Tagesarchiv: 6. April 2021

Ingrid

Letztens, als mir so wichtig Corona-mäßig langweilig war, fragte ich einen befreundeten Radhändler, welche Schaltungen er bei Rennrädern am meisten verkauft. Er hätte mir auch die einfache Antwort: „Shimano“ geben können, aber das ist ja so ein ganz Genauer.

Deshalb kramte und rechnete er in seinen Excel Tabellen und ein paar Stunden später hatte ich das genaue Ergebnis: Von 135 Rennrädern, die er 2020 verkauft hat waren 132 mit Shimano Schaltungen ausgestattet; zwei hatten eine SRAM (AXS) Schaltung und eins eine von Campagnolo. Das ist schön für Shimano, aber leider nicht gut für die Konsumenten, denn es fehlt die Vielfalt in Funktion und Design beim Kauf eines Rades. Ich lach mich immer kaputt, wenn bei Rennradtests alle Räder die gleiche Note für den Antrieb bekommen. Wäre ja auch ungewöhnlich wenn nicht, denn alle Räder sind z.B. mit einer Shimano Ultegra Schaltung ausgestattet. Andere Noten trotz gleichem Antrieb wären mal was lustiges.

Es ist heute extrem schwierig ein Rad von der Stange ohne Shimano Antrieb zu bekommen; die einzige Ausnahme ist die SRAM RED AXS und die SRAM FORCE Schaltung, die sich im Preissegment jenseits von € 4.500 etabliert hat. Die mechanischen SRAM Gruppen (Red, Force, Rival) sind komplett verschwunden und natürlich ebenso jegliche Spuren von Campagnolo. Es ist tragisch, dass in dem Moment wo wie erste großartige Campagnolo Erfindung, der Schnellspanner durch die Steckachse ersetzt wurde, auch der Rest der Marke im Nichts verschwindet. Jüngeren Kunden sagt der Name Campagnolo gar nichts und ältere Kunden wollen Campagnolo aber auf jeden Fall mechanisch und mit Felgenbremsen. Eine elektronische Campagnolo Gruppe mit Felgenbremsen ist quasi unverkäuflich, da diese weder den traditionellen, noch den modernen Kunden zufriedenstellen kann.

Vor zwei Jahren war ich mal bei Wilier in der Fabrik und fragte, wie oft denn dort Campagnolo Gruppen an Ihre Italo-Rennräder geschraubt werden. Ich weiß die Antwort nicht mehr, aber weniger als 5% mit Sicherheit. Die Regale waren voll mit Kartons mit blauen Shimano Logos und ganz hinten war ein armseliges Billy Regal mit ein paar Schachteln Campa. Ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen wie die überleben wollen.

Trotzdem gibt es natürlich durchaus Alternativen zu den Antrieben von Shimano; Rotor zum Beispiel hat eine 13-fach hydraulisch aktuierte Schaltung auf den Markt gebracht und von FSA gibt es eine elektronische 11-fach Gruppe K Force WE. Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass sie nicht als OEM (also in neuen Rädern) verbaut werden, im Vergleich zu Shimano teuer sind und nur in homöopathischen Dosen auf den Straßen zu sehen sind. Bleibt Microshift, die vernünftige Produkte zu vernünftigen Preisen auf den Markt bringen, aber leider nicht die Größe und finanziellen Ressourcen haben, sich als OEM oder Nachrüstprodukt in Europa zu etablieren.

Eigentlich sollte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich da eine Firma aus China oder Taiwan zeigen wird. Novatec oder Kinlin z.B. sind bereits relativ etabliert; viele Firmen in China arbeiten als Auftragsunternehmer für etablierte Komponentenhersteller. So wie z.B. Giant sich erst als guter OEM Hersteller Rahmengebaut hat, bevor sie dann mit Giant ihre eigene Marke erfolgreich im Markt etablierten. Warum soll das nicht auch bei Komponenten möglich sein?

Ein wichtiger Grund, warum es „heute“ schwieriger ist als „früher“ in den Markt zu kommen ist zunächst die Entwicklung von Komplettgruppen (also alle Komponenten von einem Hersteller aufeinander abgestimmt). Das ist umso wichtiger als die Technik an sich komplexer geworden ist und sich mehre Standards entwickelten, die nebeneinander existieren. 1977 hörte man entweder Disco oder Punk und hatte ein BSA Vierkant Innenlager. Heute wird Spotify abonniert und es gibt etwa 50 gängige Tretlagerstandards. Für eine SRAM RED AXS brauche ich eine spezielle SRAM Kette, ein Shimano 11-fach Ultegra Schaltwerk kann ich nicht mit einem 12-fach Sram Red Hebel schalten; eine SRAM 12-fach Kassette passt nicht auf einen Shimano Freilauf. Alle diese Dinge waren „früher“ größtenteils untereinander austauschbar.

Und weil Rennräder früher oftmals vom versierten Radhändler aufgebaut wurden, konnte der kombinieren, was er für die beste Kombination an einem Rennrad hielt: Cambio Rino Kurbel mit Huret Schaltwerk, Simplex Hebeln und Mafac Bremsen? Kein Problem. Eine Kette von DID oben drauf und dazu Kyokuto Pedale. Dieses Aufbauen findet heute zwar noch statt, aber in einem deutlich geringerem Ausmaß.

Zuguterletzt kommt dazu der Trend von Radherstellern zu „integrieren“. Nein, dass sind nicht diese Dinger aus dem Mathematikunterricht, also irgendwie das Gegenteil von „Ableitung“ sondern das ist eine verklärende Beschreibung dafür, dass an Rädern eines Herstellers oftmals nur noch bestimmte Komponenten des gleichen Herstellers verbaut werden können. Das sieht man z.B. sehr häufig bei Sattelstützen, teilweise bei Innenlagern und auch bei Lenker/Vorbaukombinationen. Im Prinzip ist es der Versuch von Herstellern den Aftermarket zu kontrollieren und die eigenen Teile zu hohen Preisen zu verkaufen.

Lustigerweise gibt es aber ab und zu kleine Firmen, die zum Beispiel in Italien auf den Spuren von Cambio Rino, Gipiemme, Galli oder Ofmega neue Komponenten herausbringen. Ein schönes Beispiel dafür ist INGRID.

Ich weiß nicht woran ihr denkt, wenn ihr Ingrid hört, aber ich denke an:

Ingrid macht Klimbim.
Ingrid macht Bum.
Ingrid macht Komponenen.

Ich weiß auch nicht, wer da in Italien auf den Namen Ingrid gekommen ist, aber wenn man erst einmal aufgehört hat sich tot zu lachen, dann ist die Idee … ganz lustig? Jedenfalls so ein wenig Ingrid am Rad wäre ja nicht schlecht. Ich möchte aber keinen Kevin-Umwerder oder Björn Naben. Niemals.

Zu wünschen ist, dass solche kleinen Hersteller wieder mehr Vielfalt in die Radwelt bringen und vielleicht auch, wie z.B. Box Components, mit ungewöhnlichen Ideen glänzen.

Damit die Welt, nach dem Stillstand der letzten Monate, wieder ein Stück interessanter wird.

Euer Elias
(Beliebtester Jungen Vorname 2020)

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