Tagesarchiv: 2. Juni 2022

Meisterschaft in Saiko

Champion Day.

Was für Bilder kommen dir durch den Kopf wenn du an Japan denkt? Mädchen mit großen Augen, blauen Haaren, Spitzenrock und großen Brüsten? Du bist 16 und schaust Anime. Der Berg Fuji vor blauem Himmel? Du bist 46 und fährst mit dem Rennrad aus Tokyo Richtung Westen.

Obwohl der Fuji mehr als 100 km Luftlinie von Tokyo entfernt liegt kann man ihn an schönen Tagen im Winter gut sehen, voraussetzt es stehen nicht allzu viele Häuser im Weg. In Tokyo und um Tokyo herum wohnen 30 Millionen Japaner, also stehen immer Häuser verkehrt herum. Auch wenn man schon lange hier wohnt ist das doch immer noch eine Bemerkung wert: Man dreht den Kopf grotesk um an der Dachkante vorbeizulugen und sagt: „Schau mal der Fuji, wie schön!“ Dann wird das Handy rausgeholt, ein Foto geschossen und auf Insta oder fb gepostet. Fotos vom Fuji sind vermutlich das am zweithäufigsten fotografierte Sachding in Japan.

Am häufigsten aber wird Essen fotografiert. Zum Essen brauchte der Japaner nicht Messer und Gabel, sondern nur zwei Stäbchen. Und ein Handy. Ich wüsste gerne, wie meine japanischen Freunde heute aussehen, aber wenn ich auf facebook etc. nachschaue, dann sehe ich immer nur, was sie gerade gegessen haben. Wir posieren mit unseren neuen Rennrädern, aber selbst Goro-San, einer der besten und fanatischsten Rennradfahrern die ich kenne, zeigt auf fb oft Bilder von Nudelsuppen und Bierbüchsen statt seiner neuen Di2 Schaltung. Völlig unverständlich.

Das letzte Rennen der Saison fand am Fuße des Fujis am See Saiko statt. Es war nicht nur das schönste Rennen der Saison, sondern auch das, auf das ich mich am meisten freute. Ich hatte bestimmt schon fünf, sechs Mal dort teilgenommen und mir lag die größtenteils flache Strecke von 10 km rund um den See. Außerdem fuhr ich dort oft mit der Familie und vielen Freunden hin, so dass es neben dem Rennen auch viel Spaß, und nicht zu vergessen, gutes Essen gab.

Wenn ich, sagen wir mal an einem regnerischen Herbsttag, in Bremen aus dem Fenster schaue und an die Jahre in Japan denke, dann denke ich an den Fuji und all den Spaß den ich dort in Saiko hatte. Und natürlich auch an gutes Essen. Vielleicht ist bislang der Eindruck entstanden ich würde Japan nicht mögen, oder fände Japaner irgendwie doof, aber das ist keineswegs der Fall. Ich bin froh, dass ich einen großen Teil meines Lebens, über 14 Jahre, in Japan verbringen durfte und dankbar für die großartigen Freunde die ich ich dort gefunden habe. Und das Rennen in Saiko ist für mich eine großartige Erinnerung an all dies.

Über die Autobahn geht es recht schnell zum Fuji und seinen fünf Seen. Diese liegen etwa 1.000 Meter über NN und daher ist es im Herbst deutlich kühler am Morgen und Abend als in Tokyo. Trotz der Tatsache, dass viele in- und ausländische Touristen dort das Wochenende verbringen gibt es noch einige sehr schöne und ursprüngliche Orte, aber auch einige gruselige: Aokigahara, in der Nähe des Kawaguchi Sees ist ein dichtbewachsener Wald in dem man sich leicht verirren kann und deshalb ist er auch bekannt als der „Wald des Selbstmords“. In Japan, mit seiner hohen Selbstmordrate, werden hier jedes Jahr etwa 100 Menschen tot aufgefunden. Und ein paar Kilometer weiter nordwestlich befindet sich das Dorf Kamikuishiki in dem sich in den Neunziger Jahren das Hauptquartier der Aum Sekte befand. Tagsüber spazierten die Anhänger in weißen Umhängen durch die naheliegenden Dörfern und nachts produzierten sie in ihrem Schuppen Satyan 7 das Nervengift Sarin, das sie dann bei dem Anschlag auf die U-Bahn in Tokyo 1995 einsetzten – 13 Menschen starben, tausende wurden verletzt. Kurz, es ist sehr schön da, aber unter einer dünnen Schicht der Schönheit verbirgt sich eine dickere Schicht des Unbekannten. Genau wie bei meiner Zahnärztin. Also:

Hausdurchsuchung im Satyan 7.

Vor dem Rennen musste ich mal wieder zum Zahnarzt. Meine Zahnärztin hatte ihre Praxis in der Nähe meiner S-Bahnstation und interessanterweise hatte ich sie noch nie gesehen. Also, natürlich war ich schon bei ihr in der Praxis gewesen und sie hatte den einen oder anderen Zahn angebohrt, aber sie trug immer eine Maske – genau wie alle anderen Mitarbeiterinnen in der Praxis, die ebenfalls alles Frauen waren. Ich hatte nicht die geringste Ahnung wie sie oder ihre Helferinnen aussahen. Durch das Gegenlicht der OP Lampe wusste ich, dass sie sich die Haare rötlich gefärbt und leichten Spliss hatte. Aber daran hätte ich sie nie außerhalb der Praxis erkannt.

Splissalarm!

Jahre später hatte mein Zahnarzt in Bremen alle Hände voll zu tun dass zu machen, was sie in all den Jahren zuvor versäumt hatte, aber ich mochte sie trotzdem. Wobei mir die Inneneinrichtung der Praxis schon hätte Warnsignalen senden sollen, die ich besser ernst genommen hätte: So lag in der Toilette ein nicht montierter Pappbecherspender jahrelang auf dem Waschbecken, weil meine Zahnärztin es nicht schaffte ein paar Löcher mal ausnahmsweise nicht in einen Zahn, sondern in eine Gipskartonwand zu bohren, um diesen aufzuhängen. Und aus dem Behandlungsstuhl schaute man auf vier quadratische Blumenbilder, die wiederum zu einem großen Quadrat angeordnet an der Wand hingen. Oder so hängen sollten, denn keins von denen hing lotrecht oder parallel zu einem der anderen Bilder. Als Ingenieur war das einfach furchtbar anzusehen und ich überlegte ernsthaft, ob ich nicht mal mit einer Bohrmaschine dort auftauchen sollte, um die Dinge in die Hand zu nehmen.

Jedenfalls kam ich gerade aus der S-Bahnstation raus, als mir eine Frau auf der anderen Seite der Zahlschranke zuwinkte. Ich hatte die noch nie gesehen und keine Ahnung wer das war. Und plötzlich war ich mir sicher, dass das meine Zahnärztin ist. Ich ging zu ihr hin und wir unterhielten uns, wobei ich den Faden unseres Gespräches immer wieder geschickt auf das Thema Zähne und ihre phantastische Arbeit an diesen lenkte. Sie schaute dann zwar immer etwas komisch, aber ich dachte das wäre eben ihre Bescheidenheit. Als wir uns verabschiedeten sagte sie dann noch: „Und viele Grüße an deine Frau Kazuko“. „Klar, werde ich ausrichten“ antwortete ich und machte mich auf den Weg nach Hause. Nach ein paar Minuten stellte sich dann plötzlich im Kopf die Frage: „Wieso kennt meine Zahnärztin eigentlich meine Frau?“ Kazuko war ganz woanders in Behandlung.

Ich dachte nicht mehr darüber nach, bis mir Kazuko eines Tages später erzählte, dass sie ihre Freundin Himiko getroffen hatte. Himiko, wer war das denn? „Ah“, meinte Kazuko, “ die hast Du letztens am Bahnhof getroffen und Dich mit ihr unterhalten. Sie meinte Du wärst ziemlich besessen von Deinen Zähnen.“

Zum Glück gab es dieses Mal keine Probleme. Wenn ich dann irgendwann einmal sterbe und über all die Dinge nachdenke, die ich in meinem Leben hätte tun sollen und nicht getan habe, dann werden in dem Film meines Lebens der Pappbecherspender und die vier Blumenbilder an mir vorbeiziehen.

Auch in diesem Jahr fuhren wir wieder am Vortag mit dem BMW aus Tokyo an und übernachteten in einer kleinen Pension in der Nähe des Sees. Ich konnte einige Fahrer aus unserem kleinen Radklub Positivo Espresso mobilisieren, unter anderem Ludwig, David, Jerome und den legendären Leibwächter Jacques. Meine Kinder würden in den Kinderrennen starten und außerdem wollten Jerome, Ludwig, Jacques und ich früh am Morgen auch noch das Viererzeitfahren über 10 km mitnehmen. Vielleicht ist das eine nicht so gute Idee, wenn kurz danach das finale Rennen der Saison ist, aber es war ja ohnehin schon alles entschieden und wie sagte schon Woody Allen: „70% of success in life is just showing up.“

Am Abend vorher gingen wir gemeinsam zu unserem Lieblingsrestaurant direkt am See. Dort gab es immer riesige Portionen leckere Nudeln mit Pilzen und dazu so ein Himbeergetränk an das sich meine Tochter noch bis heute erinnert.

Tom vor dem gruseligen Untertassen Fuji

Am nächsten Morgen war es dann wie erwartet kalt und nebelig – so ist das halt da in den Bergen Anfang November. Ich setzte mich auf mein Rennrad und fuhr einmal um den See. Der Start liegt in einem kleinen Dorf auf dem höchsten Punkt der Strecke, dann geht es leicht abwärts und die Straße schlängelt sich am See entlang bis sie nach 3,5 km an eine Kreuzung kommt, an der man links abbiegen muss, um weiter am Seeufer entlang fahren zu können. Da die Kurve hier sehr eng war und danach kräftig beschleunigt wurde war es wichtig hier im Feld zu bleiben. Von dort an zog sich die Straße am anderen Seeufer etwa 4,5 km weiter lang, bis dann wieder links abgebogen wurde und ein kleiner Hügel übersprintet werden musste. Das war die kritischste Stelle im ganzen Rennen denn hier wurde immer ordentlich Dampf gemacht. Wer nach der Abzweigung nicht schnellgenug wieder Fahrt aufnahm und rabiat den Hügel anging, der fiel hier aus dem Feld raus und würde bis zum Ziel nicht mehr auf das Feld aufschließen können, dafür war das Tempo zu hoch. Ich war die Strecke schon häufig gefahren und kannte sie wirklich gut. Im Jahr zuvor war ich gestürzt, weil ich den Schnellspanner meines Hinterrades nicht richtig festgezogen hatte. Beim Beschleunigen aus der ersten Kurve hatte sich der gelockert, das Laufrad verkanntete und ich flog im hohen Bogen vom Rad. Zum Glück fuhr keiner über mich rüber. Das durfte dieses Mal nicht passieren.

Vorbereitung zum Teamzeitfahren mit David und Jacques (der Hase hinten rechts)

Das erste Rennen des Tages war das Teamzeitfahren mit David, Jerome und Jacques. Eine Runde um den See, zehn Kilometer, wenn’s gut läuft schafft man das in 15 Minuten. Wir waren ziemlich aufgeregt und David überholte bereits am Start das Führungsfahrzeug, was die Rennleitung so gar nicht lustig fand. Danach machte er dann richtig Druck, so dass ihm keiner von uns folgen konnte. Das war typisch David; auch bei 200 km Ausfahrten in die Berge startete er immer mit 500 Watt in den Beinen auf den ersten 10 Kilometern bevor er sich langsam beruhigte und es in einem angenehm- und durchhaltbarem Tempo weiterging. David verschwand vor uns in der nächsten Kurve und erst als er völlig ausgepowert am Rand lag holten wir ihn wieder ein und natürlich konnte er dann nicht mehr mit uns mithalten. Wir anderen drei fuhren uns dann irgendwie auch gegenseitig kaputt, so dass wir mit sehr großen Zeitabständen ins Ziel kamen. Der dritte Fahrer wird gewertet und so hatten wir kein besonders gutes Ergebnis. Aber keiner fand das schlimm. Wir hatten ja schon Teamfahren am Tamagawa Fluß auf dem Weg raus aus Tokyo geübt und wir wussten, das wir einfach grottenschlecht waren.

Kurz danach begann dann für mich das letzte Rennen der D Klasse in dieser Saison. Meine Familie stand am Streckenrand und erwartete große Dinge von mir – die wollte ich nicht enttäuschen. Es lief dann auch sehr gut. Ich blieb in der Mitte des Feldes und am kritischen Hügel machte ich richtig Dampf, so dass ich weit vorne war. Ich setzte mich dann kurz vor dem Ende der ersten Runde an die Spitze des Feldes, weil der DJ dann meinen Namen ausrufen würde und ich als Erster an meiner Familie vorbeifahren würde. Das würden die sicher gut finden, auch wenn das eine Menge Streichhölzer kostete. In der zweiten Runde blieb ich dann in der Mitte des Feldes und arbeitet mich langsam nach vorne vor, bis wir wieder an den Hügel kamen. Das Tempo war nun deutlich schneller und das Feld viel nervöser. Ich hatte mir zwei gute Sprinter ausgeschaut die zusammen fuhren und wollte mich hinter die beiden setzten, um eine gute Position im Sprint zu habe. Etwa 500 Meter vor dem Ziel fuhren die beiden eine Kurve zu schnell an, so dass sie an den äußeren Rand gedrängt wurden und scharf bremsen mussten – ich auch hinter ihnen und so fuhr ein Großteil des Feldes an uns vorbei. Ich sprintete quasi aus dem Stand los und erreichte immerhin noch einen 14. Platz aber da wäre sicherlich mehr drin gewesen. Irgendwie schade. Aber irgendwie auch egal, denn jetzt war ich japanischer Meister. Mein Sohn wartete am Ziel und freute sich wahnsinnig für mich.

Mein Sohn, wenn er sich wahnsinnig freut.

Ludwig kam und hatte eine Flasche Champagner dabei. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Was ich bislang nicht geschrieben habe, ist, dass ich die ganze Saison über Angst gehabt hatte, das irgendetwas schief gehen würde: Ich hätte mich erkälten oder verletzen können, vielleicht einen Verkehrsunfall raus auf dem Weg nach Gunma haben können oder dass mir irgendeine der JCRC Regeln am Ende doch einen Strich durch die Rechnung machen würde. Oder dass ich ein mechanisches Problem auf der Strecke bekommen, stürze oder dass ich im Regen einen Fahrfehler begehe. Wenn ich ein guter Fahrer gewesen wäre, dann hätte ich das in den anderen Rennen irgendwie wieder wettmachen können, aber ich musste wirklich an allen Rennen teilnehmen und alle zu Ende fahren. Hätte ich nur bei einem Rennen versagt, wäre alles umsonst gewesen und ich hätte es im Jahr darauf noch einmal versuchen müssen. Und so war die Erleichterung, dass ich nächstes Jahr nicht noch einmal ran musste fast größer als die Freude über das geschaffte.

Nicht nur die JCRC Rennen waren nun für diese Saison vorbei, auch in unserem kleinen Club tat sich einiges. Marek reiste weiter nach Südostasien auf seinem Trip um die Welt, Juliane ging nach London, david ebenfalls, James, Ian und Stephen zog es weiter nach Hong Kong und Singapur. Alain musste zurück nach Frankreich, aber zum Glück blieben Tom, David, Jerome und Ludwig noch in Japan. Und im nächsten Jahr fanden wir auch wieder neue Freunde mit denen wir in die Berge fuhren.

Ich habe keine Ahnung, was aus Jacques wurde.

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