Motobecane (Grün)

1975 – 1989

Mein grünes Motobecane kurz nach dem Kauf, kurz vor dem Klau.

Mein grünes Motobecane kurz nach dem Kauf, kurz vor dem Klau.

Im Sommer 1975 schenkte mir mein Onkel Horst ein grünes Motobecane Rennrad. Ich fuhr zu ihm nach Frankfurt und holte es mir ab. Damals war es für mich der absolute Traum: Es sah irrsinnig schnell aus, hatte eine 2 x 5 Gangschaltung und sah definitiv besser als die Peugeots und Raleighs aus, die ich als einzig wahrnehmbare Konkurrenz bei meinen Freunden sah. Heute sehe ich billigste Simplex- oder Huretkomponenten, riesige Flügelschrauben an den Rädern und Schutzbleche mit Lampen draufgeknallt und Dynamo hinten links dran. Da ganze kostete fast 200 DM, also etwa den Preis eines guten Sattels heute und ich fuhr damit erst einmal ein Paar Takte in Frankfurt Sachensenhausen rum um die lokale Bevölkerung zu beieindrucken.

Dann ging es nach Kronberg zu meinem anderen Onkel Wolfgang, sozusagen in die Berge des Taunus. Bei einem meiner ersten Versuche bergabwärts zu schalten kam ich auf die selten blöde Idee mit der linken Hand nachzuhelfen als die rechte nicht alleine diese schwergängigen Hurethebel bewegen konnte, schrappte ein paar Meter an der Mauer lang und fiel dann gut auf die Fresse. Die Brille war auch erst einmal hinüber, aber die Mauer steht heute noch und jedesmal wenn ich meinen Onkel besuche und die Mauer sehe, dann denke ich daran wie naiv ich war.

Mein Rad steht übrigens nicht mehr. Jedenfalls nicht bei mir im Keller. Es wurde mir eine Woche später in Mönchengladbach vor dem Kino am Bahnhof geklaut, wo ich es unabgeschlossen hingestellt hatte, um mir einen Film anzusehen. Das war noch blöder als zwei Hände  zum schalten zu nehmen, aber zum Glück war das noch in einer Zeit, als Räder noch in Hausratsversicherungen mitversichert waren und meine Eltern bekamen dann fast die gesamte Kaufsumme von der Versicherung wieder. Ein paar Tage später sind wir zu einem Radladen in Mönchengladbach Neuwerk gefahren und haben ein neues Motobecane gekauft. Eigentlich fast das gleiche.

Mit dem fuhr ich dann ein paar Wochen später wieder zum Kino, wo ich mich mit Eva auf ein romantisches Date verabredet hatte. So jedenfalls meine Vorstellung, ihre waren wohl etwas anders. Oder vielleicht lag es auch daran, dass ich vorgeschlagen hatte „Startrek“ zu sehen`? So jedenfalls meine Erinnerung, stimmt aber nicht, denn Startrek kam erst 1979 raus. Egal – die Geschichte ist aber so besser. Jedenfalls stand ich vor dem Kino und tatsächlich kam auch Eva. Und zwei Minuten später kam auch rein zufällig ihre Freundin Claudia, die sich, wie gesagt,. rein zufällig auch Startrek ansehen wollte. Na, da gehen wir doch alle zusammen! Im folgenden und dunklen passt Claudia dann gut auf, dass sie die beste Freundin Evas blieb und nichts das Glück stören würde. So ca. 30 Jahre hatte ich nicht begriffen, dass das Zusammentreffen der beiden Freundinnen KEIN Zufall war. Erst eines Abends in Japan als ich darüber nachdachte machte es DingDong.

Dieses Rad hat mich dann durch die Jugend gefahren. Nie lange Strecken, immer nur den Weg zur Schule oder zu Freunden. Im Sommer bin ich oft damit zu dem Wochenendhaus meiner Elötern  in Merbeck gefahren. Das war etwa 17 km weit weg und wenn ich schnell war,dann schaffte ich das in einer Stunde. Einmal sind wir von dort aus abends nach Hause gefahren. Meine Eltern mit dem Auto und ich mit dem Rad. Gleich zu Anfang gibt es eine Abkürzung über einen Feldweg, wo Autos nicht fahren konnten. Diese hatte ich genommen und bin wie Eddy Merckx bei Paris-Roubaix so schnell gefahren wie ich konnte um meinen Eltern den Weg abzuschneiden. Da hatte ich auch geschafft und winkte ihnen siegestrunken nach als sie an mir vorbei fuhren. Ich hätte sie mal lieber anhalten lassen denn ich hatte kurz danach einen Platten und konnte mich auf den 15 km langen Fußweg nach Hause machen. Auf dem Weg liegt Das HQ der englischen Armee, in dem damals meine Tante arbeitete (Ziemlich viele Onkel und Tanten die hier vorkommen, aber mehr gibt es auch nicht außer den angeheirateten). Ich ging da gleich zur Polizeistation und erzählte von meinem Missgeschick und daß meine Tante dort arbeiten würde „Can I make a telephone call?“. Ich durfte dann auf der Station eine ganze Weile warten, bis man mir sagte, dass man mir nicht helfen könnte, und ich doch jetzt besser nach Hause gehen sollte denn es würde ja gleich dunkel. Ich schleppte mich dann mit dem Rad nach Hardt zu meinem Freund Uli und der lieh mir ein Rad für die letzten Kilometer des Heimweges.

Als echter Punk war Radfahren nicht angesagt. Und so nahm ich mein Rad dann recht spät 1982 nach Düsseldorf, wo ich meinen Zivildienst im Marienhospital angefangen hatte. Dort arbeitete ich mich innerhalb kürzester Zeit aus dem Keller (Archiv) in das Erdgeschoss (Unfallambulanz) hoch. 1982 ging ich dann nach Aachen zum studieren. Das Rad nahm ich mir und da meine Wohnung recht weit von der Fakultät der Bauingenieure am Königshügel entfernt war, leistete es mir gute Dienste. Eigentlich waren die Bauingenieure von allem weit weg. Geistig in ihrer eigenen Welt, auf keiner Party der Studenten …. total humorlos und mund-. und schreibfaul. Der typische Bauingenieur hatte zwei Bücher im Regal: Den Bronstein, eine Sammlung mathematischer Formeln und ein Werner Comic. Er hatte außerdem eine IKEA Ted Stuhl so daß man, egal wen man besuchte, immer gleich saß. Die Bauingenieure waren derart humorlos, dass einer von ihnen auf dem Heimweg, während ich gerade einen superlustigen Witz erzählte (Sorry, keine Fußnote mit dem Witz hier) und unaufhaltsam auf die Pointe hinsteuerte, mein Stimme anhieb und sagte etwa: „Und dann sagt der Arzt zu der Frau::“ Und just in diesem Moment wurde ich unterbrochen von einem meiner Baufreunde: „Ich muß noch zum Bäcker, tschüss bis morgen!“ .

Um die Witzquelle auszugleichen, hier der kürzeste Männerwitz der Welt: „Kommt eine Frau beim Arzt.“

Ende der Achtziger war ich dann wieder mit dem Motebecane auf dem Weg zur Uni als mir in einer Kurve bergabwärts in voller Geschwindigkeit der Vorbau direkt über dem Rahmen abbrach. Ich hatte zwar noch beide Hände am Lenker, aber da der Lenker nicht mehr in irgendeinerweise mit dem Rad verbunden war, war das auch ziemlich sinnlos. OK, also die Bremskabel waren noch verbunden. Jedenfalls knallte ich mal wieder voll auf die Fresse und hatte noch Glück, daß ich nicht von dem Bus hinter mir überrollt wurde.  

Also ging ich zu einem coolen Rennradladen auf der Harscampstraße und fragte was man da machen könnte. Mein Anliegen war aber für die Besitzer völlig uninteressant, denn leider liessen die sich nicht auf das Niveau eines Motobecame Rades herab. Also Colnagno, Pinarello und Mercier OK, aber Motobecane? Die auch Mofas machten???? Ich blieb hartnäckig, bis einer von denen dort sagte: „Paß mal auf, Teile für Dein Rad haben wir hier nicht. Das ist zwar auch ein Rad, aber der Unterschied ist so groß wie zwischen einem Formel Eins Wagen und einem Trekker, sind auch beides Autos. Und DU hast nen Trekker.“ Den Laden gibt es schon lange nicht mehr und weiterhin kann an der Qualität von Service und Freundlichkeit in deutschen Radläden gearbeitet werden.

Ich ging also zu einem anderen Laden und der verkaufte mir eine neue Gabel. Warum eigentlich, denke ich heute zum ersten Mal, der Vorbau war doch über dem Rahmen abgeschert, das hat doch mit dem Gabelschaft nichts zu tun. Vermutlich kann man eine Gabel teurer als einen Vorbau verkaufen. Die Gabel hatte ich mir selber ausgesucht. Als ich da Rad abholte machte mich der Händler dann darauf aufmerksam, das ich ja unbedingt eine Renngabel hätte haben wollen, auf die meine Bremsen mit langen Schenkeln nicht passen. Also man hätte nur Bremsen können, in dem die Bremsbacken sich in die Speichen bewegen. Der Typ hatte mich aber schon so genervt, dass ich einfach von dannen zog. Zuhause stellte ich die Bremsbacken dann quer, also sie zeigten nicht von vorne nach hinten, sondern von unten nach oben, so dass wenigstens ein Teil der Fläche zum bremsen genutzt werden konnte. Damit fuhr ich dann den Rest meines Studentenlebens in Aachen.

Etwa Vierzehn Jahre, nachdem mir mein Onkel das Rad geschenkt hatte, fuhr ich mit dem Sänger unserer Band „Vichter“ und seiner Freundin Michelle nach Italien in Urlaub. Am Abend vorher tranken wir noch ein paar letzte Weizenbier und Tequilla in unserer Stammkneipe, der Tangente. Gibt es auch heute noch, hatte eben auch immer freundliches Personal das uns schon Mal etwas umsonst gab. Ich gab dann meinem Freund Ralle den Schlüssel zu meinem Rad und bat ihn das am nächsten Tag abzuholen. Etwa drei Wochen später kam ich aus Italien zurück und Ralle hatte vergessen das Rad abzuholen. Und so ist auch da zweite Motobecane geklaut worden. Ralle gab mir dann als Entschädigung sein 26 Zoll Jugendrad das ich nie angepackt in den Keller gestellt habe und  bei meinem Auszug auch wegschmiss.

Ich denke, die meisten Kilometer auf eine Rad werde ich wohl auf dem Cervelo gemacht haben, jeweils über 10.000 2008 und 2009 und dann nach mal 6.000 2010. Das wird mit einem Rad nicht mehr zu toppen sein. Aber noch unwahrscheinlicher ist, dass ich ein Rad vierzehn Jahre lang haben und fahren werde. Das bleibt dem grünen Motobecane vorbehalten. Leider gibt es fast keine Photos von dem.

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Eingeordnet unter 2012

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