. Manchmal rufen Kunden bei Cyclyng an und fragen wo der Laden ist, weil sie z.B. ein Rennrad kaufen wollen. Wenn sie dann erfahren, dass das in der Überseestadt ist dann heißt es oft: „Ui, ist das weit – ich wohne in der Neustadt!“. Tja, wenn dass weit ist – warum will ich mir dann rein Rennrad kaufen? Vielleicht wäre ein Rollator besser? Oder jemand meinte mal „Ihr seit ganz schön weit draußen hier!“ Worauf ich fragte: „Wo wohnst Du denn?“ „Ich wohne in Arsten.“

Für alle die nicht aus Bremen kommen: Arsten ist im Süden von Bremen, auf der FALSCHEN Weserseite (links) und so ziemlich das langweiligste Viertel, dass man sich vorstellen kann. Da gibt’s noch nicht mal Kriminalität. Man kann ja durchaus kritisch gegenüber der Überseestadt eingestellt sein. Ich finde z.B. die Neubebauung dort extrem langweilig, ohne jeden maritimen Flair und es fehlt einfach ein Wahrzeichen, so wie die Hafencity in Hamburg die Elbphilharmonie hat. Deshalb nenne ich die Überseesstadt auch manchmal im Gespräch „Die neuste Vahr“ nach der Trabantenstadt in Bremen die Sven Regener berühmt gemacht hat. Aber wenn die Zukunft Arsten sein soll – dann ziehe ich wieder nach Mönchengladbach.

Bremen_Braun-Hogenberg
Bremen im Mittelalter. Arsten ist ca. 5 Computerscreens weiter rechts.
Bremen 1842.

Also, ich kann jetzt mal behaupten, dass ich ein wenig Bremen kenne. Heute bin ich zum Beispiel zwei Mal mit dem Rad um das Original alte Bremen gefahren, dass von den Wallanlagen und der Weser eingegrenzt wird – natürlich war ich nicht in der Barockhipster Neustadt sondern nur auf der rechten Weserseite. Und ich kenne mittlerweile auch eine Menge Menschen hier. So z.B. Jens Neumann, der nicht nur der Mastermind hinter Mr. President war, sondern auch mal ein Rad bei Cyclyng gekauft hat. Das ist ein paar Jahre her und lustigerweise arbeitete damals noch ein Mechaniker bei Cyclyng, der mit einer der Sängerin von Mr. President zusammen war. Jens gab damals sein altes Rennrad in Zahlung, dass er sich mit den Einnahmen von Coco Jambo und anderen Superhits finanziert hatte. Das war ein wirklich schönes Rad, dass lange mit dem Etikett „Coco Jambo Rennrad“ im Laden stand, bevor es dann verkauft wurde.

Als ich nun die Meldung von Cyclyng Tips las, dachte ich, hey das wäre doch wirklich lustig Cycling Tips mal mit Jens zusammen zu bringen. Gesagt, getan, ich kontaktierte Cycling Tips, schrieb Ihnen, dass ich den Kontakt zu Jens herstellen könnte und die waren begeistert. Ich rief Jens an und der sagte spontan zu. Jetzt bin ich mal sehr gespannt, was sich daraus ergibt. Ian, der für Cycling Tips arbeitet, hat angekündigt eine Stunde auf einem Indoor Trainer zu Coco Jambo in der Endlossschleife fahren zu wollen. Wird das igendwann einmal Indoor-Everesting ersetzen?

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