Tagesarchiv: 7. Februar 2021

No no no Supertuck. No no no Aero.

Bildergebnis für chris froome super tuck

Falls es tatsächlich noch nicht jeder mitbekommen haben sollte: Als Teil eines umfassenden Katalogs an Maßnahmen, um die Sicherheit im Radsport zu erhöhen, hat die UCI den „Super tuck“ verboten. OK, zwei Fragen dann:

Warum kann ich mich bei allen Stürzen die ich in den letzten Jahren gesehen habe nicht daran erinnern, dass auch nur ein einziger von einem Supertuck fahrenden Sportler hingelegt wurde? Liegt’s echt an mir?

Warum jetzt? Chris Froome hat damit bereits 2016 die Tour de France gewonnen; wenn’s denn so gefährlich ist, warum braucht die UCI fünf Jahre um ein Verbot auszusprechen?

Egal, das ist eher ein Luxusproblem, aber bei der derzeitig langweiligen Nachrichtenlage ein heiß diskutiertes. Eine technisch lustige Antwort wären neu entwickelte Räder mit einem extrem nach hinten abfallenden Oberrohr und integriertem Dropperpost – das wäre dann mal wieder voll Aero.

Was mich zu dem zweiten Thema bringt, nämlich dem Tod des Aerorades. Ich hatte einen langen Artikel über die physikalischen Grundlagen des Rennradfahrens angefangen, erstens um das Thema selber zu verstehen und zweitens um dann nachzuwiesen, dass ein aerodynamisches Rad für den Normalfahrer Blödsinn ist.

Der Post wurde so langweilig und kompliziert, so dass ich dann irgendwann nicht mehr weitergeschrieben habe, aber hier in der Kürze die wichtigsten Ideen.

Die Idee „Aero“ zu werden ist keine neue, den Trend gab es schon einmal in den Achtzigern und führte zu bescheuerten Ideen wir über dem Oberrohr positionierte Rahmenschalthebel, innenverlegte Schaltzüge, Campagnolo Delta Bremsen und der Shimano AX Gruppe. Also die Gruppe, die beinah Shimano gekillt hätte, wenn Suntour nicht so schlafmützig reagiert hätte. Ja wenn. Letzte Woche habe ich mir mal angeschaut, was für Rennräder für 2020 im Laden verkauft haben: Insgesamt 135 Stück, von denen wie viele mit einer Shimano Schaltung ausgestattet waren? Einhundertzweiunddreissig. Die anderen drei waren eine Campa Chorus und zwei Sram AXS Force. Ist das langweilig. Ich habe ja nichts gegen Shimano und technisch sind die Schaltungen ja auch gut, aber es wäre schön, wenn da etwas mehr Vielfalt wäre, sagen wir mal durch Suntour, Gipiemme, Cambio Rino oder von mir aus auch Simplex und Huret, statt noch einer GRX Gruppe.

Nachdem der Aerotrend der Achtziger vorbei war ging es in den Jahren danach im wesentlichen darum ein möglichst leichtes Rad zu haben. Der heilige Gral lag darin, an seinem eigenen Rad ein Kampfgewicht von unterhalb 6,8 kg zu erreichen, dem sogenannten UCI Limit. Die UCI, also der Weltradsportverband, erlaubt seit dem Jahr 2000 nur noch mindestens 6,8 kg schwere Rennrädern die an (UCI) Wettkämpfen teilnehmen. Der Hintergrund war vermutlich ein „Wettrüsten“ von Teams und Herstellern, wie z.B. in der Formel Eins zu verhindern. Das hat gut geklappt, es klappt aber auch, wie man beim Triathlon sieht, auch ohne diese Beschränkungen gut. Leider hat das auch den technischen Fortschritt verhindert, was man daran sieht, dass viele technische Neuentwicklungen wie z.B. Scheibenbremsen, Tubeless Reifen, Einfachkettenblätter, 12-fach Schaltungen etc. heute zunächst aus dem MTB Sektor kommen.

Mit dem Aufkommen der Scheibenbremsen kam dann lustigerweise auch die Aero Idee wieder hoch. Obwohl da ja fast kein Zusammenhang besteht. Jedenfalls wogen in der Folge diesen Trends Rennräder für € 5.000 Euro auf einmal wieder 9 kg und keiner fand das irgendwie …ungewöhnlich?

Na ja, wir leben auch in komischen Zeiten. In den Siebtigern machte sich Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ über das eine Drittel komplett unnötiger Berufe auf der Erde lustig. Und was finden wir da auf Platz zwei gleich hinter Marketingfachleuten: „Telefondesinfizierer“. Das wäre heute wieder denkbar.

Nach dem ganzen Aerohype bringt dann Specialized das Aethos auf den Markt.

Bildergebnis für specialized aethos

Da ist mal sicher ein gutes Rad und der USP ist: wiegt gerade mal 6,1 kg.
Aber mal ehrlich, das Ding sieht aus wie ein x beliebiges Carbonrad von 2010 mit Scheibenbremse. Nur so etwas bekamst Du vor 10 Jahren locker für € 5.000 ohne Dich besonders anzustrengen, während die Topversion des Aethos bei € 14.000 liegt.
Lustigerweise hat das Aethos auch kein Pressfit Innenlager, eine weitere technische Verfehlung unserer Zeit, sondern ein BSA Gewinde – etwas was sogar noch älter ist als ich.

RB Canyon Ultimate CF 9.0

Das hier ist ein Canyon Ultimate CF 9.0 aus dem Jahr 2010, so etwas besaß ich auch mal. Schönes Rad, hatte ich viel Spaß mit. Sieht im Prinzip auch nicht anders aus wie ein Specialized Aethos bis auf die Bremsen. Na ja, und die Laufräder mit Aluflanke, muss hat sein. Kostete damals etwa € 2.700. Mach vermutlich nicht weniger Spaß. Kauftip.

Jedanfalls die Konsequenz der Sache ist, dass die großen Hersteller ihr Portfolio ausmisten: Statt vier Produktlinien: Rennrad, Komfortrad, Aerorad und Gravelrad wird es in Zukunft nur noch drei geben, da bin ich sicher:

Das Rennrad für den schnellen und jungen Fahrer der alles vertragen kann a la Emonda, Helium oder Ultimate.

Das Rennrad für alte Säcke und Trekkingfahrer a la Domane, Fenix oder Synapse.

Das Gravelrad für diejenigen, die sich nicht entscheiden können was sie eigentlich wollen. Ich bin mal sehr gespannt, wie lange Räder wie das Ridley Noah oder das Trek Madone überleben werden.
Wetten werden gerne entgegen genommen.

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