Mit Einradanhänger durch die französischen Alpen

Kaipi hat im Rennradnewsforum einen sehr interessanten Beitrag über seine Tour mit Freundin und Einradhänger (für das Gepäck, nicht die Freundin) in den frz. Alpen geschrieben. 

Erstmal hört es sich widersprüchlich oder auch etwas verrückt an: was soll ein schwer beladener Radanhänger an einem modernen, auf Geschwindigkeit ausgelegten Rennrad? Und selbst mache ich Rennradreisen am liebsten auch mit Minimalgepäck, so wie vor zwei Jahren, zwei Wochen von Venedig durch die Alpen und zurück bis nach Bremen mit 7 kg Gepäck tutto completo.

Aber warum nicht mal die Vorstellungskraft sprengen, Unvereinbares zusammenbringen und einen neuen Plan verfolgen: Radtour mit Freundin, Zelt und allem Geraffel, durch die französischen Alpen und mit meinem Rennrad. 

Anreise von Bremen nach Genf mit der Bahn, dann durch die französischen Alpen bis ins Vercors und zurück nach Genf. Damit wir beide bei der sportlichen Herausforderung unseren Spaß haben, nehme ich den Großteil des Gepäcks. Das Rennrad muss es sein, da ich gerne die ein oder andere sportliche Solotour machen will, vielleicht Alpe d´Huez. Das geht nur mit einem Anhänger am Rennrad.

Nach ersten Recherchen ist mir klar, es muss ein Einradanhänger sein. Die Befestigung an den Ausfallenden fasziniert mich. Nur leider stellt sich heraus, dass die 3D-Ausfallenden an meinem aktuellen Alu-Rahmen nicht geeingnet sind. Im Internet finde ich nur Leute, die Anhänger am Stahlrenner fahren und das auch nur im Alltag, mit Kinderanhänger, oder zum Einkaufen. Fast schon durch Zufall stoße ich auf den Anhänger von Tout Terrain, der an der Sattelstütze befestigt wird. Nachteil ist der größere Schleppradius. Der Preis ist auch nicht ohne. Aber, wie der Schwabe sagt: i kann mir niggs billiggs leischde. Die Vorteile überzeugen mich letztlich:

  • einfache Montage an fast jedem Rad
  • bessere Krafteinleitung in den Rahmen (glaube ich zumindest)
  • durch den eingebauten Ständer lässt sich der Anhänger auch unangekoppelt beladen, leicht abkoppeln, um auch mal ohne Anhänger einen Abstecher zu fahren, und keine Probleme, das Gespann abzustellen
  •  ich brauche nicht drüber nachdenken, ob ich eine Federung haben will, denn es gibt ihn nur mit

Meine Erfahrungen:

Ich belade das Teil mit einer Ortliebtasche, 89-Liter-Modell, prall gefüllt, zusammen 25 kg. Darauf hab ich noch einen Tagesrucksack gespannt, mit Regensachen drin oder auch Einkäufen, Gewicht schwankend, dann kam noch ab und zu eine 1,5-Liter-Wasserflasche dazu. Damit hatt ich das für Straßenfahrten zulässige Ladegewicht von 30 kg eher mehr als weniger ausgeschöpft. Ein Radschloss mit gut einem Kilo hing auch noch am Anhänger. (Die große Lenkertasche erwähne ich jetzt mal nicht.) Die Stellen, an denen der Ständer auf dem Boden steht, hab ich, um den Lack zu schonen, mit Resten alter Mäntel umwickelt und mit Kabelbinder befestigt. Ein solchen Impuls hatte der Hersteller leider nicht, oder irgendwie aus dem Blick verloren. Ich hatte damit auch ein Problem produziert. Wenn die Reifenteile verrutschen, dann hakt der Ständer nicht mehr korrekt in die Aufhängung ein. Meine Bastelarbeit lässt sich aber bestimmt verbessern.
Mein Rennrad, ein Canyon Ultimate AL, Rahmenset gerade erst gekauft, habe ich mit 10 Jahre alten Dura-Ace-Komponenten ausgestattet, dazu eine Ultegra-Kompaktkurbel, Kassette 11-34, XT-Schaltwerk (schaltet nur mäßig), Schutzblechen und Sattelstütze natürlich aus Aluminium.

Mit dem insgesamt rund 40 kg schweren Anhänger ist das Gespann erst mal gewöhnungsbedürftig. Schon in langsamer Fahrt stabilisiert es sich allerdings erstaunlich gut. Den Lenker musste ich aber schon immer gut festhalten und die gesamte Karosse reagiert völlig anders als ein agiler Renner. Aber irgendwann gewöhnt man sich ja an fast alles und so ging es mir auch. Geradeaus in der Ebene fährt das Teil prima. Zum Anfahren ist je nach Beladung natürlich mehr Kraft erforderlich. Bei nicht vollbeladenem oder sogar leerem Hänger wurde die Fahrt für mich richtig zum Genuss. Das Teil schnurrt dann folgsam einfach hinterher und ist quasi nicht mehr zu spüren. Bergauf dagegen spürte ich das ganze Gewicht des beladenen Anhängers und war froh, eine 34:34-Übersetzung zu haben. Wiegetritt machte leider gar keine Spaß, denn das Rad steht wie ein Brett unter einem und wenn die seitliche Neigung zu groß wird, dann neigt es eben zum kippen. Ähnlich in Kurven, die hab ich versucht, mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und damit seitlicher Neigung zu durchfahren. Bergab schiebt das Teil gewaltig, wie ein kleiner Motor. Bremsen ging aber gut. Ein Satz Bremsgummis hat auch locker ausgereicht, die Reservergummis, die ich vorsichtshalbe dabei hatte, brauchte ich nicht. Unebenheiten in der Straße, auch Bodenwellen und Schlaglöcher nimmt die Federung locker auf und gibt keine nennenswerte Impulse ans Rad weiter. Bergab ist bei 40 kmh Schluss. Auf sehr ebener Straße geradeaus hab ich mich schon mal bis 60 kmh getraut. Das Gefährt lag gut auf der Straße. Die Vorstellung, was passiert, wenn man stürzt und der Anhänger mit 40 kg kracht über einen drüber, ist aber nicht so schön. Bergauf gibt es neben der eigenen Leistungsfähigkeit und der Übersetzung noch ein anderes Limit. Ab rund 14 % fing das Vorderrad so langsam an, den Bodenkontakt zu verlieren. Einmal auf Schotterstrecke ist mir das passiert und ich bin stumpf umgekippt.

Probleme mit dem Hänger: hatte ich leider zwei unterwegs. Nummero 1: Nach rund 100 km stellte sich heraus, dass sämtliche Speichen am Hinterrad locker waren. Das geht gar nicht, erst recht nicht bei einem Produkt dieser Preisklasse! Nach dem Anziehen der Speichen war dann auch das schwammige Fahrgefühl weg, das ich vorher mit wilder Einstellerei am Dämpfer zu beseitigen versucht hatte. Nummero zwei: Wird der Schnellspanner an der Kupplung nach oben geschlossen, verbiegt er in engen Kurven den Splint. Der kostet gut 20 Euro extra (deswegen?) und löst sich dann nicht mehr. Ist mir leider passiert. Er ließ sich dann wieder zurückbiegen, schön ist das aber nicht. Besser wäre ein Hinweis in der Anleitung, dass der Schnellspanner nach unten zu schließen ist. Noch besser eine Konstruktion, die so eine Fehlbedienung ausschließt.

Zum Transport in der Bahn: In den Zweier- und Dreier-Abstellplätzen der deutschen und schweizerischen IC-Zügen findet der Anhänger an die hochkant aufgehängten Räder rangerückt gut Platz. Im deutschen IC hab ich die Deichsel nach hinten gedreht. So ragt der Anhänger nur geringfügig in die freizuhaltenden Gänge, so dass ich nicht den geringsten Ärger mit Bahnpersonal oder anderen Fahrgästen hatte. Um Wege auf den Bahnsteigen zurückzulegen, fand ich es am besten, den Anhänger ans Rad zu koppeln und das Gespann über die Bahnsteige und durch die Bahnhöfe zu schieben. Die meisten Fahrstühle waren groß genug für den abgekoppelten Anhänger. Zur Not lässt sich der Anhänger mit festgespannter Tasche auch von Hand, am Tragegriff der Tasche, die Treppe rauf oder runter tragen. Ist aber eine ziemliche Ochserei. Zur noch größeren Not, beispielsweise zeitlicher Art, müsste es eigentlich auch funktionieren, mit einer Hand die Tasche mit druntergespanntem Anhänger und mit der anderen Hand das leichte Rad zu tragen. Hab ich aber selbst nicht ausprobiert und kommt eher für Typen mit besserer Oberarmmuskulatur in Frage.


Vorteile des Tout-Terrain-Anhängers:

  • hoher Spaß-, Show- und Autonomiefaktor
  • grundsätzlich zuverlässiges Teil mit sehr guten Fahreigenschaften (20“-Hinterrad, Federung)
  • nur etwas größere Schleppkurve gegenüber Hinterachsbefestigung
  • genialer integrierter Ständer (Abstellen mit und ohne Rad, Be- und Entladen)
  • Sattelstützbefestigung universell, unabhängig von Ausfallenden, Hinterradfederung, Radgröße

Nachteile:

  • hoher Preis, teuer „Extras“ (Ständer, Schutzblech, Tascheneinsatz, Splint)
  • miserabel eingespeichtes Hinterrad
  • etwas fragwürdige Kupplung (fehlender Hinweis in Anleitung)
  • Lack am Ständer nicht geschützt
  • Ausrichtung von Rad und Anhänger etwas mühselig

via Rennradnews

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Eingeordnet unter 2013, Bremen, Ingenieur, Kaipi, Mob

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