Union. Oder der Optimismus.

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„Was ist das – Optimismus?“, fragte Cacambo in Voltaire’s Candide, „Ach“, erwiderte Candide, „das ist der Wahnsinn, zu behaupten, dass alles gut sei, auch wenn es einem schlecht geht.“ Und so sind wir weiter optimistisch, dass an den Rädern die wir besitzen, immer noch ein wenig verbessert werden kann.

Im Winter 2011 kaufte ich mir einen hellblauen Union Sapporo Rahmen, um daraus ein Fixie zu bauen und zwar mein erstes. Fixies hatten mich vorher nie interessiert, ich hatte die üblichen Vorurteile: Warum auf 20 Gänge verzichten, wenn man sie so einfach haben kann? Warum durch die Kurve treten und sich gut langzumachen? Und was passiert wenn ich mal wieder vergesse, dass ich auf einem Fixie sitze und aufhöre zu treten? Und außerdem wollte ich Bremsen und das geht ja kulturtechnisch nicht an einem Fixie.

Vier Jahre später ist das Union Fixie das Rad, mit dem ich die meisten Fahrten mache. Und es gibt nun wirklich verdammt viel Auswahl in der Garage. Nein, nicht die meisten Kilometer, aber die meisten Fahrten: Morgens zur Arbeit, ab und an in die Stadt, zum Sport, zu Besuchen in Unternehmen und abends wieder nach Hause. Auf Bremsen habe ich nicht verzichtet, denn ich habe Familie und ansonsten mag ich die etwas andere Dynamik des Fahrens: Ich schaue weiter nach vorne, bremse weniger abrupt, lasse das Rad mehr rollen und laufen. Es ist ein Unterschied etwa wie zwischen Inglorious Bastards und Marie Antoinette. Beides sind gute Filme, der erste zappelt mehr, der zweite fließt so dahin.

2012 bin ich, etwas zu optimistisch mit dem Union die 210 km Strecke auf dem Bremer Marathon gefahren, aber auch das ging irgendwie: Nach 150 km habe ich zum einzigen und letzten Mal geschaltet, das Hinterrad umgedreht und bin im Freilauf zum Ziel gefahren.

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Bremen Marathon 2012

Wie alle meine Räder, die ich gerne und oft fahre behandele ich auch das Union Fixie nicht mit Samthandschuhen. Räder die ich fahre sollen auch so aussehen, als wenn sie gefahren werden. Es gibt geputzte Showräder in der Garage, es gibt super-sensible Vitrinenräder in der Garage meiner Eltern die ich nie fahre, aber mein Canyon und das Union gehören nicht dazu. Sie sind dazu da gefahren zu werden, da darf man nicht heulen, wenn am Rahmen mal wieder eine neue Schramme dazu kommt. Oder zu verzweifeln weil es angefangen hat zu regnen.  Ich kann auch nicht jedes Mal putzen, wenn sie dreckig sind. Da ich mit dem Rad auch in die Stadt fahre, darf es ohnehin nicht zu gut aussehen.

Aber: Sie müssen funktionieren und perfekt laufen, die Kette muss gut geölt sein, die Bremsen perfekt eingestellt sein, genau richtig viel Luft im Reifen vorhanden. Darauf achte ich. Und natürlich gibt es immer noch etwas zu verbessern, sowohl an der Funktion, als auch am Aussehen. Und es ist der Optimismus, der uns weiter antreibt immer noch mal wieder zu schrauben und zu versuchen etwas besser zu machen. Ich wäre sehr naiv, wenn ich schreiben würde, dass das Union Fixie, so wie es heute ist, endgültig fertig ist. Ich habe schon wieder zwei drei neue Ideen, die ich umsetzen möchte. Klar, das Rad ist perfekt, aber trotzdem. etwas geht noch. Nun ist es aber oft keine gute Idee etwas noch besser machen zu wollen, denn das führt sehr oft dazu, dass teure und seltene Komponenten verbaut werden, die das ganze zwar viel schöner, leichter oder von mir aus besser machen, aber leider, leider steigt somit auch der Angstpegel, das etwas kaputt geht. Zuguterletzt hat man dann ein superschönes Rad, mit dem man sich nicht mehr traut zu fahren. Ich habe zum Beispiel einen sehr schönen Satz Spinergy Rev X Räder, den ich etwa dreimal im Jahr aus der Laufradtasche nehme, anschaue, überlege was ich damit machen könnte, bevor ich kurz aufstöhne und die wieder in die Tüte stecke. Kurz und gut, es muss die Balance gewehrt werden zwischen schön und funktionell auf der einen, und Lust sich drauf zu setzen und einfach loszufahren durch Regen und Matsch auf der anderen Seite.

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Union 2011

Vor vier Jahren war mir noch nicht klar, wie viel Zeit schlechtes Wetter in Bremen verbringt. Schutzbleche fand ich äußerst uncool und das höchste der Gefühle waren SKS Raceblades, also Schutzbleche die man schnell abmontieren und aus dem Sichtfeld bringen konnte.Wichtiger war mir damals, warum verstehe ich auch nicht mehr, alles mal mit Campagnolo zu bestücken. Vielleicht dachte ich, dass das bei einem Fixie billiger wird, weil ich keine Schaltung brauche. Jedenfalls kamen da erst einmal Super Record Bremshebel, Gran Sport Bremsen und eine zeitlich nicht passende Centaur Kurbel ran. Das funktionierte gut. Weniger gut war die Idee mit Halben Haken von MKS zu fahren – diese sind total unveträglich mit meinen spitzen Joe Jackson Look Sharp! Schuhen. Der Gimondi Lenker von 3ttt mit Modolo Vorbau (mochte ich wegen der Ähnlichkeit des Logos mit Mosburger) war auch alöles andere als bequem, da die Biegung des Pberlenkers sehr früh nach unten beginnt. Und die Veloflex Reifen sehen zwar in Rot mit Naturflanke toll aus, waren aber schon nach wenigen Kilometern in der Stadt hinüber. Und so waren schon zwei Monate später rote Contis drauf – und die Haken weg. Und so war der erste Aufbau gut, aber eben nicht perfekt.

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Union 2012

Kurze Zeit später montierte ich dann die unpraktischen MKS Sylvan Pedalen, die man nur auf einer Seite fahren kann ab und montierte stattdessen ebenso unpraktische Shimano Pedale für das SPD System auf der einen, und normale Schuhe auf der anderen Seite.  Zu dem Nachteil der Unpraktischkeit kommt hier noch der Nachteil des schlechten Aussehens. Im selben Jahr hatte ich dann einen meiner wenigen Radunfälle als ich von einem abbiegenden Auto geschnitten wurde. Der Arsch! Da spielt es ja wohl auch keine Rolle, dass ich auf der falschen Strassenseite ohne Licht und leicht betrunken fuhr, etwas was in Japan ca. 80% aller Radfahrer permanent machen – und hab dabei noch nicht mal Videos auf meinem Handy geschaut. Jedenfalls erwischte es mich hart. Nein, nein, ich war körperlich ganz OK, aber von allen Teilen an dem Union wurde ausgerechnet und nur einer der beiden Super Record Bremshebel beschädigt. das mit Abstand teuerste Teil am ganzen Rad.

Ende 2012 bekam ich dann Lust auf was neues. Ich hatte mir bei Fyxomatosis in Australien ein 48er Kettenblatt für das Union bestellt, das wurde dann montiert mit einer Dura Ace Kurbel. Und mit MKS Stream wurden dann auch die Pedalen gefunden, die ich heute an fast allen Rädern mit Straßenschuhen fahre.

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Union Ende 2012

Von einer 52/17 auf eine 48/17 Übersetzung umzusteigen war etwas gewöhnungsbedürftig. Sehr gewöhnungsbedürftig war es auch für eine Shimano Kurbel auf ein ISO Campa Lager montiert zu werden, das ging alles gar nicht und kam alles wieder runter. Die Campa Kurbel kam wieder drauf und das hielt dann alles erst einmal bis 2014.

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Union 2014

Das Wetter in Bremen wurde auch nicht besser über die Jahre.Ich montierte einen besseren Satz Laufräder mit schicken, roten Novatec Naben auf die ich Panaracer Pasela 700x28c montiert hatte um dem Wetter Herr zu werden.  Die Gran Sport Bremsen wurden ersetzt durch eine moderne Dual Pivot Campa Athena vorne und eine Shimano 600 Arabesque hinten – die Bremse da muss dummerweise langschenklig sein. Alle Bremsen werden mit Muttern am Rahmen befestigt und brauchen daher lange Achsen, so dass ich die Athena umbauen musste. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Bremshüllen durch rot-transparente mit Flechtgewebe ersetzt.

Den Vorbau ersetzte ich ebenfalls durch einen viel schöneren von SR mit Ausfräsungen, die in den olympischen Farben ausgelegt sind, dazu kam ein wesentlich bequemerer Nitto Mod. 55 Lenker. Auf dem Foto kann man auch die Schutzbleche erkennen und wie mies die an sich sind.

Das Union fuhr und fuhr bis in das Jahr 2016, aber es gab wieder eine Menge Dinge mit denen ich unzufrieden war und die wieder geändert werden mussten.

DSCF2229 Heute fahre ich mit Honjo Testach Schutzblechen, das ist für Bremen ein Muss. Im Gegensatz zu den SKS Raceblades klappern die nicht, schieben sich nicht ständig an den Reifen ran und müssen korrigiert werden und schützen außerdem tatsächlich vor Spritzwasser, im Gegensatz zu dem SKS Zeuch. Zwischendurch hatte ich einmal einen Flaschnenhalter, eine Satteltasche und anderen Firlefanz drangebaut, all dies ist wieder weg bis auf Tacho, Klingel (ganz klein) und ein japanisches O.Mamori für Verkehrssischerheit ohne das es nun einmal wirklich nicht geht.

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Union 2016

Zwischendurch hatte ich als Reifen Schwalbe Lugano in Kombination mit Michelin Dynamic Classic montiert, jetzt habe ich einmal tiefer in den Beutel gegriffen, hoffentlich ohne die Balance zu zerstören und Challenge Criterium montiert. Das Gefühl nach den erste Ausfahrten ist wirklich gut, das ist zwar nur ein 23er Reifen, denn größeres schafft es zumindest vorne nicht unter die Schutzbleche, aber das Fahrtgefühl verändert sich deutlich zum mehr komfortablen im Vergleich zu den steiferen Michelin Reifen.
Als Lenkerband habe ich einmal das neue Rose Band verbaut. Das ist leider deutlich weniger schön als das BBB Race Ribbon, was ich am liebsten benutze und was sich ganz hervorragend wickeln lässt. Zuguterletzt habe ich eine Carbonkurbel montiert, damit ich wieder das 48er Kettenblatt fahren kann, diesmal in der Übersetzung 48/18. Das ist unendlich einfach zu treten, hat aber den Vorteil, dass man die Frequent gut erhöhen muss um vorwärts zu kommen, was sicherlich im Winter keine schlechte Idee ist.

Die Carbonkurbel kommt sicherlich wieder runter. Aber ansonsten ist das Rad jetzt erst einmal perfekt eingestellt und läuft ebenso. Aber natürlich ist das alles immer noch nicht gut genug. Die Sattelstütze ist ja doch ziemlich hässlich. Und die Übersetzung könnte auch auf 48/17 oder 48/16 geändert werden. Und der Schlauch mit dem langen Ventil vorne muss unbedingt gewechselt werden.

Aber sonst ist es fast perfeckt. Oder bin ich da jetzt zu optimistisch?

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 2016, Mob, Union

2 Antworten zu “Union. Oder der Optimismus.

  1. alex

    Moin moin, habe zwar kein Fixi aber mein Singlespeed wurde und wird wohl auch nicht geschont. Eventuell könnte heute eine Ausfahrt anstehen. Das Wetter ist zumindest hier bombe!
    Viel Spaß noch mit Deinem „Gerät“!

  2. Pingback: 12.000 km 2016. | there is no "I" in cyclyng

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