Tagesarchiv: 13. Dezember 2015

Chesini Nobile. Zwei Punkte.

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Ich hatte mir vorgenommen, das schönste Damenrad überhaupt zu bauen. Das wäre aber zu einfach gewesen und daher nahm ich mir vor, es nur aus dem zu bauen, was verstreut in Kisten und Regalen im Keller liegt.

Jegliche Überlegung zum schönsten Damenrad überhaupt fängt an mit zwei Punkten, die es zu verbinden gilt. Der erste Punkt, der gesetzt wird, ist der Rahmen, auf den alles aufbaut. Und der zweite Punkt ist die Frau, für die es gebaut werden soll. Dazwischen gibt es eine Linie, die, wie bei Frauen üblich, nicht unbedingt eine Gerade sein muss, und sich verschlungen durch die auszuwählenden Komponenten, Farben, Funktionen und Vorurteile windet.

Punkt Eins.

Aus einem Sommerschlußverkaufüberraschungspaket hatte ich noch einen günstig erworbenen Chesini Gran Premio Damenrahmen übrig, der aber vom Lack her in einem echt miesen Zustand war. Den gab ich zu Yuji von Klovesradeln in Berlin, der zum gemeinsamen Andenken an den italienischen Arktisforscher Umberto Nobile arktisblau nasslackieren ließ.

Das ist der dritte Chesini Rahmen, der mir in die Finger gekommen ist. Ich habe vor drei Jahren einen Gran Premio zu einem Rad für meinen Sohn umgebaut. Das das Rad immer noch in Gebrauch ist und funktioniert, zeigt die hohe Qualität des Rahmens. Einen weiteren Criterium Rahmen habe ich  2012 an Hiroshi von C-Speed nach Japan geliefert. Chesini ist für mich ein Teil der kleineren, unterbewerteten, italienischen Rahmenbauer der Achtziger und Neunziger: Vicini, Vetta, Milanetti, Basso, Bottecchia und wie sie alle heißen. Während viele dieser Rahmenschmieden heute entweder gar nicht mehr existieren, oder aber nur noch als leere Markenhülle in einem Konzern, sind die Familienunternehmen Chesini und Basso weiterhin aktiv. Chesini, 1925 gegründet, sitzt in Verona und nachdem Hiroshi seinen ersten Chesini Rahmen von mir gekauft hatte, nahm er Kontakt zu den Eigentümern auf und ist seitdem so etwas wie der Generalimporteur von Chesini in Japan. Ich denke, dass heißt immer noch weniger als zehn verkaufte Rahmen pro Jahr, aber bitte. Letzten Sommer hat David von Positivo Espresso Chesini in Verona besucht und darüber drei längere Blogposts geschrieben (Teil 1, Teil 2 und Teil 3).

Chesini hat, meiner Ansicht, einen guten Mix von alten und neuen Produkten. Sie machen immer noch klassische Stahlrahmen basierend auf alten Entwürfen, wie zum Beispiel das X-Uno; andererseits haben sie aber auch einige Carbonrahmen und etwas für die Singlespeed/Fixie Szene im Angebot.

Scapolix

Ebenso bunt wie das Angebot ist auch die Qualität des ganzen. Manche Räder sind für mich einfach „over the top“, vor allem die Pantos, man merkt, das Chesini nicht allzu weit von der Oper in Verona entfernt ist. Trotzdem gibt es noch genug schönes zu entdecken.

Criterium

Verona und Chesini sind als der erste Punkt.

Punkt Zwei

In der letzten Zeit habe ich eine ganze Menge Räder für Frauen gebaut, unter anderem für Silvia, Cobra und meine Tochter. Meine Frau fährt bereits seit ewigen Zeiten ihr japanisches Panasonic Elektrorad (wenn überhaupt) und das Thema ist bei ihr damit völlig ausgereizt. Bei ihr gilt die Formel N = n-1, (N ist die Anzahl der Räder die man braucht, und n die Anzahl die man besitzt) weil sie auch weiß, dass Sie sich notfalls bei mir bedienen kann. Ich müsste mich also jetzt anstrengen eine Haufen neuer Frauen kennenzulernen. Das ist gar nicht so schwierig, denn in meinem Body Attack Rumhüpfkurs im Sportstudio gibt es eine Menge sportlicher Mädels, die sicherlich ein neues Rad gut gebrauchen könnten. Aber das will ich alles gar nicht. Meine Frauenkennenlernkapazität wird im Jahr bereits erschöpft durch die jährliche Versorgung mit neuen Studentinnen und zunehmend auch durch die Freundinnen meiner Tochter. Beides leider keine typischen Radkundengruppen.

Punkt 2 muss also bestimmt werden. Ich sollte eine Frau sein, die dem Luxus nicht abgeneigt ist.

Was ist Luxus? Die Definition von Wikipedia hilft da nicht wirklich weiter. Ich lese gerade ein Buch von Clotaire Rapaille, den ich einfach großartig finde. Er ist genau der Typ eines Franzosen, den ich wegen Aussehen, Charme und Akzent so wahnsinnig sympathisch finde, andere wären Jerome Bouhet, Dr. Pradeaux aus Xiaolangdi und Philippe, alle aus meinem Bekanntenkreis, sowie Jean-Louis Trintignant oder Charles Denner – ach ja und die Parodie eines Franzosen durch John Oliver). Eine guten Eindruck gibt dieses Video wieder (ab ca. 31:00). Gerade erscheinen ist das Buch „The Global Code“ von Clotaire Rapaille, und das gibt einen guten Hinweis auf da, was Luxus wirklich ist: „Persönlich für jemanden mit den Händen hergestellt.“ Luxusgüter sind das Gegenteil von dem, was Millionenfach ohne Variation in China hergestellt, und in gleichen Kisten (Containern) nach Europa transportiert wird, wo es dann jeder kaufen kann.  Es passt niemandem so richtig, aber allen gut.

Ich denke, eine tolle, „luxuriöse“ Frau für dieses Rad wäre Brigitte Fossey (gewesen). Das wäre dann auch Epochengerecht zum Rahmen.

Morgen Teil II: Die Linie.

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12.000

Seit Oktober hatte ich mir einige Sorgen gemacht, ob ich es tatsächlich schaffen würde, aber seit gestern ist es soweit: Das Jahresziel von 12.000 km auf dem Rad ist erreicht.

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Prima, nun kann ich aufhören sinn- und freudenlos durch den Herbst zu fahren und nur noch radeln, wenn es Spaß macht bis das neue Radjahr beginnt. Traditionell ist dies der 24. Dezember, denn an diesem Tag beginnt die Rapha Festive 500 Challenge.

Die Herausforderung besteht darin, zwischen Weihnachten und Neujahr mindestens 500 km zu fahren und diese auf Strava zu dokumentieren. Reines eintippen von „500 km“ reicht da leider nicht, wie ich 2013 schmerzlich feststellen musste, nur dem digitalen Endgerät wird vertraut. 2014 brachte ich es auf 659 km und Platz 736 in der Distanz weltweit von fast 50.000 Teilnehmern. So, genug angegeben, aber ich war schon mächtig stolz. Hardcore-Fahrer die keine Rücksicht auf Weihnachten und Familie nehmen müssen schaffen auch schon mal mehr als 2.000 km. Ganz vorne ein Japaner der im Prinzip 200 Mal um Rokko Island in Kobe gefahren ist. Das ist etwa so spannend, wie in Bremen 200 Mal um das GVZ zu fahren, mit anderen Worten: gar nicht. Aber bitte.

Ich mag die Rapha Festive 500 Challenge, weil sie mich zwingt mich wieder in Bewegung zu setzen. Und Ende Januar bin ich dann mit 1.000 km Fahrleistung in der Regel auch wieder im Plan. Damit es dieses Jahr aber auch mehr Spaß macht, fahre ich für ein paar Tage nach Mallorca. Guter Trick nicht? Aber die ganzen Australier, Südafrikaner, Chilenen etc. die auf der Südhalbkugel leben haben es ja auch viel einfacher 500 km zu fahren, als jemand der in Bremen durch Wind un Regen muss. OK, es könnte noch schlimmer kommen: Island, Murmansk oder Narvik fallen wir dann so spontan ein.

Das Ziel für 2016 sind wieder 12.000 km auf dem Rad. Das ist aber nur eine Zahl. Trotzdem ist es interessant zu sehen, wie einen solch eine Zahl abhängig machen kann. Man kann das natürlich auch positiv sehen: „wie einen solch eine Zahl motivieren kann“.

Ich denke mir dann oft, was für ein Ziel hätte ich denn, wenn wir Distanzen in Europa nicht in Kilometern, sondern in Meilen messen würden. Eine Meile sind etwa 1,6 km. Wäre es dann mein Ziel gewesen, etwa 7.456 Meilen zu schaffen? Oder wenn der Meter eben nicht 100 cm lang wäre, sondern nur 95. Dann hätte ich ein Ziel von 12.631 km gehabt. So unwahrscheinlich ist das ja nicht, denn die Art und Weise, wie in der französischen Revolution das Urmeter festgelegt und dann vermessen wurde, würde heute bei jeder Physik Leistungskurs Klausur mit einem „mangelhaft“ abgestraft werden. Nun gut, vielleicht nicht an Schulen in Bremen.

DM Millionäre von gestern sind keine in Euro. Ist es somit kein Ziel für viele mehr, Millionär zu werden?

Ein Ziel ist eben nur eine Zahl ist, und eine Zahl folgt eben nur einer zufällig gefundenen Definition.

 

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