Great derailleurs. Great brands.

Einer der wichtigsten Tage überhaupt in meinem Leben war ein Tag im September 1979. Martin aka „der Junge“, von späterem EA80 Ruhm, nahm mich mit in das Okie Dokie nach Neuss, um ein Konzert zwei Berliner Bands zu sehen: Auswurf und Katapult.

Bis dahin hörte ich Musik, die man als „größtenteils harmlos“ bezeichnen kann. Ich hatte immer ein, zwei Bands, von denen ich mir alles kaufte: Beatles, Bob Dylan, Neil Young, auch einmal Blue Öyster Cult, aber nach diesem Konzert wanderte erst einmal alles in die Tonne.  Punk begann mich zu interessieren, als die erste Nina Hagen Band LP erschien – auch die hörte ich von Martin auf einem Walkman – war ich wie weg von der Energie und Rotzigkeit die Nina Hagen ausstrahlte.

Auswurf und Katapult, musikalisch wirklich nicht erste Wahl, gaben mir den Rest, sozusagen die Energie den Schritt über eine unsichtbare, weiße Linie zu wagen. Es war weniger die Musik, noch die Texte „Schmeiß den Molli…“ sondern die Atmosphäre im Okie Dokie, Pogo vor der Bühne, die Angst davor, dass die „La Cada“ Rocker auftauchen würden.

Der Höhepunkt des Abends war, als La Cada dann ernst machte und sich gewaltsam Einlass verschaffte. Es folgte eine große Prügelei, Martin und ich flohen auf die Damentoilette. von dort aus durch das Fenster auf das Dach des Okie Dokies, wo wir uns alles in Ruhe ansahen bis die Polizei kam. Danach hauten wir ein paar Stühle kaputt und rannten mit Stuhlbeinen in der Hand durch die Kneipe, allzeit bereit eindringenden Rockern richtig eins auf die Fresse zu geben, oder, für den Fall, dass es mehr als zwei waren, schnell wieder auf die Damentoilette abzuhauen.

Dem Ratinger Hof wird meiner Meinung nach etwas zu viel Kultstatus gegeben. Klar, es war der erste , wichtige Laden für Punks in Düsseldorf, aber viele Konzerte, sowohl von englischen, als auch von heimische Bands, fanden im Okie Dokie statt, das auch viel länger Bestand hatte. Das Okie Dokie wurde aber von Hippies geführt und da gab es auch Jazz und Folk und alle möglichen Dinge die nicht OK waren. Dachten wir damals. Aber im Okie Dokie gab es auch das einzige Crass Konzert in Deutschland, das Abschiedskonzert von ZK, die einstürzenden Neubauten, Discharge, die Buttocks und viele lokale Bands spielten dort auf Festivals. So auch wir mit EA80 zum ersten Mal auf dem Schmierfestival. Das Okie Dokie hat mich deutlich mehr geprägt als der Ratinger Hof, der später mehr ein Treffpunkt als eine Konzerthalle war.

Nach diesem Konzert fuhr ich fast jede Woche Samstag mit Martin im Zug nach Düsseldorf um im besten Plattenladen dort, dem Rock On Platten zu kaufen. Das Rock On konnte man zu Fuß schnell vom Hauptbahnhof aus erreichen. Die Betonung lief auf schnell. Denn sobald wir aus dem Zug heraus waren, gingen wir irrsinnig schnell Richtung Rock On. Wir konnten es einfach nicht erwarten und wir hatten unheimliche Angst, dass vielleicht eine der wichtigen, neuen Singles dort bereits weg verkauft wurde bevor wir eintrafen. Singles waren sowieso wichtiger als LPs.

Im Rock On Stunden zu bleiben und alle Kästen durchzuwühlen war großartig. Unabhängig von der Musik war es der Beginn einer langen Leidenschaft: Dinge zu sammeln und zu ordnen. Wir hatten wenig Geld, deswegen mussten wir immer gut überlegen, was wir kaufen, denn zunächst ging ja einmal Geld für das Zugticket und später dann für ein Stück Pizza in der Altstadt drauf.

Wichtiger als Pizza Essen: Die Strafe des Luxus.

Im Rock On kaufte ich mir ein ein photokopiertes Heft „Great Bands, Small Labels“.

Das war der Versuch von zwei  Sammlern (ich glaube einer von denen war Mike Korbik, der auch später bei den „Les black Carnations“ auftauchte) alle bis dato auf Independent Labeln erschienenen Singles und LPs des Punk/New Wave Genres zu erfassen. Es gibt wohl kein Buch, das ich mehr gelesen habe als dieses, ich kannte das quasi auswendig. Im Text wurde dann immer markiert welche Singles etc. ich gekauft hatte. Oder alle deutschen Veröffentlichungen hatte ich auch gemarkert, weil ich die irgendwann einmal alle besitzen wollte. Aber dann kam die neue deutsche Welle und machte dieses Vorhaben sinnlos. Erstens wurde die Masse an Platten zu groß und es war einfach unsinnig LPs von Hubert Kah oder ähnlichen Schwachmaten zu besitzen.

Wie überhaupt systematisch zu sammeln ein sehr frustrierendes Unterfangen ist. Allein aus Gründen der Vollständigkeit kauft man eben alles von einer Band, aber je älter die Band umso mehr Schrott ist in der Regel dabei. Von den Sex Pistols, Ruts, Undertones oder Dexys Midnight Runners braucht man jeweils genau ein Album. Von den Stranglers drei oder vier.

Das war auch letztendlich das Problem der Punkmusik – es gab keine neuen, guten Bands mehr. Wenn ich heute alte Sounds Musikzeitschriftausgaben von 1980 anschaue, dann war es einfach unglaublich wie viele gute Platten in einem Monat herausgekommen sind. Die Reviews waren voll von Neuerscheinungen von denen mir noch heute viele lieb sind.

Aber irgendwann wurde es dünner und die Wahrscheinlichkeit etwas sehr durchschnittliches zu kaufen, sagen wir mal z.B. Newtown Neurotics oder Toy Dolls, wurde immer größer. Oder man landete in langweiligen Konzerten, wie z.B. bei UK Decay im Okie Dokie. Oder bei Red Crayola! Nun konnte man das aber nicht zugeben, dass das alles Schrott war, denn man war ja die Sperrspitze der Avantgarde und so schleppte man sich mühselig von Konzert zu Konzert, ab und an neue Motivation findend, aber größtenteils enttäuscht werdend von Konzert zu  Plattenladen nach Hause. Ab und an tat ich Dinge die ich nicht tun durfte und stellte fest, das die Spaß machten: Kim Wilde im Konzert war göttlich, ein Meer von kreischenden, kleinen Mädchen, Plüschtieren und Rockmusik.

Kim Wilde zu Beginn ihrer Karriere immer gestreift.

Später habe ich angefangen Bücher von guten Autoren zu sammeln (Tom Wolfe, Julian Barnes, Donald Richie, Raymond Chandler, z.B.) aber auch da gab es das gleiche Problem wie bei der Musik: wenig gutes, viel Schrott. Dafür habe ich jetzt aber dann über einen Meter Emilie Zola Rougon Macquart Geschichte im Regal.

Oder Ema (絵馬), das sind japanische Votivtafeln , die man an Schreinen oder Tempeln kaufen kann . Vorne ist ein Bild, und hinten schreibt man seinen Wunsch hin und hängt die Ema am Schrein auf.

Aber auch hier das gleiche Problem: Der Wunsch möglichst viel zu besitzen führt dazu, dass man immer Emas kauft wenn man die Möglichkeit hat. Man ärgert sich über die teuren, die häßlichen, die unnötigen die zuhause in der Sammmlung sind.

Lustigerweise geht es mir genauso beim sammeln von Radkomponenten. Ich habe zum Beispiel eine komplette Sammlung aller Campagnolo Monoplaner Bremsen in allen Variationen. Aber ehrlich gesagt sind Chorus und Athena Varianten sehr schön, während Veloce und Mirage dies eher nicht sind.

Nun gibt es wieder die Versuchung mit dem Sammeln anzufangen: dem Sammeln von Schaltwerken:

In 2 Bänden in Japan erschienen, geschrieben von Hideki Sasaki und bis vor kurzem bei Compass erhältlich.

Oder eben für Campagnolo.

Mit zunehmendem Alter erkennt man die Muster in seinem Leben. Mein Muster ist es nicht Punk Musik zu hören, Bücher zu lesen, oder Rad zu fahren – mein Muster ist es zu sammeln. Zu erkennen, dass dies so ist und so zu sammeln, dass es nicht langweilig und frustrierend wird ist die Kunst dabei. Ich habe es noch nicht geschafft.

 

3 Kommentare

Eingeordnet unter 2016, Bits&Pieces, Mob

3 Antworten zu “Great derailleurs. Great brands.

  1. Tja, da bin ich zum Glück anders. Ich sammel eher weniger bis gar nicht, sondern fahre dann doch mehr. Bin auch nicht so der große Schrauber und Bikeputzer. Iss dann alles mehr der Zweckmäßigkeit geschuldet.

    Trotzdem ist Radfahren irgendwie Punk !

  2. Pingback: 7.009km/ 28.10.2016 | Tausendkilometer

  3. Pingback: 12.000 km 2016. | there is no "I" in cyclyng

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