Fuchs Metal Jacket. Teil II: Haare in die Hosen.

Wir haben alle Kleidungsstücke an denen wir hängen und die wir einfach nicht wegwerfen können, obwohl sie nicht mehr „funktionieren“. So besitze ich mindestens drei schöne Krawatten mit Flecken japanischer Nudelsuppenküchen, zwei zu kleine, herzallerliebste T-Shirts, eine schwarze Röhrenjeans aus den Achtzigern die ich schon damals nur flach auf dem Boden liegend anziehen konnte und diverse Radhosen mit Löchern. Nichts von dem trage ich. Andere schon.

Aber alles der Reihe nach. Wo war ich? Ach ja, beim roten Fuchs, bei der ersten Verpflegungsstation: Gummibärchen und Lachsbrötchen. Hier wurde richtig reingehauen, verdientermasen, denn mehr als 25 km waren bereits geschafft. Während die anderen noch an ihren Lachsbrötchen kauten, beschlossen Torsten und ich uns heimlich davonzustiebitzen – eine Taktik die zumindest ich dann zu meiner allgemeinen RTF Strategie machte. Die Abfahrt runter bot dazu die perfekte Gelegenheit.

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Dieses Photo ist nicht etwa verwackelt, sondern gibt der Dynamik Ausdruck, mit der Torsten und ich uns vom Feld heimlich entfernen. Schnippo kam dann doch nicht mit.

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Tschüss Tschnippo!

Nach der Abfahrt folgte eine Menge flacher Strecke, so dass wir auch als erste an dem zweiten Verpflegungspunkt in Wenzen vor dem Bremer Feld waren. Mittlerweile war das Feld (155 bzw. 113 km)  auch geteilt und wir befanden uns mit deutlich weniger Fahrern auf der 155er Runde. Der 2. Verpflegungspunkt war eine ziemlich Katastrophe, das offizielle Bild des TSV Giesen vermittelt einen sehr guten Eindruck von der Versorgungssituation.  Jetzt verstehe ich Flüchtlinge aus Afrika, die in ihrer maroden Nußschale nach Lampedusa kommen und dann ungläubig feststellen, dass sie bei der Ankunft nicht mit einem Glas Martini und einer Portion Spaghetti Vongole von den lokalen Honoratioren begrüßt werden – so uns die Bildzeitung Glauben machen will. Als Radfahrer hat man halt so seine Ansprüche. Übrigens genau wie mein Sohn, der auf dem ersten Heimflug von Japan nach Deutschland den wir selber bezahlen mussten (daher Economy Class)  und der nicht vom Unternehmen gesponsort wurde (daher Business Class) mich entsetzt anguckte als wir einstiegen und stammelte „Was…. nach hinten ????????“. Vielleicht lag es auch nur am Kontrast zum ersten V-Punkt. Wie dem auch sei, zur Entspannung rief ich „Was? Ich hab‘ bezahlt!“ Genau, immerhin acht Euro, dafür könnte ich beim Velothon in Berlin vermutlich gerade mal eine Veranstaltertoilette benutzten und mir den Kopf über Matze zerbrechen ….woher kenne ich den noch mal??? Jedenfalls, wie das immer so ist, kaum hatte ich meiner Entrüstung Ausdruck verliehen, rief die Frau hinterm Tisch (die übrigens bereit war ihr persönliches Butterbrot zu verteilen!) „Ah, da ist ja noch eine Dose Schwarzbrot!“ Und alle riefen: „Ooohhhhh! Aahhhhh! Ein Wunder!“ – wie im Leben des Brian (etwa ab 2:25)

Mittlerweile waren wir am südlichsten Punkt der RTF angekommen. Sehr weit südlich, denn erstens waren wir ja bereits eine ganze Ecke gefahren, hatten Kilometer um Kilometer gefressen, und zweitens sichteten wir die ersten Zebras die im Unterholz das Schwarzbrot gerochen hatten und nun die Straße kreuzten.

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Einem Zebra auf der Suche nach Schwarzbrot sollte man besser nicht in die Quere kommen.

Es gibt in der Gegend zwei Arten von Zebras: Die mit weißen Streifen auf schwarzem Untergrund (Flachzebras) und die mit schwarzen Streifen auf weißem Untergrund (Bergzebras). Ist jedenfalls meine Interpretation, denn bei der nächsten Steigung, als ich ein Flachzebra überholte, fragte ich es ordentlich aus, warum sie denn zwei verschiedene Trikots trügen. Die Antwort war natürlich die, die man von einem Zebra erwarten kann, oder schon mal versucht mit einem Tier zu sprechen? Das Leben ist kein Ponyhof, und eine RTF kein König der Löwen Disney Film.

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Heimlich stahl ich mich dann wieder mal weg nur um festzustellen, dass ich alleine auf weiter Flur war. Endlich sah ich einen anderen, einzelnen Fahrer etwa 500 Meter vor mir auf einem längeren, geraden Stück und arbeitete mich an ihn heran. Fast war ich dran….

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Mein potentieller Windschatten

Da fiel mir etwas seltsames auf. Dieser Mann musste seine Assoshose wirklich sehr lieb haben. Oder genauer gesagt, was von seiner Assoshose noch übrig war, denn die war ungefähr so durchsichtig wie ein paar schwarze Nylonstrümpfe. Ja, kann man jetzt einwenden, das hast Du Dir ja schön ausgedacht! Aber da mir schon schwante, dass solche Einwände kommen würden, habe ich sicherheitshalber per Zoom noch einmal voll drauf gehalten um das ganze Grauen festzuhalten.

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Das Grauen geht auf große Fahrt.

Ich bin erstens schon mal ganz froh, dass das Funktionsunterhemd einen Teil des Anblickes erspart. Zweitens aber, ergibt sich hier eine neue Fragestellung im Rennradsport, nämlich die, ob man sich neben den Beinen auch noch den Arsch rasieren sollte. Ich hatte mich letztens ausführlichst über das Thema Beinrasur ausgelassen und was, bzw. wer mich motiviert hatte dies einmal zu versuchen. Dies führte zu einer kontroversen Diskussion in den sozialen Netzwerken. Also um genauer zu sein schrieb Sylvia: „Rasiere die Stelzen!“. und das war’s. Ich brauche keine Arschrasur, denn Klamotten die ich wirklich liebe, und seien es auch teure Assoshosen werden von mir mit der Schere bearbeitet. Ich schneide ein kleines Stück hinaus, klebe es in ein Album, so dass ich die Erinnerung weiter in mir trage und dann fühle ich mich moralisch OK, das Teil in den gelben Eimer zu schmeißen. Funktioniert perfekt und definitiv besser als zwangsweise ohne Hintermann alleine durch die Gegend zu radeln.

Zum Glück überholte mich das Bremer Feld dann kurz danach, so dass ich wieder guten, wenn vermutlich auch unrasierten  Anschluss fand. War aber auch deutlich schneller. Blitzrad hatte dann mal wieder ’ne Panne, kennt man ja schon aus anderen Veranstaltungen und dann muss man ihn wieder bis zum nächsten Bahnhof nach Wernigrode schieben. Bzw. musste man, da er damals noch nicht so schnell unterwegs war, heute ist er vermutlich auch ohne Kette schneller als ich.

Das Problem war aber technisch ganz interessant, denn  sein Vorderrad hatte eine Höhenunwucht. Das Bremsen wurde ganz merkwürdig und bei höherer Geschwindigkeit fing der Rahmen an zu flattern. Es lag definitv am Laufrad, denn ausgebaut konnte man den Schlag  beim rotieren des Rades in der Hand gut fühlen. Die Felge selber wies aber keinen Schlag auf. Musste also irgendwie am Reifen oder am Schlauch liegen, da war aber absolut nichts sichtbar. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was die Ursache sein könnte, aber bei mir tritt dann häufig das „Amazonas Syndrom“ auf, vor allem wenn es sich um das Rad einer  Frau handelt:

Amazonas Syndrom

Ein amerikanischen Forschungsteam hat  zwei zufällig ausgewählte Personen, einen Mann und eine Frau auf offener Straße entführt, betäubt, ihnen die Augen verbunden und die Ohren zugestopft und dann in ein Flugzeug verfrachtet. Das Flugzeug flog nach Brasilien und warf die beiden irgendwo im Amazonasbecken ab, immer noch in voll betäubtem Zustand. Aus den Aufzeichnungen konnte man später feststellen, dass das erste, was der Mann tat, als er aufwachte, war in eine willkürliche Richtung zu zeigen und “Hier entlang” zu sagen. Diese göttliche Fügung den Weg zu weisen, ist einfach unsere männliche Bestimmung, besser bekannt als das „Amazonas Syndrom“.

Auf gut Glück schlug ich vor, die Luft rauszulassen und dann wieder neu aufzupumpen, vielleicht hatte sich der Schlauch durch die Hitzeentwicklung irgendwie komisch gelegt. Erstaunlicherweise behob dies das Problem – kein Höhenschlag mehr. Keine Ahnung warum. Aber manchmal zeigt man eben auch im Becken des Amazonas zufällig in die richtige Richtung.

An den nächsten Verpflegungspunkt kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Jedenfalls fuhr ich als Karnickel wieder vorne weg und wurde vor dem nächsten V-Punkt von den Bremer Füchsen wieder eingeholt. Der letzte V-Punkt nach 130 km in Holtensen befindet sich traditionsgemäß auf der rechten Seite der Strasse und ein paar Meter vorher feiert die Feuerwehr des Dorfes auf der linken. Mancher Fahrer verirrt sich auf die linke Seite, denn das Angebot vom Grill und Fass ist deutlich attraktiver als das der RTF.

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Noch nicht mal mehr ne Dose Schwarzbrot da. Und deshalb auch keine Zebras.

Da haben die 79 und 113 km Fahrer ordentlich abgeräumt. Hier trafen wir auch wieder einmal auf die Triathleten von Hannover 69 (wird „Hannover Sixtyniners“ ausgesprochen).

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Triathletin von den Sixtyniners hinten, Björn vorne. Sie hat das Trikot spiegelverkehrt angezogen, er nicht.

Die waren am Anfang recht flott, aber nachher gar nicht mehr so, denn wir hatten viel Zeit bei der Panne verloren. Auf den letzten 25 km ins Ziel verloren die Sixtyniners wiederum viel Zeit auf uns und kamen ins Ziel, als wir uns auf den Weg zum Bahnhof machten.

OK, also die letzten 25 km: Ich fuhr wieder vorneweg, die anderen holten mich ein. Caro überholte mich ein letztes Mal bei dieser RTF. Sie machte das wirklich gemeinerweise  an jedem Hang und wenn sie an mir vorbeizog, dann streckte sie die Zunge raus und tat so, als wenn sie das wahnsinnig anstrengen würde. War sie aber erst einmal vorbei, war die Zunge wieder drinnen und die Geschwindigkeit noch einen Zacken höher.

Und dann war es vorbei. Ortseingang Giesen, links tauchte die Sporthalle auf und es gab endlich Kuchen, Kaffee und eine Zigarette für mich. Fast alle Bremer 155er (wird „Bremen hundredfiftyfivers“ ausgesprochen kamen mehr oder minder gleichzeitig ins Ziel, bis auf ein paar wenige die aber auch nur Minuten später folgten. Es gab nicht viel Zeit zum Essen, der Druck war da den Zug nach Hause von Sarstedt zu erreichen und so machten wir uns doch (leider) recht zügig auf den Weg.

Die Zugfahrt zurück war recht lustig, ich sass zusammen mit JJ, Cobra und Didi und wir fachsimpelten unseren Weg nach Hause (Amazonas). Hinter uns hatte Silke zum Glück eine Tüte Haribo Colorado und eine weitere mit Weingummi dabei, denn sonst hätten wir es ohne Insulinschock nicht nach Bremen geschafft. Leberkäs in Hannover half auch.

Und dann war es wirklich vorbei. Das geht dann immer ganz schnell – es liegt vermutlich daran, dass man nun mehr als 12 Stunden unterwegs war und dem Tag gegenüber ein schlechtes Gewissen hat. Man hätte so viel machen können, aber stattdessen sitzt man den ganzen Tag nur auf dem Rad oder im Zug. Mein schlechtes Gewissen, was ich alles hätte schaffen können beruhigte sich aber, als ich nach Hause kam und mir in Form meines Sohnes offenbart wurde was er alles geschafft hatte: Geschlafen bis 17:00 Uhr, kam gerade aus der Dusche nach ’ner Stunde etwa.. Also. Geht doch. Auch nicht.

Es ist aber nun doch der allerbeste Sohn, den man sich wünschen kann, auch wenn ich bislang versucht habe einen gegenteiligen Eindruck zu erwecken. Nur beste Söhne bestellen ihren Vätern bei Lieferheld nach einem nutzlosen Tag auf dem Rad und im Zug ein dickes Rollo.

Insgesamt nutzlos aber schön – danke an alle Nutzlosen und Schönheiten die dabei waren.

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