Archiv der Kategorie: Freunde

Positivo Espresso, Bremen und Sonstwo. Alle die mitmachen.

Berlin Velothon 2017. Kann sein, dass scheiße wird.

1706 Velothon 08

Man, war ich gespannt auf den Velothon dieses Jahr! Nicht auf das Rennen, daran habe ich schon sechs Mal teilgenommen. Aber allein die Frage, ob es mir gelingen würde rechtzeitig und mit Rad per Bahn anzureisen, war schon irre aufregend.

Achtung: Wem außer Rennradrennen nichts interessiert, fange nach 1637 Worten weiter bei „Staccato“ an zu lesen.
Sicherheitshalber rechnete ich noch einmal nach: Bei der Rückfahrt von der Tecklenburgrundfahrt nach Bremen brauchten wir letztens für etwa 144 km Strecke insgesamt fünf Stunden Zeit. Das ist etwa eine Stunde länger, als der schnellste Fahrer am Sonntag für die 180 km des Velothons benötigte. Mal sehen, die Deutsche Bahn käme mit so einer Leistung auf den 363. Platz von 505 Teilnehmern, direkt vor dem sympathischen Teilnehmer aus Samoa.

Das machte umgerechnet für die 398 km von meinem Haus zum Brandenburger Tor etwa 13:49 h. Und da die Entfernung ja wesentlich länger ist, ein IC benutzt werden muss und es in die Hauptstadt der bösen Bahn gehen sollte, kommt da noch ein Risikofaktor von 1:x drauf, eine riesige Standardabweichung und überhaupt: also meiner Schätzung nach sollte ich am Freitag um 14 Uhr in Bremen losfahren, damit ich pünktlich am Sonntag um 7:30 Uhr am Start stehen konnte ohne ein Risiko einzugehen.

1706 Velothon 10

Overtüre: Kann sein, dass scheisse wird.

Und so stand ich an der Bahnsteigkante in Bremen, stieg in den Zug und kam pünktlich um 18:27 h in Berlin an. Also, sogar am gleichen Tag! So ein Mist, wer konnte denn mit so etwas rechnen? Ich hatte Decken, genügend Wasser, Trockenkekse für drei Tage, Malariatabletten, meine drei Lieblingsbücher und eine Kettensäge dabei, nichts davon wäre nötig gewesen.

Ja, manch einer mag hier lachen. Also wegen der Kettensäge, meine ich. Aber im Januar 2007, als sich der Orkan Kyrill formierte und Deutschland für 24 Stunden lahmlegte, da sass ich im letzten IC aus Magdeburg Richtung Hannover, als dieser etwa bei Helmstedt mitten in der schwarzen Nacht stehenblieb und sich nichts mehr tat. Nach ca. 30 Minuten machte der Zugführer endlich eine Durchsage und klärte die Fahrgäste darüber auf, dass Bäume auf der Strecke liegen, und nun die lokale Feuerwehr gerufen würde, um diese zu entfernen. Erstaunlich kurze Zeit später fuhr der Zug jedoch wieder, um dann nach 5 Minuten erneut zum Halten zu kommen. Darauf folgte die nächste Ansage des Zugführers:

„Wir bitten den Fahrgast mit der Kettensäge, noch einmal zur Spitze des Zuges zu kommen.“

Seitdem, habe ich zumindest immer ein Schweizer Messer dabei, wenn ich mit der Deutschen Bahn fahre.

Ich hätte nun mit meinen Freunden und Mark, einem Amerikaner, der nicht nur Architekturprofessor in Harvard ist und seit mehr als 25 Jahren Kathrin und Fabian, meine Gastgeber, kennt, sondern auch noch, wie wir erst kurz vorher herausfanden, mit David von Positivo Espresso in Tokyo zusammen ins College ging, in die Berliner Philharmonie gehen können um Strawinsky, Berlioz und Ravel zu hören. ich wollte die maximale Strapazenbelastung an einem Wochenende nicht unnötig erhöhen; schließlich sollte ich noch auf das Konzert der Fundamentals gehen und dann auch noch am Sonntag 60 km Radfahren. Da darf man kein Risiko eingehen.

1706 Velothon 01

Fabian, Mark und ich. Nur David fehlt.

Fabian hatte dieses Jahr übrigens echt hart trainiert für den Velothon. Er ist extra nach Japan geflogen, um mit David zusammen die klassische Positivo Espresso Strecke am Tsukui See zu fahren.

1706 Velothon 13

Architekturelles Preludio

Also verbrachte ich den Abend zuhause und nach einem guten Frühstück am nächsten morgen machten Fabian, Mark und ich uns auf unseren Rädern auf eine architektonische Kreuzfahrt durch Berlin. Ich weiß nicht mehr genau worum es ging, da ich ja nur Bauingenieur und kein Architekt bin, aber wir stoppten vor einem Haus und Fabian sagte: „Rate mal von wem das ist? Das ist ein spätes Werk von?“ Mark sagte dann ein paar Namen, die für mich klangen wie die Bandmitglieder von Electric Light Orchestra aber alle falsch waren und dann sagte Fabian „Peter Cook!“ Worauf beide dann anfingen zu stöhnen:
Nein, echt jetzt? Das ist doch nicht wahr!“ „Leider doch!“ „Sad. Loser. Very confused.

Peter cook

Sad. Loser. Very confused.

„Confused“ ist übrigens das Lieblingswort von Architekten, wenn es gilt schlechte Gebäude aus den Achtzigern abzustrafen. Ich sah da bestenfalls den Bauch eines Architektens. Dann kreuzten wir zu einem Gebäude von Zaha Hadid, weltbekannte Architektin, Mutter von Gigi und Bella Hadid und, seit neustem jetzt auch tot. Das hatte eine rostfreie Fassade. Gute Idee. Allerdings auch nur so lange, wie die Schrauben, mit denen die Fassadenplatten befestigt sind, ebenfalls aus rostfreiem Material bestehen. Also, denke ich mal so als Bauingenieur. Die Architekten freuten sich jedenfalls und riefen abwechselnd „Ah“, „Oh“ und „Pure Genius“

hadid2

Pure Genius Schrauben

Anschließend kreuzten wir zum Anhalter Bahnhof und dem neuen Park am Gleisdreick über den ich auch mit viel Sarkasmus nicht mehr sagen kann, als dass er wirklich sehr gelungen ist. Und so viel besser als den einzigen anderen Park in Berlin den ich kenne, und zwar den aus Görlitz.

1706 Velothon 12

Trasse nach Görlitz

Dort gibt es einen roten Wohnblock von einem Berliner Architekten, Robert Neun. Verzweifelt versuchte ich ein Muster in der Fassade auszumachen. Sie sah aus wie ein großes Tetrisspiel, in dem alle Steine die gleiche rote Farbe haben und trotzdem nicht zusammenpassen. Neben mir wieder jede Menge Ahs und Ohs.

robert neun

1706 Velothon 11

Dann durften wir endlich zur Rennanmeldung am Brandenburger Tor fahren, vorbei an der britischen Botschaft. Ich schlug vor, dass den Briten dieses Botschaftsgebäude nach vollzogenem Brexit entzogen werden sollte; sie könnten zum Beispiel die Gebäude mit der Botschaft von Mazedonien tauschen.

Wir wollten nur schnell ein paar technische Probleme beheben und mussten dazu zum Stadler Stand die uns wirklich sehr schnell, nett und effektiv halfen. Dann kurz zur Anmeldung, um die Startnummern einzusacken. Ich hatte ja 52 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit angegeben, um auf jeden Fall in Block A zu landen. Umso größer war meine Überraschung, als ich auf meine Startnummer schaute und dort „G“ stand. Das G steht nicht für „Ganz Vorne“ sondern für „Ganz hinten“, wie sich dann herausstellte der letzte aller Blöcke. Warum nur, warum? Jetzt durfte ich mich erst einmal schlecht gelaunt in die Schlange am Helpdesk einreihen. Nach einer halbe Stunde des Wartens wurde mir dann erklärt, dass ich mich zu spät angemeldet hätte und dass alle Teilnehmer, die die Deadline versäumt hätten in den Block G kommen würden (Der dann auch deutlich voller war, als die Blöcke davor.),

Plädoyer an die Eisenmänner

OK und also: Liebe Velothon-Macher. Ja, ich weiß, dass stand alles im Kleingedruckten auf der Website und ihr seit euch keiner Schuld bewusst, da ihr genau nach Vorschrift gehandelt habt. Und es ist ja auch klar, dass der Velothon eine kommerzielle Veranstaltung der IRONMAN Germany GmbH ist und damit Geld verdient werden muss. Deshalb müssen die Angestellten da auch keinen Kuchen backen und den für einen Euro verkaufen, so wie das die Dorfvereine bei einer RTF machen. Alles klar. Aber deswegen müsst ihr auch mehr Kritik vertragen, als ein Dorfverein bei dem alle freiwillig mitmachen und kein Geld verdient wird.
Ich zahle euch 90 € um 60 km Rad zu fahren, ihr bekommt von mir mehr Geld pro Kilometer als der öffentliche Nahverkehr, UBER und genauso viel wie ein Taxi in Berlin wenn es mehr als 7 km fährt. Und dafür, finde ich, kann ich auch einen gewissen Service verlangen. Zum Beispiel, dass ihr in der Lage sein solltet, wenn sich jemand drei Wochen vor dem Rennen angemeldet hat, ihm den gewünschten Startblock zu verpassen. Und wenn ich 52 km/h angebe, dann ist ja wohl klar, dass ich in den Startblock A möchte, oder muss ich erst Schall- oder Lichtgeschwindigkeit schreiben damit das klar wird?

1706 Velothon 17

Gähnende Leere

Übrigens bin ich nicht der einzige, der euer Preis/Leistungsverhältnis nicht so toll findet. Ich habe gerade mal in den Ergebnislisten nachgeschaut, wie viele Teilnehmer dieses Mal auf der 60er, 120er und 180er Strecke insgesamt angetreten sind, und zwar etwa 7.600. Klingt ja erst einmal gut, aber letztes Jahr waren es noch über 9.000. Und 2012 sogar fast 12.000 Teilnehmer. Da läuft was falsch, wenn ihr innerhalb von fünf Jahren ein Drittel eurer Kunden verliert.

1706 Velothon 09

Rennvorbereitung mit Kathrin.

Furioso

Ich befand mich in einem seltsamen Zustand aus Schock, Enttäuschung und Motivation. Ich war gut in Form, wollte ganz vorne mitschwimmen und das geht nun mal nur im A-Block und jetzt G??? Dafür war ich nach Berlin gekommen? Sollte ich nun trinken gehen, mein Leben beenden, oder jetzt erst recht „against all odds“ einfach durch nach vorne fahren? Oder, hatte ich ja auch schon gemacht, mich einfach in Block A stellen, um dann im nachhinein disqualifiziert zu werden? Oder Fabians Startblock A Startnummer nehmen und ihm eine Superzeit verpassen?

Aber nach einer Weile freundete ich mich mit der Idee aus Block G zu starten an. Ganz hinten zu starten hat nämlich einen großen Vorteil: Man kann jede Menge anderer Teilnehmer überholen. Block A ist eher wie eine RTF, die ersten 10 km voll ballern, aber spätestens am Anstieg des Spanndauer Damms haben sich dann die Gruppen gefunden und es ist nicht mehr möglich alleine von einer Gruppe in die nächst-vordere zu sprinten. Man fährt das Ding dann in seiner Gruppe zu Ende, am Schluss darf man noch ein wenig sprinten. Sad. Loser. Covfefe. Mit viel Glück kommt eine schnellere Gruppe von hinten vorbei, man hängt sich dran und fährt dann das Ding zu Ende, aber es ist relativ langweilig, da man nicht mehr gewinnen kann, sondern nur noch verlieren – nämlich wenn man aus der Gruppe herausfällt.

Aus Block G heraus ist das komplett anders, man kann quasi bis zum Ende andere Teilnehmer überholen. Ich möchte ja sogar behaupten, dass das Überholen das Beste am Rennen ist (und das schlechteste überholt zu werden), ganz egal wievielter man wird. Das weiß man ja erst nach dem Rennen. Aber das Gefühl, dass man im Rennen hunderte von anderen Menschen (die jünger sind, bessere Räder haben, besser aussehen oder irgendwie anders unfair sind) überholt hat, das baut sich beim Rennen auf und macht den Spaß bei der Sache aus.

Ich hatte meinen inneren Frieden gefunden.

1706 Velothon 14

Nun ging es aber auch schon zum nächsten Höhepunkt in die Likörfabrik und Weinhandlung Leydicke in der Mansteinstrasse, dem Berghain der Ü50. Dort sollten „The Fundamentals“ zum Tanz aufspielen. Fabian spielt dort Bass und hält die Truppe zusammen mit Charly, dem Schlagzeuger auf Kurs. Der Rest schrammelt auf Gitarren und Keyboards oder singt. ich wünschte, ich würde in Berlin wohnen, könnte das mein Wohnzimmer nennen und mich jeden Abend hemmungslos amüsieren, ohne am nächsten Morgen Radfahren zu müssen.

Staccato

Wir fuhren von Fabians Büro, vorbei am Kumpelnest 3000, wo noch die letzten Kumpels mit der Flasche in der Hand standen, zum Start. Vorbei am A, B und C Block, dann um die Ecke, vorbei am D, E und größtenteils leeren F Block und kamen am letzten, dem G Block an. Obwohl wir sehr früh da waren, war der so voll, dass wir gar nicht in den Block herein konnten, sondern uns auf die Straße zwischen Block und dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas stellten.

1706 Velothon 15

Dort mussten wir – Fabian, Anselm, Johannes und ich – dann ziemlich lange warten; der Plan war dass Block G um 7:50 Uhr auf die Reise geht, tatsächlich ging es dann erst um 8:05 h los. Das ist immer derselbe Mist, man steht lange im Block, bewegt sich kaum und ist nicht genug aufgewärmt, um nun gleich volle Power zu leisten. Das muss man aber, am ganz schnell aus dem Gedränge im Block wegzukommen und eine schnelle Gruppe zu erwischen. Obwohl, in Block G ist das nicht unbedingt nötig. Wie ich das bei Alain Raposo gelernt hatte drängelte ich mich bereits vor dem offiziellen Start so schnell wie möglich nach vorne, Fabian in meinem Schlepptau. An der neuen Nationalgalerie hatten wir dann schon ein gutes Tempo drauf, waren alle Grüppchen zu langsam und so ballerte ich immer schön weiter; neben Fabian hatten sich nun auch ein paar andere an mich rangeklemmt. Am Ernst-Reuter-Platz ging mir so langsam die Puste aus und ich kommandierte den Hamburger hinter mir nach vorne. Allerdings war auch der zu langsam, so dass ich auf dem Spandauer Damm wieder selber nach vorne ging. Normalerweise versuche ich das ja zu vermeiden, auch wenn wir das von Menschen die mich nicht kennen (Elise) Kritik einbringt. Aber es ist nun einmal so, dass ein Rennen bein Einzelzeitfahren ist und wenn man sich vorne alleine im Wind kaputt macht dankt einem das niemand später: „Hey, lass mal beim Sprint auf den MOB warten, der kommt gerade nicht mehr mit.

Doch dann kam eine Gruppe von zwei Berlinern Vereinsfahrern von hinten die ordentlich Tempo machten und ich klemmte mich an die ran; bei der Gelegenheit verlor ich vermutlich Fabian. Das war allerdings nicht so schlimm, denn er hatte schon einen neuen Berliner Freund, den Marco gefunden (dazu später mehr).
Wir waren nun ein Grüppchen von sechs bis acht Fahrern, definitiv schneller als alles was vor uns war und tauchten in den die Waldstraße am Wannsee ab.

Ich hatte recht viele Körner gelassen; über den ersten Hügel am Dachsberg kam ich noch gut, aber der Karlsberg war bereits deutlich schwieriger. Zum Glück habe ich in diesem Moment Alcides kennengelernt. Da wusste ich noch nicht, dass er Alcides heißt und gerade sein erstes Rennen fährt; für mich war das einfach ein Typ mit einem auffälligen roten Jersey, einem langen Bart und einer Tätowierung am Unterschenkel, der mich gerade mal wieder überholt hatte und richtig konnte.

Am Karlsberg fuhr ich vor ihm und mir ging die Puste aus „Hast Du noch Power?“ „Ja“ sagte Alcides, trat in die Pedale und fuhr so schnell vor, dass ich nicht dranbleiben konnte. Da aber auch vor ihm keine richtig schnellen Leute, und er auf sich allein gestellt war, holte ich ihn auf dem Konprinzessinnen Weg wieder ein, zusammen mit einem der Berliner Vereinsfahrer, einer Aspirinpille (Bayer Werksfahrer), einem MeckSeenPlatten und dem bunten Typen, der immer wieder freihändig fuhr.

Dort sah ich auch das erste Sturzopfer des Velothons am Straßenrand liegen, der RTW war bereits da und Streckenposten regelten den Durchfluss. Ich vermute einmal, dass dies wegen der Zeitmesspunkte passiert ist, ab und lagen abgedeckte Induktionsschleifen auf der Straße, um die Zwischenzeiten der Teilnehmer zu messen. Diese waren nicht oder nicht ausreichend ausgeschildert und wenn man ahnungslos über so ein Ding fährt und eine Hand an der Trinkflasche hat, dann kann es einem schon böse auf die Fresse werfen.

Drei, vier Fahrer wechselten sich nun vorne ab und wir machten gutes Tempo auf der Argentinischen Allee und der König-Luise-Strasse bis wir zum botanischen Garten kamen, wo Kathrin auf uns wartete.

1706 Velothon 02

Mit Alcides beim Wechsel in der Führung am Botanischen Garten

1706 Velothon 03

Vorne der Berliner Vereinsfahrer, dahinter Alcides und ich. Den Rest haben wir gerade überholt, bis auf den zweiten von hinten der kurz nach uns ins Ziel kam.

1706 Velothon 04

Fabian mit Marco

Die Gruppe hielt weiter zusammen auf dem Steglitzer Damm und der Ringstraße und wir überholten Gruppe um Gruppe; an den Startnummern kann man ja sehen in welchem Block diese gestartet waren und wir hatten nun immer mehr in Block F und E eingegraben. Das hohe Tempo hatte allerdings zur Folge, dass immer mehr Fahrer auch aus unserer Gruppe herausfielen, so dass Alcides und ich quasi nur noch alleine vorne waren und Führungsarbeit leisteten. Nach dem Tempelhofer Flughafenparcour hatten wir es dann geschafft nur noch zu zweit zu sein. Schön, dass wir so stark waren, aber auch schön doof, dass wir nun alleine waren und auch noch gegen den Wind fahren mussten.

Die letzten 15 Kilometer durch Kreuzberg waren daher sehr anstrengend. Und zwar so anstrengend, dass ich überhaupt keine Chance hatte mir den Görlitzer Park anzusehen. Sowohl Alcides als auch ich waren ziemlich KO und das Tempo fiel teilweise auf 34 – 36 km/h; wir mussten jetzt schneller vorne wechseln, um das Tempo zu halten. Allerdings überholten wir nach wie vor jede Menge anderer Fahrer. Die Abzweigung für die 180er Farer habe ich gar nicht so richtig mitbekommen, und schon waren wir an der Siegessäule und bogen ein auf die Strasse des 17. Juni. Hier drehten einige langsamere Gruppen noch einmal das Tempo hoch, wir klemmten uns dahinter, spurteten 150 m vorher los und waren dann auch schon im Ziel.

Auf Strava. Schnitt etwa 39,5 km/h. Insgesamt Platz 301 von 3.756 angekommenen Teilnehmern und Platz 50 von 808 Teilnehmern in meinr Altersklasse (Panda Drei).

Ein sehr gutes Ergebnis, vor allem wenn ich daran denke, dass ich dieses Mal bestimmt ein Drittel der Strecke vorne gefahren bin.

Jetzt war es dann an der Zeit sich kennen zu lernen.

 

 

Da wir als Mini-team unheimlich gut zusammengearbeitet haben waren wir bester Laune, auch wenn wir durchaus unterschiedliche Vorstellung von der Schönheit von Männerbeinen haben.

Dann kam auch Fabian, aber ohne Marco. Marco war vor ihm gestürzt, Fabian konnte sehr plastisch schildern, wie sein Kopf mehrfach auf den Asphalt knallte, er nur ganz knapp nicht über ihn drüber fuhr und dann später, als er anhielt überall Blut war. Wir kennen Marco zwar nicht, aber von hier aus: Gute Besserung.

Später erwischt es übrigens auch noch Gregor, den Mann von Christine, der sich bei dem 120 km Rennen das Schlüsselbein brach.  So 30 km vor dem Ziel. Fuhr das dann aber doch zu Ende, mit 40er Schnitt. Was für ein Gemetzel dieses Jahr. Aber das ist eben Berlin, da geht es härter zur Sache als in Hamburg oder in Münster.

1706 Velothon 20

Haus der Kulturen der Welt. Somewhat confused.

Wir sassen also am Haus der Kulturen rum, zusammen mit Johannes und Anselm. Der Vorletzte war jetzt echt müde.

1706 Velothon 06.JPG

Auch für junge Menschen kann ein Radrennen sehr anstrengend sein.

Dazu kamen noch Christine und Kerstin (?). Fabian raunte mir öfters „Photo Gelegenheit!“ zu wenn jemand in bescheuerten Klamotten an uns vorbei lief oder mit einem zerbrochenen Laufrad in der Hand. Also so etwa wie da Mädel von der Post auf dem Bild weiter oben. Aber dieses Blog ist ja schon ein eher ästhetisches, daher habe ich dieses Mal auch Christine auf das Cover gesetzt.

und dann machten wir uns irgendwann auf, um wie immer im Udagawa gut zu essen. Das war aber leider zu, also ging nach einem Umweg durch die Dusche zu Frau Lüske.

1706 Velothon 21

Und dann nahtlos weiter zum traditionellen Kaffetrinken im Garten. An dieser Stelle kann gar nicht genug betont werden, welch großartige Gastgeberin Kathrin ist. Nicht nur, dass Sie die ganze Familie in Schwung hält und sich ständig Gedanken darüber macht, was noch alles hier und da getan werden könnte, sie erträgt auch gleichmütig die Massen an Besuchern von Freunden und Verwandten die Tag für Tag, teilweise nur kurzfristig angemeldet, ihre Wohnung heimsuchen. Und dann kommt sie auch noch mit ins Leydicke! Und wofür das alles? Für eine Handvoll Tartuffos.

antica-torroneria-piemontese_tartufo-al-pistacchio_tuete_chocolats-de-luxe_85-04176

Die dann auch noch in einem unbeobachteten Augenblick von der Verwandschaft weggefuttert werden.

Dann hieß es auch schon Abschied nehmen, Fabian brachte mich zum Bahnhof.

1706 Velothon 05

Und die Bahn brachte mich dann, mit fünf Minuten Verspätung zurück nach Bremen.

Nichts ist sicher in dieser Welt, nicht, dass man heil aus einem Rennen in Berlin kommt, nicht das man pünktlich in Bremen mit der Bahn ankommt. Kann sein, dass scheisse wird.

1706 Velothon 07

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Kommentare

Eingeordnet unter 2017, Fabian, Mob, Rennen, Uncategorized

Interessentenweg. OBKM.

IMG_0934

Nachdem Hannes, Eddie und ich Monate zusammen nicht mehr zusammen gefahren sind, weil Eddie, radtechnisch beneidenswert, nun in Marburg lebt, hatten wir uns am Dienstag verabredet, um Eddie die Schönheit norddeutscher Landschaft und seltene Strava Segmente aufzuzeigen.

Zunächst einmal fuhren wir auf den designierten bremischen OBKM Kurs 2017 an der Uni, der aber nicht realisiert werden konnte. Vermutlich ist das auch gut so. Es macht ja Sinn die bremische Meisterschaft in Bremen auszutragen und nicht in äh „Heilshorn“; die Lage dürfte auch mehr Fahrer und Publikum ziehen, aber die erste Linkskurve hinter dem Start hat halt den Nachteil, dass sie in eine verengte Fahrbahn ausläuft und da wurde es schon beim Trainingsfahren mulmig. Es gab ziemlich fiesen Wind und so rollten wir nur im Kreise.

Anschließend nahmen wir den Mittelwisch Climb  in Angriff, einen der gefürchteten Anstiege in Bremen den wir nur selten fahren, denn der führt quasi ins Nirgendwo. Also eigentlich nach Walle, aber dann muss man sich durch die ganze Stadt kämpfen und das macht wenig Spaß. Ich fuhr an, Hannes gab den letzten Kick und Eddie kapitulierte sich dann nach vorne, was sehr gut klappte.

Zurück an der kleinen Wümme lang ging es am Deich bis Wasserhorst, wo Hannes sich richtig ins Zeug legte und Druck machte.  Die Idee längere  Stücke zu rollen und dann ab und an richtig hart anzufahren war im Prinzip eine gute Idee, um sich auf das OBKM Rennen am nächsten Tag vorzubereiten.

Wir hatten dann die Idee zur humorlosen Kirche zu fahren, aber nicht wie gewöhnlich an der Lessum lang, sondern über die Strecke am Gramker Sportsee und dann über Feldwege weiter am Stahlwerk lang. Diese Trecke binich schon oft gefahren, allerdings immer in umgekehrter Richtung. Zunächst lief das sehr gut, aber dann verpassten wir eine Abzweigung (in der Natur dort sieht alles so schrecklich gleich aus) und landeten zunächst wo wir nicht hin wollten und dann in Walle. Nein, diesmal wirklich im Nirgendwo. Und zwar auf dem „Ökoweg“, der aus sehr viel Öko udn sehr wenig Weg bestand. Und dann verfahren wir uns auf den „Landweg“, der zwischen zwei sumpfigen Gräben zumindest aus Land, aber auch sehr wenig aus Weg bestand. Hannes überholte mich und ich musste kichern, denn an seinem Rad hatte sich jede Menge Gras verfangen, er sah aus wie ein schlecht getarnter Panzer. Hannes drehte sich um zu mir kichert und sagt: „Hihihi, an Deinem Rad ist jede Menge Gras“. Das stimmte.

Angehalten, Räder sauber gemacht. Das Zeug war wirklich überall, vor allem im Schaltwerk. Weitergefahren. Am Ende des Wegs merkte ich dann, das mein Hinterrad platt war. War mir auf dem Weg gar nicht aufgefallen.

Wir kamen dann zu einem Tor und lernten nun, dass wir auf dem „Interessentenweg“ gefahren waren.

IMG_0935

Irgendwo zwischen der humorlosen Kirche und dem Lessumwehr kamen wir wieder auf die Straße und fuhren dann auf die andere Seite, um die Lessum Rindo in Angriff zu nehmen: ein weiterer brutaler Anstiegsknaller in Bremen mit mehr als 20% Steigung. Das gab uns dann die Möglichkeit über die Lesmonawellen wieder in Richtung Heimat zu fahren.

Wir wollten dann gemeinsam schnell das Wasserhorst Pave in anderer Richtung fahren und waren auch wirklich sehr schnell drauf, als uns ein Auto entgegenkam und jeden KOM Versuch zunichte machte.

Und zum Schluss rollten wir am Deich nach Hause, versuchten und am Kuhgrabensprint über die krasse Autobahnbrücke am Platzhirschen und rollten zufrieden und leicht reumütig zurück zu unseren Familien, da wir leicht zu spät zum Abendessen waren.

Ich denke, wir haben Eddie gezeigt, was in Bremen möglich ist und was nicht möglich ist und sind beides gefahren. Tour auf Strava.

Am folgenden Tag war der 3. Lauf der OBKM in Heilshorn. Wie gewöhnlich waren wir sechs Starter in unserem Rennen. Nachdem das die ersten beiden Male doch recht gut gelaufen war, fuhr ich zum 3. Rennen mit höheren Erwartungen als „bitte lasst mich einfach in der Gruppe bleiben und ins Ziel kommen“. Das war schon eine schlechte Idee, zumal ich auch immer noch erkältet war und sowieso nicht hätte fahren sollen. Das habe ich dann auch beim fahren gemerkt. Na ja, aber auch hier gibt es ein nächstes Mal und ein übernächstes Mal und ein letztes Mal in diesem Jahr.

Zunächst aber einmal ist am Sonntag der Velothon in Berlin angesagt. Dank eines sehr geschickten Schachzuges, konnte ich mich dort in Block A positionieren: Ich habe nämlich bei der Anmeldung auf die Frage nach meiner geplanten Durchschnittsgeschwindigkeit bei dem Rennen 52 km/h angegeben. Unwahrscheinlich, dass da jemand (in der Planung) schneller ist als ich. Früher oder später werden vermutlich auch andere Teilnehmer auf diese Idee kommen, so dass ich nächstes Jahr „Schallgeschwindigkeit“ und 2019 „Lichtgeschwindigkeit“ angeben werde, um einen Platz in Block A zu erhalten.

Wie schnell ich dann wirklich war? Mehr demnächst.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2017, Bremen, Hannes, Mob, Touren

RTF. Das Delmenhorst Syndrom.

Eine RTF bietet dem ambitionierten Hobbyrennradfahrer die Möglichkeit sich einmal über 20 km völlig auzupowern und an seine Leistungsgrenzen zu gehen. Am Anfang natürlich. Am Ende plaudert man dann entspannt in der Gruppe und rollt das Ding nach Hause.

Delmenhorst, hört man diesen Namen, woran denkt man dann? Als ich am Tag vorher meinem Sohn sagte, dass ich am nächsten Morgen an einer RTF in Delmenhorst teilnehme meint er nur: „Ich habe letztens eine Statistik über Mordraten in Deutschland gesehen. Das war so eine Karte in grün, gelb und rot. Delmenhorst war da tiefrot. Pass auf Dich auf.“ Das ist aber Fake-News, der Spiegel zeigt, dass man in Delmenhorst sicherer lebt als zum Beispiel in Bremen. Meinem Sohn werde ich nun empfehlen nachts auf die Discomeile in Delmenhorst zu gehen. Wenn es so etwas gibt. Ansonsten ist Delmenhorst ein beschauliches Städtchen. Eine Bildersuche mit Google ergab unter anderem die folgenden Treffer:

An der Inkoop-Baustelle an der Oldenburger Straße hat es am Mittwochnachmittag einen schweren Unfall gegeben. Foto: Andreas Nistler

「delmenhorst」の画像検索結果

Ich denke diese Impressionen geben einen guten Überblick, was den Fremden in Delmenhorst erwartet, wenn es schon nicht Mord und Totschlag ist.

Die RTF in Delmenhorst, ausgerichtet von dem rührigen RSV Urania Delmenhorst (internationaler Partnerverein ist übrigens Plutonia Pyöngjang: Städte die sich gegenseitig an Schönheit überbieten), ist eine der schöneren in der Umgebung von Bremen. Dieses Jahr bin ich sie zum 5. oder 6. Mal mitgefahren. Sie hat ein paar große Vorteile:

  • Die Anreise aus Bremen ist kurz und mit dem Rad.
  • Sie führt sehr schnell aus Delmenhorst hinaus in die Geest.
  • Man kann sich auf der Strecke entscheiden, ob man 80, 120 oder 155 km fahren möchte.
  • Am Ende fährt man nur kurz wieder nach Delmenhorst rein.

Aber auch einen großen Nachteil, denn die RTF ist traditionsgemäß schlecht ausgeschildert. Ich bin da noch nie 80, 120 oder 155 km gefahren, sondern immer 90, 133 oder 180, je nachdem wie viel ich mich verfahren hatte.

Da ich ja dieses Jahr durch Lüttich-Bastogne-Lüttich sehr gut vorbereitet war, musste ich am Abend vorher etwas gegen meine gute Vorbereitung tun, damit ich im Feld nicht weiter auffalle. Zufällig war ich zu einer Party der Absolventen meiner Hochschule eingeladen. Nach Steaks und Würstchen, vielen kleinen Bierchen redete ich dort ziemlich viel Mist; vermutlich, denn so genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Den Weg nach Hause habe ich auf dem Rad im Regen zurückgelegt und auch daran habe ich kaum eine Erinnerung. Woran ich mich allerdings sehr gut erinnere ist, dass fünf Stunden später der Wecker klingelte und ich zunächst glaubte, dass Körper und Kopf voneinander getrennt worden wären, denn der eine tat nicht was der andere ihm befahl.

Zum Glück kam Hannes vorbei und wir radelten los um uns mit den anderen Bremern am Subway in der Pappelstrasse zur gemeinsamen Anfahrt nach Delmenhorst zu treffen. „Früher“ war da, wo heute das Subway haussiert, Radsport Schröder.

shiImageStore-8128-250-250-1

Serviervorschlag

Traditionsgemäß wurde nun dort zunächst ein Kranz niedergelegt („Den Opfern des Radsportes“), traurige Lieder angestimmt („An einem Rädlein helle“; „Beim Schröder vor dem Tore“) und viel Mist geredet bevor unsere große Gruppe mit Trommeln und Pyro sich aufmachte Richtung Delmenhorst.

Angekommen entdeckten wir viele bekannte Gesichter, unter anderem auch den Jungen, den ich bereits beim letzten Mal kennengelernt hatte. Der verkaufte mir ein Salamibrötchen und eine Cola. Für €1,50 – das gibt es eben nur den den RTFs die vom Verein organisiert werden. Da waren auch wieder die Fahrer der SG Stern, denen wir bereits eine Woche früher bei der Bremer RTF hinterhergefahren waren. Da waren Karin und Torsten die ich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte (nicht weil sie in Delmenhorst wohnen), Jan, Lars, und und und. Das konnte ja lustig werden.

Zunächst einmal stellten wir uns aber an den Start. Da wir bereits ziemlich spät waren, fanden wir nur einen Platz im Mittelfeld. Die Stimmung war prächtig, Rennradfahrer bis zum Horizont, teilweise hinter Hecken und sonstwo.

del3

Am Start. Vorne die üblichen Verdächtigen.

del1

Prächtige Stimmung am Start. Siehe Andi (ganz links)

Es ging gleich zackig los. Also wie immer, bereits nach 100 Metern waren die ersten Löcher gerissen. Hannes und ich wollten eigentlich wieder bei den Sternen mitfahren, aber die hatten wir bereits ganz zu Anfang verloren. Ich versuchte uns nach vorne zu fahren, aber der Gegenwind und der Schädel hatten etwas dagegen. Bereits nach ein paar Minuten brach ich total ein. Hannes übernahm dann die Führung, aber ich konnte nicht folgen, so wenig Kraft brachte ich auf die Strasse. Es war echt schlimm, ich war über-vorbereitet.

So langsam bildete sich dann doch ein Gruppe von vielleicht 20 – 30 Fahrern und wir saussten raus aus Delmenhorst, fast immer gegen den Wind und richtig schön anstrengend. Wir waren schnell, aber nicht extraschnell und trotzdem war es irrsinnig anstrengend für mich. Ab und an machte ich an der Spitze etwas Führungsarbeit, aber ich musste mich wirklich zurückhalten. Wäre ich ein Rad, ich hätte nun geknarzt.

Peinlicherweise hatte ich schon wieder Probleme mit dem Material. Ich hatte extra mein knarzendes Canyon zuhause gelassen und mich mit dem lahmeren Basso Fior di Loto begnügt. Das ist eins von zwei Rädern, die nicht mit SPD Klickpedalen, sondern mit SPD-SL Klickpedalen ausgerüstet ist. Da ich das recht selten benutze hatte ich mir keine Gedanken über die Schuhe gemacht, zu mal ich ohnehin zwei paar SIDI habe, eins sehr alt und eins alt. Aus Versehen zog ich aber das sehr alte Paar an und da waren die Cleats nicht mehr im besten Zustand. Mitten auf freier Strecke, als ich in den Wiegetritt ging, klickte ich aus dem Pedal aus, trat auf die Strasse und musste einige Verrenkungen machen um mich nicht flach zu legen.

An einem T-Stück zeigte der Pfeil des Ausrichters nach links, aber viele waren sich sicher, dass wir nach rechts abbiegen sollten. Chaos. Schließlich entschieden wir uns dem Garmin und den Ortskundigen zu vertrauen und fuhren rechts weiter, was sich als die richtige Entscheidung herausstellte. Viele andere, unter anderem der schnelle Trupp vor uns, hatte sich aber für die falsche Richtung entschieden und kam deshalb an der Verpflegungsstation nach uns an. Warum das so kam weiß kein Mensch. Es könnte ein Versehen des Ausrichters sein, oder vielleicht hatte jemand das Schild auch umgehängt, wer weiß das schon. Tatsache ist aber auch, dass diese kleinen roten Pfeile mit gelber Spitze sehr schwer zu sehen sind. Man erkennt den Pfeil, braucht aber noch einige Zeit um die Richtung festzustellen. Und teilweise waren die Pfeile sehr spät vor den Abzweigungen festgemacht, so dass es zu scharfen Bremsungen im Feld kam. Das könnte und das sollte besser werden.

Da wir eine der wenigen, schnellen Gruppen waren, die die richtige Abbiegeentscheidung getroffen hatten kamen wir dann auch als erste an der Station in Colnrade an. Die schnelle Gruppe kam vielleicht 5 Minuten später, hatte einen dicken Hals und fuhr fast geschlossen an der Station vorbei (Auf Strava kann man gut nachverfolgen, wie sie etwa 10 Minuten Zeit verloren haben). Nach ca. 45 km muss man ja auch nicht unbedingt eine Pause machen. Wir bildeten dann eine kleinere Gruppe von vielleicht 20 Fahrern und machten uns auf und hinterher auf die 120 km Schleife. Dabei waren auch Kai Pi und Balacz, ersteren kenne ich schon sehr lange, zweiteren seit letztem Samstag. Und auch Lars. Ich wollte nun mit meinem iphone ein paar coole Photos machen, aber alles was mir aus Versehen gelang war dieses hier.

del4

Wie man sehen kann, habe ich mein sehr schickes Positivo Espresso Outfit an.

Die Gruppe passte ganz gut zusammen. Wir sammelten unterwegs noch zwei Fahrer auf, die aus der schnellen Gruppe gefallen waren, unter anderem einen Fahrer von der SG Stern der so aussah wie der Sportler unten heißt.

「kevin großkreutz」の画像検索結果

Nein, nicht Kevin. So kann man nicht aussehen.

Das Klima in der Gruppe wurde nun immer besser, etwas das aus der Psychologie als „Stockholm Syndrom“ bekannt ist, oder meinetwegen auch als Delmenhorst Syndrom. Irgendwie ist alles zu schnell und zu anstrengend, aber man weiß auch, dass wenn es noch viel anstrengender wird und länger dauert, wenn man aus der Gruppe herausfällt. Deshalb entwickelt man eine Hassliebe für die Tempobolzer vorne an der Spitze.

Der Norddeutsche an sich und der Langstreckenfahrer im besonderen gilt ja allgemein nicht so als sehr offen und gesprächig (vgl. Horst Delme: „Der Norddeutsche – Aufzucht, Hege und Pflege“) im Gegensatz zum Rheinländer, aber bei einer RTF merkt man doch sehr deutlich, wie sich die Atmosphäre in der Gruppe langsam ändert. Am Anfang ist es sehr still, keiner sagt etwas, alle schweigen oder hecheln, denn bei 45 km/h ist es für die meisten von uns auch schwierig Konversation zu machen. Doch mit der Zeit beginnen die ersten Smalltalks. Der eine oder andere murmelt: „frei“, wenn eine Straße gekreuzt wird, oder flüstert „rechts“ wenn nach rechts abgebogen werden soll. Nach ca. 100 km sagt auch mal jemand „Vorsicht“, wenn ein Mähdrescher in voller Breite entgegenkommt, oder eben ein Haufen Fußballfans aus Dresden. Am Ende ist die Stimmung dann bereits orgiastisch. Man steht virtuell auf den Tischen und schreit „FFFREEEEIIIIIIIIII“ oder „AUUUTOOOOO VONNN VOOOOORNE !!!!“ in einer nicht für möglich gehaltenen Lautstärke. Hier verliert der Nordeutsche alle Hemmungen und geht in der Gruppe auf.

Ich klippte versehentlich noch zwei Mal aus. Beim zweiten Mal war es in einer Kurve in Colnrade, ich war gerade im Wiegetritt und steuerte auf einen Bordstein zu. Zum Glück war der Winkel recht flach, ich knallte mit der Pedale dagegen, das Rad fuhr durch den Impuls nun vom Bordstein wieder weg und ich konnte wieder einklicken. Das war aber sehr knapp.

So kamen wir geschlossen zum zweiten Mal an den Verpflegungspunkt.  Nach einer kurzen Pause entscheiden Hannes, Kai, Balacz und zwei andere aus unserer Gruppe, dass wir die 155 km in Angriff nehmen wollten. Wir fuhren los, aber ich schaffte es nicht in mein rechtes Pedal einzuklicken. Der Cleat war jetzt total hinüber. Also zogen Hannes und ich die Konsequenzen und machten uns auf den Heimweg. Bislang war ja noch nicht wirklich etwas passiert, aber ich wollte unser Glück auch nicht strapazieren.

Hier hatten wir nun endlich Rückenwind und kamen auch zu zweit gut voran. So langsam hatte ich den Alkohol aus meinem Körper rausgeschwitzt und funktionierte wieder einigermaßen normal. Hannes und ich wechselten uns vorne ab, überholten die eine oder andere Gruppe bis wir an die Stadtgrenze von Delmenhorst kamen und dort von einer anderen Gruppe im Ortsschildsprint überholt wurden. Und dann war die RTF und somit 120 km auch wieder vorüber. Wir hatten uns nun wirklich Bratwurst, Ziwi, Kaffee und Kuchen verdient.

Strava

Das übliche Gequatsche danach, ich war froh das sich es geschafft hatte denn Körper und Material hatten heute eigentlich etwas dagegen. Und hey, da war ja auch der Typ von der Selfiebox, vom letzten Wochenende.

del5

Auf dem Jersey ist ein perfekter Kreis abgedruckt.

 

Jörg war da, später kam auch Silke rein und wir fuhren alle zusammen wieder zurück nach Bremen. Das Ende der Giro d’Italia Etappe habe ich noch so halb mitbekommen, die Bundesliga aber so gar nicht mehr. Macht nichts.

Hannes hingegen hatte anschließend mit seiner Familie noch „Die lange Nacht der Museen“ vor sich. Ich denke Sport und Kultur sollten in umgekehrter Reihenfolge abgefrühstückt werden.

4 Kommentare

Eingeordnet unter 2017, Bremen, Hannes, Kaipi, Karin, Mob, Silke, Torsten, Touren

Sterne und Sternchen: Bremen RTF

Seit 1871 organisiert der RSC-Rot Gold Bremen eine RTF, die bislang über verschiedene Distanzen durch Wilstedt führte. Als Hannes und ich gegen halb zehn zum Start am Unisport kamen, waren bereits die Sterne und Sternchen der Bremer Radsportszene versammelt und füllten mit Buntstiften (zahllose Kinder weinten derweil zuhause) ihre Anmeldeformulare aus.

Aber alles der Reihe nach: Hannes und ich hatten uns dieses Jahr entschieden wegen akutem Trainingsrückstand und der schlechten Wetteraussichten nur die 117 km in Angriff zu nehmen. Das ist mehr als 54 oder 72 km, aber auch deutlich weniger als 174 oder 217. Wobei für die lange Distanz ein Startgeld von 20 bzw. 28 Euro genommen wurde, was ich für eine RTF als relativ teuer empfinde. Einerseits. Ich kenne allerdings auch nicht die Hintergründe und an sich bin ich schon dankbar, dass es Vereine gibt die die Mühe und das Risiko auf sich nehmen eine RTF zu organisieren. RSC-Rot Gold, derzeit in einer Phase der Perestroika, hatte die Strecken neu gelegt, so dass ich gespannt war, wie wir nun dieses Jahr nach Wilstedt fahren würden.

Regen war ab 12 Uhr vorhergesagt und da wir ohnehin nur so mit 30 km/h durch die Ebene dümpelten wollten, nahm ich statt dem Canyon das relativ langsame Basso Fior di Loto aus der Garage. Beim Canyon macht das Innenlager nach der Tortur von Lüttich – Bastogne – Lüttich Geräusche wie ein Leopard II der durch die Gartenmöbelabteilung eines Baumarkts fährt. Das Lager passt zur Kurbel, die Kurbel kommt von FRM und die sind pleite. Da muss wohl etwas komplett neues dran, was in Zeiten, in denen die Evolution von Kurbeln leider in Richtung alter germanischer Streitäxte läuft nicht so einfach ist. Wer hätte gedacht, dass SRAM mit der Red 22 mal das vergleichsweise schönste Set auf dem Markt anbieten wird?

IMG_0730 (1)

Der Anblick der Starter beim Unisport war etwa so, als wenn man in einer sternenklaren Nacht auf einer Wiese liegt und nach oben in den Himmel schaut: Man sah die Sterne des (bremischen) Radsports wie Vladi, Stephan oder Caro, die Sternchen wie Silvia, Rita und Heike, die Sternschnuppen wie Mascha und die Asteroiden die geradewegs auf die Erde zurasen und drohen die Menschheit zu vernichten wie ….. (schon klar). Rechts tat sich ein schwarzes Loch auf in Form der Manta Squad. Hannes und stellten so etwas wie den Andromedanebel dar und zwar deshalb, weil ich am Abend vorher alles dafür getan hatte heute benebelt zu erscheinen.

「andromeda nebel」の画像検索結果

Hannes und ich (v.l.n.r.)

Schon am Start fing es an zu drisseln und ich zog meine Regenjacke an, die sich mittlerweile in ihre Lagen auflöste, nachdem da 1.000.000.000.000 mm Drucksäule in Lüttich aufgebracht wurden. Ich brauche eine neue, unbedingt. Ideen für eine leichte Jacke unter €100?

Es gab keinen gemeinsamen Start, sondern wir wurden mit preußischer Präzision von den Führungskräften des RSC-Rot Gold in Gruppen auf die Strecke gelassen. Ungeduldig scharrten wir die Hufe, aber Pickelhaube und Säbel in Rot und Gold machten unserem Übermut schnell ein Ende. „Wer keinen Startstempel hat bekomt keine Punkte!“ Punkt.

Und dann ging es auch schon los, Hannes und ich in einer tweilweise sehr schnellen Truppe, u.a. auch mit Björn und Thorsten. RTFs haben ja so ihre eigene Dynamik, und der hier fehlte es nicht daran: Bereits nach weniger als 400m hatte es die Gruppe an einer Ampel zerrissen. Auf dem Weg zum Kuhsiel konnten wir in der Ferne die Sterne sehen, während Hannes und ich so vor uns her fuhren und der Rest noch an der Ampel stand. Hannes erzählte mir gerade von der letzten, echten Kneipe Bremens, „Leichen-Elly“ als die schnelle Ampelgruppe uns von hinten überholte. Da klemmten wir uns natürlich dran, auch wenn wir relativ schnell feststellen mussten, dass die mit 40+ unterwegs waren und das nun weh tat.

Vor allem war die Gruppe extrem nervös: ständig wurde gebremst und beschleunigt und von links nach rechts gekreuzt. Da kam kein Rhythmus auf und teilweise war es sehr gefährlich. Einmal blockierte ich mein Hinterrad, einmal machte sich jemand hinter mir fast lang weil er von der Fahrbahn abkam, gegensteuerte und dann quer in die Gruppe fuhr. Die Gruppe fuhr in etwa wie Boris Johnson Rugby bzw. Fußball spielt.

An der ersten Kontrollstelle in Otterstedt nach 30 km bog jemand überraschend vor mir nach links ab und wieder konnte ich mich nur mit Mühe auf dem Rad halten. An sich war es mehr wie ein Rennen und weniger wie eine RTF.

Hannes und ich beschlossen und daher in eine andere Gruppe einzuklinken, aber da war weit und breit keine Alternative zu sehen. Wir fuhren dann erst einmal mit dieser Gruppe weiter und nach weiteren 4 km stellten wir fest, dass fast alle auf die 72 km Strecke abbogen und nur 3 oder 4 weiter 117 bzw. 174 km fahren wollten. Trotzdem war das eine schnelle Truppe wieder mit fast 40 km/h, aber zu klein und dadurch, dass wir zu oft vorne fahren mussten stiegen wir auch dort wieder aus. Wir waren dann zu dritt unterwegs, bis ein recht schneller Focus Fahrer zu uns stieß und wir dann gemeinsam ein gutes Tempo fanden, dass uns zur zweiten Kontrollstelle nach Hetzwege brachte. In der Gegend zwischen Ottersberg, Zeven, Scheeßel und Rotenburg bin ich bislang wenig unterwegs gewesen; die Straßen hier waren klein und gut ausgewählt und das machte nun auch wieder Spaß, zumal auch der Sprühregen aufgehört hatte.

In Hetzwege ist vermutlich eher weniger los so. Ich habe gerade einmal auf den Veranstaltungskalender 2017 der Gemeinde geschaut und zu den Höhepunkten des Jahres zählen Blutspenden, Altpapiersammeln und das Kaffeetrinken der Frauen. In Hetzwege taten wir uns zusammen mit etwa 10 Fahrern der SG Stern. Für die, die es nicht wissen, das ist die Betriebssportkampfgruppe des hiesigen Mercedeswerkes. Wir waren allerdings nicht mit der Rennrad- sondern mit der Schachabteilung unterwegs; das erkannte ich gleich, da einige von denen weiße, und andere schwarze Jerseys trugen. Es gab eine weiße Dame, einen weißen Turm mit Bart und jede Menge schwarzer Bauern.

Zuerst machte ich mir etwas Sorgen, dass wir uns als Renault- bzw. gar nicht Fahrer da in eine elitäre Gruppe reingeschmuggelt hatten und nicht so recht willkommen waren. Das war aber nur ein Vorurteil meinerseits, denn mit der Zeit wurde sich ganz nett unterhalten und ich wurde aufgeklärt, dass die schwarzen die Heim-, und die weißen die Auswärtstrikots sind. Und das die SG Stern mit 41.000 Mitgliedern einer der größten Sportvereine Deutschlands ist. Und dass jeder Standort seine eigene Farbe hat, erkennbar an den Streifen an der Hose. Die Farbe Bremens ist rot. Hat alles der Konzern festgelegt, man kann sich so richtig vorstellen wie in der Konzernzentrale die Schreibtische glühen und sich die Stabsabteilungen Gedanken zu machen was man noch so alles festlegen und standardisieren könnte. Vielleicht, dass alle auch ein Mercedes Rad fahren könnten?

Es ging jedenfalls gut voran und so ließen wir den dritten und letzten Verpflegungspunkt in Otterstedt aus, in der Folge kam es zu etwas Konfusion. Statt die letzten 33 km über Ottersberg, Sagehorn und Borgfeld voll zu machen, fuhren wir nur die 26 km der 55er Runde zurück auf etwa dem gleichen Weg, den wir gekommen waren, so dass wir nicht die vollen 114 km erreichten. Ich bin mir aber auch sicher, dass dieser Betrug dem Personal des RSC-Rot Gold aufgefallen wäre. Am Ende gab es noch den traditionellen Sprint über die Autobahnbrücke am Platzhirsch und dann waren wir auch schon am Ziel. Zeit für Kuchen, Kaffee, Fluppe und ein Selfie.

IMG_0738 (1)

Traumkörper.

Strava

Yep, das Wetter hatte gehalten und wir konnten uns nun endlich dem Ziel des ganzen Tages, nämlich dem Kuchenbuffet des Vereins zuwenden. Kai war da und auch Axel, Björn, Thomas, Benjamin und ein paar andere. Entspannt. Hannes konnte mir nun endlich die Geschichte von Leichen-Elly erzählen, die wir etwa 3 Stunden vorher abbrechen mussten, um in der Gruppe mit 40er Schnitt nach Fischerhude zu hecheln. Die Regenjacke hatte auch gehalten, das Wetter am Ende war ohnehin und unerwartet gut. Aus der Jacke quillten fiese gelbe Plastikschichten – so als wenn sich dort eine Familie Quallen versteckt hätte.

Ich kam rechtzeitig nach Hause bevor die Spiele der Bundesliga angepfiffen wurden und wachte wieder auf, als diese zu Ende waren. Zum Glück dauerte Wolfsburg gegen Gladbach etwas länger, denn das war das Spiel wegen eines Gewitters länger unterbrochen. Nächste Woche geht es weiter mit der RTF in Delmenhorst.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2017, Bremen, Hannes, Mob

Pave Fiction: Zweier Konkurrenz.

classical-art-modern-people-life-digital-collage-shusaku-takaoka-22-5902e428c10b3__605

Lustiges einrollen für den „Roten Fuchs“ bei schönstem Frühlingswetter bisher in Bremen mit Hannes.

Schönstes Frühlingswetter bisher in Bremen; das ist etwa so wie mein ehemaliger Baukollege Dominik in China 1996 auf dem Land bemerkte, nachdem er sich am Straßenrand ein Eis gekauft hatte: „Hm, das ist wirklich lecker. Das beste Eis, dass ich je in China gegessen habe…..heute.“

Wohin soll es gehen bei blauem Himmel und Sonnenschein und zwei Stunden Zeit? „Sollen wir nach Wilstedt?“ Wir schauen uns kurz an: „Ha ha ha, der war gut, beinah‘ wäre ich darauf reingefallen.“ Das Blockland muss einfach voll sein, wir entscheiden uns für Umwege nach Vegesack, über die Weser mit der Fähre (was regelmässig den Strava Schnitt versaut) und dann zurück auf dem Weserschnellweg nach Strom. Der Wind kommt heute richtig stark aus dem Süden und so fassen wir den Plan einmal richtig auf der richtigen Wümmeseite über das Pave zu brettern und uns bei Strava unsterblich zu machen.

Das geht heute richtig gut und schnell. Auch das Wechseln klappt prima, aber leider ist auch diese Wümmeseite heute recht voll und ab und an müssen wir auf die Bremse treten. Ist der Asphalt gut, sind wir konstant mit 40 Sachen oder mehr unterwegs. Ca. 2 km vor dem Ende fährt Hannes vorne und ich überhole ihn, da ich meine ich könnte schneller fahren: „Fahr alleine weiter!“ ruft Hannes von hinten; „Bleib gefälligst an meinem Hinterrad!“ Das klappt auch gut und als wir an der Brücke ankommen müssen wir gleich nachsehen wie wir waren. Eigentlich hätten wir jetzt nach Hause fahren sollen, einen Kaffee machen und auf die Couch hauen sollen. Wir sind Zweite, nur 7 Sekunden hinter dem KOM. Boh, sind wir toll! Also fahren wir weiter nach Ritterhude und auf kleinen Wegen nach Stendorf, Habichthorst, Beckedorf, Aumund und schließlich Vegesack. Siegerehrung.

IMG_0611

IMG_0615

Die Fähre nach Lemwerder ist gerade los und wir müssen 20 Minuten warten, das reicht für jeweils ein Hanuta und ein Foto von dem russischen Kriegsschiff, dass bei der Werft von Abeking und Rasmussen vertäut liegt.

IMG_0616

Warum bestellt sich jemand ein Schiff, das so aussieht, als wenn es dem Superschurken in einem James Bond Film gehört? Vielleicht weil jemand ein Superschurke ist oder sein will?

Auf dem Weserschnellweg geht es nun am Fluss entlang zurück Richtung Bremen. Hier finden wir heraus, warum wir bislang so schnell unterwegs waren: Heftiger Wind, teilweise kriechen wir mit 23 km/h in einer Einerreihe daher. Das dauert lange und so werden aus den ursprünglich avisierten zwei Stunden drei, und aus einem lustigen Rollen ein recht anstrengender Rückweg. Auf der anderen Weserseite nehmen wir den Weg an der Schlachte lang – keine gute Idee an einem Tag wo alle Bremer nach langen Monaten der Finsternis die erste Gelegenheit nutzen draußen zu sitzen oder zu flanieren.

65 km, fast ein KOM, jede Menge Spaß und Wind.
Strava

 

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2017, Bremen, Hannes, Mob, Touren

Lüttich – Bastogne – Lüttich 2017: Pommes lügen nicht.

18157026_1501760069887613_477728567647272323_n

Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die so eklatant verschieden sind, wie die Gefühle, die man nach einer Radfahrt von 273 km am Abend danach hat und die Gefühle, die man am Abend nach einer Radfahrt von 273 km zwei Abende danach hat. 

Umsomehr, als die Teilnahme an Lüttich-Bastogne-Lüttich den Saisonhöhepunkt dieses Jahr darstellt. Das er so früh im Jahr kam ist umso erfreulicher, denn nach langen Tagen des Trainings (2 Mal in Bremen, 5 Mal auf Mallorca) kann ich nun endlich die Beine hochlegen, und das Jahr langsam ausklingen lassen. OK, es warten noch diverse RTFs und das eine oder andere Rennen, aber das fühlt sich eher so an wie noch ein Espresso, nachdem man gerade eine große Pizza gegessen hat.

Jochen hatte mich im Januar angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, dieses Jahr zusammen mit ihm, Silke und Andi LBL zu fahren. „Klar„, sagte ich, ohne lange darüber nachzudenken, denn in Belgien war ich schon lange nicht mehr und was sollte schon groß passieren? „Die kurze oder die lange Distanz?“ „Die lange natürlich.“ Das die lange Distanz 273 km lang war, die kurze 157 km und dass es noch eine sehr kurze Distanz von 75 km gab wusste ich da noch nicht. Die 75 km wurden sowie überhaupt nicht erwähnt. Je näher die Tour kam, umso mehr Bammel bekam ich vor der Aufgabe, die ich mir so unnötigerweise selbst gestellt hatte. Richtig trainiert wurde erst 4 Wochen vorher, dabei nur zwei Mal mit den Bremern, bis der Druck so groß wurde, dass ich mich kurzentschlossen nach Mallorca abseilte um wenigstens ein paar Kilometer in die Beine zu bekommen. Danach fühlte ich mich aber auch sehr OK. Eher trügerisch, wie sich später herausstellen würde. Zum Glück ging es den anderen nicht besser.

Lüttich – Bastogne – Lüttich ist das älteste noch ausgetragene Eintagesrennen im Radsport, daher auch sein Spitzname „La Doyenne“ („Die Älteste“). Wegen seiner Länge und wegen eines Profils, dass sich prinzipiell auch zum surfen eignen würde, gilt es auch als eines der schwersten Radrennen der Welt. Zeit das also endlich in Angriff zu nehmen.

Und so sassen wir am Freitag Morgen zu viert eng aneinander gekauert zwischen Rennrädern, Luftpumpen, Packtaschen und Tupperware im Volvo von Jochen und machten uns auf den Weg nach Belgien. Dieser Weg führt, wenn auch nicht zwangsweise, direkt über meine Heimatstadt Mönchengladbach und durch meine Studentenstadt Bremen, zwei Orte deren Besuch ich tunlichst vermeide. Wenn es aber darum geht deren Schönheit und Charme anzupreisen, dann hält mich nichts zurück. Auch wenn man von Gladbach von der Autobahn nichts weiter sieht als das Klärwerk in Neuwerk  und Aachen sowieso rechts liegengelassen wird. Dann kamen wir nach Belgien und sofort änderte sich die Stimmung: Landschaften, Städte und Dörfer verspritzten diesen typischen französischen Esprit und Charme, untermauert durch gelegentlich gehisste Landesfahnen an Orten die eher selten von Menschen besucht werden.

IMG_0547

Wir hatten uns einquartiert im Hotel Club Midi in Dison, etwa 20 km vom Start entfernt. Das Hotel ist nicht ganz so dunkel, wie es uns deren Website glauben machen will; es verfügt zudem über drei überdachte Tennisplätze an deren Rückseite fast unmittelbar die Gästezimmer liegen. Zum Glück wurde nicht Tennis gespielt, stattdessen liefen die Vorbereitung zur Messe „Salon Feminine“ auf Hochtouren und Händler aus der Umgebung hatten auf dem Filz der Plätze alles aufgebaut, was belgische Frauen begehren: Schmuck, Kosmetika, Bücher, Sportnahrung, esoterische Wandteppiche und, ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, aber es fällt wohl unter den Oberbegriff „Bekleidung“. Ohne Tennis und vor allem ohne tropikanische Zumba Disco ab 21 Uhr am Freitag, die zwar angekündigt auf einem Plakat war, aber laut Website im Juli 2014 eingestellt wurde, war das Laden eigentlich ganz angenehm. Das was nicht so angenehm war konnte in einer Vielfalt belgischer Biere ertränkt werden.

Übrigens waren wir nicht die einzigen Gäste dort, die Gästeliste ist lang und illuster. Dr. Feelgood hat dort schon übernachtet und auch diese Band, die mir aus Teenytagen immer noch im Ohr ist:

Wie an Kopfbedeckung, Brille und Sprachartikulation unschwer zu erkennen ist, handelt es sich hier um Belgier. Sogar Guns&Roses haben dort schon gepennt! Das haben die nur auf ihrer Website aus Versehen falsch geschrieben: „Roses, de Guns & Roses“ .

Wir machten uns auf den Weg nach Lüttich, um uns zu registrieren und die Stadt zu erkunden. Das Leben ist billig in Lüttich, für 20 Cents hätten wir bis zum Montag um 8 Uhr früh parken können. Wir haben das aber doch nicht gemacht, da eine weitere Übernachtung mehr Geld gekostet hätte, als durch parken zu sparen gewesen wäre. Tja, und dann war da noch Lüttich, aber dazu später.

Die Registrierung war sehr unaufgeregt. Es gab keine langen Schlangen, alles ging fix, es gab auch keine großartigen Stände mit Dingen die man noch unbedingt braucht (und wenn, dann hätten wir uns ja auch auf dem Salon Feminine eindecken können), es gab fast nichts zu kaufen, keine Pommes, fast kein Bier. Nur eine großartige Parade des Mavic Services.

IMG_0550

IMG_0554

Immer noch am rätseln, was hier gemeint ist: Vermutlich es ist zu einfach ein Auto links zu überholen, wenn man einen Verbrennungsmotor am Rad hat, mehr Spaß ist jedoch dabei es aus eigener Kraft zu schaffen?

Ab ich die Stadt. Die begrüßt einen von der Autobahn her erst einmal mit Tanklager und Industriegebieten, bevor man durch Häuserreihen, deren Baulücken gar nicht, oder sehr unorginell durch Siebzigerbeton aufgefüllt wurden, in die Innenstadt kommt.

18057859_1887166404905659_774349240912610342_n

Nur weil das stabil dran steht, heißt dies nicht automatisch, dass das auch stabil ist.

Nein, Lüttich konnte uns auf den ersten Blick nicht mit seinem Charme begeistern. Es erinnerte mich stark an eine Mischung aus Eisenhüttenstadt, so wie Tom Hanks es einmal beschrieben hat und Detroit. Ich war zwar noch nie in Detroit, aber alles, was ich jemals über Detroit gesehen habe, wurde vermutlich in Lüttich gedreht. Eigentlich könnte das alles ganz nett sein, es gibt durchaus schöne Häuser, Cafes, einen Gemüseladen der aussah, als wenn Toulouse-Lautrec dort schon Auberginen gekauft hätte, aber es fehlt an Geld und Menschen. Während in den Erdgeschossen noch Geschäfte und Cafes betrieben wurden, war spätestens nach dem 2. Obergeschoss Schluss: Offene Fenster, leere Höhlen, alte Gardinen ohne Goldkante. Ich dachte zunächst, dass die Stadt sich über die Jahre, ähnlich wie Detroit, entvölkert hat aber Wiki belehrte mich eines besseren.

Wir fanden eine nette Pizzeria, aßen gut zu Abend, tranken dann anschließend noch Kaffee in einem Cafe auf dem Marktplatz bevor wir vorbei an Tennisplatz und Salon Feminine zu Bett gingen.

Denn um 5:40 klingelte bereits der Wecker, um Freunde und Optimismus zu verbreiten hatte ich dieses hier als Weckton eingestellt. Ein letzter Gruß, bevor wir irgendwo in den Ardennen verschwinden. Uns weckte noch etwas anderes: Das Geräusch von leichtem Regen, etwas was man so gar nicht hören wollte, was aber auch nicht unerwartet kam. Der Wetterbericht (also, fast alle, denn wir hatten sie wirklich alle angeschaut auf der Suche nach einer guten Nachricht) hatte Regen erst für 9 Uhr angekündigt. Das konnte ja wenig heiter und wolkig werden.

Ich hatte zwar mehr Radkleidung mit, als meine Tochter T-Shirts im Kleiderschrank hat, aber bei 5 – 11 Grad, Regen, später aber nicht, war es wirklich schwierig die richtige Auswahl zu treffen. Ich entschied mich dann für ein langes, warmes Unterhemd, ein leichtes langärmliges Jersey und eine Hardshell Regensjacke. Letzteres von Rose, vor zehn Jahren für €30 gekauft, wirklich nichts besonders. Es war aber keine schlechte Wahl, nur einmal machte ich den Fehler als ich dachte es wird wärmer und ich die Regenjacke auszog. Die nächste Abfahrt zeigte mir schnell, dass das keine gute Idee ist. So schnell, wie sich Anstiege und Abfahrten in den Ardennen abwechseln kann man die Kleidung gar nicht wechseln.  Doof war nur, dass die Regenjacke gar keine Außentaschen hatte und ich so beim Fahren nicht an die Riegel ran kam. Das sollte sich noch rächen.

Jede Menge Bremer am Start (und ein Nienburger). Die meisten auf der mittleren Distanz und die, die die längere fuhren waren schon unterwegs.

IMG_0560

Silvia wählte übrigens eine interessante Streckenvariante: Für die mittlere Distanz von 157 km angemeldet, fuhr Sie nicht Lüttich-Bastogne-Lüttich, sondern Lüttich-Bastogne, Bastogne-Lüttich. Also erst irrtümlich die lange Strecke nach Bastogne und dann den exakt gleichen Weg zurück. Macht 200 km plus.

Wie bei der Registrierung war auch hier alles sehr unaufgeregt. Irgendwann fuhren Andi, Jochen und ich an den Start … ja wo genau war denn der Start, denn es gab nichts was darauf hinwies, keine Linie, kein aufblasbarer Triumphbogen, keine Menschenmassen die dort ungeduldig auf den Schuss der Pistole warteten? Wir fuhren einfach los und waren schon mitten im Verkehr, denn die Strecke ist auch in Lüttich und auch morgens um 6:30 Uhr an einem Samstag nicht abgesperrt. Andi hatten wir gleich verloren, und so machten Jochen und ich uns auf den Weg hinaus aus dem Maastal von Lüttich. Der erste Anstieg ging bereits über 200 Höhenmeter, nach ein paar Wellen dann noch einmal 350 Hm hoch, aber hey, wir waren noch frisch im Feld und irgendwie und fälschlich voller Optimismus. Dieser Optimismus verführte uns auch dazu die erste Verpflegungsstation nach 43 km rechts liegen zu lassen und weiter zu fahren. Nach ca. 50 km trennte sich die Strecke und die Langstreckenfahrer waren unter sich. So ging es eigentlich ganz gut weiter, Welle um Welle, aber nach 90 km merkte ich, dass mir die Energie ausging. Normalerweise habe ich keine Probleme 100 km am Stück zu fahren, ohne viel zu essen und zu trinken, aber die Kälte und der Regen sogen geradezu die Kalorien aus meinem Körper bis nichts mehr vorhanden war außer Rotz und Wasser. Und die Rotze habe ich an diesem Tag auch noch literweise durch die Nase verschwinden sehen.

Jochen und ich hielten an, damit ich einen Riegel auspacken konnte, eine endlose Tortur und die erste Minikrise. Die Handschuhe waren feucht und ließen sich nicht ausziehen, ich kam nicht an das Jersey ran und musste den Reissverschluss ganz öffnen – so ein Powerbar ist auch kein Meisterwerk des Leichtöffnens – die Verpackung hat jemand erfunden, der auch die Glasflasche für Ketchup entworfen hat. Das dauerte alles endlos, aber brachte mich zumindest nach Bastogne.

Alternativ hätten wir auch die Möglichkeit gehabt die Strecke unerlaubt abzukürzen, zum Beispiel quer rüber bei Manhay nach Osten, aber so fertig waren wir auch noch nicht.

 

17992047_1501760119887608_3506720829953604972_n

Jochen offiziell.

Bastogne begrüßt einen mit altem Kriegsgerät und entsprechenden Monumenten: „Wo ist die nächste Verpflegungsstation?“ „Aha ja, an der Kaserne vorbei bis zum Sherman Panzer, dann geradeaus zum Kreisverkehr mit dem Panther und dann gleich links beim amerikanischen Soldatenfriedhof.“ An der Station selber gab es Bananen, Müsliriegel, Weingummi, Waffeln; ehrlich gesagt mir war es egal, einfach alles gleichzeitig in den Mund rein, kauen und dann schnell runter bevor es kalt wird. Achtung: Isst man Bananen mit Waffeln und Weingummi gleichzeitig, bleiben die Weingummis irgendwo hintern rechts im Mund übrig und schmecken nach Bananen. In dem Moment, wo ich aufhörte zu treten setzte das große Frösteln sehr schnell ein. Da das Rennen ja Lüttich-Bastogne-Lüttich heißt, könnte man annehmen, das die Hälfte der Strecke und der Höhenmeter in Bastogne geschafft sind. Das ist ein großer Irrtum; gerade einmal 103 der 273 km sind in Bastogne absolviert, fast alle brutalen Anstiege stehen noch bevor und es ist gerade ein Drittel der Gesamtzeit verstrichen. Daher müsste das Rennen korrekterweise Lüttich – Bastogne – noch mehr Ardennen – Lüttich heißen, um den Fokus richtig zu verstehen, denn der war nun definitiv eben noch mehr Ardennen. Und auch noch mehr Regen und richtig guter Gegenwind.

Das ging quasi nach Bastogne los und die Fahrbahn wurde nun richtig nass; so langsam begann ich mir Sorgen zu machen, dass die Socken nun nass, und dies auch bis zum Ende des Rennens bleiben werden. Diese Sorgen waren schnell vergessen. Nicht weil das Wetter besser wurde, sondern weil wir in Hoffalize kurzerhand links von der Hauptstrasse abbogen und plötzlich vor einer Wand standen, dem Côte de Saint-Roch 1,0 km; 116 Hm) dem ersten richtigen Helling der Strecke. Helling ist ein belgisches Wort aus dem 14. Jahrhundert, das einen scheiß-steilen Hügel beschreibt, an dem der Karren mit Kuhmist samt Esel umkippt, wenn versucht wird ihn hochzufahren. Hellinge sind nie Teil der Hauptstraße, sondern verstecken sich immer rechts oder links der Marginalen um die Ecke, so dass einem der Riegel im Mund steckenbleibt wenn man final sieht, auf welche Wand man da gerade zufährt. Oder geradezu fährt.

Kramon_Liège-B-L2017_1916_compressed

Mein erster Helling.

 

Ich wurde auf diesem ersten Helling zunächst von einem mir persönlich bekannten Vereinskollegen aus Bremen überholt, bis ich diesen wieder einholte, als sich dieser entschied den Weg nach oben zu Fuß fortzusetzen. In diesem Moment, und zwar nur in diesem, war ich so relaxt wie Frankie goes to Hollywood. Jochen der ohnehin deutlich schneller als ich war, war bereits voraus und kurz darauf erreichten wir die nächste Verpflegungsstelle, die nun ungefähr die Hälfte der Distanz markierte und in der deutschen Enklave Belgiens liegt – dort wo die Orte Steinbach heißen. Orginell. Auf der wallonischen Seite heißen sie „Froideville“. Andi war bereits da, ihm war kalt und weg war er.

35 km stand der Côte de Pont auf dem Programm, der etwa vergleichbar mit dem ersten Helling war. Trotzdem dauerte es für mich nun länger hier hochzufahren, da ich deutlic weniger Kraft in den Beinen hatte. Das was zu Beginn des Tages noch so spielend gelang, wurde nun zu einer extrem kraftraubenden Angelegenheit. Jochen, der mit Leistungsmessung fuhr meinte ebenfalls, dass er nun halb so viel Watt treten würde wie am morgen, sich aber körperlich am Anschlag befindet. Nur ganz wenige Kilometer später folgte dann der Côte de Bellevaux, der etwas einfacher zu fahren ist. Und kurz darauf ist zum Glück auch wieder ein Verpflegungspunkt in Malmedy, den man nun auch ganz dringend braucht. Neben dem Verpflegungspunkt befand sich die Friterie Chantal.

o

Drei Tage später kann ich mich kaum noch an die Details erinnern, ich war so darauf konzentriert zu fahren, ich habe wenig Erinnerung an das, was um mich herum vorging. Bis zum nächsten und letzten Verpflegungspunkt in Sprimont, waren nun noch weitere 4 Hellinge angesagt:  Der Côte de la Ferme Libert mit bis zu 20% Steigung und den ich teilweise in Schlangenlinien hochgefahren bin, der Col du Rosier, der nicht wirklich steil ist, aber zu diesem Zeitpunkt eben mit 3,8 km sehr lang; der Col du Maquisard, den ich irgendwie so mitnahm und dann der berühmteste überhaupt, der Côte de La Redoute mit bis zu 22% Steigung. Das ist ganz schön gemein nach so viel Strecke. Aber irgendwie habe ich es geschafft alle Anstiege hoch zu kommen, ohne abzusteigen, auch wenn meine Geschwindigkeit teilweise bis auf 6 km/h abfiel. Ich habe keine Erinnerung auf auch eine Ahnung, wie ich das geschafft habe.

In Sprimont wurde der Mund noch einmal richtig voll mit Weingummi etc. genommen und alle beiden Wasserflaschen mit ISO Plörre gefüllt. Da muss wohl auch Magnesium drin gewesen sein und was weiß ich noch was; jedenfalls hatte ich im Rennen und auch in den Tagen danach keinerlei Krämpfe in den Beinen. Das Zeug ist gut, hat aber auch sehr unvorhersehbare Auswirkungen auf meine Verdauung. Nein, eigentlich sehr vorhersehbare Auswirkungen auf meine Verdauung.  Die Aussicht auf ein Dixieklo am Ziel ließ mich noch einmal eine ganze Ecke schneller fahren.

Von Sprimont waren es noch 39 km ins Ziel. Noch zwei Hellinge waren laut Programm zu absolvieren und jetzt war klar, dass ich es schaffen würde anzukommen und weniger als 2 Stunden dafür sollten auch reichen. Der Rest ist denn nur noch durchhalten und sich irgendwie ins Ziel quälen. 10 km später schwankt am Côte de la Roche-aux-Faucons noch einmal diese Gewissheit. Das Ding ist zwar nur 1,3 km lang, was aber eben zu diesem Zeitpunkt so lang wie 13 km erscheint. Kommt man aber oben an, muss man feststellen, dass man noch einmal einen weiteren Kilometer hoch in eine andere Richtung zieht. Ich fühlte mich wie betrogen.

Bei dem Versuch eine rote Ampel zu umfahren und weil ich im Hinterkopf keine Augen habe, übersah ich den Polizeiwagen direkt hinter mir. Der hupte zunächst (was ich als Aufforderung interpretierte mich zu beeilen), doch als die Sirenen anfingen zu heulen wusste ich, dass ich in der Klemme bin. Es blieb zwar bei einer mündlichen Verwarnung auf französisch, aber von nun an musste ich nicht nur schnell fahren, sondern mich auch peinlich genau an die Straßenverkehrsordnung halten.

18118862_1888084051480561_7111708259719011564_n

Silke offiziell.

Nach 258 km etwa waren wir wieder an der Maas und in einem hässlichen Teil von Lüttich gelandet. Nicht, dass die anderen Teile so besonders viel schöner gewesen wären, aber nach 258 km ist eben auch wenig Platz für Optimismus. Wir überquerten die Maas und hätten jetzt am Fluss lang Richtung Messehallen, also dem Ziel radeln können. Das war dem Veranstalter aber zu einfach:  Der Côte de Saint-Nicolas, also der Nikolaushügel, zieht sich Serpentine per Serpentine durch eine Industrieruinengegend und eine langweilige Hochhaussiedlung hoch bis auf die Hauptstrasse nach Ans. Und diese sieht man dann in ihrer ganzen Pracht wie die ebenfalls schräg nach oben verläuft über eine sehr lange Distanz. Da fühlt man sich noch einmal richtig beschissen und fragt sich: Warum wollen die mir hier unbedingt ihre Stadt zeigen? Wär’s nicht besser Start und Ziel sowieso außerhalb zu machen, denn die Dörfer der Ardennen haben durchaus Charme?

「detroit ruins」の画像検索結果

Anstieg nach Saint-Nicolas. Ne, war nur ein Spaß, das ist wirklich Detroit.

「liege saint nicolas maison」の画像検索結果

Das ist eine sehr positive Darstellung von Saint Nicolas.

Nein, man muss hier hoch fahren, weil das der letzte Anstieg ist, den die Profis im Rennen fahren; denn das Renen endet nicht in Lüttich sondern in Ans. Oben auf dem Hügel biegen die Pros nach links ab in die Rue des Francais und kommen 200 m weiter neben dem Carrefour Supermarkt durch das Ziel. Alle anderen, nämlich die Nicht-Profis, müssen sich dann weiter 8 nutzlose Kilometer durch Lüttich quälen, bevor sie die Messehallen und deren Dixie-Klos erreichen. Es war geschafft, fast 275 km lagen hinter Jochen und mir und die Stimmung war indifferent.

Strava.

Andi war da, Silke war auch schon länger zurück, auch sie hatte die mittlere Distanz gestanden. Schnippo kam kurz danach ins Ziel, die weiteren Bremer haben wir seitdem nicht mehr gesehen. Es gab keine Pommes am Ziel – eine mittlere Katastrophe! Ich fragte mich, warum ich verdammt noch Mal all diese Mühe auf mich genommen hatte, wenn am Ende nicht die verdammte Belohnung da sein würde. Also schnell weg nach Dison, unserer neuen belgischen Heimat und auf die Suche nach der ersten Pommesbude. Keine Ahnung wo, wir halten an einer Tankstelle und Jochen meint ich soll einmal gerade rüber hüpfen und fragen, wo die nächste Pommesbude ist. Rüberhüpfen? Angesichts meiner körperlichen Verfassung wäre „rüber schleppen“ das passende Wort gewesen. Und dann fragte ich in meinem Schulfranzösisch von 1979, das seitdem durch diverse Schichten von japanisch und chinesisch überlagert wurde, wo denn im Ort eine Pommesbude sei. Dönerbuden gab’s da jede Menge, aber wo bitte ist eine Friterie (nach Möglichkeit mit dem Namen Chantal)? Ja, sagte der Tankwart, da kenne er eine, da gäbe es auch leckeres Pita Döner…Abgelehnt!… Ehrlich gesagt hatte ich nicht genau verstanden was er sagte, denn ich kann weitaus besser französisch parlieren als verstehen, aber tatsächlich führte uns der Weg zum Fritten Snack, wo wir erst einmal jede Menge Frites moyenne (französisch: heißt auf Deutsch XXXL) mit Mayo und den anderen tausend Dingen die sich Belgier so auf Pommes tun, bestellten. Lecker. Pommes lügen nicht. Das sollte eben auch nur ein kleiner Snack werden, richtig essen wollten wir im Hotel.

IMG_0563

Die Pommes Moyenne danach

IMG_0564

Ich kann mich aber nur noch erinnern, dass wir im Hotel ein paar Bier bestellten, einen Blick auf den Salon Feminine wagten und dann in den Sofas an der Bar schon einpennten, neben mir Andi. Ein letztes „hüpfen“ in die Zimmer, dann war der Tag vorbei.

Und so machen es die Profis

Am nächsten Morgen wollten wir herausfinden, wie gut denn die Profis sind. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, wofür wir 11 1/2 Stunden reine Fahrtzeit brauchten, benötigt ein Profi wie A. Valverde lediglich 6 1/2 Stunden und selbst der lahmste Lutscher 2016 (Simon Yates als 153.) kam nur 16 Minuten später an. Und 47 Fahrer haben aufgegegebn, darunter auch Japans Hoffnung Fumiyuki Beppu von Trek-Segrafredo.

Und, zwei Dinge müssen hie auch einmal klar gestellt werden: Statt den 274 km, die wir gefahren sind, mussten die Profis nur ca. 256 km fahren – und das auch noch bei schönstem Wetter dieses Jahr, Im Gegensatz zum Tag davor. Von daher ist es nur fair anzunehmen, dass etwa 4 der 5 Stunden Zeitunterschied zwischen Valverde und mir auf die kürzere Strecke und das bessere Wetter zurückzuführen sind und dass der tatsächliche Leistungsunterschied zwischen uns nur für eine weitere Stunde Verspätung verantwortlich ist. Mit Simon Yates bin ich quasi fast leistungsgleich.,

Wir fuhren zunächst zum Côte de Saint-Roch in der Nähe von Bastogne. Das ist ein guter Platz ein Radrennen zu schauen, denn der Anstieg beginnt in einem kleinen Dorf, das eine Friterie sein eigen nennt („Autre Chose“) und einen Kinderspielplatz inklusive deutschem Kampfpanzer aufzubieten hat.

IMG_0566

Friterie Autre chose im Ort

IMG_0567

IMG_0569

Typisch belgischer Kinderspielplatz

IMG_0570

Kein klassisches Rennen ohne klassisches Polizeikäppi.

IMG_0572

IMG_0574

Der Anstieg mit einem Tribut an Michelle Scarponi.

Der Anstieg ist rechts und links von Häuserzeilen gesäumt. Wir waren zu früh, da die Profis mal wieder auf der Strecke trödelten,  aber eine Ausreissergruppe von 8 Fahrern hatte 13 Minuten Vorsprung auf das Feld herausgearbeitet und sollte nun bald kommen. Die Stimmung war auch hier sehr unaufgeregt. Ich hätte gedacht, dass unheimlich viele Menschen dort stehen, es schwer ist überhaupt einen Blick auf das Rennen zu ergattern, das Fahnen geschwungen werden und das Bier in Strömen fließt – nein, die Stimmung war gut aber ruhig, bis dann ein Raunen durch die Menge ging und die Ausreißer an uns vorbei die Steigung hochfuhren. Sieben von acht Fahrern machten das sehr mühelos und schnell, nur einer hatte eine etwas verbissene Miene und drohte aus dem Feld zu fallen. Eine Weile später folgte das Feld.

17952791_1887914494830850_1366238961736025745_n

Auch hier lockere Mienen, sehr gutes Tempo und es überraschend mich immer wieder zu sehen in welcher Dichte so ein Feld fahren kann. Will sagen, wie nah die alle zusammen fahren ohne zusammen zu stoßen.  Ist eigentlich wie das Boyle-Mariott Gesetz p x V = const.; also je größer der Druck im Feld ist, umso kleiner wird das Volumen. Jochen meinte, einen Profi muss dieser Abzweig von der Hauptstraße auf den Helling auch sehr überraschend gekommen sein, denn ein Riegel ragte noch aus seinem Mund.

18058123_1887914141497552_8246873920578213228_n

Es folgte die Kolonne der Teamwagen, die Ambulanz, ein Abschleppwagen, die Polizei und der Besenwagen. Wir nahmen das Auto und fuhren nun Côte de La Redoute, etwa 35 km vor Ende des Pro Rennens und dort wo gestern schon die Wohnwagen an der Strecke parkten und richtig Stimmung war: Na ja, also um es wirklich ganz genau zu schreiben, eine Gruppe belgischer Männer trank dort Bier, sang und hatte Pimmels mit Kreide auf die Straße gemalt. Wir kamen dort an und liefen den Hügel hoch, um einen guten Platz zum sehen zu finden. Ich war überrascht wie steil es dort war und ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie ich dort hochgefahren sein könnte. Das Hochgehen war schon irre anstregend.

IMG_0581

1.000 m vor dem Ziel am Cote de la Redoute.

IMG_0582

IMG_0589

Teamwagen nach dem Hauptfeld.

IMG_0591IMG_0592

Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis die Ausreißergruppe, die nun auf 5 oder 6 Fahrer zusammengeschmolzen war und nur noch 5 Minuten Vorsprung auf den Peloton hatte vorbeikommen sollte. Zeit sich ins Gras zu legen und die Augen zu schließen, um dann anschließend die Mannschaft mit dem „Underpant Man“ vom Giro d’Italia zu unterhalten.

Die Ausreißer sahen hier bereits etwa angestrengter aus, aber das ist alles kein Vergleich zu dem Anblick den wir am Vortag abgegeben haben müssen. Und im Peloton erkannte ich A. Valverde, den späteren Sieger, der aussah als wenn er auf einer BBC Runde am Freitag nach Fischerhude fahren würde. Dahinter wieder Teamwagen, Ambulanz, Abschleppwagen und Besenwagen, dazwischen einige versprengte Fahrer. Als wir uns auf der Straße auf den Weg nach unten machten kamen uns erstaunlicherweise noch einige Fahrer entgegen, die sich durch die Massen nach oben kämpfen mussten. Unter anderem Simon Yates.

Lächerliche 6 Stunden später waren wir wieder zurück in Bremen.

Fazit (5 Abende Später)

Es ist auf der einen Seite eine interessante Erfahrung einmal die Strecke eines Profirennens zu fahren. Man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie hart es für einen Profi sein muss und natürlich ist es auch interessant sich einmal von Leistung und Zeit mit den Pros zu vergleichen. Es ist andererseits aber vielleicht keine zu gute Idee, dass im April in Belgien in den Ardennen über 273 km zu tun, denn das macht teilweise wirklich wenig Spaß. Zu diesem Zeitpunkt sind sind die Vögel in den den Ardennen noch mit dem Arsch an den Zweigen festgefroren und die Frittenfelder liegen brach im Regen während der Belgier an sich zuhause bleibt und nur ab und an mit einem Glas Bier in de Hand an der Kirche vorbeischaut. Auch fünf Abende später denke ich noch „cool, dass Du das geschafft hast“, aber der Gedanke an eine Wiederholung liegt mir immer noch fern. Gestern Abend z.B. bin ich das OBKM Rennen in Bremen in meiner Altersklasse (7 Teilnehmer, einer davon verloren gegangen, ein Mädel noch zu jung und nicht schnell genug) und habe vermutlich einen hervorragenden 5. Platz herausgefahren, ja vielleicht sogar den 4., wer weiß). 21 km zum Start, 25 km fahren, dann wieder zurück. Sehr anstrengend im rennen, aber auch sehr wenig aufwendig. Irgendwie gut (nur sehr, sehr kalt). Oder ein paar Wochen vor LBL waren Silke, Andi und ich in Holland (Ibbenbüren) auf einer RTF. Relativ kurze Anreise, sehr schöne Strecke, Sonne, am Abend wieder zurück – das hat echt Spaß gemacht.

Aber natürlich kommt es am Ende besser raus zu schreiben: „Hey, ich bin dieses Jahr LBL 2017 (mit 7.000 Belgiern, Italienern, Engländern) gefahren!“ Als „Hey, ich war im April mit 400 Holländern in Ibbenbüren“.

Pommes lügen eben nicht.

8 Kommentare

Eingeordnet unter 2017, Mob, Rennen, Silke

BPBLBLB Training Camp. Letzter Tag.

IMG_0546

Der letzte Tag – leider nur ein halber denn um 15:30 Uhr musste ich bereits am Flughafen sein. Ich fuhr mit meinem Mokka raus nach Felanitx, parkte und machte mich mit dem Rad hoch nach San Salvador. 6 km hoch, 6 km runter und fast 400 Höhenmeter. Dieser Anstieg ist länger, härter, unbekannter und weniger befahren als der etwa 30 km entfernte berühmte Anstieg zur Cura di Randa.

Strava

Mit dem Mokka dann weiter nach Randa – hier wollte ich mich mit den anderen Positivos treffen. Bis sie mich anriefen und mir sagten, dass sie bereits oben Kaffee trinken. OK, dann mal los, schnell hoch. 5,5 km hoch, 5,5 km runter, 325 Höhenmeter. Insgesamt 23 km gefahren und dabei 725 Hm zurückgelegt – dass ist Höheneffizient.

Ein letzter gemeinsamer Kaffee, dann runter. Ich bleibe hinter Byron, der in einem früheren Leben Motorradrennfahrer war und der schnellste (sicherste) Abfahrer ist, den ich kenne.

Strava

Flughafen. Ankunft in Bremen. Kälteschock. Heute Nacht soll es bis zu minus zwei Grad werden.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2017, David, Juliane, Mob, Touren

BPBLBLB Training Camp. Die Klassiker an Tag 2 und 3.

IMG_20170416_111357

Gestern ging es mit der erweiterten Positivo Espresso Mannschaft hoch zum Kloster Lluc von Caimari aus und dann runter und hoch nach bzw. von Sa Calobra. 

Wir waren am Morgen noch zu sechst, Stephen, Ayleen, Juliane, David, John und ich und fuhren langsam raus auf dem Radschnellweg von Port Pollenca nach Campanet und Selva. Davids Time Pedale brachen und er und Juliane machten sich wieder auf den Weg nach Hause. Schlecht. Gut ist allerdings, dass es wieder einen Beitrag auf dem Positivo Espresso Blog zum Thema „Cycling gear we broke“ geben wird. Passierte kurz nachdem wir die Schweine gesehen hatten, das soll doch eigentlich Glück bringen, vor allem am Ostersonntag. Also weiter zu viert.

IMG_20170416_114050 (1)

David J Gedächtnisphoto an dem Schlagloch des Todes in Selva. Hier wurde mal ein Lighweight Hinterrad vernichtet.

Ayleen scheuchten wir von Caimari den Berg hoch bis zur Tankstelle. Keine schlechte Leistung für jemanden, der an sich nicht Rennrad fährt; das hätte ich vermutlich in meiner prä-Rennradphase (1981-1990) nicht geschafft. War auch gut, dass Sie das mit uns gefahren ist, den Clarence zerrte seine ihm neu angetraute Frau Magda 80 km und 800 Höhenmeter über die Insel und steht nun, wir wissen nichts genaues, kurz vor der Scheidung. Mal sehen ob die beiden heute Abend zusammen auftauchen. Es ist nicht so einfach mit dem Rennradfahren, den Frauen und der Kombination von beidem. Forschung in den Grundlagen bringt heutzutage mehr und mehr Wahrheit ans Licht.

Also waren wir nur noch zu zweit, John und ich.  Wir waren noch nie zusammen gefahren und zwischen uns gab es noch kein Verständnis, wer der schnellere von uns beiden ist. Geht gar nicht. Also gab ich vorne das Tempo vor und fuhr vom Viadukt rauf zum Pass nach Sa Calobra so schnell wie ich nur konnte. Das wurde dann auf Strava auch meine neue persönliche Bestzeit, aber John konnte ich nicht von meinem Hinterrad abschütteln. Hm, Mist, das würde nun anstrengend werden.IMG_20170416_140637

Aber erst einmal ging es runter. Runter nach Sa Colobra ist langweilig. Es geht nicht richtig schnell runter, da ist viel zu viel Verkehr und außerdem dauert es auch viel zu lange. Lange genug, dass man sich ständig fragt: „Ah ja, und da muss ich nun wieder hoch?“

IMG-20170416-WA0010

Unten schnell ein Cafe und dann gleich wieder hoch. John düst vorne weg und ich sehe schon, dass ich keine Chance habe sein Tempo mitzugehen. Also esse ich erst einmal mein superfettiges Foie Gras Butterbrot auf dem Weg nach oben. Ohne Druck fährt es sich ganz angenehm da hoch. Natürlich gibt es immer wieder Fahrer die einen überholen, oder man sieht in der Ferne jemanden, den man einholen möchte, aber alles in allem übertreibe ich es nicht und bin etwa 5 Minuten hinter John am Kreisel.

IMG_20170416_153729

Es war an sich ganz entspannt.

 

Wir düsen dann zurück nach Lluc und nehmen die schnelle Straße von dort runter nach Pollenca. Das ist wirklich schnell, wir kommen in einen Rausch und schwupps sind wir 118 km später wieder zuhause.

Strava

Heute, am Ostermontag ist der letzte Tag von John, bevor er wieder nach London fliegt. David, Stephen, John und ich treffen uns in Port Pollenca und wollen noch einmal gemeinsam zum Cap Formentor fahren. Die Hackordnung ist vom Start an klar, denn es geht ziemlich direkt den Berg hoch: John und David vorne weg, ich dahinter, dann weiter dahinter Stephen. So kommen wir dann auch am Leuchtturm an im besten Wetter, dass ich bis heute dort erlebt habe. Es ist wie Sommer in Bremen, oder Frühling in Reykjavik. Cafe. Wieder zurück, ich bin ganz ordentlich schnell und ziehe eine Truppe hinter mir den Berg hoch – das ist gut, denn das gibt Selbstvertrauen für Liege-Bastogne-Liege.

Wir trennen uns in Port Pollenca. Stephen bleibt oben auf dem Berg, John muss zum Flughafen, David muss sich um die „Queen of the Mountain“, aka Juliane kümmern die heute Geburtstag hat und ich will noch ein paar Kilometer fahren. Zunächst aber hole ich mir bei LIDL etwas zu essen und setze mich an den Strand.

IMG_0541

Sommer

Übrhaupt ist die Insel so grün. Sogar in den Bächen fließt Wasser – das habe ich hier noch nie gesehen – bis auf diese Scheissregenwoche in Dezember, die ich mir letztes Jahr für meinen Malle Urlaub ausgesucht hatte.

IMG_0542

IMG_0543

Ich fahre nach Petra, weil ich dort im Cafe vorgestern meine Wasserflasche habe stehen lassen. In fließendem spanisch mache ich der Kellnerin mein Anliegen klar. Die Worte fließen nur so aus mir raus, ergeben aber keinen Sinn und offensichtlich scheint sie sich an mich auch nicht erinnern zu können. Da dürfte ich meinen Charme völlig überschätzt habe. Ich gebe auf, letztendlich ist es nur eine Wasserflasche und ich kaufe mir halt ne neue und nehmen keinen Spanisch-Intensivkurs.

Zum Abschluss geht es noch einmal hoch zur Kirche Bonanny, dem höchsten Punkt heute.

IMG_0544.JPG

Bike leaning against almost nothing.

Zurück wird es dann richtig schnell. Ein älterer Fahrer mit Zeitfahraufsatz überholt mich, ich hänge mich dran, kein Problem. Wir fahren konstant 40 – 50 Sachen und kommen schnell nach Can Picafort und dann nach Hause. Mehr als 400 km in drei Tagen – das ist genug Selbstvertrauen getankt.
Strava

Morgen dann noch einmal ausrollen und dann in den gelb-blauen IKEA Flieger nach Bremen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 2017, David, Juliane, Mob, Touren

Saisonauftakt: Teutoburgerwald Tocht – ein wahr gewordener RTF Pornotraum

Jedes Jahr, seit einigen, organisiert der Oldenzaalse Wieler Club, ein traditioneller, holländischer Radklub in der Nähe von Enschede, eine RTF mit kräftig Höhenmetern. Oldenzaal liegt zwar an der Grenze nach Deutschland, so dass man bei gutem Wetter von dort aus Hügel sehen kann, aber fahren kann man diese eben nur …. genau, in Ibbenbüren.

Die großen Anstiege in Holland hat bereits Rapha vor einigen Jahren auf den Punkt gebracht, dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Great_Climbs_Neverlands_v61

Die Gegend um Ibbenbüren soll ja voll nicht schön sein, aber da wenigstens gutes Wetter angesagt war und es nun einmal die erste RTF des Jahres ist, machten wir uns sehr früh heute morgen auf den Weg zum Bahnhof. Wir, das waren Andi, der die Idee hatte, Silke, ich und „the mysterious single“, kurz MS. MS bat mich darauf zu verzichten seine Identität preiszugeben; an dieser Stelle sei nur gesagt, dass es sich um eine bekannte Radsportpersönlichkeit aus Bremen handelt. Der übrigens unglaubliche Geschichten erlebt hat. Die ich allerdings hier auch nicht preisgeben darf. Obwohl, also die mit der REWE Tüte …..  na egal, ich habe es halt nun einmal versprochen (bitte e-mail an mich).

Was zieht man an einem Tag an, der bei ca. 3 Grad im Nebel beginnt, und mit fast 20 Grad in Ibbenbüren vor dem Pommeswagen erst einmal endet? Am Bahnhof waren wir noch alle dick eingemummelt, hatten aber auch alle Rucksäcke dabei, um den Ballast am Start loszuwerden. Ich hatte mir im Vorfeld etwas Sorgen gemacht, wo ich denn meinen Rucksack während des Rennens lassen sollte, später hatte ich dann eine geniale Idee. Doch dazu später. Die Bahn nervte mal wieder. Bis Osnabrück war der Zug pünktlich und die Stimmung prima, aber unser Anschlusszug nach Ibbenbüren hatte eine Stunde Verspätung. Von Osnabrück bis Ibbenbüren sind es gerade mal 25 km, aber wenn man nicht weiß, wo man lang fahren muss ist das eben auch risikoreich. Zum Glück sind die Holländer, was den Beginn einer RTF angeht, doch ein wenig entspannter:

Wir kamen an, zogen uns fast nackt aus, denn mittlerweile waren die Temperaturen in zweistelligen Bereichen, zahlten die lächerlichen 8 € Startgeld und konnten uns gleich auf den Weg machen. Das war eben nicht die typisch norddeutsche RTF: Wenn, sagen wir mal in Delmenhorst, zwischen 8 und 9 gestartet wird, dann steht das gesamte Feld um 8 Uhr am Start und sprintet los, als wenn das Ziel gerade mal 250 Meter entfernt wäre. Kommt man im 9, kann man so eine RTF quasi komplett einsam, alleine und verlassen zurücklegen, man trifft höchstens ein paar aus dem Feld Herausgefallene und Pannenkünstler, die ihr Schicksal am Straßenrand lamentieren. Nicht so in Holland. Verzeihung, in Ibbenbüren: Hier ging immer noch ab und an ein Grüppchen auf Reisen und die Rezeption im großen weißen Zelt war auch noch offen. Überhaupt, die Holländer, da muss jetzt doch noch einiges zu gesagt werden. Zumal bei der RTF wirklich nur Holländer waren, außer uns Vieren und Maik.

IMG_0473

Holländer in Ibbenbüren

Jeder kennt die vielen Klischees, die wir über unsere Nachbarn im Westen im Kopf haben. Ein Klischee hat oft auch etwas wahres, man darf halt nur nicht jeden und jede in dieses Klischee pressen. So sieht man hier sehr schön die ausgeprägte Leidenschaft für das Camping: Ohne Wohnwagen oder Zelt fährt der Holländer nur ungern ins Ausland. So ein großes Zelt auf einem Hänger hinten am dieselnden Nissan auf der Autobahn macht auch echt etwas her und sorgt dafür, dass kein Autofahrer dahinter überholen kann. Sogar die Busse, mit denen die Holländer angereist kamen hatten Anhänger, da waren dann die ganzen Räder drin.

Wir fuhren aber erst einmal los. Silke, Andi und ich etwas gemütlicher, MS powerte gleich richtig rein und wir haben ihn bis zum Ziel nicht mehr gesehen. Nein, stimmt nicht, wir sahen ihn 5 Minuten später wieder, da er falsch abgebogen war. Was bei dieser RTF übrigens sehr schwierig war, denn an allen Überquerungen größerer Strassen standen Streckenposten – so einen Aufwand habe ich bislang noch nie, weder in Deutschland noch in Japan gesehen. In Deutschland machen sich die Vereine nicht den Aufwand; in Japan zwar schon, aber die Streckenposten stecken das Geld ein, legen sich auf die Wiese und schlafen erst einmal ein Ründchen bis das Geräusch eines Unfalls sie aufweckt. Also wenn überhaupt.

Es ging übrigens ganz schön auf und ab, insgesamt sollten es so etwa 1.200 Höhenmeter werden und genau deswegen waren wir ja auch gekommen. Im Prinzip führte die Strecke an der Flanke des Hügelrückens des Teutoburger Walds lang, immer mal ein Stück hoch, dann wieder runter. Die Aussicht war voll nicht schön.

 

IMG_0451

Keine Aussicht

 

Da waren schon einige fiese Steigungen dabei und gerade die ersten, wenn man noch nicht richtig aufgewärmt ist, tun richtig weh. Wir sind allerdings auch sehr diszipliniert und gleichmäßig gefahren, dieser Tatsache verdanke ich es, dass ich überhaupt jetzt noch am Computer sitzen und schreiben kann.

IMG_0452

Immer noch keine voll schöne Aussicht.

IMG_0456

So langsam wird es ja mit der schönen Aussicht.

Nach 55 km kamen wir nach Bad iBurg. Das hieß früher mal Bad Burg, hat sich aber im Zuge der Digitalisierung gerade umbenannt. Dort gab es die erste Verpflegungsstation. Ich wollte an den Stand springen und bereits für alle bestellen: „Een Frikandell spezial und.äh.tweee halve kip.“ da ich ja ganz gut der holländischen Sprache mächtig bin. Das kommt daher, weil ich in Mönchengladbach aufgewachsen bin, was gerade einmal 50 km von Venlo entfernt liegt. Wenn meine Eltern in den Siebzigern gut chinesisch essen gehen wollten, dann fuhren sie 50 km nach Venlo, denn in Gladbach gab es nur Erbsensuppe und Eintopf. Ich musste tatsächlich 17 Jahre alt werden, bevor ich meine erste Pizza gegessen habe, so international war Gladbach. Nicht ganz – wir hatten ziemlich viele Engländer von der Rheinarmee in der Stadt, die allerdings nur sehr wenige kulinarische Spuren hinterlassen haben. Wenn überhaupt welche. Und unser Fernseher hatte genau sechs Programme: ARD, ZDF, WDR und AVRO I und II aus Holland, sowie BFBS. Und so bin ich mit holländischem Fernsehn groß geworden,vor allem mit Top Pops, das war meine Lieblingssendung. Das war so eine Kombination aus „Disco“, „Beat Club“ und „Hitparade“ moderiert von einem unglaublich coolem Holländer namens  Ad Visser.

Ad_Visser

Viele Holländer die heute mitgefahren sind sahen übrigens genau so aus, diese charmante Mischung aus David Cassidy, Atze Schröder und Charles Manson. Durch Top Pop hörte ich zum ersten Mal richtig gute Musik, Alice Cooper’s „School’s Out“ zum Beispiel hinterließ einen sehr starken Eindruck.  Und zwangsweise wurde ich zu einem intimen Kenner der holländischen Musikszene. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das wirklich eine gute Erfahrung war, aber Meilensteine der holländischen Popmusik die jeder kennen sollte sind auf jeden Fall:

「long tall ernie and the shakers」の画像検索結果

Long Tall Earnie and the Shakers

「pussycat dutch」の画像検索結果

Pussycat

「bzn」の画像検索結果

BZN – just an Illusion. Leider nein.

Und natürlich Hansje.

「hansje silex pistols」の画像検索結果

Hansje war so ziemlich die Dura Ace der holländischen Popmusik. Aber zurück nach Ibbenbüren an den Verpflegunsgstand. Da gab es exakt: süssen Tee. Und sonst nichts. Wobei mir ein weiteres Klischee über Holländer einfällt: Sie sind geizig. Hans van Lier, einen holländischen Freund aus Japantagen fragte ich einmal, wie viel Taschengeld er seinem 12 jährigen Sohn gibt (ich wollte wissen wie viel ich meinem Sohn geben sollte) und er sagt: „I gave him 10 € an month, but he used it to buy sweets and toys and this nonsense, so I stopped giving him money.“

Nebenan gab es ein schickes Zelt mit Kuchen und Kaffee, aber dafür hätten wir bezahlen müssen. Und wir waren nun geizig und fuhren weiter. Die iBurg ist übrigens wirklich sehr schick.

「schloss iburg」の画像検索結果

IMG_0464

IMG_0465

IMG_0467

Silke vorweg, Andi hat Mühe mitzukommen.

Es ging weiter auf und ab. Da waren auch ein paar richtig gute Abfahrten bei, die bei dem schönen Wetter noch einmal extra Spaß machten, auch wenn die Gegend voll nicht schön war. Nachdem wir den Teutoburger Wald noch gefühlt fünf Mal zickzack überquert hatten kam wir nach 100 km und etwas schneller als erwartet zurück nach Ibbenbüren. Wir wollten ja ans ich 120 km fahren, aber irgendwo müssen wir eine Abzweigung verpasst haben und so kamen wir nach 100 km ins Ziel. Ein wenig später kam dann auch MS an, der es auf 125 km brachte.

IMG_0470

Dort am Ziel, wo ich mich fast noch einmal auf die Fresse legte bei dem Versuch eine Bodenschwelle zu ignorieren, hatte in cleverer deutscher Unternehmer einen Pommeswagen aufgestellt und gleich kulturell richtig equippt.

IMG_0474IMG_0475IMG_0477

Wir sind dann aber doch schnell nach Hause gefahren; so schnell wie es eben die Deutsche Bahn zuließ.
Fazit: Eine tolle Veranstaltung, wobei man sich durchaus fragen darf, ob es Sinn macht um 5:45 Uhr aufzustehen und nach 18 Uhr nach Hause zurückzukommen, um 100 km Rad zu fahren. Macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,5 km/h – manche Menschen laufen das. Aber die Höhenmeter und die Holländer machen den Unterschied.

Und dann darf ich noch berichten, wie ich mein Rucksackaufbewahrungsproblem gelöst habe. Während alle anderen ihre Rucksäcke beim Veranstalter abgaben und dann auch wieder zurück bekamen, habe ich meinen in der Westfalenbahn nach Ibbenbüren liegen lassen. Genial oder? Da musste ich kein unnützes Gepäck rumschleppen und wenn alles gut läuft bekomme ich das Ding sogar in 8 bis 10 Tagen wieder. In Bielefeld.

Auf Strava

IMG_0462

 

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2017, Mob, Silke, Touren

Blockokalyse Now.

Seit einiger Zeit ist es nun eine feststehende Tradition, dass Hannes und ich uns morgens treffen und eine Runde im Blockland vor der Arbeit drehen. Um exakt zu sein, machen wir das seit letzter Woche, also seitdem Sommerzeit und Frühling in Bremen begonnen haben.

Uns kann auch nicht abschrecken, dass es morgens gerade mal drei, vier Grad warm ist, denn die Schönheit des Blocklandes kommt nur dann zur Geltung, wenn es frei von Menschen, aber voll mit allerlei Wildgetier ist.

IMG_0416 (1)

Jede Menge wilde Tiere sind morgens im Blockland unterwegs. Wenn man genau hinsieht, sieht man im Fleet einen Schwarm Killerkaulquappen Richtung Bremen kraulen.

Heute war die Stimmung mal wieder so richtig Blockalypse Now und mutig fuhren wir mitten in das Herz der Finsternis.

IMG_0415 (1)

Die nebelige Morgenstimmung wurde unterstützt durch die alltäglich Apokalypsen und Veränderungen, die insbesondere im Zusammenhang pubertierender Kinder zwischen uns ausgetauscht wurden: Schulverweis der Tochter, drohende Exmatrikulation des Sohnes von der Hochschule, überraschend katholische Austauschschülerin aus Frankreich … das ganze Spektrum des Purgatoriums des Lebens. Dann wieder ein Fasan der von links über die Straße läuft. Bringt das nun Glück oder Pech für den Rest des Tages?

IMG_0417 (1)

2 Kommentare

Eingeordnet unter 2017, Bremen, Hannes, Mob