Drei Farben. Schwarz.

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Das ist nicht der vierte Teil der Spielfilm Triologie des polnischen Regisseurs Kieslowski, der je einen Film zu den Farben, Blau, Weiß und Rot gedreht hat. Das ist die Geschichte eines italienischen Rennrads für Tanja, das zwar „Neri“ (schwarz) heißt, aber strahlend rot ist.

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Vor dem Kolumbarium schaut die gestrenge Göttin des Radbaus kritisch auf das ihr dargebrachte Opfer.

Tanja ist die Frau von Hannes, mit dem ich gerne und oft radfahre. Hannes hat mich mitgenommen nach Lauenau, auf den roten Fuchs und dieses Jahr auf die RTF nach Northeim, ein nasses Erlebnis der ganz besonderen Art. Im Laufe des Herbsts kam die Idee auf, ein Rad für Tanja zu bauen. Wie so oft fängt der Aufbau mit dem passenden Rahmen an, wobei wir hier etwas in Größe 48 suchten, gar nicht so einfach etwas zu finden. Hannes machte verschiedene Vorschläge, die ich mehr oder minder brüsk ablehnte, was mir natürlich leid tut. Es ist von großen Nachteil, wenn man sich viel mit Rädern beschäftigt, weil man dann zwangsläufig sehr, sehr wählerisch wird. So erscheint es mir heute grotesk, eine Dreifachkurbel an eines meiner Räder zu schrauben, während ich noch vor fünf Jahren aus Freunde über die zusätzlichen 10 Gänge vermutlich in die Luft gesprungen wäre. Oder einen französischen Rahmen zu kaufen, an dem jedes Gewinde dem falschen (nämlich dem richtigen, dem metrischen) Maßstab huldigt. Jedenfalls gab es immer einen wichtigen Grund, warum Hannes Vorschläge nicht akzeptabel waren, was ihn wohl so weit zur Verzeweiflung getrieben hat, dass er, als mir bei dem Angebot eines Neri Rahmens nur ein „ist schön, aber zu teuer“ herauskam, er innerhalb von Sekunden die Sofortkauf Option bei Ebay wählte und das Teil wenige Tage später bei ihm zu Hause war.

Hannes und Tanja luden mich zu sich nach Hause ein, wo ich das gute Stück wertschätzen sollte. Es sah aber auch prinzipiell lecker aus, nur ein wenig ungepflegt. Also verdonnerten wir Tanja, um auch die emotionale Bindung zu ihrem neuen Rad zu stärken, den Rahmen ordentlich zu waschen und zu schruben und dann mit Politur auf Hochglanz zu bringen. Danach sah der Rahmen dann wirklich lecker aus und ich hatte ein wirklich schlechtes Gewissen, doch dazu später.

Das ist das zweite Neri Rad an dem ich baue, das erste, einen sehr schönen blauen Rahmen , habe ich vor ca. einem Jahr für Andreas aka Umberto zusammengesteckt.

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Guido “Romolo” Neri war ein italienischer Rennradfahrer, der zwischen 1959 und 1970 in verschiedenen Pro-teams fuhr und immerhin am Giro d’Italia, der Tour de France und anderen großen Rennen siner Zeit teilnahm. Nach dem Ende seiner Karriere eröffnete er 1979 einen Radladen in seiner Heimatstadt Cesena (Emilia Romagna), Cicli Neri existiert noch heute. Eigene Rahmen wurden hier nicht hergestellt, aber da die Region reich ist an vielen bekannten und weniger berühmten Rahmenbauern, wurden dort Rahmen ein- und unter dem Namen Neri verkauft. Im Netz findet man ab und an noch ein paar Bilder, aber selbst bei Pedal Room ist derzeit nur ein einziges Neri zu finden.

Der Plan für Tanjas Rad war, eine komplette Shimano 9-fach Gruppe, die ich von dem Faggin Rad von Cobra abgebaut hatte, als es zum Single Speed umgebaut wurden, an Tanjas Rad zu verbauen, inklusive der Laufräder. Leider gab es aber an diesem Rad zumindest eine Komponente, die nie wieder verbaut werden sollte, uns zwar eine äußerst unschöne moderne Stronglight Kurbel mit ISIS Aufnahme. Also musste noch ein wenig Geld in die Hand genommen werden, um eine neue Shimano Ultegra 6500 Kurbel zu kaufen – eine Kurbel die ich wirklich sehr, sehr schön und schlicht finde. Das letzte was Shimano Kurbelmässig noch schönes gebaut hat.

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Shimano Ultegra 6500 Kurbel mit Cobra Stronglight Kettenblättern

Die 9-fach Gruppe besteht aus einem Mix von Shimano 105er Teilen (Schaltwerk, Umwerfer, Kassette) und Tiagra STI Schalt/Bremshebel mit Wäscheleinen. Dazu gibt es Bremsen von Promax (bei denen man sofort nach Erhalt das Logo wegradieren muss, damit diese legal an Neoklassikern verbaut werden dürfen) und simple aber stabileLaufräder von Shimano. das Piece de la resistance ist ein Dura Ace Schnellspanner, so dass wirklich alle ernsthaften Shimano Gruppen an diesem Rad mindestens einmal vertreten sind.

Nachdem die Funktion geklärt war, machten wir uns an das Design. Neben der Hauptfarbe Rot des Rahmens, waren die meisten Komponenten eine Kombination aus Silber und Schwarz und die Decals Weiß – wie sollte also der Rest werden. Wir drei waren uns einig, das die einfachste Lösung, nämlich Lenker, Lenkerband und Zughüllen entweder weiß oder schwarz zu machen strikt abzulehnen sei. Schwarz war einfach zu einfach und weiß zu unpraktisch, auch wenn das den besten ersten Eindruck hinterlassen hätte. Rot, das wusste ich aus, geht Erfahrung, geht auch gar nicht an einem roten Rad, da man keine Chance hat die exakte Farbbnuance zu treffen.

Wie schon gesagt, ich hatte ein schlechtes Gewissen und deshalb schlug ich vor, einmal ein paar farbige Lenkerbänder etc. zu kaufen, so dass wir diese an das Rad halten und uns dann entscheiden, wenn wir das gesamte Bild vor Augen haben. Also kaufte ich dunkelblau,hellblau, Dunkelgrün und hellgrünes Lenkerband samt den zugehörigen Bremshüllen und den entsprechenden Zughüllen. Danach war mein Keller wieder komplett voll mit Zeug. Aber es ist noch nicht einmal möglich diese relativ simplen Farben gut auseinander abgestimmt zu kaufen. Das dunkelgrüne Lenkerband von BBB hat exakt die gleiche Farbe wie das apfelgrüne von Fizik. Das schränkte dann die Möglichkeiten etwas ein. Und noch tagelang, wenn ich in den Keller ging, hatte ich etwa das folgende Bild vor Augen.

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Mein Keller vor dem Zusammenbau

Nur noch mit mehr Farben.

Eines Abends trafen Hannes und ich mich bei mir im Keller und legte farblich Hand da den Neri Rahmen an. Wir hielten Lenkerband und Zughüllen an den Rahmen und Hannes machte jeweils ein Photo und schickte es an Tanja, dies es dann per What’s app kommentierte. Das klingt jetzt sehr kompliziert und aufwändig und ich bin froh, dass ich von den beiden nicht gezwungen wurde das Lenkerband auch noch zu wickeln und die Züge komplett zu verlegen. Aber im Grunde war die Entscheidung schon vorher klar, denn Tanja hatte schon die prima Idee geäußert die Farben der italienischen Trikolore nachzuempfinden: Grün, weiß und rot; letzteres bereits durch den Rahmen ausreichend vertreten.

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Bitte die Bilder ansehen und dazu diese Musik hören. Ciao, Italia.

Angeblich soll ja auch mal kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bei einem Besuch eines deutschen Politikers im Ausland das folgende gespielt worden sein, weil das Gastland fälschlicherweise annahm, dass dies eben die neue deutsche Nationalhymne sei. Auf Wiedersehen, BRD.

An dem Abend haben Hannes und ich dann das ganze Rad fertig zusammengebaut.

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Wie immer brauchte da viel mehr Zeit als gedacht, so dass Hannes erst sehr spät nach Hause kam. Er parkte das Neri Rad im Schlafzimmer, so dass es Tanja nach dem Aufwachen direkt als erstes ins Auge fiel. Ich wünschte meine Frau würde das auch tun, mit den Rädern die sie für mich baut. OK, wenn ich so drüber nachdenke, würde ich mich schon über ein gemachtes Frühstück ziemlich freuen.

Hier noch ein paar Eindrücke:

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Das ganze Rad muss jetzt noch auf Komfort getunt werden, damit es auch oft und gerne gefahren werden kann. Die ersten Ausfahrten sind bereits gemacht, und jetzt wird gefrickelt bis es passt.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter 2015, Hannes, Mob, Neri Tricolore

5 Antworten zu “Drei Farben. Schwarz.

  1. schön!
    das schreit ja nach diesem sattel:

    …oder nem grünen supercorsa
    🙂

  2. Hannes

    Vielen Dank für die spannenden Stunden beim Aufbau des Neri-Babys und die vergnügliche Morgen-Lektüre! Gruß Hannes

  3. alex

    …sehen wir mal vom verbauten Sattel ab, was ja wohl ein Mädchensattel sein wird, gefällt mir diese neuealte Rennmaschiene genauso gut, wie jene Filmtriologie.

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