Kette rechts, Wheelstedt links. Nein rechts.

Seit dieser Saison gibt es ja ein unüberschaubares Angebot an Touren im Raum Bremen für alle möglichen Typen und Zeiten, die über facebook organisiert werden: Anfänger und Frauen Montag um halb sieben, Schnelle Jungs Samstags um zehn; Katholiken Sonntags um zwölf und alle die Holger heißen am Ostermontag kurz vor fünf. Getroffen wird sich in der Regel am Haus Platzhirsch Depot, so auch heute.

Ich bin zu spät, da ich zu lange an meinem Moulton herumgefummelt habe, bis es dann endlich fertig wurde – für’s erste. Aber das Selbstvertrauen, mit dem Moulton bei einer Rennradausfahrt mitzufahren habe ich noch nicht anfummeln können, ich bin mir nicht sicher ob es schnell genug, stabil und gruppenfahrtaglich dafür ist. Und eigentlich habe ich ein wenig Angst vor möglichen Kommentaren wie “ Ein Klapprad- ehrlich?“ oder „Schade, dass Du vom rechten Weg abgekommen bist“, denn ich nur mit „Wenn jetzt nicht bald Ruhe ist, dann schreibe ich lauter gemeine und fiese Dinge über Dich auf dem Blog!“ entgegnen kann. Also nehme ich das Canyon, vergessen den Helm zuhause (das war übrigens die zweite Sache die ich heute vergaß, die erste war eine Kaffeetasse in den Automaten zu stellen und die dritte war mein Handy auf der Erdbeerbrücke) und hetze los.

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Sag‘ bloss nix fieses.

Björn ist da, zuerst dachte ich, dass flüssiges Lava an seinem Rennrad runterläuft bis mir klar wird, dass er grell-orange Kniestrümpfe trägt die definitiv nicht UCI konform sind (Folie 38). Benjamin kommt mit seiner Freundin. Ich bewundere sie ja für ihren Mut mit uns zu fahren, denn wir sind IMMER schneller als angekündigt und drohen davon zu eilen. Natürlich könnte der Grund auch „total bescheuerte Verliebheit“ sein, da die beiden aber, so glaube ich, schon länger zusammen sind scheidet das wohl aus. Schröder und Tanja sind auch da, bei den beiden bin ich mir über die Kombination von Mut und Veliebtheit deutlich weniger sicher – insgesamt sind wir mit zwei, drei weiteren Mitfahrern eine runde Truppe. Schröder schlägt vor am Platzhirsch Minigolf zu spielen, ich finde das eine gute Idee, denn da habe ich die Chance einen KOM (King of Minigolf) zu holen, jedenfalls eher als einen KOM beim radeln.

Wir fahren los, und kaum sind wir über den Höllenanstieg direkt hinterm Platzhirsch rüber, sind die Kräfte schon aufgezehrt und es wird „kürzer“ gerufen. Das macht aber nichts, ich hatte eh keine Lust heute auf hetzen ohne morgen. Und so sehen wir die Landschaft klarer an uns vorbeiziehen und in den Augenwinkeln gerade noch Jessica, Harald und Olaf, die am Depot auf uns gewartet haben. Gefühlt bin ich mit den ersten beiden nicht mehr gefahren seit Rad am Ring – und das war im Juli letzte Jahres, als ich mir Haralds Rücklicht ausgeliehen hatte. Rein zufällig habe ich das heute, neun Monate später an meinem Rad und ich denke, es wäre doch eigentlich ganz nett von mir das jetzt zurückzugeben.

Wir fahren heute mit de Uhrzeiger die Wheelstedtrunde, was Niklas noch an Wind übrig geblieben hat chillt noch in der Bremer Gegend rum und macht uns das Leben schwer – gegen den Uhrzeiger sollte einfacher sein. Ruckzuck sind mir auch schon In Wheelstedt und entschliessen uns die Runde über Bühlstedt und Dipshorn zu verlängern. Leider sind wir alle nicht so besonders ortskundig, kein einziger Bremer dabei! Benjamin kommt ja bekanntermassen aus Sundern, Bo aus Peterswerder (und das liegt vor der Stadtmauer), Jessica und Harald haben lange in Bremen gewohnt sind aber nun weit weg gezogen und mit Ortskenntnissen aus Mönchengladbach kann man in Wheelstedt auch keinen Blumentopf gewinnen. Das hält mich aber nicht davon ab, meinen männlichen Pflichten nachzukommen und den Weg zu weisen: „Hier rechts“ (hm, dieses Pflaster ist mir neu…) „Wieder rechts!“ „Bist Du sicher?“ „Ganz sicher!“.

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Gleich geht es links.

 

Ein amerikanischen Forscherteam hat einmal zwei zufällig ausgewählte Personen, einen Mann und eine Frau auf offener Straße entführt, betäubt, ihnen die Augen verbunden und die Ohren zugestopft und dann in ein Flugzeug verfrachtet. Das Flugzeug flog nach Brasilien und warf die beiden irgendwo im Amazonasbecken ab, immer noch in voll betäubtem Zustand. Aus den Aufzeichnungen konnte man später feststellen, dass das erste, was der Mann, als er aufwachte, tat, war in eine willkürliche Richtung zu zeigen und „Hier entlang“ zu sagen. Diese göttliche Fügung den Weg zu weisen, das ist einfach unsere männliche Bestimmung.

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Gleich geht es rechts.

 

Nach Vorwerk (das ist der Ort wo eine HSV Fahne weht) sind wir nicht sicher ob wir auf der Strasse nach Buchholz, oder nach Ottersberg sind. Umso größer ist die Überraschung, als wir wieder nach Wheelstedt kommen. Schröder und ich überlegen, ob wir nichtd ie gesamte Tour als „gefährlich“ bei Strava kennzeichnen sollen, so dass keiner die Streckenführung dort nachvollziehen kann. Also fahren wir dann, ohne weitere Experimente zu wagen, weiter in Richtung Buchholz und Quelkhorn. Es ist sonnig, ein wenig kalt aber wunderschön nach diesen miesen fünf Sturmtagen und mit Rückenwind rasen wir die Strasse lang.

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Anschließend lassen wir es wieder ein wenig langsamer angehen und rollen in aller Ruhe und in zwei Gruppen aus nach Borgfeld.  Ein passender Start in das Osterwochenende. Ganz am Ende stellen wir dann noch fest, dass viele von uns im Schatten großer Stadien aufgewachsen sind, die meisten in Peterswerder im Schatten des alten Weserstadiums, ich im Schatten des Bökelbergs. Wir alle hatten als Schüler kein Geld, aber die richtigen Ideen um umsonst reinzukommen: Harald war damals noch so dünn, dass er an einer ganz bestimmten Stelle durch den ausgebeulten Zaun flutschen konnte, ich hingegen suchte mir einen Vater mit Kindern aus, ging vor ihm durch den Eingang zum Ordner, zeigte nach hinten und sagte: „Mein Papi hat die Karten!“. Zum Glück hat das immer geklappt, heute hätte ich nicht mehr den Mut dazu.

Ich kannte aber schon mit 21 Jahren Peterswerder, da ich damals einen Brieffreund in Bremen hatte, der dort lebte: Benno B. wohnte dort in der Braunschweigerstrasse in Bremen (man bemerke die Häufung an B’s) und das Leben, dass er mir in seinen Briefen beschrieb war brutal: Wir waren beide Punkrocker, machten beide Musik (er bei den Jayhawks, ich bei EA80), verlegten beide ein Fanzine (er die „Endlösung“, ich „Das MOB“) . Aber ich lebte im beschaulichen Mönchengladbach und das Leben war langweilig und ungefährlich, während er es im brutalen Bremen aushielt, sich Strassenkämpfe mit der Polizei, den Skinheads und den Teds lieferte, Häuser besetzt und jeden Tag sein Leben in den Slums von Peterswerder aufs Spiel setze. Wir schrieben uns, bis ich etwa 1990 nach Japan ging, in Bremen war ich bis dahin nie gewesen; mein erster Besuch war dann 2010. Nachdem ich nun hier wohnte, fasste ich nach einigen Monaten den Mut mich auf die Braunschweigerstrasse zu wagen und ich muss sagen, ich war doch etwas überrascht. Das waren alles ganz nette Häuschen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg mit ein wenig Wintergarten oder Terasse zur Strasse hin in denen wohl überwiegend Lehrer und Pädagogen wohnen. Schwer vorstellbar, dass in den Achtzigern hier das Blut meterhoch in den Strassen stand und die Deichscharte geöffnet werden musssten, damit es in die Weser abläuft.

Aber all das ist lange her und morgen soll das Wetter wieder gut werden.

 

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Eingeordnet unter 2015, Björn, Bremen, Mob, Touren

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