Velothon Berlin 2016. Teil 1: Das Radabitur

Jedes Jahr fahre ich genau zwei Mal nach Berlin: Im Oktober zum Deutschen Logistik Kongress, dem intellektuellen Highlight meiner beruflichen Bestimmung und im Juni zum Velothon. Der Kongress ist deutlich anstrengender und ebenso weniger spaßig.

Zumal ich da auch immer in irgend so einem angeblichen Luxushotel bin. Der Luxus besteht darin, dass dort eine Flasche Mineralwasser auf dem Tisch steht. „Oh, denkt man sich“, wie nett von denen, bis man die Flasche hoch nimmt und feststellt, dass  unter dem gläsernem Deckel ein klitzekleiner Zettel liegt auf dem geschrieben steht: „Genießen Sie unser Premium Mineralwasser der Fürst Detlev Quelle zum Preis von nur €15,80 pro Flasche.“ Ich habe nie verstanden, warum die Preise in der Minibar bei Hotels proportional zum Übernachtungspreis steigen. Man sollte doch meinen, dass ab einem bestimmten, lächerlich hohen Zimmerpreis alles umsonst sein sollte.

Beim Velothon übernachte ich immer bei Kathrin und Fabian; nicht über Airbnb, sondern über die gute alte Japanconnection die uns auf alle Zeiten zusammenschweißen wird:

„I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Shibuya. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate. All those moments will be lost in time, like tears…in…rain. Time to die.“ [Tears in rain]

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Bubble Era Japan, Anfang der Neunziger. Noch ein paar Jahre, so dachte man, dann wird Japan die wirtschaftliche Führung der Welt übernehmen. Da kann man schon mal ein paar hundert Euro für eine Taxifahrt nach Hause ausgeben, auf golden eingefärbte Eiswürfel im Pissoir pinkeln und sich ausrechnen, für wie viel Quadratmeter japanischen Boden in Tokyo man wie viel Quadratkilometer Anwesen an der Küste in Kalifornien eintauschen kann.

Ich war 1990 im Panasonic Showroom, eigentlich Show Palast und sag die ersten Shimano STI Hebel meines Lebens. All diese Dinge verbinden die, die dabei waren und der Versuch das irgendjemandem anderen zu erklären ist, was uns lächerlich macht. Wer das nicht glaubt möge versuchen Taro Karl Greenfields Speedtribes zu lesen.

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Ikonen der Bubble Era

Heute sitzen wir in London, Berlin, Bremen oder immer noch in Tokyo. DSa ist übrigens auch nicht schlecht. Ich schätze es irgendwie sehr, dass keiner meinerJapan-Freunde in Bremen ist, sondern ich gezwungen werde zu reisen, um sie zu treffen.

An sich war der Plan am Freitag nach Berlin zu fahren , am Samstag im Grunewald zu trainieren und danach shoppen zu gehen, am Sonntag den Velothon zu fahren und dann ganz entspannt am Montag nach Bremen zurückzukehren. Für die Zugfahrt hatte ich mir ein paar besonders miese Projektberichte meiner Studis mitgenommen, um mich wieder ganz schnell zu aklimatisieren.

Von allen Dingen machte mir ausgerechnet mein Sohn einen Strich durch die Rechnung. Mein pubertierender, Teenagersohn, den ich nie sehe, weil er in seinem Zimmer hockt, Online zockt und maximal um vier Jahr morgens raus kommt um sich eine Pizza in der Mikrowelle warm macht. Also ein Sohn, der sehr wenig Aufwand bereit, dafür sollte man als Eltern nicht undankbar sein. Und ausgerechnet dieser Sohn kam dann eines Tages aus seinem Zimmer und sage. „Hey, ich hab jetzt Abitur.“ Wobei, um das richtig einzuordnen, es sich um ein Bremer Abitur handelt. In Bayern bekommt man das vermutlich in einer Tüte mit Panini Sammelbildern und dann ärgert man sich, dass man nicht den glitzernden Mario Gomez drin hatte. Jedenfalls bedingte dies, dass wir am Freitag auf den Abiball seiner Schule mussten der, dem Anlass entsprechend, im viertbesten Hotel am Platze ausgerichtet wurde.  Also erst am Samstag nach Berlin.

Aber erst ein paar Worte zum Abiball. Erstens, hatte ich nicht. Also Abitur schon, aber wir fanden das normal und nicht so außergewöhnlich, als dass es eines Fests bedurft hätte. Wir hatten auch keine Mottowochen in den Wochen vor den Abiturprüfungen, wo wir jeden Tag der Woche in einem anderen Kostüm auftauchen mussten. Und auch kein Abibuch. Und keine selbstorganisierte Abifahrt an die Küsten Spaniens, zusätzlich zu der Abifahrt. Uns wurde das Abi in die Hand gedrückt, und dann wurden wir zur Hintertür der Schule gebracht, wo wir dann doch bitte unauffällig das Gebäude zu verlassen hatten, um nie wieder zurückzukehren. Ich schwang mich damals auf meine Motobecane Rennrad fuhr nach Hause und wusste nicht was ich tun sollte. Die Zeit nach dem Abi war so ziemlich die langweiligste meines Lebens.

Heute hat mein Sohn keine Zeit Langeweile zu haben, denn seine Zeit ist mit Abi Events total verplant. Und als Eltern habe ich da mitzuziehen. Also musste ich für die ganze Familie Karten zum Abiball kaufen die teurer waren als die Teilnahmegbühren beim Velothon, die Tochter brauchte ein neues Kleid, der Sohn brauchte komplett alles neu was seinen Teenykörper verhüllt, da hätte ich ihm schon ein MTB für zaubern können und ich konnte nicht nach Berlin.

Stattdessen fand ich mich am Abend im Hotel wieder mit einem Glas Sekt in der Hand. Abiturzeit in Bremen. Nebenan feierte die freie Waldorfschule und der Duft von gerösteten Sonnenblumenkernen trieb ebenso wie die Töne von Altblockflöten zu uns herüber, dazu gab es ein Lied über die Kartoffel aber nichts zu essen.

Wir hatten aus alle ziemlich aufgebratzt – wie auch alle anderen die da waren.

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Super, mein Sohn hat Abi – und ich den Hosenstall offen.

Wir durften dann endlich in den Ballsaal wo es einige Reden gab und danach wurde das Buffet eröffnet. Es gab: Nudelsalat. Currywurst. War wie auf dem Campingplatz am Unisee. Und stolze Mütter.

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Danach gab es dann: Gedichte, vorgetragen von überglücklichen Abiturientinnen. Echt schlimmes, bedeutungsschwangeres Zeug. Und musikalische Darbietungen von Schülern mit Gitarren. Gruselig. Man wusste so gar nicht, wo man hinschauen sollte. Dann kam der Höhepunkt des Abends.

Ein paar Tage vorher hatte ich eine leicht ironische Mail an die Tutorin unseres Sohnes, Frau Kah geschrieben, und mich dafür bedankt, dass sie unseren Sohn zum Abi geführt hat. Das war etwas ironisch, weil ich vor zwei Jahren ein Gespräch mit ihr und der Oberstufenleiterin hatte, in dem Sie mir nahelegt, dass unser Sohn doch besser die Schule verlassen würde. Wie einigten uns aber darauf, dass er die Q1 wiederholen solle und im Nachinein war das eine gute Entscheidung. Jedenfalls erzählte ich das kurz vor dem Abiball meinem Sohn (den sehe ich ja nicht so häufig, und wenn dann nur morgens um vier in der Küche) und  er sagte: „Wir haben da nicht mir Frau Kah, sondern mit Frau Peh gesprochen. Ich hasse Frau Kah.“ Also, ich hatte mich bei der meist gehassten Lehrerin meines Sohnes bedankt, die ich überhaupt nicht kenne. Wobei mein Sohn sowieso alle Lehrer hasst und es da im Hass bestenfalls Unterschiede im Microhassbereich gibt.

Wir hingen also an unserem Tisch herum und versuchten Currywurst mit Nudelsalat zu essen, als so eine Frau an unseren Tisch kam – das war Frau Kah. Ich erkannte die nicht, weil ich Frau Kah noch nie gesehen hatte. Überschwänglich bedankte Sie sich bei mir für die nette E-Mail und sagte ein paar nette Dinge über unseren Sohn. Eigentlich sagte sie nur  das eine nette: „Er ist ja ein Stiller.“ Worauf ich antwortete: „Tja, halt Japaner!“.

Danach schwangen wir noch unsere Knochen auf die Tanzfläche und kurz danach wurden wir von den Schülern rausgeschmissen, die alleine feiern wollten. So kamen wir früh nach Hause und am nächsten Morgen konnte ich mein Zeug für Berlin packen. Die Bahn fuhr auch pünktlich ein, bevor in Hannover dann nichts mehr ging. Ich sass direkt im Wagen hinter dem Fahrerstand. Da wurde geschraubt und am Computer gehackt, aber es kam immer wieder nur diese monotone Stimme die „Störung. Störung. Störung“ wiederholte. Ich habe den Verdacht, so ein IC läuft im Prinzip auf Windows 3.2.

IC Anwendung

An der Technik mag es ja bei der DB mangeln, dafür sind die Zugbegleiter mittlerweile erstklassig geschult. Auf die ersten Beschwerden wurde sehr souverän reagiert:

„Sie wissen doch, wie das bei uns läuft. Aber das wichtigste ist jetzt nicht die gute Laune zu verlieren. Sie da machen das schon ganz gut.“

Und so kam ich, wie fast immer, zu spät nach Berlin. Aber immer noch rechtzeitig, um kurz bei Bio Lüske zu shoppen und dann mit Kathrin, Fabian un den Kindern auf dem Balkon zu Abend zu essen. Wir hauten Nudeln rein, als wenn es nur noch ein Morgen geben würde. Und zwar der Tag an dem wir nicht 60 km in Berlin, sondern 1.200 km von Paris nach Brest und wieder zurück fahren würden.

Doch das ist eine andere Geschichte und die wird morgen erzählt.

 

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2016, Bremen, Mob

2 Antworten zu “Velothon Berlin 2016. Teil 1: Das Radabitur

  1. cat6champ

    Ist zwar ein leicht verzerrtes Foto, aber ich stelle mich schon einmal drauf ein, dass das nächste Einwiegen etwas teuerer wird, als noch im Winter. ;D

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