Tagesarchiv: 22. Januar 2012

Panasonic (blau)

1990  –  2001

Das einzige nicht erhalten gebliebene Foto von meinem Rad nicht.

Das einzige nicht erhalten gebliebene Foto von meinem Rad nicht.

Im Sommer 1990 ging ich mit einem Stipendium des DAAD für zwei Jahre nach Japan, um dort japanisch zu lernen und erste Arbeitserfahrung als Praktikant in einer japanischen Firma zu sammeln. Nachdem ich 1985schon über die Japan Foundation einen kostenlosen zwei Wochen Urlaub in Japan machen durfte und restlos begeistert war, waren diese zwei Jahre erst einmal wie die Erfüllung eines großen Traumes. Ich konnte nur 30kg Gepäck mit nach Tokyo nehmen, ein Rad hatte ich ohnehin nicht mehr.

Schon vor dem Flug nach Tokyo hatte ich mit Jürgen Hoffmann, einem Mitstipendiaten, gemeinsam eine kleine Wohnung irgendwie in der Nähe der Sprachschule gemietet. Drei Zimmer in einem älteren aber nicht schicken Holzhaus, ca. 40 m2 mit Dusche und Waschmaschine in der Küche und ohne Klimaanlage. Im Sommer konnte man sich tagsüber in der Wohnung nicht aufhalten. Lernen am Tisch war nur mit Ventilator vor einem aufgestellt möglich und dann mussten Steine auf alles was wegfliegen konnte plaziert werden. Trotzdem war es traumhaft.

Irgendwie wollten Jürgen und ich Räder haben. Jürgen hatte gelesen, dass auf der amerikanischen Base in Yokota billig Rennräder geben sollte, also fuhren wir eines Tages mit dem Zug dorthin. Wir wollten dann auf die Base, wurden aber von Wachposten am Eingang gestoppt. Da wir auch niemanden auf der Base kannten liessen sie uns auch nicht rein. Ich glaube, die Idee einfach so auf die Base zu gehen war auch ziemlich naiv. Also schauten wir uns in der Nähe nach Radläden um. Die Gegend um Yokota ist wirklich eine schöne, klassisches Ami-abhängigen Land, aber zum Glück sprachen dort viele Menschen leidlich englisch, was sonst nicht so der Fall war. Jürgen schlug dann zu und kaufte sich ein „Shogun“ Rad. Nach heutigen Maßstäben war das schon ziemlich scheisse. Ich konnte mich nicht entscheiden und ging ein paar Tage später zu einem kleinen Radhändler in der Nähe von Meguro bzw. Aburamen, den ich über den Lonely Planet Reiseführer gefunden hatte. Den Laden gibt es heute nicht mehr.

Der Laden war winzig und total dunkel. Aber der Mann hatte Ahnung, wie ich im Nachhinein weiß und bestellte für mich bei Panasonic ein blaues Rennrad in meiner Größe. da ging so, dass er mich eine Menge Dinge fragte die ich leidlich verstand und dann ein Formblatt mit dem Fax nach Panasonic schickte und kurz darauf eine Antwort bekam. Das Rad war also bestellt und ein paar Wochen später sollte ich es dann abholen. Das komplette Zusammenbauen fand in dem Radladen statt, Panasonic lieferte nur den Rahmen und die Komponenten, alles andere mußte der Radhändler machen, einschliesslich des Zusammenbauens der Laufräder.

Obwohl ich das Rad über zehn Jahre gefahren habe und dami auch anfing richtig Rennrad zu fahren, gibt es leider gar keine Bilder davon, so dass ich auch nicht emhr genau weiß wie es aussah und welche Komponenten verbaut waren. Für den Preis von 60.000 Yen (also heute etwa 600 Euro) bekam ich aber einen Standardrahmen aus akzeptablem Rohr in dunkelblau mit Panasonic Logo und eine komplette Shimano 600 Trikolore Ausstattung einschliesslich Hakenpedale mit Plastikbügeln. STI Hebel hatte ich da zum ersten Male im Panasonic Ausstellungsgebäude in Tokyo gesehen, an meinem waren allerdings noch Rahmenschalthebel. Ich vermute einmal Sieben-Gang.  Die Kuebelblätter waren Bio-Space, was heute alle bescheuert finden aber damals wie heute total egal war. Es gab keine Ösen zum befestigen von Schutzblechen oder einem Gepäckträger.

Alles in allem war das ein Rad für dass man sich nicht schämen mußte.

Nach dem Kauf mußte ich allerdings nach Hause fahren und ich hatte keine Ahnung wie ich dorthin kam. Also versuchte ich erst einmal zum nächsten größeren Bahnhof, nach Shibuya durchzuschlagen. Von Shibuya aus ging die Inokashira S-Bahnlinie zu meinem Heimatbahnhof Higashi-Matsubara und machte vorher an dem Kreuzungsbahnhof Shimokitazawa halt. Von dem weiteren nördlich gelegenen Großbahnhof Shinjuku ging die Odakyu Linie ebenfalls nach Shimokitazawa. Also, dachte ich wenn ich auf der nördlichen Seite der Inokashira Linie bleibe und immer südlich der Odakyu, dann komme ich irgendwann einmal nach Shimokitazawa.  So fuhr ich irgendwie kreuz und quer zwischen die Bahnlinien bis ich dann drei Stunden später in Shimokitazawa ankam. Ein absoluter, langanhaltender Alptraum. Ich versuchte dann die nächsten beiden Stopps bis zu meinem Bahnhof an der Inokashiralinie zu bleiben, verfuhr mich und eine weitere Stunde sp#ter hatte ich keine Ahnung wo ich war und sprach auf englisch eine Frau an. Die zum Glück auch gut englisch sprach und mir den Weg zum Bahnhof zeigte. Später fand ich heraus, dass ich etwa 200m von meiner Wohnung entfernt war.

Später kaufte ich mir einen Atlas und fuhr häufig damit durch Tokyo und die nähere Umgebung. Eines der ersten Teile, die ich mir für das Rad kaufte war natürlich ein schicker Tacho von Cateye. Mit Rad, Tacho und Atlas machte ich mich dann auf den Weg die Schreine in der Umgebung zu besuchen und sogenannte Ema (das sind Holztafeln mit Motiven des Schreins, auf deren Rückseite man seine Wünsche schreiben mag).  Eine der ersten größeren Touren mit dem Rad führte mich nach Kamakura zusammen mit Tobias. Es dauerte endlos, bis wir den Weg aus Tokio rausgefunden hatten. Wir kamen in Kamakura an, sahen uns die Küste an und fuhren gleich wieder zurück. Da ich so ziemlich das erste Mal in meinem Leben mit Hakenpedalen fuhr, hatte ich mich an einer Ampel auch mal wieder gut auf die Fresse gelegt, als ich nicht aus den Pedalen rauskam. Ich glaube, das passiert aber jedem Mal. Ich fuhr über die Inokashira-Dori nach Masashi-Saki wo meine irgendwie Fast-Freundin Barbara Geschwinde lebte und an der ICU studierte. Nachts auf der Inokashira war trotz vieler Ampeln phantastisch. An einem der Hügel konnte man so richtig schnell runterbrettern.

Ich nahm das Rad dann mit nach Deutschland als in Japan verliess. Am letzten Tag versuchte ich das Rad auseinandernehmen und zu verpacken, es war aber total unmöglich die rechte Pedale abbekommen. Ich habe fast den halben letzten Tag beim Radhändler in Higashi-Matsubare verbracht aber wir haben es auch nicht zusammen geschafft.

Und in der Folgezeit fuhr ich oft von Düsseldorf aus Richtung Ratingen, dann an die Ruhr nach Essen-Kettwig und weiter in das bergische Land; dann zurück über Mettmann und Grafenberg nach Hause. Das war eine 90 Kilometer Runde und mein Ziel war diese in weniger als drei Stunden zu schaffen. Ich hatte mittlerweile eine Radhose und ein Jersey. Heute habe ich einen ganzen Schrank voll, von denen ich vielleicht 2 oder 3 anziehe. Ab und an fuhr ich auch mal damit zur Arbeit nach Essen. DAs war also das Rad, mit dem ich zum ersten Mal mehr als 100 km an einem Stück gefahren bin.

1994 wurde ich dann nach China versetzt und nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland recht schnell wieder 1996 nach Malaysia. Da war dann nichts mit radfahren, obwohl in China mitten auf dem Lande am gelben Fluß in der Provinz Henan, kaufte ich mir in der Stadt Luoyang das teuerste Rad was zu haben war.  Was so ein taiwanesisches oder chinesisches MTB mit einer Suntour Schaltung. Direkt bei meiner ersten Fahrt hatte ich das Pedal aus der Kurbel rausgetreten. Im Workshop auf der Baustelle wurde das noch mal geschweißt, aber es half nichts, das Teil war nach einem Tag hinüber. Ich hätte mir besser doch so ein stabiles Kommunistenrad wie „Ostwind“ oder „Weiße Taube“ holen sollen.

1997 waren wir, mittlerweile zu dritt, wieder zurück in Düsseldorf und dann ging es doch recht schnell wieder nach Japan, wo ich 1997 in Fukuroi, in der Nähe von Hamamatsu anfing zu arbeiten. IN Fukuroi war absolut gar nichts los, Hamamatsu war immerhin eine Stadt von 800.00 Einwohner und riesiger Yamaha Fabrik und JSDF Airbase, so daß es wenigstens ein paar Ausländer dort gab. Ich fuhr morgens mit der Bahn die 30 km nach Fukuroi, ab und an im Sommer auch mit dem Rad. Am Wochenende machte ich meine 60 km Runde rund um den Hamanakako. Ich hatte den Ehrgeiz, diese in weniger als zwei Stunden zu schaffen, was mir aber nie gelang. Auch wegen dem Verkehr, denn das letzte Stück ging durch die ganze Stadt von Süden nach Norden.

Ab und an fuhr ich auch in die Berge, aber davor hatte ich noch zuviel Respekt. Unsere deutsche Freundin Corinna wohnte mit ihrem Mann in einem einsamen Haus in den Bergen und ab und an fuhren wir am Wochenende dort raus. Das letzte Stück war aber viel zu steil um es mit dem Rad hochzufahren. Ich war kein guter Bergfahrer, ich war zwar schnell, aber die kleinen Hügelchen auf der Runde um den Yamanakako nahmen wir schon die gesamte Puste aus der Lunge. Und ich fuhr fast immer alleine und fand keine Freunde dort mit denen ich hätte fahren können.

Ich kaufte mir eine superstabile Luftpumpe aus Gußeisen mit Manometer die ich heute noch besitze.

Ende 2000 wurde ich dann nach Tokyo versetzt. Ich fand das aus radtechnischen Gründen zuerst grauenhaft, denn ich war mitten in dieser riesigen Stadt und es gab einfach keine Gelegenheit einmal in Ruhe und längere Strecken zu fahren. Ab und und fuhr ich mit dem Rad zur Arbeit, besonders Nachts machte das auch Spaß. An den Wochenenden entdeckte ich den Tamagawa und tastete ich langsam Richtung Ome vor. Ome, etwa 50 km entfernt, war aber das höchste der Gefühle und ich fuhr dann meist mit dem Zug zurück.

Dann mußte ich eines Tages im Jahr 2001 zum Zahnarzt in Denenchofu. Ich liebe diese Zahnärztin. Als Zahnärztin war sie mies, wie sich dann nachher in Deutschland herausstellte, aber die Besuche dort hatten massiven Unterhaltungscharakter. Leider darf man beim Zahnarzt, der ganz in der Nähe des Bahnhofes Denenchofu ist, nicht parken. Da sind überall Schilder die darauf hinweisen, dass Räder von der Polizei mitgenommen werden. Zu allem Überfluß gibt es ganz in der Nähe auch noch eine Polizeistation. Also kam ich auf die super Idee mein Rad etwas weiter weg im abgezäunten Bereich eines Hauses zu parken. Ich ging dann erst zur Zahnärztin, dann zur Arbeit und kam im Dunkeln wieder. Da fand ich aber nicht mehr mein Panasonic Rad, sondern nur noch einen Zettel auf em in japanisch stand:

„An den ehrenwerten Besitzer des Rennrades:  Wir haben das weggeschmissen und der Polizei Bescheid gegeben.“

Ich hatte dann nicht den Mummda zu klingeln. Ich mochte da Rad auch, war aber auf der andren Seite auch nicht unfroh, dass mir das die Möglichkeit gab ein neues Rad zu kaufen. Seit einigen Monaten streifte ich nämlich schon in dem „Geronimo“ genannten Ableger von Y´s Bicycles, einer großen Radladenkette in Jiyugaoka rum und starrte mir die Augen aus.

Es war aber immer der Gedanke da, dass ich irgendwann an meinem letzten Tag in Japan einmal wieder zu dem Haus gehe und ihnen aus Rache lange nach der Tat entweder (a) die Scheiben einschmeisse oder (b) das Schloß mit Sekundenkleber zupappe oder (c) einen Briefumschlag mit Hundescheisse vor sie Tür lege anzünde und dann weglaufe. Habe ich aber alles nicht gemacht. Soweit ich mich erinnern kann.

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BMX (Im Prinzip Weiss)

1973 – 1978

Das BMX: Nur Fliegen sind schöner

Das BMX: Nur Fliegen sind schöner

Nachdem es mir nicht gelungen war mein Vaterland durch übertriebenes Tuning in ein einigermaßen cooles Gerät zu verwandeln, bekam ich überraschend die Chance von einem meiner besten Freunde damals, Dietmar Beck ein altes und verhunztes BMX Rad zu kaufen. Vielleicht war es auch, nach heutiger Definition ein Bonanza Rad. Es hatte hinten eine 5 Gang Schaltung mit Schaltwerk. Das Schaltwerk war noch dran, aber der Rest der Schaltung fehlte komplett. Das war aber egal, die Kette lief auf dem kleinsten Ritzel und selbst damit und bei voller Kraftanstrengung kam ich auf maximal 25 km/hr den Berg runter. Mehr war schon aufgrund mangelnder Berge und mangelnder Bremsleistung vorne nicht möglich. Ausserdem lag es auch an der Tatsache, dass der Sattel gefühlte 15cm über der Kurbel lag und an dem Lenker. Der war wirklich einzigartig. Er war wie ein umgekehrt nach oben montierter Rennlenker nach vorne geschwungen, kam dann nach langer Zeit wieder zurück, aber viel zu weit, eigentlich fast bis zum Sattel und endete dann in horizontalen Griffen. Das wäre eine gute Aufgabe für die Statikklausur im Studium gewesen. Aus dem Rohr des Lenkers alleine hätte man bequem einen neuen Rahmen fertigen können.

Das Rad bekam dann erst einmal eine großen, schlecht- und selbstgemachten Aufkleber auf dem der Welt verkündigt wurde:

NUR FLIEGEN SIND SCHÖNER

Das hatte ich mir aus der deutschen Ausgabe der MAD abgesehen, die ich damals köstlich komisch fand. Jedenfalls war das ein völlig abgefahrenes Akrobatikrad mit dem wir bei uns im Garten fuhren auf selbstgebauten Hindernis-parcouren und auf der Straße versuchten Wheelies zu machen. Bei einem Sprung über die zwei Stufen von unserem Garten in den meiner Großeltern passierte es dann: Ich riß den Lenker hoch und der verzog sich dabei dermaßen, das ich mal wieder auf die Fresse  fiel. Der Lenker war dann hinüber so dass ich zu dem Mann mit der dicken Zigarre im Radladen ging und mir einen neuen besorgte. Eben den, der auch auf dem Foto ist.

Unglaublicherweise hatte dieses Rad auch zwei Bremsen, eine Klingel und eine Vorder- und Rücklampe. Das war aber nur der Tatsache geschuldet, dass wir an einem ADAC Radwettbewerb teilgenommen hatten und die Teilnahme war nur mit Verkehrssicheren Rädern erlaubt.Markant ist auf jeden Fall die Position der linken Bremse am Lenker die den Trend heute bei Fixies die Bremse an möglichst unpraktischen Stellen zu fixieren (Vorbau, Rahmen, Handgelenk) um Jahre vorwegnimmt. Vielleicht ist mir auch nur die Bremszughülle ausgegangen.

Wie man auch auf dem Bild sehen kann ist da Rad voll Crosscountry tauglich. Wir haben das in Gladbach vor allem auf der Landwehr getestet, auf dem Foto sitzt mein Freund Stefan Martellock auf dem BMX. Das allerwichtigste aber blieb die Aufgabe auf dem Rad Wheelies zu machen und möglichst lange auf dem Hinterrad zu fahren. Am besten ist mir das an dem Tag gelungen, wo ich den Lenker hochriss und, da ich vergessen hatte die Achse des Vorderrades festzuschrauben, dieses sich verabschiedete. Ich versuchte also möglichst lange auf dem Hinterrad zu fahren, bis die Gabel auf den Boden krachte ich mal wieder auf der Fresse lag.

Andere coole Beschäftigungen mit dem Rad waren Bike Polo, wir hatten ein cooles Set von Plastikcrocketschlägern mit denen wir immer spielten, und einen unserer Freund auf dem Skateboard zu ziehen. Oft fuhren wir zu viert auch Rennen auf unserem Lieblingsparcour am Gesundheitsamt.

Leider begann dann irgendwann und irgendwie doch die Pubertät und coole Beschäftigungen an denen man sich auch dreissig Jahre später noch erfreuen kann (Radfahren, schrauben, mit Freunden über Räder quatschen) wurden ersetzt durch Dinge wie Mädels, Mädels anbaggern und über das Anbaggern von Mädels quatschen. Irgendwie blieb da auch das BMX auf der Strecke und wurde von meinen Eltern entsorgt.
Aber der Lenker, der war ein Wahnsinn.

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Vaterland (blau)

1969 – 1975

Geburtstag 1969: Das erste Rad

Geburtstag 1969: Das erste Rad

1968 wurde ich in die erste Klasse der katholischen Grundschule Marktfeldstrasse eingeschult. Die Schule teilte sich die Sporthalle und den Schulhof mit der Gemenischaftsgrundschule Windberg, die auch über einen eigenen Eingang auf der Lochneralle verfügte. Wir waren die guten Katholiken und die auf der anderen Schule waren die bösen Evangelischen. Um das klar zu machen gab es über die gesamte Breite des Schulhofes einen dicken weißen Strich der unseren Bereich von „denen“ abgrenzte. Wenn einer von denen da drüben es wagte auf unsere Seite des Schulhofes zu kommen, konnte er sich auf eine Tracht Prügel gefasst machen.

Ich hatte eine wahnsinnig nette Lehrerin, Frau Sudhaus, eine respektierte Rektorin, Frau Henneckes und einen sehr strengen Pfarrer Thomas, der uns ab und zu eine zog und sonst mit den Quallen der Hölle drohte. In der vierten Klasse mussten wir bei ihm beichten gehen was ich gehasst habe.

Ich glaube in der 2. Klasse habe ich zu meinem Geburtstag im September ein Rad geschenkt bekommen und durfte damit nach ein paar „Fahrstunden“ mit meinen Eltern rasch allein den Kilometer zur Schule fahren. Ich habe keine Ahnung was für ein Typ das war, der einfachheithalber nenne ich es einmal „Vaterland“, weil damals billige Vaterland Räder sehr verbreitet waren. Meine Eltern hatten es mit mir zusammen in einem Radladen in der Nähe des Schwimmbades in Mönchengladbach gekauft, so dass es am Geburtstag eigentlich keine Überraschung war. Das Rad hatte neben 26 Zoll Rädern den ganzen unnötigen Schnickschnack damaliger Jugendräder. Es war mit einer 3 Gang Sachs Torpedoschaltung ausgerüstet, einem Rücktritt und einer Vorderradbremse, die von oben auf den Reifen drückte. Heute würde ich mich vermutlich weigern, so ein Rad überhaupt anzusehen.

Da wo der Pfeil hinzeigt befindet sich der Leerlauf, der aber im Gegensatz zu den Gängen römisch Eins bis römisch Drei keine Rasterung hatte. Außerdem hatte es eine sehr schicke rote Trinkflasche die in einem sehr schicken Trinkflaschenhalter eingespannt war. Schon bei meinem ersten Rad ging es viel um schrauben , tunen und einstellen. Im Keller hatten wir sehr rudimentäres Werkzeug , wie einen Knochen:

 

Typischer Knochenfund aus den Sechzigern 

Relativ schnell hatte ich einen VDO Tacho am Lenker montiert. Bis heute ist diese unsinnige Vorliebe nicht ohne Tacho auf dem Rad zu fahren geblieben. 

Der ulltimativ coolste Tacho der Siebziger. Die Uhr: Ein Traum nur.

Der ulltimativ coolste Tacho der Siebziger. Die Uhr: Ein Traum nur.

 Um eins gleich klarstellen: Ich hatte nur den Tacho, die Uhr sollte ein ewiger Traum bleiben. Übrigens machten diese Tachos ja langsam, denn die wurden von einer Drahtwelle am Vorderrad angetrieben und verbrauchten damit mächtig Tretkraft. Ich glaube in der Ebene schaffte ich es so auf etwas mehr als Dreissig und den Berg runter vielleicht auf etwas mehr als Vierzig. Aber bei dem Ding war ja eh bei Sechzig Schluß. Wahrscheinlich lief sich sonst die Welle heiß und der Tacho explodierte. Später kaufte ich auch noch Packtaschen dazu für Touren die nie unternommen wurde. Mit dem zusätzlichen Kram ist es also damals schon genauso wie heute gewesen.

Mit Rad und vor allem Tacho fuhr ich fortan zur Schule. Einen Kilometer hin und einen zurück. Irgendwie kam ich so nicht auf viele Kilometer. Also bin ich wie ein Blöder in der Nähe unseres Hauses rumgeeiert aber habe dadurch auch nicht gerade viele Kilometer zusammen bekommen. Warum wollte ich eigentlich Kilometer reissen?  Nun auf dem Schulhof stand ein anderes Rad das den gleichen Tacho hatte und auch etwa zur gleichen Zeit gekauft wurde. Und der Besitzer fuhr echt viel – jedenfalls deutlich mehr als ich und das konnte ich einfach nicht auf mir sitzen lassen.

Mit dem Eintritt in die Fünfte Klasse des Neusprachlichen Gymnasiums an der Viersener Strasse geriet die ganze strukturierte katholische Schulwelt in die Brüche und wurde ersetzt durch einen Haufen junger Lehrer und Referendare, die 1968 auf den Unis waren und die entsprechende Dosis revolutionären Dampf abbekommen hatten, den sie nun in unsere Schule tragen wollten. Wie man kommt nicht in die Hölle, wenn man dem Lehrer einen Schwamm auf den Stuhl legt? Cool, das eröffnete neue Perspektiven und Möglichkeiten. Auch beim Rad. In einer ersten Welle fielen dem Gedanken die ganzen spießigen Schutzbleche, die Beleuchtung und die Vorderradbremse zum Opfer. Ein Radständer war auch uncool aber zum Glück schon abgebrochen. Das Rad sah jetzt, zumindestens aus meiner Perspektive richtig rennmäßig aus, also fast so geil wie die Autos meiner Hit Wheels Bahn.

Ich ging dann öfters zu dem Rad- und Mopedladen auf der Waldhausener Strasse. Die hatten einen großen Ausstellungsraum, hauptsächlich mit Vespas, einen alten dicken Mann der ständig Zigarre rauchte und sich wahnsinnig langsam bewegte und im Hinterhof eine Werkstatt zu der ich mein Rad bringen durfte. Recht fix hatte ich dann billige Felgenbremsen hinten und vorne am Rad.

Aber irgendwann war auch das zu langweilig. Mein Freund Dietmar Beck hatte ein altes BMX zu verkaufen und da schlug ich zu. Ehrlich gesagt habe ich keine Erinnerung daran, was aus meinem Vaterland wurde.

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