Gefährliche Kreuzung

Es begann wie immer ganz harmlos. Ich fuhr zum Bremer Bahnhof und traf Kaipi.

Kaipi hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, seit dem letzten Winter. Wir hatten uns verabredet um an der Oberharzer Radrunde des RSV Adler Goslar von 1981 teilzunehmen und fuhren gemeinsam mit dem Zug nach Goslar. Auf der Website des Vereins kann man sehr schön nachlesen worum es da geht und ganz links ist auch ein großformatiges Bild von der Konkurrenz die einen dort erwartet. Na ja, um es kurz zu machen, es ist eine RTF die über verschiedene Distanzen geht und so ziemlich die einzige in der „Nähe“ die ein anspruchsvolles Programm an Höhenmetern bietet. Spätestens ab Hannover war der Zug dann auch gut voll mit Radlern die auch daran teilnehmen wollten. Einige von denen stiegen einen Bahnhof vor Goslar aus, um noch ein paar Trainingskilometer in die Beine zu bekommen. Vielleicht war es auch das einzige Training, wer weiß.

Als die dann in Goslar ankamen sassen Kaipi und ich bereits im Irish Pub am Bahnhof und erfreuten uns an der wundersamen Mischung von Bier und Currywurst die dort ausgeschenkt wurde. Ein irischer Barde aus der Umgebung wurde aufgetrieben und sang Lieder von Joe Cocker, Neil Young oder den Monkees und allen anderen Stars, die derzeit in Goslar aktuell sind. Kaipi und ich unterhielten und nett bei Bier und Alster bis spät in den Abend und hatten so eine standesgemässe Vorbereitung auf das Ereignis des nächsten Tages. Karboloading nennt man so etwas, glaube ich. Und der Alkohol nimmt einem die Furcht und die Fähigkeit darüber nachzudenken, was man sich das eigentlich antut. Zumal Kaipi sich ja auch das volle Programm mit 265km und 4.400 Höhenmeter antun wollte.

Am nächsten Morgen wachte ich im Hotel auf durch eine SMS von Blitzrad. Ich hatte ihn nicht als meinen Weckdienst arrangiert, ihm aber eine 12-27er Kassette mitgebracht, die wir noch tauschen wollten. Er kündigte seine Ankunft in einer Viertelstunde an, ich lag immer noch im Bett und machte mich dann doch fertig. Es hat eben seine Vorteile einen Tag früher zu fahren. Ich sage nur: Karboloading.

Der Start war an einem Schulzentrum, die Marathonfahrer wie Kaipi waren schon weg aber ich traf Blitzrad und die anderen Bremer. Es war zwar nicht hektisch, aber so richtig Zeit hatten wir auch nicht, da „Besi“ in Kanada schon mit seiner Pistole um sich schoß und dies das Live übertragene Startzeichen war. In Anbetracht der Aufgaben vor einem war das Starttempo auch nicht so schnell wie sonst. Von uns hatte jedenfalls keiner Lust schnell nach vorne zu fahren sondern wir schauten uns erst einmal in Ruhe an, was so passieren würde. Zunächst war unsere Sechsergruppe auch zusammen, aber dann kam bereits der erste härtere Aufstieg und wir fielen auseinander. Vorweg waren die Bremerleichtgewichte, dann kamen die Bremer Schwergewichte und dann die Bremer Mädels. Blitzrad hatte (mal wieder) seine Kett verloren am Berg und so fuhren wir gemeinsam das letzte Stück nach oben und dann im Schuß runter, bis wir an der Okertalsperre waren. Dort wird ja seit Jahrzehnten gebaut, so dass wir wie letztes Jahr über die Talsperrenmauer fuhren und dann entlang des Statusees, bis eine schottrige Abzweigung nach links kam. Und genau da fuhren wir nicht hoch, denn was dann passiert hatte Harald uns ja letztes Jahr in aller Deutlichkeit demonstriert. Im Prinzip landet man in einem riesigen, grünen Loch, das kurz vor der Sprengung steht und man muss sich verdammt beeilen dort wieder raus zu kommen.

Also fuhren wir weiter entlang des Sees, dann wurde es steiler, und steiler und der Anstieg wurde länger und länger und irgendwann kamen wir an der dicken Bundesstrasse am Torfhaus raus, wo wie die letzten Höhenmeter unter der heftig strahlenden Sonne und dem Aufgebot der letzten Kräfte machen durften. Danach ging es dann rasant bergab bis zum nächsten Kontrollpunkt in Altenau wo wir uns wieder alle zusammen fanden. Hier wurden dann auch unsere RTF Karten mit faälschungssicheren RTF Kartenlochern gestempelt. Anbei einmal das Beispiel meiner Karte. Wie man sehen kann, bin ich dann doch den Marathon gefahren und die zusätzliche Lochung oben rechts beweist, dass ich noch weitere geheime Kontrtollpunkte angelaufen bin. Kaum glaublich? Na dann,s chaut euch doch mal bitte die RSV Goslar Wasserzeichen der Löcher an!

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Mit Kontakttelefonnummer der Anonymen Alkoholiker Goslar.

An der Kontrollstelle konnten wir auch Schröder und Torben überrden mit uns die 175er Runde zu fahren, während Torsten dreimal um einen Kreisverkehr fuhr und sich dann schnell entschied die 115er Ausfahrt zu nehmen, bevor wir ihn davon abhalten konnten.

Ja, die Leichtgewichte machten sich dann am nächsten berg nach vorne aus dem Staub während die den Berg hochdampfte. Meine Muskelkraft finde ich ja ganz OK, ich würde mir aber wünschen, etwas leichter zu sein, so dass eben diese Karft nicht so sinnlos eingesetzt werden muss. Ich träumte also davon so ca. 20 kg leichter zu sein, also auf dem Gewicht, dass ich so als 15 jähriger hatte und irgendwie merkte ich auch nun auf dem Rad, dass sich mein Körper veränderte…. Ich wurde zwar nicht leichter, oder es ging leichter den berg hoch, aber ich wurde größer… ja immer größer. Nun gut dachte ich, wenn ich also jetzt so ungefähr 2,15m werde, dann habe ich ja trotz allem mein Idealgewicht, ist ja auch gar nicht so schlecht. Ich müsste mir dann halt nur auch einen 75er Rahmen kaufen.

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Mein 60er Canyon war mir nämlich mittlerweile zu klein. Meine Träume zerplatzen aber leider alle, als ich feststellte, dass ich keineswegs größer geworden war, sondern dass die Sattelklemme ihren Geist aufgegeben hatte und ich nun quasi mit dem Sattel auf dem Oberrohr sass. Meine Sitzhaltung entsprach ungefähr der auf dem 24er Rad meiner Tochter, wenn ich die Schaltung teste.

Mist, das Gewinde der Sattelstütze war herausgebrochen, da war nichts mehr zu fixieren und so machten wir uns gemeinsam nach nun erst 80 km zum nächsten Kontrollpunkt in Sieber, wo wir uns technische Unterstützung erhofften. Blitzrad telefonierte schon mal die Radlädern in der Umgebung an, aber die hatten eher noch nie von Rennrädern gehört – der Harz ist MTB Land.

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Zum Glück gab es einen technischen Spezialisten in Sieber, der mit einem Werkzeugkoffer aus dem Geräteschuppen und einer Rolle weißen Isolierbands, passend zu meinem Canyon Rahmen, versuchte eine feste Verbindung zwischen Sattelstütze und Rahmen herzustellen. Das sah dann auch sehr elegant aus, muss ich sagen. Chinesische Handwerker, die ja grundsätzlich bei Problemen mit einer Rolle Klebeband erscheinen, hätten es nicht besser machen können. Uns so fuhren wir wohl Gemut weiter. Das ganze hielt dann auch 3 km, dann sass ich wieder auf dem Oberrohr.

1307 Adler Harz 08Ich fühlte mich wie in einem Tretboot für Kinder oder einem Gocart und nachher war ich wirklich froh im Zug wieder meine Beine voll ausstrecken zu können. Dem Tempo tat das ganze etwas Abbruch, aber bald waren wir in Osterrode und begannen den letzten, diecken Anstieg des Tages. Den Umständen entsprechend ging das auch ganz gut, aber als wir oben an der B242 ankamen, stellten wir fest, dass wir nicht mehr auf der RTF Strecke waren. Zum Glück hatte Blitzrad ja eine Karte auf seinen Rahmen geklebt.

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Aber leider bestand diese Karte nur aus einem Höhenprofil. Und so machten wir uns weiter nach Clausthal-Zellerfeld. Dort angekommen waren wir nun wieder auf der RTF Strecke, aber in Anbetracht meiner misslichen Situation entschieden wir uns für die schnelle Bundesstrasse direkt zurück nach Goslar. Auch so hatten wir etwa 160 km zusammen bekommen, mussten uns also nicht schämen nach Hause zu kommen.

Natürlich waren schon alle da und aßen Würste, Steaks und Kartoffelsalat. Tja, wenn man alles  richtig macht ist man halt schnell am Ziel. Blitzrad und ich hatten mal wieder alles falsch gemacht. Zusammen sind wir eben eine sehr gefährliche Kreuzung.

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Bis nächste Woche im Harz.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2013, Blitzrad, Bremen, Mob, Touren

Eine Antwort zu “Gefährliche Kreuzung

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