Fuchs Metal Jacket. …. Nein Hose. Teil I

Roter Fuchs in Giesen – das heißt früh aufstehen, auf den guten Willen der deutschen Bahn vertrauen, Lachsbrötchen, Gummibärchen und ambivalente Wetterverhältnisse. Alles wichtige wurde bereits berichtet; hier nur eine Kurzfassung der Ereignisse. Und auch nur deswegen, weil ich mehrfach darauf hingewiesen wurde diesen Post schreiben zu müssen mit dem Unterton ernsthaft sozial-radtechnischer Konsequenzen im Nichterfüllungsfall, mit anderen Worten: Androhung von mob-mobbing.

Und so sitze ich hier, wie weiland Emilie Zola als er zur Feder griff um „J’accuse“ zu formulieren, unter ungeheurem Druck ein Meisterwerk schreiben zu müssen, dass dennoch Fakten und Realität exakt beschreibt und die Menschen aufrüttelt an den Grenzen der Normalität zu zweifeln. OK, genug des Quatsches: Ich wachte um 4:30 Uhr auf als mein virtueller Handywecker klingelte.

Fünf Uhr hätte vielleicht auch gereicht, aber ich brauche ja morgens vor einer RTF oder einem Rennen immer mindestens eine halbe Stunde. um die richtige Radmütze auszuwählen. Was Schuhe für Frauen sind, sind Radmützen für mich; ich bin sozusagen die Imelda Marcos der Radmützen.

Jetzt bitte statt Schuhen, sich Mützen vorstellen: voila!

Noch gerade ein paar Tage vorher hatte ich vom Zoll in Bremen eine Ladung neuer, exquisiter Mützen von Mash-Cinelli nach Hause gebracht. Die waren so exquisit, dass die Louis Vuiton und Chanel Variationen bereits ausverkauft sind, alleine die „Full Metal Jacket“ Kappe ist weiterhin erhältlich.

FULL METAL JACKET CYCLING CAP

LOUIS VUITTON CYCLING CAP

CHANEL CYCLING CAP

War das jetzt ein überzeugendes Plädoyer für die Radmütze? Ich denke schon, und es wird auch klar, warum die Auswahl so schwer fällt und so viel Zeit braucht. Das ist übrigens ein interessanter Trend beim Radfahren; einerseits kauft man Material, dass einem immer schneller macht, so dass man möglichst wenig Zeit auf dem Rad verbringt; andererseits kauft man sich immer mehr Zeugs, um das man sich vor dem fahren kümmern muss: Radkleidung, Radschuhe, Funktionsunterwäsche, Wasserflasche, Pulsgurt., jede Menge elektronische Geräte, Energieriegel; bis man das zuhause alles gefunden, entschieden, montiert, verpackt und angezogen hat, sind andere schon mit ihrem Klapprad in Alltagsklamotten von der Wilstedtrunde zurück. Also weniger Zeit auf dem Rad, und mehr davor und danach über das Rad. So ein bißchen wünsche ich mir die Zeit zurück, wo ich mein rechtes Jeanshosenbein hochgekrempelt habe, mich auf das Vaterlandrad setzte und losfuhr.

Bevor es kompliziert wurde. Übrigens: Mein Vater war außerhalb des Hauses niemals ohne Anzug und Krawatte anzutreffen und meine Schwester hat eine Frisur und keinen Helm.

In der gezeigten Version war es noch nicht einmal notwendig ein Hosenbein hochzukrempeln, da man ja Strümpfe trug, die heute sogar die UCI verboten hat und keiner mehr trägt außer Björn in neon-orange. Das hochkrempeln hing aber im wesentlichen damit zusammen, dass Jeans in den Siebzigern etwa so aussahen:

Wie gemacht, um sich zwischen Kette und Kettenblatt zu schlängeln. Aber auch sehr umkrempelfreudig.

Worum ging es noch mal? Ach ja, der rote Fuchs! Nachdem ich mich angezogen hatte und, zu allerletzt die Radmütze auf den Kopf setzte und ins Esszimmer ging, stellte ich fest, dass im angrenzenden Wohnzimmer Licht brannte. Dort traf ich auf meinen Sohn, der gerade Level 527 bei irgendeinem Online-Ballerspiel erreichte, nachdem er die ganze Nacht durchgezockt hatte. Oh, mein Sohn wohnte noch zuhause; das hatte ich irgendwie verdrängt nachdem ich ihn in der letzten Zeit recht selten gesehen hatte. Irgendwie hatte ich die Vorstellung, dass er eines Tages aus seinem Zimmer kommt, ein Blatt Papier hochhebt, sagt: „Hey, ich hab das Abi“ und dann auszieht. In dreißig Jahren sehen wir ihn dann wieder, wenn er uns an den Ehrentagen im Altersheim besucht und uns Diabetikern heimlich Schokolade in den Nachttisch legt.

Nachdem ich dann meine väterlichen Rolle verkörperte („Spinnst Du? Geht überhaupt nicht..“ usw.), vor Wut die Radmütze auf den Boden warf und darauf rumtrampelte, fiel mir ein, dass es für mein (und auch sein) Leben viel sinnvoller wäre, sich nun auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Auf dem Weg dorthin begegnete ich am Stern Caro auf ihrem Rad. Und als wir am Bahnhof ankamen, trafen wir dort, lustigerweise, direkt am Eingang Caro’s Tochter! In diesem Moment war ich eigentlich ganz zufrieden, dass unser Sohn zwar wach, aber eben auch zuhause ist. Ich glaube, so etwas nennt man „Relativitätstheorie“.

Die Bahnhofsvorhalle wiederum war bevölkert von Menschen, die man grob in drei Gruppen aufteilen konnte: Radfahrer auf dem Weg nach Sarstedt von denen ich auch viele kenne, junge Menschen auf dem Weg von der Clubnacht nach Hause in ihr Dörfchen mit angeschlossenem Bahnhof (Mahndorf, Achim, Verden, etc.), die man nicht kennenlernen muss (es sei denn es handelt sich um die eigene Tochter) und der Bruchteil an armen Schweinen, die an einem Feiertag um 6 Uhr morgens zur Arbeit müssen. Die Radfahrer schienen mir in der Mehrzahl. Es ist eigentlich daher auch unverständlich, warum die rote Fuchs RTF so weit weg in Giesen stattfindet, wenn die gefühlte Mehrheit der Teilnehmer aus Bremen kommt. Da die Radfahrer nicht so aussehen wie die Menschen der anderen beiden Gruppen, werden sie gerne von leicht alkoholisierten Mitgliedern der rückkehrenden Clubtruppe angesprochen („Hey Alter, ich fahr‘ auch Rennrad, ist voll geil, blablbla…“) Diesmal war einer dabei, der wirklich nett versuchte Konversation zu machen allerdings so aussah, als wenn seine Stimmung jeden Moment kippen könnte und wir es dann alle 20 ordentlich auf die Fresse kriegen.  Seine Kumpels sahen schon den Ärger heraufdämmern und versuchten ihn von uns zu entfernen, ich lächelte unentwegte und sendete non-verbale Signale der Zustimmung, des Wohlwollens und der „Du bist ja wirklich der Größte – schmacht!“ Art, nur damit die Stimmung nicht kippte. Bis wir dann endlich in den Zug durften. Das Radabteil unten war voll von unserem Equipment und oben sassen wir in Gruppen zusammen, einzelne Plätze zwischen uns besetzt von den Clubbern auf dem Weg nach Hause. Oft mit etwas essbarem in der Hand, und wir hatten schon oft genug gesehen, dass das erst im Magen verschwindet und dann noch ein zweites Mal, mehr oder weniger im Aschenbecher.

Neben mir sassen Wolferine aus X-Men (die Version für das Kinderprogramm, FSK 12) und der Bassist meiner japanischen Lieblings Rock’n’Rolltruppe Kishidan (ganz rechts im mittleren Bild).

Kann man sich nicht vorstellen? Einer wirren Phantasie entsprungen? Doch geht:

1505 Roter Fuchs 02

Kishidan (links), Wolferine (rechts). Burger King Zeug: überall.

Beschützt von diesen Superhelden moderner Popkultur sollte uns also nichts passieren (Zugstreiks, Anschläge auf RTFs mit islamischem Hintergrund etc.) und wir ließen uns beruhigt auf die samtenen Sitze der Deutschen Bahn nieder, zogen die purpurnen Brokatvorhänge zu und läuteten die Glocke nach Bedienung und Unterhaltung.

1505 Roter Fuchs 03

Ich saß zusammen mit Matze und Cobra und wir führten eine intensive und spannende Unterhaltung über R. Lee Ermey, der in Full Metal Jacket den Drill Instructor spielt (und selber einer war) bis zu dem Moment wo Matze auf Toilette ging, zurückkam und zu mir bemerkte: „Hey, beim kacken ist mir jetzt eingefallen woher ich Dich kenne!“ Das ist zwar ehrlich, aber in der Gesprächsführung etwas ungeschickt. Ich habe auch gute Ideen auf der Toilette, allerdings noch viel bessere beim duschen und Cobra bemerkte, dass ihr die besten Ideen vor dem Einschlafen kommen, so dass sie ein Notizbuch neben dem Bett hat um all diese schnell zu notieren. Danach fiel es mir dann deutlich schwerer mich mit jemandem zu unterhalten dem ich beim kacken eingefallen war. Aber wir waren ja auch schon schnell in Hannover und dann in Sarstedt, wo wir die letzten sechs Kilometer nach Giesen radelten. Letztes Jahr ging das in einem Wahnsinnstempo, so dass ich schon am Start komplett kaputt war, aber dieses Mal war es eher gemächlich.

In Giesen, an der Turnhalle trafen wir dann den Rest der bremischen Bevölkerung der nicht mit dem Zug gekommen war. Wir machten dann erst einmal ein paar schicke Bilder von uns, die bereits in vielen Varianten im Netz kursieren.

1505 Roter Fuchs 07

Wie gesagt, es waren eigentlich nur Bremer da und ein Baum. Und natürlich waren wir mit dem Foto spät dran und konnten uns nicht mehr richtig sortieren, als auch schon der Startsschuß fiel.  Wir waren natürlich ganz hinten im Feld.

Es weiß, dass es taktisch totaler Quatsch ist, aber zu Beginn einer RTF hat man die Illusion, weil das ja eigentlich kein Renne ist, das man da die ganze Zeit vorne mitfahren könnte. Das mag zu Beginn der RTF Zeit auch so gewesen sein, aber heutzutage ist das Tempo vorne im Feld schon ganz ordentlich schnell. Zudem habe  auch den Verdacht, dass jeder so denkt. Also ist das Tempo einer RTF zu Beginn recht flott, bis alle ihr Mütchen gekühlt, und sich die Gruppen gleicher Geschwindigkeit gefunden haben. Ich bin dann in der Regel übermotiviert und versuche mich durch das Feld nach vorne zu fahren. Das macht auch Spaß, Alain Rapois hat mir in Japan mal beigebracht wie man das am besten macht und Alain ist wirklich der König der Durchdrängler weil er keinerlei Angst vor Berührungen hat. Ich wünschte ich wäre öfters mit ihm gefahren, aber wie das in Japan so ist, man lernt nette Leute kennen die genau wie einer selber von reichen Unternehmen dort hingeschickt wurden, und ein paar Wochen schickt das Unternehmen die gleichen Leute dann nach Rio oder Kampela.

Ich kam ganz gut voran, aber dann stoppte eine geschlossene Bahnschranke die gesamte RTF. Keiner wollte den TGV machen.

Und so standen wir alle da, bis es wieder los ging. Bis jetzt ging es, wenna uch gegen den Wind, leicht abwärts, aber so langsam kamen wir an die ersten Anstiege. Ich war zwischenzeitlich im Niemandsland zwischen zwei Gruppen gelandet und mühte mich die Anstiege hoch. Was aber prinzipiell Spaß machte, den ich liebe diese hügelige Gegend dort mit den Rapsfeldern in der Blüte, den schattigen Wäldern und den kurzen aber knackigen Ansteigen. Nach dem zweiten Anstieg kamen wir an die erste Verpflegungsstation die von dem Luxushotel Luisenhof betrieben wird. Hier gibt es die traditionell gute Verpflegung, die den roten Fuchs bekanntgemacht hat, und unter der die Bewertung aller weiteren Verpflegungspunkte extrem leidet. Man erwartet weitere Lachsbrötchen, wird aber mit Blut, Schweiß und Tränen abgespeist.

1505 Roter Fuchs 08

[wird fortgesetzt]

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