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Übergestern in Japan: Überstunden für Slartibartfast

Auch wenn einige immer noch „Fake News!“ rufen schuf Gott die Erde in sechs Tagen. Ihm ging es so wie uns allen, wenn wir irgendetwas komplizierteres von Lego aufbauen: Alles ist fertig, prima, aber warum liegen da noch so viele Teile rum? Und so hatte Gott am siebten Tag noch jede Menge Hügel, Schluchten, Abhänge und Böschungen übrig. Einen großen Teil verbaute er am Sonntag Vormittag und komplizierte damit unnötig die Küstenlinie Norwegens, den Rest schmiss er nach Shuzenji in Japan. Zur Sicherheit baute er noch einen hohen Zaun um die Gegend und alle 100 Meter hängte er Schilder auf, auf denen „Menschheit! Betretet nicht dieses Gebiet! Und denkt schon gar nicht daran hier Rad zu fahren!“ stand. Aber dann war auch mal Schluss, es war schon fast Mittag und er war noch zum brunchen eingeladen.

Die folgenden 3,5 Milliarden Jahre lief auch alles gut. Alle intelligenten Lebewesen, sei es Einzeller, Amphibien, Reptilien oder Känguruhs hielten sich schön weit weg von Shuzenji entfernt. Und auch die ersten Menschen waren mehr damit beschäftigt Mammuts zu jagen, Höhlen zu bemalen und für Nachwuchs zu sorgen, als über KOMs nachzudenken. Doch mit der Erfindung des Rades ging es dann ziemlich schnell bergab. Das heißt eigentlich: bergauf.

Die ersten Japaner tauchten auf, und da in und um Tokyo herum schon mehr als 30 Millionen von ihnen lebten und da wirklich kein Platz mehr war, fiel die Wahl für den Bau eines Radsportleistungszentrum mit Trainingsrennen naturgemäß auf Shuzenji. Das klingt vielleicht überraschend für jemand, der noch nie in einem japanischen Meeting saß, aber alle die mal da waren nicken jetzt nur zustimmend mit ihren Köpfen und lächeln leise vor sich hin.

„Hey Gott“, so ungefähr geht das Argument, „das war ja alles gut und richtig was Du Dir da vor Milliarden von Jahren ausgedacht hast, aber hey, wir haben 2008 und 10-Gang Shimano Di2 Schaltungen, Carbonsättel die 70 Gramm wiegen und Lightweight Carbon Laufräder – daran haste nicht gedacht, stimmts?“

Hey Gott, daran haste nicht gedacht, stimmt’s?

2002 war es dann so weit, das Cycle Sports Center Shuzenji wurde eröffnet, komplett mit Sportschule für die Ausbildung der Keirin Rennfahrern, 5 km Rennradstrecke, MTB Trail und einem Freizeitpark. Aber nicht nur das, an acht Mal im Jahr gibt es Kurse für Frauen die nicht Radfahren können mit einer Erfolgsquote von 99,9% – und das 2022. Kurz gesagt, Shuzenji ist ein Traum für Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen.

Leider hatte die JCRC entschieden zwei seiner Rennen in Shuzenji auszutragen, so dass ich gezwungen war Im Frühjahr 2008 dahin zu fahren, über den Zaun zu klettern und Gottes Gebote diesbezüglich zu missachten. Also machte ich mich eines morgens sehr früh auf den Weg um die 140 km von Tokyo nach Shuzenji zu fahren. 140 km in Japan sind nicht wie 140 km in Deutschland – jedenfalls fühlen sich die sehr viel länger an, vor allem auf den engen Landstraßen, die durch die hügelige Izu-Halbinsel führen auf der Shuzenji liegt. Und erstaunlicherweise sind um diese Zeit schon unglaublich viele Autos unterwegs; das liegt an dem statistischen Gesetz der großen Zahlen.

Ein noch so kleiner Prozentsatz, multipliziert mit einer großen Zahl ergib eine immer noch beachtlich große Zahl; man muss jetzt nicht Ingenieurwesen an der RWTH Aachen studiert haben, um das zu verstehen – aber was bedeutet das im echten Leben? Im echten Leben wurde mir das zum ersten Mal bewusst, als ich mich eines Abends mit einem Freund zusammen in Tokyo entschloss zu einem Kino zu fahren, um dort eine Reihe „Experimenteller Stummfilme des Dadaismus der Zwanziger Jahre aus Frankreich“ zu sehen. Eine solche Veranstaltung, zum Beispiel in Mönchengladbach durchgeführt, würde vermutlich zwei Kunststudenten anlocken von denen der eine in letzter Minute absagt. Klar, Mönchengladbach hat ja auch nur 150.000 Einwohner (Rheydt nicht mitgezählt, doch dazu später). In Tokyo und herum, mit 30 Millionen Einwohner gibt es aber durchaus genügend Japaner die sich so etwas antun. Und so war das Kino dann auch konsequenterweise ausverkauft, als wir ankamen.

Einige Jahre später fuhr ich mit meinem Sohn auf dem Anhänger am Fluss Tamagawa heraus aus Tokyo, als über den Fluss eine amerikanische Militärmaschine Richtung des Luftwaffenstützpunktes Yokota (dort wo es keine Räder gibt) flog. Hm, dachte ich, das wäre doch mal eine tolle Idee am nächsten Wochenende mit meinem Sohn zur Einflugschneise zu fahren und Flugzeuge anzuschauen. Gesagt, getan. Am nächsten Sonntag machten wir uns auf und fuhren mit Bahn und Taxi zur Airbase. Als wir ankamen dachte ich zunächst da wäre eine Demo in der Einflugschneise, denn da standen Massen von Japanern herum. Aber nein, das waren einfach Japaner die die gleiche Idee wie wir hatten und zum gleichen Zeitpunkt nach Yokota gekommen waren. Einige hatten ihre Familien mitgebracht und grillten, andere standen auf Leitern, um die Flugzeuge über dem Zaun besser fotografieren zu können. Einer erzählte mir, dass gleich eine Transportmaschine aus Pusan, Korea ankommen würde. Woher er das wusste? Er hatte einen Kurzwellenempfänger dabei mit dem er den Tower abhörte. Kurzum, ich dachte ich hätte eine ganz tolle Idee gehabt und wäre bestimmt der einzige Mensch in Tokyo dem so etwas tolles einfällt. Sind aber 30 Millionen Menschen um einen herum, wird das auch noch dem einen oder anderen einfallen und ein Volksfest daraus. Das ist das Gesetz der großen Zahlen.

Yokota Plane Spotiing – Meine Idee!

Und so sind dann eben morgens um vier schon unzählige Autos auf den Straßen von Tokyo unterwegs und ja, Gesetz der großen Zahlen, viele davon eben auch nach Shuzenji und es geht nicht so schnell vorwärts, wie ich mir das in meiner Nervösität gewünscht hätte.

In der D Klasse fing das Rennen kurz vor 8 Uhr an. Der Kurs selber ist 5 km lang und kann im, oder auch gegen den Uhrzeigersinn gefahren werden, dabei wird insgesamt ein Höhenunterschied von 140 Meter zurückgelegt. Bei diesem Rennen sollten nun drei Runden im Uhrzeigersinn gefahren werden; nach dem Start geht es auf der breiten Zielgerade zunächst einmal 30 Meter hoch und dann halsbrecherisch mit hohem Tempo über viele technische Kurven1,8 km runter. Ganz unten angekommen gibt es dann einen etwa 1,5 km langen Anstieg mit 70 Höhenmeter, bevor es dann wieder kurz runter in ein Tal geht. Danach beginnt dann der letzte Anstieg über 500 Meter zum Ziel. Wenn ich das hier so schreibe, dann klingt das so einfach: drei Runden sind auch nur 15 km und etwa 420 Höhenmeter – aber dieser Kurs ist wirklich die Hölle. Zum Glück waren nur drei Runden angesetzt, so dass die Gefahr einer Überrundung nicht besonders groß war. Ich musste nur das Ding zu Ende fahren und dann konnte ich wieder 60 Punkte mit nach Hause nehmen.

Am Start stand ich dann mal wieder hypernervös mit 27 Japanern und stellte fest, dass ich wahrscheinlich einer der Ältesten im Feld war. Vor mir stand ein, wie ich nachher herausfand, vierzehnjähriger Knirps der – Spoiler Alert – das Rennen gewinnen sollte. Egal, sobald der Startschuss ertönte war jede Nervösität weg, denn ich brauchte jedes Energiepaket, das in meinem Körper vorhanden war, um am Feld zu bleiben und den ersten Berg hoch zu kommen. Das schaffte ich unter völliger Verausgabung, auch wenn ich mich fast ganz am Ende des Feldes befand und wir begaben uns auf die lange Abfahrt. Hier habe ich gewisse Vorteile, denn Masse rollt gut, so dass ich keinerlei Mühe hatte die Position zu halten, bis wir ganz unten im Tal auf dem tiefsten Punkt der Strecke ankamen. Aber als nun das Feld den Anstieg begann war alles vorbei; ich konnte nur noch zusehen, wie sich auch der zweitschlechteste Fahrer zügig von mir in Richtung Ziel entfernte. So gut es ging strengte ich mich an den Berg hoch, und wieder runter zu kommen, aber als ich nach der ersten Runde im Ziel ankam war das Feld nicht mehr zu sehen und die wenigen Zuschauer sahen mich mit einer Mischung aus Mitleid und peinlicher Berührung an. Gut, dann noch eine Runde erst kurz hoch und dann wieder in die Abfahrt. Ich musste jetzt nur noch die zweite Runde beenden und nicht überrundet werden; also strengte ich mich auf dem langen Anstieg voll an und schaute mich immer wieder um nach dem Motorrad, dass die Rennspitze ankündigt. Aber da war zum Glück nichts. Nachher konnte ich nachlesen, dass sich die Spitze mit mehr als 31 km/h um den Kurs bewegte, während ich gerade mal mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 km/h um jeden Meter kämpfte. Aber das reichte eben auch. Die dritte Runde ließ ich dann deutlich langsamer angehen, ich musste ja nur noch heil ins Ziel kommen. Ich sah einen abgehängten Fahrer aus dem Feld vom Team „Spade Ace“ – das ist japanische für „Ace of Spade“ oder Pik As – aber selbst einen demotivierten, abgehängten Fahrer konnte ich nicht mehr einholen und rollte so über den Zielstrich.

Ergebnis: 25. von 25 Teilnehmern die das Rennen beendeten – immerhin drei hatten unterwegs aufgegeben. Ich fuhr nach Hause und mein Sohn fragte mich, welche Platz ich beim Rennen belegt hätte und ich sagte wahrheitsgemäß, dass ich Letzter geworden wäre. Da ich dies in den nächsten Wochen öfters sagen durfte entwickelte mein Sohn vermutlich nie einen sportlichen Ehrgeiz, denn ihm wurde klar, dass das ganze trainieren und üben total sinnlos ist – weil man ohnehin nur Letzter wird. Genau wie ohne jedes Training.

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Übergestern in Japan: Renndebut in Saitama

Leading the pack at the back.

Ich überlegte mir, ob es besser wäre, wenn mir spontan ein Bein abfallen, oder wenn ich von Nordkoreanern entführt würde. Letzteres war gerade ein sehr populäres Thema in Japan. Mit anderen Worten, ich war gerade sehr nervös, was das erste Rennen am nächsten Tag anging und suchte nach einer passenden Ausrede. Und so richtig schön warm ist es in März in Tokyo auch noch nicht. Egal, ich glaube der Tag an dem ich nicht mehr aus dem Bett komme, ist der Tag an dem ich es auch gleich sein lassen kann.

Aber hey, das erste Rennen der Saison war ja auch nur eine Stunde von zuhause entfernt in Kawagoe in der Präfektur Saitama und ich hatte auch meine Kinder für die „Milky Way“ Kinderrennen angemeldet. Meine Frau hätte ich auch gerne für das Frauenrennen registrieren lassen, aber ich wollte es auch nicht übertreiben, ich war sowieso schon froh, dass sie überhaupt mitkam. Als wir ankamen und ich in die Radklamotten überzog meinte sie nur ich würde fett aussehen, da war ich dann auch nicht mehr so froh.

Es gibt in Japan 45 Präfekturen, dazu noch die Hauptstadt Tokyo und die relativ spärlich besiedelte Insel Hokkaido im Norden; diese entsprechen in etwa den deutschen Bundesländern. Auf meiner persönlichen Rangliste der Präfekturen liegt die Präfektur Saitama da recht weit unten, der Grund ist schlicht und einfach die Nähe zu Tokyo – ein Schicksal das Saitama mit Chiba, Kanagawa und Yamanashi teilt. Als Japan ab den Sechzigerjahren wirtschaftlich erfolgreich und wohlhabend wurde, wuchsen insbesondere die Einwohnerzahlen in den großen Städten wie Tokyo, Osaka und Nagoya schnell an und das umliegende Land wurde durch Eisenbahnlinien, Schnellstraßen und Siedlungen erschlossen. Das südliche Saitama ist daher eine schrecklich langweilige, zersiedelte Gegend geworden, an deren Straßen sich Autohäuser, Spielhallen und Supermärkte beliebig ballen. Jede Stadt dort sieht gleich aus, jede Straße hat man schon mal gesehen und jedes Haus ist eine Kopie eines anderen Hauses. Meistens dessen, das daneben steht.

Es gibt in Japan wunderbare Orte, geradezu mystisch mitten in der wunderschöne Natur, alten hellrot gestrichenen Tempeln und Kirschbäumen. Und es gibt Städte aus der Zukunft mit pulsierendem Leben, gewagten Bauwerken, vier Lagen Autostraßen und Unterhaltung rund um die Uhr. Saitama gehört nicht dazu; Saitama ist für Tokyo, was Bergheim für Köln, Delmenhorst für Bremen oder Offenbach für Frankfurt ist.

Saitama auf deutsch: Delmenhorst

Wir fuhren mit dem dicken Firmen BMW hin und kamen morgens am Kawagoe Suijopark an, wo das Rennen stattfinden sollte. Der Park besteht zu einem einem Drittel aus Parkplätzen, einem Drittel aus diversen Seen und Schwimmbecken und einem Drittel aus … äh … Park. Es gab dort einem 1,5 km langen abgesteckten Rundkurs, auf dem wir uns duellieren sollten. Technisch also nicht besonderes anspruchsvoll, zwei etwas engere Kurven, dazu einige engen Passagen, aber im Prinzip ein Rennen der Gattung „Rund um die Mülltonne“ wie sie häufig auch von Vereinen in Deutschland organisiert werden. Ich hatte mein neues Cervelo Rad noch nicht fertig bekommen und stattdessen mein Cannondale R1000 mitgebracht. Man erinnert sich, das grüne Bernsteinzimmer des japanischen Radhandels. Das Cannondale war mein erstes modernes Rennrad – Alurahmen mit einer Ultegra 9-fach Schaltung, was man halt so als ambitionierter Einsteiger fährt ohne gleich negativ („Oh, Du fährst ein Rad mit ’ner 105er Schaltung? Hast Du Deinen Job verloren?“) oder positiv („Dura Ace? Das fahr ich ja nie raus!“) oder gar nicht („Häh, wie heißt das? Campagpolo?“) aufzufallen. Ich hatte seit dem Kauf nur wenige Änderungen vorgenommen. Zunächst einmal hatte ich das Übersetzungsverhältnis geändert. In einem Land mit wirklich vielen Bergen wurde dieses Rad nämlich vorne mit 52/39 Kettenblättern, und hinten mit einer 11/23 Kassette ausgeliefert. Als ich damit zum ersten Mal in die Berge fuhr und selbst in der 39/23 Übersetzung nur noch eine Trittfrequenz von 2 hatte wurde mir klar, dass es nicht ausschließlich an mir liegen könnte. Und dann hatte ich Campagnolo Zonda Laufräder mit G3-Einspeichung verbaut, weil das wesentlich schneller ist die zu putzen. Insgesamt war das Rad OK – aber ich war es leider gar nicht. Ich war untrainiert, fett und hatte mich dann auch noch wie der totale Anfänger angezogen. Mein auffälliges, oranges Euskatel Jersey spannte aber dem Bauch bis zur schwarz/weißen Radhose. Darunter dann zwei Wintergebleichte Kalkweiße, behaarte Beine und als Höhepunkt knatschgelbe Überzieher über den Schuhen. Jeder, der mich da so sah wusste, dass ich keine Chance hätte das Rennen vorne zu beenden. Der einzige der das nicht wusste war ich mit meiner „es ist noch immer gut gegangen“ und „schau wer mal“ Mentalität.

In der D Klasse erschienen 42 Starter. Das Rennen war als Punkterennen aufgebaut; für diejenigen, die sich darunter nichts vorstellen können: Jede zweite Runde bekommt der Erste der das Ziel durchfährt 7, der Zweite 5, der Dritte 4 usw. Punkte. Wer nach 10 Runden die meisten Punkte hat, hat das Rennen gewonnen; bei Punktegleichheit ist der Fahrer der zuerst die 10 Runden absolviert hat vorne. Eine japanische Besonderheit ist, dass alle startenden Fahrer einen Punkt bekommen, so dass keiner mit Null Punkten abschließen muss und sich dann vielleicht schlecht fühlt.

Ich wusste auch aus Erfahrung, dass vermutlich nur 10 oder 20 Fahrer überhaupt in der Wertung Punkte bekommen werden, also im Sprint einmal unter den besten Sechs sind. Daher war meine Strategie nur einmal zu sprinten, ein paar Punkte einzusammeln und dann das Rennen in aller Ruhe zu Ende zu fahren. Na das würde doch dann ein entspannter Nachmittag werden, so wie Napoleon ja auch mit der richtigen Strategie ein paar heiße Nächte in Moskau verbracht hätte. Außerdem dachte ich mir noch, dass bestimmt alle supernervös losfahren würden und versuchen beim ersten Sprint Punkte einzusammeln, so dass ich mich erst einmal dranhänge und dann beim 2. Sprint nach vier Runden zuschlage. Dann wäre ich gerade mal 6 km gefahren und könnte die letzten 9 km gemütlich und unambitioniert nach Hause radeln. Ach so, falls es noch nicht aufgefallen ist: Die JCRC Rennen in Japan sind sehr kurz – 15 km, da lachen viele. Aber der grundsätzliche Gedanke viele kurze Rennen (in Kawagoe insgesamt 19!) mit kleinen Gruppen gleicher Leistung an einem Renntag zu fahren hat schon seinen Charme, im Gegensatz zu einem langem Rennen mit zu vielen Startern die am Ende dann nur in verschiedenen Klassen gewertet werden. Vor allem ist man dann auch schneller zuhause, noch frisch und kann den Tag für andere Dinge sinnvoll nutzen.

Am Start stand ich irgendwo in der Mitte des Blocks und eh ich überhaupt darüber nachdenken konnte nervös zu sein, ging das Rennen auch schon los – natürlich in einem höllischen Tempo auf das ich nicht gefasst war. Heute würde ich sagen, klar, ist ja immer so, selbst bei einer RTF wo es nichts zu gewinnen gibt, aber da ich ja noch keine Erfahrung hatte war ich ….. überrascht …. na ja, eigentlich mehr überwältigt. Zuerst konnte ich noch ganz gut mithalten, aber mit zuerst meine ich auch nur die ersten drei Runden, danach flog ich hinten mit ein paar anderen aus dem Feld raus. Soweit zu meiner genialen Strategie. Nach zwei Runden war an einen Sprint gar nicht zu denken, ich musste einfach nur kämpfen, um im Feld zu bleiben. Und beim nächsten Sprint nach vier Runden war ich ja schon mit sechs anderen Fahrern hinter dem Feld.

In diesem Moment wurde mir dann klar, dass ich nun unbedingt so schnell fahren musste, dass mich das Hauptfeld nicht einholt und überrundet, denn dann drohte mir gleich im ersten Rennen die Disqualifikation und damit das Scheitern meines ganzen Vorhabens. Das Risiko war gar nicht mal so gering, denn die Durchschnittsgeschwindigkeit hier lag bislang bei 45 km/h und die Strecke war eben auch nur 1,5 km lang, ergo 2 Minuten Zeit pro Runde. Von einem entspannten Sonntag wandelte sich das ganze also plötzlich in einen Nachmittag des Überlebens in Verdun.

Jetzt wäre es natürlich toll gewesen, wenn wir uns innerhalb der 6 Fahrergruppe hinter dem Feld immer schön vorne abgewechselt hätten, und wer weiß, vielleicht wären wir sogar noch einmal an da Feld heran gekommen. Aber ich hatte so eine Panik, dass ich fast die ganze Zeit vorne fuhr und mich total sinnlos verausgabte. Hinter mir lachten und schwatzten die anderen 5 Fahrer in meinem Windschatten, am Streckenrand versteckten sich meine Kinder, damit sie nicht mit mir, dem einzigen Ausländer im Park, in Verbindung gebracht würden und meine Frau telefonierte angeregt und lange mit ihren Freundinnen um allen klar zu machen: „Ich bin nicht unbedingt freiwillig hier“.

Nachdem wir dann nach 9 Runden wieder durch das Ziel gekommen waren, war nun klar, dass wir nicht überholt werden würden, oder vielleicht doch: beim ausrollen der Sprinter nach dem Ziel. Die letzte Runde gingen wir dann also gelassener an und ich machte mir zur Aufgabe wenigstens den Sprint der sechs Fahrer zu gewinnen.

Kurz hinter der letzten Kurve, etwa 250 Meter vor dem Ziel zog ich von vorne weg an und schaffte es dann fast. Na, immerhin kam ich als Zweiter der Gruppe ins Ziel und insgesamt als 30. von 38 Fahrern die es in überhaupt in das Ziel schafften. Das motivierte mich wieder ein wenig und ich hatte wie geplant die ersten 60 Punkte auf dem Weg zur Meisterschaft gesammelt, auch wenn es deutlich anstrengender war als geplant.

Mein Sohn, dessen sportliche Gene überwiegend von mir vererbt sind, schlug sich auch etwa so ähnlich wie ich, so dass ich aus Gründen der Barmherzigkeit nicht weiter darüber schreiben möchte. Er könnte auch wesentlich besser fahren, wenn es sich nicht immer beim Start die Ohren zuhalten würde, denn er ist sehr lärmempfindlich und fürchtet sich vor dem Startschuss. Meine Tochter hingegen stand mal wieder auf dem Podium in ihrer Altersklasse. Von unserer gesamten Familie ist sie mit Abstand die sportlich erfolgreichste, wenn auch nicht auf dem Rad, sondern beim Eiskunstlaufen. Und für meine Frau war es ein Sonntag im Park.
A walk in the park, a step in the dark (Nick Straker)

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Übergestern in Japan

Done.

Ich stand September 1979 im Okie Dokie in Neuss, vor mir spielten Katapult aus Berlin harten Punk und hinter mir verschafften sich gerade ein paar Rocker gewaltsam Einlass. Barhocker flogen durch die Luft, eine Massenprügelei begann und ich machte instinktiv das, was harte Punker in diesen Situationen tun: auf die Damentoilette flüchten, raus durch das Fenster, auf das Vordach klettern und die Schlägerei mit einer Flache Bier in der Hand entspannt vom Vordach aus zu betrachten. Mein Puls war immer noch auf 190 und ich hatte ziemlich Schiss, dass einige von denen dort unten den Weg zu mir finden würden. aber ich wusste auch: So sollte mein Leben werden: Adrenalin bis zum Anschlag. So kam ich zum Radsport.

Ok, ich gebe zu, dass ist nicht der typische Anfang für ein Buch über den Radsport. Klassisch ist, dass Papa auch schon Rad gefahren ist (das stimmt, aber es war halt ein Klapprad und er fuhr fast immer mit Hemd und Krawatte), dass man schon mit zwei zum ersten Mal auf dem Rad saß und Rennen rund um den Sandkasten im Kindergarten fuhr und dann mit drei sein erstes Rennrad bekam. Aber all das war bei mir nicht der Fall. Ich war ein langweiliger Junge aus einer langweiligen Stadt: Mönchengladbach; Ich bekam mein erstes Rennrad mit dreizehn, ein Motobecane. Also, ich glaubte jedenfalls, dass es ein Rennrad sei, wurde aber zehn Jahre später eines besseren belehrt als ich es zur Reparatur zu Radsport Lenzen in Aachen brachte.

„Wir reparieren so was nicht, das ist kein Rennrad.“
„Klar ist das ein Rennrad, wieso denn nicht?“
„Also pass mal auf. Stell Dir vor Du bist auf einem Formel Eins Rennen auf dem Nürburgring. Wir sind in der Box und warten darauf, dass unsere Boliden zum Reifenwechsel reinkommen. Und dann fährst Du mit Deinem Trecker vor. Und jetzt raus!“

Radfahren machte mir Spaß, also die 800 Meter von zuhause zur Schule. Ich war nicht besonders sportlich, spielte Tischtennis und dazu Basketball beim Post SV, dem Looserclub aus unserer Stadt. Mein größter sportlicher Erfolg war ein siebter Platz bei den Schachmeisterschaften meines Gymnasiums in der 6. Klasse. Und trotzdem wurde ich 2008 als erster Ausländer japanischer Meister der D Klasse in der Serie des JCRC. Das JCRC steht für Japan Cycle Recing (ja wirklich) Club Association und vierzig Jahre lang hatte der JCRC Rennen in Japan organisiert. Wie war das nur möglich?

1998 ging ich aus beruflichen Gründen nach Japan und blieb dort die nächsten zwölf Jahre. Beim Arbeiten in Japan ist der Puls entweder auf 180, weil da nun einmal oft Dinge passieren die man nicht versteht und die einen wahnsinnig aufregen. Oder eben auf 50 weil man gerade mal wieder in einer Besprechung eingeschlafen ist. Ein 180er Beispiel gefälligst?

Wir hatten einmal im Büro Besuch aus der Schweiz und ich fragte den Manager, was er gerne trinken würde. Normale und höfliche Menschen sagen dann „ein Glas Wasser“, oder „egal, was immer sie haben“, oder „Kaffee“ oder „Tee“, gefolgt von einem „bitte“, aber der hier war eben nicht normal sondern ein hochrangiger Cheftyp aus dem Elfenbeinturm inmitten der Berge und der meinte nur „Bringen Sie mir ein Glas Grapefruchtsaft.“ Also ging ich raus zu meinen Leuten und sagte zu Herrn Kamoshita:

Herr Kamoshita, tut mir wahnsinnig leid, aber unser Gast aus der Schweiz würde sehr gerne Grapefruchtsaft trinken. Würde es Ihnen etwas ausmachen kurz runter zum Supermarkt zu gehen und eine Literpackung Grapefruchtsaft zu kaufen?“
„Kein Problem, Chef.“

Ich ging zurück in die Besprechung und nach einer Weile kam auch Herrn Kamoshita rein mit einer Literpackung Orangensaft.

„Tut mir leid, es gab keine Literpackung Grapefruchtsaft, da habe ich eine Literpackung Orangensaft gekauft, ich hoffe das ist OK.“

Klar war das OK, unser Gast war auch zufrieden und wir setzten die Besprechung fort. Weil ich das aber irgendwie komisch fand, ging ich danach runter in den Supermarkt und schaute mal selber nach. Und richtig, es gab dort keine Literpackung Grapefruchtsaft. Halbe Liter aber jede Menge. Das, erklärt in wenigen Worten, ist Japan.

Nachdem ich mich jahrelang zu viel aufgeregt hatte, oder zu viel eingepennt war verlor ich 2008 meinen Job und musste mich nach anderen Aktivitäten umsehen die meinen Adrenalinspiegel wieder auf ein angemessen hohes Niveau brachten. In der Zwischenzeit besaß ich ein sehr schickes Cervelo Soloist Rennrad, war fast jedes Wochenende in den Bergen westlich von Tokyo unterwegs und hatte auch schon an ein paar JCRC Rennen teilgenommen. In dem sehr komplizierten Klassensystem des JCRC war ich dadurch von X wie Anfänger in die D Klasse aufgestiegen. Man steigt da jeweils eine Klasse, bzw. einen Buchstaben auf in dem man unter die ersten sechs bei einem Rennen kommt. Jetzt ist das aber nicht so, dass ich so toll war, denn wenn man in X anfängt kommt man nach dem ersten Rennen nicht in die W Klasse, wie man jetzt denken könnte.
Es sei denn durch eine Geschlechtsumwandlung, denn W ist die Frauenklasse (Women).

Nein, logischerweise geht es dann weiter mit F (weiter, äh feiter) . Ich weiß auch nicht warum, aber ich kam gleich in die E Klasse (Error) und dann war ich einmal mit viel Glück unter den ersten sechs in einem Rennen und stieg in die fand mich dann in D (da!) wieder. Kurz zur Info, nach D kommt dann wie erwartet C, B und A und dann, festhalten die „SA“ Klasse, gefolgt von der höchsten Klasse, der „SS“. Japan eben.

2008 veranstaltete der JCRC elf Rennen in der D Klasse, ich hatte mir die Teilnahmebedingungen auf japanisch komplett durchgelesen und festgestellt, dass wenn ich alle Rennen mit- und zu Ende fahren würde, gute Chancen hätte D Meister zu werden, und das begehrte JCRC Meister Jersey zu bekommen. Das ganze wurde noch dadurch komplizierter, dass ich auf keinen Fall in einem Rennen, bis auf das letzte der Saison, unter die ersten sechs kommen durfte. Denn dann hätte ich ab dem nächsten Rennen in der C Klasse starten müssen und da wäre ich dann komplett chancenlos gewesen.

Nun war ich wirklich kein guter Radfahrer, und schon gar nicht in Japan. Es war schon schwer genug, dort überhaupt ein Rad zu bekommen. Mein erstes Rad, ein Panasonic Stahlrahmen war eine Maßanfertigung, bei meinem zweiten Rad, einem Cannondale R1000 war der Verkäufer so glücklich überhaupt ein Rad in Rahmengröße 60 in ganz Japan aufgetrieben zu haben, dass er völlig irritiert von meiner Frage war, ob es das auch in einer anderen Farbe gäbe.


„Hey, ich habe das Bernsteinzimmer gefunden, und Sie können das für 1.000 € haben“
„Gibt’s das auch in ’ner anderen Farbe?“

Rahmen hören in Japan bei Größe 54 auf. Darüber wird es schwierig. Panasonic hat mal 1988 ein lustiges Werbevideo über einen 2 Meter großen Afrikaner gemacht, der ständig gegen den Türbalken läuft, nicht in die Badewanne passt und dem die Bettdecke einen halben Meter zu kurz ist, aber Panasonic baute das richtige, große Rad für ihn. So ähnlich war das auch bei mir.

Zudem ist Japan geographisch ja so ähnlich wie Lummerland: Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer. Die Radrennen sind dementsprechend auf sehr hügeligen Strecken und es ist von Vorteil wenn man da klein ist und nicht viel Gewicht auf die Waage bringt. Meine Konkurrenz wog im Mittel etwa halb so viel wie ich, was sich als ganz entscheidender Nachteil herausstellen sollte – Berghoch waren die doppelt so schnell. Bei einem meiner ersten Rennen verlor ich bereits in der neutralisierten Phase den Anschluss, als es den Berg hochging.

Kurzum, ich war nicht sehr sportlich, ziemlich schwer, hatte wenig Rennerfahrung auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war ich aber auch intelligent. Ich meine, die Firma hatte mich in Japan ja nicht angestellt, weil ich so gut Fußball spielen konnte, sondern weil ich ein toller Ingenieur war. Also, das glaubte ich zumindest. Und intelligente Menschen lesen eben erst einmal die Gebrauchsanweisung und ziehen den Stecker, bevor sie mit nassen Händen in den Toaster packen um ihn sauber zu machen. Und ich las die Teilnahmebedingungen und wusste, dass ich eine Chance beim JCRC hatte.

Die ist die Geschichte wie ich es (spoileralert) schaffte als unerfahrener, unsportlicher, schwerer Radfahrer japanischer D Meister zu werden. Alles an dieser Geschichte ist komplett wahr. Bis auf die Dinge die ich mir komplett ausgedacht habe.



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