Vaterland (blau)

1969 – 1975

Geburtstag 1969: Das erste Rad

Geburtstag 1969: Das erste Rad

1968 wurde ich in die erste Klasse der katholischen Grundschule Marktfeldstrasse eingeschult. Die Schule teilte sich die Sporthalle und den Schulhof mit der Gemenischaftsgrundschule Windberg, die auch über einen eigenen Eingang auf der Lochneralle verfügte. Wir waren die guten Katholiken und die auf der anderen Schule waren die bösen Evangelischen. Um das klar zu machen gab es über die gesamte Breite des Schulhofes einen dicken weißen Strich der unseren Bereich von „denen“ abgrenzte. Wenn einer von denen da drüben es wagte auf unsere Seite des Schulhofes zu kommen, konnte er sich auf eine Tracht Prügel gefasst machen.

Ich hatte eine wahnsinnig nette Lehrerin, Frau Sudhaus, eine respektierte Rektorin, Frau Henneckes und einen sehr strengen Pfarrer Thomas, der uns ab und zu eine zog und sonst mit den Quallen der Hölle drohte. In der vierten Klasse mussten wir bei ihm beichten gehen was ich gehasst habe.

Ich glaube in der 2. Klasse habe ich zu meinem Geburtstag im September ein Rad geschenkt bekommen und durfte damit nach ein paar „Fahrstunden“ mit meinen Eltern rasch allein den Kilometer zur Schule fahren. Ich habe keine Ahnung was für ein Typ das war, der einfachheithalber nenne ich es einmal „Vaterland“, weil damals billige Vaterland Räder sehr verbreitet waren. Meine Eltern hatten es mit mir zusammen in einem Radladen in der Nähe des Schwimmbades in Mönchengladbach gekauft, so dass es am Geburtstag eigentlich keine Überraschung war. Das Rad hatte neben 26 Zoll Rädern den ganzen unnötigen Schnickschnack damaliger Jugendräder. Es war mit einer 3 Gang Sachs Torpedoschaltung ausgerüstet, einem Rücktritt und einer Vorderradbremse, die von oben auf den Reifen drückte. Heute würde ich mich vermutlich weigern, so ein Rad überhaupt anzusehen.

Da wo der Pfeil hinzeigt befindet sich der Leerlauf, der aber im Gegensatz zu den Gängen römisch Eins bis römisch Drei keine Rasterung hatte. Außerdem hatte es eine sehr schicke rote Trinkflasche die in einem sehr schicken Trinkflaschenhalter eingespannt war. Schon bei meinem ersten Rad ging es viel um schrauben , tunen und einstellen. Im Keller hatten wir sehr rudimentäres Werkzeug , wie einen Knochen:

 

Typischer Knochenfund aus den Sechzigern 

Relativ schnell hatte ich einen VDO Tacho am Lenker montiert. Bis heute ist diese unsinnige Vorliebe nicht ohne Tacho auf dem Rad zu fahren geblieben. 

Der ulltimativ coolste Tacho der Siebziger. Die Uhr: Ein Traum nur.

Der ulltimativ coolste Tacho der Siebziger. Die Uhr: Ein Traum nur.

 Um eins gleich klarstellen: Ich hatte nur den Tacho, die Uhr sollte ein ewiger Traum bleiben. Übrigens machten diese Tachos ja langsam, denn die wurden von einer Drahtwelle am Vorderrad angetrieben und verbrauchten damit mächtig Tretkraft. Ich glaube in der Ebene schaffte ich es so auf etwas mehr als Dreissig und den Berg runter vielleicht auf etwas mehr als Vierzig. Aber bei dem Ding war ja eh bei Sechzig Schluß. Wahrscheinlich lief sich sonst die Welle heiß und der Tacho explodierte. Später kaufte ich auch noch Packtaschen dazu für Touren die nie unternommen wurde. Mit dem zusätzlichen Kram ist es also damals schon genauso wie heute gewesen.

Mit Rad und vor allem Tacho fuhr ich fortan zur Schule. Einen Kilometer hin und einen zurück. Irgendwie kam ich so nicht auf viele Kilometer. Also bin ich wie ein Blöder in der Nähe unseres Hauses rumgeeiert aber habe dadurch auch nicht gerade viele Kilometer zusammen bekommen. Warum wollte ich eigentlich Kilometer reissen?  Nun auf dem Schulhof stand ein anderes Rad das den gleichen Tacho hatte und auch etwa zur gleichen Zeit gekauft wurde. Und der Besitzer fuhr echt viel – jedenfalls deutlich mehr als ich und das konnte ich einfach nicht auf mir sitzen lassen.

Mit dem Eintritt in die Fünfte Klasse des Neusprachlichen Gymnasiums an der Viersener Strasse geriet die ganze strukturierte katholische Schulwelt in die Brüche und wurde ersetzt durch einen Haufen junger Lehrer und Referendare, die 1968 auf den Unis waren und die entsprechende Dosis revolutionären Dampf abbekommen hatten, den sie nun in unsere Schule tragen wollten. Wie man kommt nicht in die Hölle, wenn man dem Lehrer einen Schwamm auf den Stuhl legt? Cool, das eröffnete neue Perspektiven und Möglichkeiten. Auch beim Rad. In einer ersten Welle fielen dem Gedanken die ganzen spießigen Schutzbleche, die Beleuchtung und die Vorderradbremse zum Opfer. Ein Radständer war auch uncool aber zum Glück schon abgebrochen. Das Rad sah jetzt, zumindestens aus meiner Perspektive richtig rennmäßig aus, also fast so geil wie die Autos meiner Hit Wheels Bahn.

Ich ging dann öfters zu dem Rad- und Mopedladen auf der Waldhausener Strasse. Die hatten einen großen Ausstellungsraum, hauptsächlich mit Vespas, einen alten dicken Mann der ständig Zigarre rauchte und sich wahnsinnig langsam bewegte und im Hinterhof eine Werkstatt zu der ich mein Rad bringen durfte. Recht fix hatte ich dann billige Felgenbremsen hinten und vorne am Rad.

Aber irgendwann war auch das zu langweilig. Mein Freund Dietmar Beck hatte ein altes BMX zu verkaufen und da schlug ich zu. Ehrlich gesagt habe ich keine Erinnerung daran, was aus meinem Vaterland wurde.

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2012

2 Antworten zu “Vaterland (blau)

  1. Joachim

    Ich habe ein deja vu… Solch eine Lederhose musste ich (Jg.63) auch immer tragen. Sehr schöne Seite!

    • Jahrgang 1962 musste auch Lederhosen tragen. Auch auf meinem Klassenphoto aus der Grundschule habe ich ein solches Teil an. Na ja, immer noch besser als Strumpfhosen!
      Danke für das Lob.

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