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Übergestern in Japan: Überstunden für Slartibartfast

Auch wenn einige immer noch „Fake News!“ rufen schuf Gott die Erde in sechs Tagen. Ihm ging es so wie uns allen, wenn wir irgendetwas komplizierteres von Lego aufbauen: Alles ist fertig, prima, aber warum liegen da noch so viele Teile rum? Und so hatte Gott am siebten Tag noch jede Menge Hügel, Schluchten, Abhänge und Böschungen übrig. Einen großen Teil verbaute er am Sonntag Vormittag und komplizierte damit unnötig die Küstenlinie Norwegens, den Rest schmiss er nach Shuzenji in Japan. Zur Sicherheit baute er noch einen hohen Zaun um die Gegend und alle 100 Meter hängte er Schilder auf, auf denen „Menschheit! Betretet nicht dieses Gebiet! Und denkt schon gar nicht daran hier Rad zu fahren!“ stand. Aber dann war auch mal Schluss, es war schon fast Mittag und er war noch zum brunchen eingeladen.

Die folgenden 3,5 Milliarden Jahre lief auch alles gut. Alle intelligenten Lebewesen, sei es Einzeller, Amphibien, Reptilien oder Känguruhs hielten sich schön weit weg von Shuzenji entfernt. Und auch die ersten Menschen waren mehr damit beschäftigt Mammuts zu jagen, Höhlen zu bemalen und für Nachwuchs zu sorgen, als über KOMs nachzudenken. Doch mit der Erfindung des Rades ging es dann ziemlich schnell bergab. Das heißt eigentlich: bergauf.

Die ersten Japaner tauchten auf, und da in und um Tokyo herum schon mehr als 30 Millionen von ihnen lebten und da wirklich kein Platz mehr war, fiel die Wahl für den Bau eines Radsportleistungszentrum mit Trainingsrennen naturgemäß auf Shuzenji. Das klingt vielleicht überraschend für jemand, der noch nie in einem japanischen Meeting saß, aber alle die mal da waren nicken jetzt nur zustimmend mit ihren Köpfen und lächeln leise vor sich hin.

„Hey Gott“, so ungefähr geht das Argument, „das war ja alles gut und richtig was Du Dir da vor Milliarden von Jahren ausgedacht hast, aber hey, wir haben 2008 und 10-Gang Shimano Di2 Schaltungen, Carbonsättel die 70 Gramm wiegen und Lightweight Carbon Laufräder – daran haste nicht gedacht, stimmts?“

Hey Gott, daran haste nicht gedacht, stimmt’s?

2002 war es dann so weit, das Cycle Sports Center Shuzenji wurde eröffnet, komplett mit Sportschule für die Ausbildung der Keirin Rennfahrern, 5 km Rennradstrecke, MTB Trail und einem Freizeitpark. Aber nicht nur das, an acht Mal im Jahr gibt es Kurse für Frauen die nicht Radfahren können mit einer Erfolgsquote von 99,9% – und das 2022. Kurz gesagt, Shuzenji ist ein Traum für Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen.

Leider hatte die JCRC entschieden zwei seiner Rennen in Shuzenji auszutragen, so dass ich gezwungen war Im Frühjahr 2008 dahin zu fahren, über den Zaun zu klettern und Gottes Gebote diesbezüglich zu missachten. Also machte ich mich eines morgens sehr früh auf den Weg um die 140 km von Tokyo nach Shuzenji zu fahren. 140 km in Japan sind nicht wie 140 km in Deutschland – jedenfalls fühlen sich die sehr viel länger an, vor allem auf den engen Landstraßen, die durch die hügelige Izu-Halbinsel führen auf der Shuzenji liegt. Und erstaunlicherweise sind um diese Zeit schon unglaublich viele Autos unterwegs; das liegt an dem statistischen Gesetz der großen Zahlen.

Ein noch so kleiner Prozentsatz, multipliziert mit einer großen Zahl ergib eine immer noch beachtlich große Zahl; man muss jetzt nicht Ingenieurwesen an der RWTH Aachen studiert haben, um das zu verstehen – aber was bedeutet das im echten Leben? Im echten Leben wurde mir das zum ersten Mal bewusst, als ich mich eines Abends mit einem Freund zusammen in Tokyo entschloss zu einem Kino zu fahren, um dort eine Reihe „Experimenteller Stummfilme des Dadaismus der Zwanziger Jahre aus Frankreich“ zu sehen. Eine solche Veranstaltung, zum Beispiel in Mönchengladbach durchgeführt, würde vermutlich zwei Kunststudenten anlocken von denen der eine in letzter Minute absagt. Klar, Mönchengladbach hat ja auch nur 150.000 Einwohner (Rheydt nicht mitgezählt, doch dazu später). In Tokyo und herum, mit 30 Millionen Einwohner gibt es aber durchaus genügend Japaner die sich so etwas antun. Und so war das Kino dann auch konsequenterweise ausverkauft, als wir ankamen.

Einige Jahre später fuhr ich mit meinem Sohn auf dem Anhänger am Fluss Tamagawa heraus aus Tokyo, als über den Fluss eine amerikanische Militärmaschine Richtung des Luftwaffenstützpunktes Yokota (dort wo es keine Räder gibt) flog. Hm, dachte ich, das wäre doch mal eine tolle Idee am nächsten Wochenende mit meinem Sohn zur Einflugschneise zu fahren und Flugzeuge anzuschauen. Gesagt, getan. Am nächsten Sonntag machten wir uns auf und fuhren mit Bahn und Taxi zur Airbase. Als wir ankamen dachte ich zunächst da wäre eine Demo in der Einflugschneise, denn da standen Massen von Japanern herum. Aber nein, das waren einfach Japaner die die gleiche Idee wie wir hatten und zum gleichen Zeitpunkt nach Yokota gekommen waren. Einige hatten ihre Familien mitgebracht und grillten, andere standen auf Leitern, um die Flugzeuge über dem Zaun besser fotografieren zu können. Einer erzählte mir, dass gleich eine Transportmaschine aus Pusan, Korea ankommen würde. Woher er das wusste? Er hatte einen Kurzwellenempfänger dabei mit dem er den Tower abhörte. Kurzum, ich dachte ich hätte eine ganz tolle Idee gehabt und wäre bestimmt der einzige Mensch in Tokyo dem so etwas tolles einfällt. Sind aber 30 Millionen Menschen um einen herum, wird das auch noch dem einen oder anderen einfallen und ein Volksfest daraus. Das ist das Gesetz der großen Zahlen.

Yokota Plane Spotiing – Meine Idee!

Und so sind dann eben morgens um vier schon unzählige Autos auf den Straßen von Tokyo unterwegs und ja, Gesetz der großen Zahlen, viele davon eben auch nach Shuzenji und es geht nicht so schnell vorwärts, wie ich mir das in meiner Nervösität gewünscht hätte.

In der D Klasse fing das Rennen kurz vor 8 Uhr an. Der Kurs selber ist 5 km lang und kann im, oder auch gegen den Uhrzeigersinn gefahren werden, dabei wird insgesamt ein Höhenunterschied von 140 Meter zurückgelegt. Bei diesem Rennen sollten nun drei Runden im Uhrzeigersinn gefahren werden; nach dem Start geht es auf der breiten Zielgerade zunächst einmal 30 Meter hoch und dann halsbrecherisch mit hohem Tempo über viele technische Kurven1,8 km runter. Ganz unten angekommen gibt es dann einen etwa 1,5 km langen Anstieg mit 70 Höhenmeter, bevor es dann wieder kurz runter in ein Tal geht. Danach beginnt dann der letzte Anstieg über 500 Meter zum Ziel. Wenn ich das hier so schreibe, dann klingt das so einfach: drei Runden sind auch nur 15 km und etwa 420 Höhenmeter – aber dieser Kurs ist wirklich die Hölle. Zum Glück waren nur drei Runden angesetzt, so dass die Gefahr einer Überrundung nicht besonders groß war. Ich musste nur das Ding zu Ende fahren und dann konnte ich wieder 60 Punkte mit nach Hause nehmen.

Am Start stand ich dann mal wieder hypernervös mit 27 Japanern und stellte fest, dass ich wahrscheinlich einer der Ältesten im Feld war. Vor mir stand ein, wie ich nachher herausfand, vierzehnjähriger Knirps der – Spoiler Alert – das Rennen gewinnen sollte. Egal, sobald der Startschuss ertönte war jede Nervösität weg, denn ich brauchte jedes Energiepaket, das in meinem Körper vorhanden war, um am Feld zu bleiben und den ersten Berg hoch zu kommen. Das schaffte ich unter völliger Verausgabung, auch wenn ich mich fast ganz am Ende des Feldes befand und wir begaben uns auf die lange Abfahrt. Hier habe ich gewisse Vorteile, denn Masse rollt gut, so dass ich keinerlei Mühe hatte die Position zu halten, bis wir ganz unten im Tal auf dem tiefsten Punkt der Strecke ankamen. Aber als nun das Feld den Anstieg begann war alles vorbei; ich konnte nur noch zusehen, wie sich auch der zweitschlechteste Fahrer zügig von mir in Richtung Ziel entfernte. So gut es ging strengte ich mich an den Berg hoch, und wieder runter zu kommen, aber als ich nach der ersten Runde im Ziel ankam war das Feld nicht mehr zu sehen und die wenigen Zuschauer sahen mich mit einer Mischung aus Mitleid und peinlicher Berührung an. Gut, dann noch eine Runde erst kurz hoch und dann wieder in die Abfahrt. Ich musste jetzt nur noch die zweite Runde beenden und nicht überrundet werden; also strengte ich mich auf dem langen Anstieg voll an und schaute mich immer wieder um nach dem Motorrad, dass die Rennspitze ankündigt. Aber da war zum Glück nichts. Nachher konnte ich nachlesen, dass sich die Spitze mit mehr als 31 km/h um den Kurs bewegte, während ich gerade mal mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 km/h um jeden Meter kämpfte. Aber das reichte eben auch. Die dritte Runde ließ ich dann deutlich langsamer angehen, ich musste ja nur noch heil ins Ziel kommen. Ich sah einen abgehängten Fahrer aus dem Feld vom Team „Spade Ace“ – das ist japanische für „Ace of Spade“ oder Pik As – aber selbst einen demotivierten, abgehängten Fahrer konnte ich nicht mehr einholen und rollte so über den Zielstrich.

Ergebnis: 25. von 25 Teilnehmern die das Rennen beendeten – immerhin drei hatten unterwegs aufgegeben. Ich fuhr nach Hause und mein Sohn fragte mich, welche Platz ich beim Rennen belegt hätte und ich sagte wahrheitsgemäß, dass ich Letzter geworden wäre. Da ich dies in den nächsten Wochen öfters sagen durfte entwickelte mein Sohn vermutlich nie einen sportlichen Ehrgeiz, denn ihm wurde klar, dass das ganze trainieren und üben total sinnlos ist – weil man ohnehin nur Letzter wird. Genau wie ohne jedes Training.

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Übergestern in Japan: Auf dem Weg nach Tokyo

Hinweis: In diesem Teil kommt das Thema Radsport gar nicht vor und wird nur ab und an aus schlechtem Gewissen erwähnt. Also:

Absolut kein Radsport in Düsseldorf.

1979 als ich schwitzend vor Angst im Okie Dokie stand hätte ich nie gedacht, dass ich einen großen Teil meines Lebens in Japan verbringen würde. Klar, in dem Monat dachte ich sowieso nur daran, wie ich nicht eins auf die Fresse kriegen würde, und möglichst schnell abhauen könnte. Aber auch ansonsten auch machte ich mir Punk-no-future-mässig wenig Gedanken um meine Zukunft. Warum auch, ich spielte in einer Band aus Mönchengladbach, EA80, brachte ein Fanzine raus, Das Mob, und machte Abitur. Ach ja, und ich fuhr ab und an Rad.

Mit Japan hatte ich noch nichts zu tun, auch später als ich von Mönchengladbach in die Glitzer- und Japanermetropole Düsseldorf umzog. Dort stellte sich das erträumte adrenalinhalte Punkleben als eine doch eher drögge Mischung aus Altbier, aufgesetzter Coolness und schlechter Musik heraus. Noch schlimmer wurde es dann, als ich ein paar Jahre später nach Aachen zog, um mein Ingenieurstudium zu beginnen. Heute stellt sich Aachen dar, als wenn es das wahre Silicon Valley Deutschlands wäre, aber in den Achtzigern gab es da weder Japaner noch Frauen.

Letzteres war ein Problem, ersteres überhaupt nicht. Ich war letztens noch mal in der Stadt und hatte meine damalige Nachbarin Evelyn besucht. Nachts spazierten wir durch den Park auf den Lousberg hoch und setzten uns oben auf eine Bank mit Blick über die Stadt. Wir hatten ein paar Flaschen Bier dabei, ich rauchte eine Zigarette und es war sehr romantisch. Eine Bank weiter saßen zwei Männer und ich dachte „OK“, bis ich Gesprächsfetzen auffing, die etwa so waren:

„Bei der letzten Übung in Thermodynamik habe ich nicht verstanden, warum die Konvergenz idealer Gase…..Bernoulli-Hypothese zur Biegung langer gerader Balken…..usw. gähn“

Ja, so ist Aachen. Meine Ingenieursfreunde hörten keine Musik, fuhren kein Rad und waren total humorlos. Als ich mit dreien von denen nach einer Vorlesung Richtung Stadt ging und gerade einen, wie ich fand, extrem lustigen Witz erzählte (es war der lustigste Witz der Welt und der Effekt war wie bei Monty Python, leider kann ich mich so gar nicht mehr daran erinnern) spielte sich folgendes ab:

Ich: „… und dann sagte der Arzt zu der Frau:…“
Ingenieursfreund: „So, macht’s gut, ich geh‘ noch in die Mensa, wir sehen uns dann später bei Wasserbau.“

Meine Freunde hatten auch keine Bücher; wenn ich denen eins zum Geburtstag schenkte dann hieß es: „Ein Buch? Aber ich habe doch schon eins. Da brauche ich ja bald ein Regal, hahahaha.“
Genauer gesagt hatten sie drei Bücher: Taschenbuch der Mathematik von Bronstein & Semendjajew, die
Louis Vuitton Tasche des Ingenieurs, und zwei Werner Comics. Das war gut für mich, weil ich schreiben konnte und in Gruppenarbeiten immer die angenehme Aufgabe hatte die Ergänzungsberichte anzufertigen. An dem Wort „Ergänzung“ merkt man schon, wie wichtig Text dem Ingenieur, im Gegensatz zu Tabellen, Graphiken und Formeln ist – nämlich gar nicht. Die klassische Diplomarbeit in Aachen fing an mit: „Wie in Abbildung 1.1.1.1.1 erkennbar …“ und endete mit einer Tabelle 27.23.8.13.3.

Ich hingegen verfasste elaborate Texte, die von divergierende Klothoiden in der Unendlichkeit des Tannhäuser Tores berichteten und kam mir vor wie Rutger Hauer in Blade Runner. Diese Berichte dienten vor allem dazu unseren Arbeiten das nötige Volumen zu verpassen, gelesen wurden sie eher selten. Ich war einmal bei einem Assistenten im Fach Abwasserreinigung in der Sprechstunde und hatte noch ein paar Fragen zu meinem Exkursionsbericht, als ein anderer Student reinkam und seinen Bericht abgab. Der Assistent meinte dann, er solle ihn in den Eingangskorb legen und könne den in zwei, drei Wochen abholen. Während er dann mit mir weitersprach, nahm er den Bericht, stempelte auf die zweite Seite „Bestanden“ und legte ihn in den Ausgangskorb.
Das sind so die Momente, wo einem das ganze menschliche Dasein und Tun total sinnlos vorkommt.

Jedenfalls war ich nun zu Unrecht sehr selbstbewusst, was meine schreiberischen Fähigkeiten anging und als ich im Frühjahr 1985 eine Anzeige der Japan Foundation im Spiegel sah, die zu einem Aufsatzwettbewerb in Japan einlud war ich sofort Feuer und Flamme. Es gab einen zweiwöchigen Aufenthalt dort zu gewinnen und dazu musste man nur einen Aufsatz zum Thema „Mein Bild von Japan“ verfassen. Wenn meine Freunde mich fragten, wo ich im Sommer den Urlaub verbringen würde, sagte ich nur kurz und lässig: „Japan. Bin eingeladen.“

Zum Glück war ich nicht größenwahnsinnig und ließ meinen Aufsatz vor der Abgabe von Christian Bieniek durchlesen. Christian kannte ich aus Düsseldorf; er war ein begnadeter Musiker, ein begnadeter Schreiber, und zudem auch noch leicht exzentrisch – später wurde er Kinderbuchautor. Vor allem aber war er der witzigste Mensch, den ich je in meinem Leben kennengelernt hatte – bis auf das rothaarige Mädchen, das in der Bäckerei neben Woolworth arbeitete. Christian fand meinen schnell geschriebenen und ganz schlecht recherchierten Text über das Image von Japanern in Deutschland zu recht fürchterlich und versuchte dann zu retten, was es zu retten gab, aber auch so war das Ergebnis, fast vierzig Jahre später betrachtet, immer noch ein furchtbares Machwerk von Vorurteilen, Plattitüden, Halbwahrheiten und Witzeleien. So hiess es z.B. darin, dass Japaner in der internationalen Musikszene immer präsenter werden. Man denkt da ja vielleicht an Yoko Ono, oder Ryuichi Sakamoto vom Yellow Magic Orchestra, aber ich dachte an Zeke Manyika, den Schlagzeuger des britischen One-Hit-Wonder Orange Juice. Für mich klang der Name irgendwie japanisch und ich erwähnte ihn, aber wenn ich vorher mal einen Blick auf die Rückseite der Orange Juice LP geworfen hätte, dann wäre mir klar gewesen, dass Zeke Manyika aus Simbawne, und nicht aus Japan stammt.

Zeke Manyika; Japaner, glaube ich, unten links.

Das war aber auch egal, denn in der Japan Foundation saßen viele Menschen des Types: „Assistent im Fachbereich Abwasserreinigung“. Heute glaube ich, dass da noch nie ein Ingenieur einen Aufsatz eingereicht hatte und ich alleine aus diesem Grund (Spoiler Alert) ausgewählt wurde. Ja, genau, neben etwa 40 weiteren Gewinnern aus der EU, bekam ich dann eines Tages von der japanischen Botschaft einen Anruf, der mir mitteilte, dass ich im September für zwei Wochen nach Japan fliegen würde. Ich weiß nicht ob das der glücklichste Moment meines Lebens war, aber es war mit Abstand der glücklichste Moment in Aachen. Manchmal, wenn ich mit meinem Leben nicht zufrieden bin dann denke ich daran, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals nicht nach Tokyo gegangen wäre. Vermutlich hätte ich in Aachen promoviert und meine Doktorarbeit über die symbiotische Verbindung von Hochlochziegeln und Mörtelfugen geschrieben, ein irrsinniges spannendes Thema das ca. 36 Menschen in der Welt interessiert und mit der man garantiert keine Frauen bekommt, schon gar nicht in Aachen. Stattdessen unterhalte ich mich heute über den Unterschied zwischen der Bremsleistung einer Shimano Dura Ace BR-7403 (meine Lieblingsbremse!) und einer Shimano Dura Ace BR-9100, ein Thema das garantiert mehr als 37 Menschen auf dieser Welt interessiert, bei Frauen allerdings gleichsam wenig beliebt ist.

Davor war ich in meinem Leben einmal geflogen – von Düsseldorf nach Zürich – und jetzt saß ich in der Businessclass einer 747 der Japan Airlines und machte ich auf den 23-stündigen Weg über Alaska nach Tokyo. 1985 gab es noch die UdSSR und die erlaube es nicht über ihren Luftraum zu fliegen, das hatte die Führung noch 1983 sehr klar gemacht, als sie eine koreanische Passagiermaschine abschießen ließen. Und so wurde Amerika der zweite Kontinent auf den ich meinen Fuß setzte.

Ich kann jetzt nur den Menschen sagen, die wie ich aus Mönchengladbach kommen: Tokyo ist anders. Und irgendwie, ehrlich gesagt, auch besser – Sorry Gladbach. Tokyo ist auch anders als Düsseldorf (mehr Glitzer) und auch als Aachen (mehr Frauen). Wir wurden wie Rockstars begrüßt und bekamen im Außenministerium dicke Briefumschläge mit vielen druckfrischen 10.000 Yen Scheinen (etwa €100), damit wir auch richtig Spaß in der Stadt haben können, denn billig war es da leider nicht. Und dann machte ich dort Dinge, von denen ich in Aachen nur träumen konnte! Ich fuhr mit 300 Sachen im Superschnellzug nach Kyoto, pinkelte in Pissoirs in denen goldfarbene Eiswürfel geschüttet waren, sprach mit gutaussehenden Frauen und tanzte in Discos, von denen zehn in einem Hochhaus übereinander gestapelt waren. Das war definitiv noch besser als das Okie Dokie! Ich badete in heißen Quellen mitten im Schnee und von hinten schauten mir dabei Affen zu oder zeigten ihre roten Ärsche. Ich fuhr im Bus über die aufgeständerte Stadtautobahn Tokyos und schaute direkt in erleuchtete Büros, Restaurants und Wohnungen hinein die nur wenige Meter weg waren. Ich trank viel Alkohol, aß eine Menge Dinge von denen ich nicht exakt wusste was sie waren und fuhr überhaupt kein Rad.

In den kommenden Jahren versuchte ich dann die Voraussetzungen zu legen dort wieder hin zu kommen. Spaßeshalber fing ich an japanisch zu lernen und lernte meinen ersten japanischen Freund, Morikawa Koichi, kennen, den ich spaßeshalber „Zeke“ nannte. Nach drei Jahren konnte ich immer noch kein japanisch, hatte aber so ziemlich jedes mögliche leckere japanische Gericht bei ihm zuhause gegessen.

Und dann musste ich auch noch das Studium zu Ende bringen und das dauerte dann noch Mal fast fünf lange und langweilige Jahre. Am Ende verfasste ich meine Diplomarbeit zum Thema „Optimierung einer Vorrichtung zur Prüfung der Zugfestigkeit von Mörtelprismen mittels der FE Methode“ und währenddessen verlor ich die wenigen Kontakte die ich nach Japan hatte. Ich hatte das Gefühl in die falsche Richtung zu driften und das mein Leben unter einer Unmenge von Hochlochziegeln begraben wird. Kurz vor Studienende bewarb ich mich daher für ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für zwei Jahre in Japan: Ein Jahr an einer Sprachschule in Tokyo und ein weiteres Jahr als Praktikant in einem Unternehmen; gut dotiert. Ich will nicht als gierig erscheinen, aber ohne Geld macht Tokyo echt keinen Spaß: Kein Superschnellzug, keine Pissoirs mit Goldgefärbten Eiswürfeln, keine heißen Quellen und wenig leckeres Essen.
Wie sagt man so langweilig: Das Schicksal war mir wieder gnädig. Meine Bewerbung fand Anklang, ich wurde zum Interview nach Bonn bestellt und irgendwie konnte ich die Menschen dort wieder davon überzeugen mich nach Tokyo zu lassen. Und so dass ich im September 1990 wieder in einer 747 der Lufthansa auf dem direktem Weg über Russland nach Tokyo.

In den zwei Jahren dort lernte ich ordentlich japanisch und hatte jede Menge Spaß auch wenn ich zusammen mit meinem Freund Jürgen in einer ziemlichen Bruchbude am Rande der Stadt wohnte. Wir hatten keine Klimaanlage, im Sommer konnten wir uns also nicht zuhause tagsüber aufhalten und im Winter hatten wir tragbare Gasöfen mit Schläuchen, die wir von einem Zimmer mit in das andere nahmen und dort an den Gashahn anschlossen. Meine Vorstellung von dem Hochtechnologieland Japan bekam da dann auch die ersten Risse: Wir sehen die USA und denken: Wow, die sind auf den Mond geflogen und haben Apple, Google, Flugzeugträger und Hamburger so hoch wie das World Trade Center (denn letztendlich: gleiches Schicksal), da ist dann auch alles andere tippi toppi. Nein, ist aber nicht so, in dem Hotel in Amerika wo ich abstieg, waren die Lichtschalter aus dem Mittelalter und die Fenster derart undicht, dass man auch gleich die Fensteröffnung mit einer Plastikplane hätte abdichten können. Und auch viele andere Dinge dort sind da ja echt gruselig.

Zum Glück gibt es ja Nordkorea. Die können Atomraketen bauen, aber bringen es nicht auf die Kette ihre Bevölkerung zu ernähren. So sind an sich alle Länder dieser Welt.

In Japan gab es 1990 bereits neben superpünktlichen Superschnellzügen, Gameboys, elektronischen Lexikas, Kaffee in Dosen und kleinen Faxmaschinen eben auch Waschmaschinen die nur mit kaltem Wasser wuschen, Toiletten die aus wenig mehr als einem Loch im Boden bestanden und vor allem viel Papier und noch mehr rote Stempel mit denen alles zwei-, drei- vierfach genehmigt werden musste. Rein zufällig spazierte ich mal in eine Ausstellung von Panasonic – die machten quasi alles vom Walkman bis zum Kühlschrank – und dort stand ein Stahlrennrad von Panasonic mit der brandneuen Shimano Dura Ace 7400 Schaltung. Das war zum ersten Mal, dass Schaltung und Bremsen in einem Hebel zusammen integriert waren und irrsinnig revolutionär – und dann auch noch mit 2 x 8 Gängen. Ist mehr als dreißig Jahre später immer noch so, gibt halt nur mehr Gänge. Ich machte mich dann auf die Suche nach einem Fahrrad und fuhr mit Jürgen raus zur amerikanischen Airbase nach Yokota, weil Jürgen gehört hatte, dass es dort günstige Räder in unserer Größe geben sollte. Das war nicht so und kostete uns beiden einen Tag unseres Lebens.

Wir wollten dann auf die Base, wurden aber von Wachposten am Eingang gestoppt. Da wir auch niemanden auf der Base kannten liessen sie uns auch nicht rein. Die Idee einfach so auf die Base zu gehen war auch ziemlich naiv – nein also eigentlich total bescheuert. Also schauten wir uns in der Nähe nach Radläden um. Die Gegend um Yokota ist nicht wirklich schön und Radläden gibt es dort auch nicht, aber zum Glück sprachen dort viele Menschen leidlich englisch, was sonst nicht so der Fall war. Jürgen schlug dann zu und kaufte sich ein „Shogun“ Rad. Das war damals schon scheiße und ist auch nach nostalgischen heutigen Maßstäben einfach nur scheiße. Ich konnte mich nicht entscheiden und ging ein paar Tage später zu einem kleinen Radhändler in der Nähe von Aburamen, den ich über den Lonely Planet Reiseführer gefunden hatte. Den Laden gibt es heute nicht mehr.

Der Laden war winzig und total dunkel. Aber der Mann hatte Ahnung, wie ich nun im Nachhinein weiß und bestellte für mich bei Panasonic ein blaues Rennrad in meiner Größe. Das ging so, dass er mich eine Menge Dinge fragte die ich leidlich verstand und dann ein Formblatt mit dem Fax zu Panasonic schickte und kurz darauf eine Antwort bekam. Das Rad war also bestellt und ein paar Wochen später sollte ich es dann abholen. Das komplette Zusammenbauen fand in dem Radladen statt, Panasonic lieferte nur den Rahmen und die Komponenten, alles andere musste der Radhändler machen, einschließlich des Einspeichens der Laufräder.

Für den Preis von 60.000 Yen, etwa € 500, bekam ich einen dunkelblauen Stahlrahmen mit einer kompletten 7-Gang Shimano 600 Trikolore Ausstattung. Die Kurbelblätter waren ovale Bio-Space, was heute alle bescheuert finden aber damals wie heute total egal war. Alles in allem war das ein Rad für dass man sich nicht schämen musste und das vielleicht sogar Radsport Lenzen repariert hätte.

Nach dem Kauf mußte ich allerdings nach Hause fahren und ich hatte keine Ahnung wie ich dorthin kam. Also versuchte ich erst einmal zum nächsten größeren Bahnhof, nach Shibuya durchzuschlagen. Von Shibuya aus ging die Inokashira S-Bahnlinie zu meinem Heimatbahnhof Higashi-Matsubara und machte vorher an dem Kreuzungsbahnhof Shimokitazawa halt. Von dem weiteren nördlich gelegenen Großbahnhof Shinjuku ging die Odakyu Linie ebenfalls nach Shimokitazawa. Also, dachte ich wenn ich auf der nördlichen Seite der Inokashira Linie bleibe und immer südlich der Odakyu Linie , dann komme ich irgendwann einmal nach Shimokitazawa.  So fuhr ich irgendwie kreuz und quer zwischen die Bahnlinien bis ich dann drei Stunden später in Shimokitazawa ankam. Ein absoluter, langanhaltender Alptraum. Ich versuchte dann die nächsten beiden Stopps bis zu meinem Bahnhof an der Inokashiralinie zu bleiben, verfuhr mich und eine weitere Stunde später hatte ich keine Ahnung wo ich war und sprach auf englisch eine Frau an. Die zum Glück auch gut englisch sprach und mir den Weg zum Bahnhof zeigte. Später fand ich heraus, dass ich nur etwa 200m von meiner Wohnung entfernt war.

Später kaufte ich mir einen Straßenatlas und fuhr häufig damit durch Tokyo und die nähere Umgebung. Eines der ersten Teile, die ich mir für das Rad kaufte war ein digitaler Tacho von Cateye. Mit Rad, Tacho und Atlas machte ich mich dann auf den Weg Tokyo zu erkunden. Das geht, wenn man etwa 200 Jahre Zeit hat aber auch später nach all den Jahren kannte ich immer nur wenige Strecken durch die Stadt und war rettungslos verloren, wenn ich ein, zwei mal links und rechts in kleine Seitenstraßen abbog. Auf einmal ist man weg von der großen Stadt in einem Dorf.

So desu, ne.

Mutiger geworden machte ich mich dann auf die ersten Touren raus aus der Stadt. Ich fuhr mit meinem Freund Tobias nach Kamakura an der Küste durch endlose Siedlungs- und Industrielandschaft. Wir hatten zwar einen Straßenatlas dabei, verfuhren uns aber doch ständig. Japaner zu fragen war quasi sinnlos, es war als hätten die noch nie in ihrem Leben eine Straßenkarte gesehen und konnten damit nichts anfangen. Japaner können das aber nicht zugeben, bzw. sie zeigen das auf eine Art und Weise die andere Japaner verstehen – wir aber nicht. Diese Art und Weise besteht aus einem langen Betrachten der Karte, wiederholtem drehen, murmeln von „Sooo desuu neee“, zupfen am rechten Ohrläppchen und dem plötzlichen und scharfen Einsaugens sämtlichen verfügbaren Sauerstoffes in der unmittelbaren Umgebung. Ein normaler Japaner weiß dann sofort: „Eh, der Honk hat ja gar keinen Schimmer!“, aber wir dachten einfach, na ja, der guckt ja, spricht, hört und lebt noch, also irgendwann wird der schon mit was vernünftigem rauskommen. Das kostete uns wieder einen halben Tag unseres Lebens.

Da ich zum ersten Mal mit Hakenpedalen fuhr, kippte ich auch zum ersten Mal an einer Ampel beim Anhalten mit dem Rad um, dieses Erlebnis kennt ja wirklich jeder. Am späten Nachmittag kamen wir in Kamakura an, blieben etwa 15 Minuten am Strand und machten uns schleunigst auf den Weg zurück um noch vor Mitternacht zuhause zu sein. Jahre später fuhr ich das in sechs Stunden locker hin und zurück, aber beim ersten mal war es eben auch am aufregendsten.

In der Woche fuhr ich nachts eine dicke Straße, die Inokashira-Dori, raus zu meiner Fast-Freundin Barbara G. nach Musahi-Sakai im Westen der Stadt. Das klingt nah, waren aber auch fast 20 km. Zwar gab es in Tokyo mehr Japaner als in Aachen, aber in Punkto Frauen gab es für mich persönlich nicht so viel Unterschied. Nachts die Inokashira Dori runterzubrettern war aber fantastisch. Es war warm, dunkel und schnell, also eigentlich wie im Okie Dokie.

Dann, im Sommer 1992 lief mein Stipendium aus, das Geld ging zu Ende und ich musste wieder zurück nach Deutschland und, noch schlimmer, anfangen richtig zu arbeiten und Geld zu verdienen. Ich hatte Kazuko kennengelernt und wir heirateten und zogen für kurze Zeit zurück in die Glitzermetropole Düsseldorf, wo ich einen Job bei Hochtief in Essen in der Auslandsabteilung annahm. In der Folgezeit war ich dann viel im Asien unterwegs und versuchte meine Karriere und Familie in Schwung zu bringen, das ging dann leider nur auf Kosten von Rad, Sport und Fitness. Ich hatte mein Panasonic Rennrad mit nach Deutschland gebracht und fuhr an den Wochenenden, wenn ich in Deutschland war, gerne von Düsseldorf nach Essen an die Ruhr und von da aus durch das bergische Land nach Langenberg und Grafenberg. Ich war nicht ambitioniert, aber auch keine Schnecke; Berge fahren konnte ich überhaupt nicht aber ich hatte Spaß daran.

1994 wurde ich dann für zwei Jahre auf eine Staudammbaustelle am gelben Fluß nach China versetzt und nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland recht schnell wieder 1996 nach Malaysia. Nein, das war nicht der Dreischluchtenstaudamm den man hier noch kennt, sondern ein fast ebenso hoher, aber dummerweise total in der chinesischen Pampa liegender Felsschüttdamm. Bei Staudämmen denken ja viele an elegant geschwungene, massive Betonmauern, ein Felsschüttdamm ist das leider gar nicht, dass ist einfach nur ein Haufen größeren Drecks, um den das Wasser einen Bogen macht.

China 1994 ist nicht China heute – und schon gar nicht da auf dem Land wo ich war. Ok, die nächste Stadt war Luoyang mit etwa 6 Millionen Einwohnern – aber ehrlich gesagt hatte Mönchengladbach in jeglicher Hinsicht mehr zu bieten. Es gab wenig zu kaufen und wenn dann war es Schrott wie die billigen Fernseherkopien von „Tony“ oder „International Panasonic“, die Taschentücher von „Tempi“ oder, das war noch am besten, das Parfüm von „Oil of Olaf“. Ich kaufte mir das teuerste Rad in der Stadt irgendsoein taiwanesisches oder chinesisches MTB mit einer Suntour Schaltung. Direkt bei meiner ersten Fahrt hatte ich das Pedal aus der Kurbel rausgetreten – das war echt schlimmer Schrott. Im Workshop auf der Baustelle wurde das noch mal geschweißt, aber es half nichts, das Teil war nach einem Tag hinüber. Ich hätte mir besser doch so ein stabiles Kommunistenrad wie „Ostwind“ oder „Weiße Taube“ holen sollen.

Alles in allem war ich froh da weg zu kommen und noch froher dann in Malaysia arbeiten zu können wo auch unser Sohn Henri geboren wurde. Ich käme nie auf die Idee in Malaysia oder Kuala Lumpur Urlaub zu machen, aber dort kann man richtig gut leben. Radfahren geht da natürlich gar nicht, denn erstens ist es dort sehr hügelig und zweitens durchgehend schweineheiß. Das Wetter war an sich jeden Tag gleich, heiß und sonnig am morgen, noch heißer und schwüler mittags, dann wieder sonnig, schwül und heiß gefolgt von Gewitter und massig Regen am Spätnachmittag.

Zurück in Düsseldorf wollte Hochtief mich dann in den Libanon schicken für die nächste Jahre. Das wollte ich nicht, also suchte ich mir einen Job in Japan und kündigte bei Hochtief.

Ich hatte mal wieder Glück: Schindler Aufzüge hatten eine schlecht gehende Tochterfirma in der japanischen Provinz und suchten jemanden, der den Laden auf Vordermann brachte. Warum sie da auf mich kamen ist mir auch heute noch ein Rätsel, aber nach meinen Erfahrungen beim japanischen Außenministerium, dem DAAD und nun Schindler hatte die Sache System. Ich nahm den Job dankbar an und im April 1998 flog ich mit Swissair nach Japan um meinen Einsatz in Fukuroi, in der Präfektur Shizuoka anzutreten. Dort begann dann mein Liebesdreieck mit Japan und dem Rad.

Ich kann jetzt nicht schreiben, dass das die glücklichste Zeit meines Lebens war, aber es war erstens besser als China, zweitens besser als Aachen und drittens besser als Mönchengladbach.

Ich hatte immer noch mein Panasonic Stahlrad und fuhr damit an den Wochenenden einmal um ein großes Binnenmeer, den Hamanakako in der Nähe von Hamamatsu wo wir wohnten. Hamamatsu ist, für japanische Verhältnisse eine mittelgroße Stadt mit 800.000 Einwohnern und bekannt für drei Dinge: Salzwasseraale – die werden gegessen, Unagi Pai,eine Süssigkeit aus Saltwasseraal und die tatsächlöich auch gegessen wird und Yamaha – die bauen Pianos und Motorräder in einer Fabrik mitten in der Stadt. Wie es überhaupt um Hamamatsu herum sehr viele Fabriken gibt die Motorräder, Waschmaschinen und andere nützliche Dinge produzieren und daher viele Arbeiter brauchen. Die japanische Bevölkerung veraltet sehr flott und dem Thema „Gastarbeiter“ steht man in Japan eher skeptisch gegenüber. Aber wenn eine japanische Familie in den Zeiten der Depression zwischen den Weltkriegen nach Brasilien auswanderte, dann können deren Nachfahren ohne größere Probleme nach Japan kommen um dort zu arbeiten. In Hamamatsu, mit seinen vielen Fertigungsbetrieben hat sich daher eine große brasilianische Gemeinde gebildet, deren Mitglieder mehr oder weniger japanisch aussehen, Jose Tanaka, Pablo Kuraoka oder Alfredo Ohmachi heißen und prima portugiesisch sprechen. Und so wurde auch ich in Hamamatsu immer wieder für einen Brasilianer gehalten. Das ist leider eher negativ. Wird man als Amerikaner eingeschätzt, oder noch besser als Deutscher dann sind die meisten Menschen erst einmal freundlich und nach dem dritten Bier heißt es dann: „Das nächste Mal wieder zusammen, aber dann ohne die Italiener.“ Als Brasilianer kommt man noch nicht einmal zum ersten Bier. Ich musste z.B. meinen deutschen Führerschein auf einen japanischen umschreiben lassen, das ist ein rein bürokratischer Akt für Deutsche; Brasilianer müssen eine extra Fahrprüfung ablegen. Im Rathaus wurde ich dazu in einen extra Raum gebeten, um die Fahrerlaubnis zu erhalten, damit „meine brasilianischen Freunde das nicht sehen“, denen ich auch auf keinen Fall sagen sollte, dass ich den Führerschein so bekommen habe. Was ja nur möglich ist, weil „Japan und Deutschland Länder auf etwa dem gleichen Level sind“.

Unter diesen Umständen ist es natürlich eher schwierig Freunde zu finden. Und so fuhr ich meistens auch auf dem Rad alleine durch die Gegend. Langsam wagte ich mich Richtung Norden, weg von der Küste in die Berge. Ich war ein echt mieser Bergfahrer, aber ich liebte es über die einsamen Straßen durch die Wälder zu fahren. Wir hatten eine deutsche Hippiefreundin, die mit einem Japaner und ihren beiden Kindern in einem Bauernhof abgelegen in den Bergen lebte und die wir oft besuchten. Die Straße dort hoch war so steil, dass ich sie mit meiner Heldenkurbel nicht hochfahren konnte. Runter mit Felgenbremsen ging auch nicht wirklich.

Tja, alles hätte so schön sein können, aber ich musste ja unbedingt Karriere machen und im Jahr 2000 wurde ich in das Hauptbüro von Schindler nach Tokyo versetzt. Wie gesagt, ich liebe Tokyo mit all seinen großen und kleinen Straßen und obskuren Besonderheiten. Aber es ist auch verdammt groß und alles dauert. In Hamamatsu konnte man sehr wenig machen, aber das was man machen konnte war sehr einfach. Raus an den Sandstrand? 10 Minuten mit dem Auto. Mit dem Kind in den Park? Kein Problem, direkt um die Ecke, Radfahren: Nach 30 Minuten schon in den Bergen. Tokyo hingegen hat so viel mehr tolle Orte, so gute Restaurants und im Westen so tolle Straßen durch die Berge. Aber um dorthin zu kommen musste ich eine Stunden mit der S-Bahn fahren, drei Mal umsteigen und in der schwitzenden Masse ausharren. Tokyo kostet so viel Energie und Zeit.

Von unserer Wohnung aus war ich aber mit dem Rad schnell am Tamagawa. Das ist eine der drei großen Flüsse der durch Tokyo fließt. Der Tamagawa entspringt westlich von Tokyo in den Bergen und man kann mehr oder minder an beiden Ufern überwiegend auf Fahrradwegen etwa 80 km weit bis zu einem Stausee, dem, Okutamako fahren. Das probierte ich in der ersten Zeit sehr oft, weil es die einfachste Art und Weise war aus der Stadt herauszukommen. Fahrradweg klingt jetzt erst mal gut, aber ALLE Japaner versuchen IMMER aus Tokyo heraus zu kommen, und deswegen ist es da extrem voll. Da wird gepicknickt, Baseball gespielt, gesoffen – und du versuchst Dich da mit dem Rad irgendwie durchzumoggeln. Wenn man Bremen kennt, könnte man sagen, dass ist etwa so wie 80 km Osterdeich bei einem Werder Heimspiel. Langsam kämpfte ich mich in die Berge vor und war mächtig stolz, als ich dann irgendwann einmal den Stausee erreichte. Ich fühlte mich wie Eddy Merckx und dann lernte ich auch die ersten anderen Radfahrer kennen, allen voran Juliane.

Juliane war im gleichen DAAD Stipendium wie ich gewesen, allerdings ein paar Jahre später und dann auch gleich in Tokyo geblieben. Sie kommt noch aus der DDR, war dort eine gute 400m Läuferin gewesen; ihr Vater was Kommandant eine Panzerfahrschule der NVA und Juliane hatte auch manchmal so etwas in ihr, aber wenn ich ihre langen schlanken Beine sah, dann war ich hin und weg und dachte an Mensch gewordene Gazellen. Also diese schnellen, grazilen Tiere, nicht diese langsamen, unförmigen Kisten aus Holland. Julianes Beine waren so schön, dass ich einmal, leicht betrunken, auf die Idee kam mir die Beine zu rasieren in der unsinnigen Hoffnung, dass sie dann so aussehen würden wie die Beine von Juliane. Leider war das aber so gar nicht der Fall, ich habe halt so dicke weiße Stempel wie unter den Konferenztischen von Putin und anschließend ein paar Schnittwunden.

Juliane hatte nicht nur schöne Beine, sondern auch einen sehr schönen Bauch.



Juliane hatte sich einer japanischen Trainingsgruppe angeschlossen den „Tamagawa Cyclists“ und ich durfte dann auch mal mitfahren. Im Gegensatz zu deutschen Radgruppen wo quasi alles erlaubt ist und es regelmäßig zu Stürzen und Wortgefechten kommt, die dann anschließend mit Genuss in diversen sozialen Medien weitergeführt werden, herrscht in einer japanischen Radsportgruppe eine strenge Hierarchie und noch strengere Regeln – nichts davon war mir im mindesten bekannt. So ist es zum Beispiel grob unhöflich den Chef zu überholen. Auch wenn der Chef der ist, der am längsten dabei, deshalb auch am ältesten ist und am langsamsten fährt. Es geht nicht, der Chef fährt voran und gibt die Richtung vor, etwas was radfahrende Punkrocker und NVA Gazellen nur sehr schwierig akzeptieren können.

Wir trafen uns an den Wochenende morgens an einer Bretterbude am Tamagawa die eine richtig gute Kneipe war und machten uns am Fluss lang auf den Weg in die Berge – immer schön hinter dem Chef her. Die Jungs – Frauen waren da natürlich sonst nicht dabei – kannten sich gut aus und zeigten uns die besten Straßen aus Tokyo raus. Und wir fuhren mit ihnen zu den Jedermannrennen. Mein erstes Rennen war bei einem 8 Stunden Staffelrennen auf einem Autorennkurs in Tsukuba – man war das aufregend. Aber, leider kommt einem dann irgendwo die eigene Kultur in die Quere. An einem Tag waren wir unterwegs in die Berge, wo wir in einer kleinen Pension an einer heißen Quelle übernachten wollten. Juliane hatte einen Platten und ich half ihr den Schlauch zu wechseln. Wir hielten kurz an einem Supermarkt, um uns zu verpflegen, schmissen den kaputten Schlauch weg und machten uns daran die anderen wieder einzuholen. Es war ein wunderschöner Tag und nachdem wir angekommen waren saßen wir in den heißen Quellen und schauten in die leicht Nebel verhangenen Berge und auf die Straße die wir hochgefahren waren. Wir grillten und prosteten uns mit Bier zu – es war der perfekte Abschluss für den perfekten Tag. Also, ich will hier nicht ungelenk dramaturgisch weiter Spannung aufbauen, ist ja schon klar, das jetzt irgendetwas schreckliches kommt. Aber wie schrecklich, das konnten Juliane und ich nicht ahnen.

Es fing an mit einer einfachen Frage:
„Sag mal Juliane, wo ist denn der kaputte Schlauch, den Du gewechselt hast?“
„Ach, den habe ich am Supermarkt weggeschmissen.“

Schlagartig veränderte sich die Atmosphäre komplett. Es war, als wenn Schneewittchen mit den sieben Zwergen speist und guter Dinge ist, sich aber plötzlich herausstellt, dass die sieben Zwerge aus Nordkorea kommen und Maschinenpistolen unter ihren Mützen versteckt hatten.

„Bist Du verrückt? Der Schlauch, der dich so viele Kilometer gefahren hat? Der Schlauch, der dich immer loyal getragen hat, dich nie im Stich ließ und klaglos alle Stöße dämpfte? Den hast Du einfach so WEGGESCHMISSEN ????“

Wir waren beide etwas geschockt von der Wucht der Konversation und kamen gar nicht mehr zu Wort, da nun aus allen Richtungen in erregtem japanisch auf uns eingeredet wurde. Vieles haben wir in dem Moment auch nicht verstanden, aber die generelle Botschaft war schon klar: Ihr Barbaren!

Falls es jemand interessiert, was wir hätten tun müssen wäre: Den Schlauch mit nach Hause nehmen, im eigenen Garten vergraben, die Hände falten und ein kleines Dankesgebet aussprechen: „Danke kleiner Schlauch, dass Du mich so lange getragen hast, dass Du usw.“

Was wir getan haben war dann nicht mehr mit den Jungs zu fahren.

Ehrlich gesagt war das aber auch nicht so tragisch, denn in der Zwischenzeit hatten wir eine Reihe von sehr netten und lustigen Menschen kennengelernt mit denen das Radfahren sehr viel Spaß machte. Und die hießen: David, david, Tom, Ludwig, Steven, Jerome, Laurent, Dominic, Graham und Marek. Fällt da was auf? – richtig da ist kein japanischer Name dabei. Meine Freunde waren alles westliche Ausländer, so wie ich.

Wenn ich heute zurückschaue, dann hatte ich es geschafft in 14 Jahren mit genau vier Japanern eine vertrauensvolle Freundschaft aufzubauen: Ishiyama war mein Chef im Praktikum des Stipendiums. Nagashima war ein Kollege bei Schindler der lange im Ausland war. Frau Komatsu war eine Mitarbeiterin von mir und „Zeke“ Morikawa kannte ich noch aus meiner Studienzeit in Aachen. Ich finde, dass ist keine gute Bilanz, vier Freundschaften in 14 Jahren, aber nicht unbedingt untypisch für Ausländer in Japan, auch wenn sie so wie ich gut japanisch sprechen, mit einer Japanerin verheiratet sind und im großen und ganzen willig sich kulturell einzufügen. Es ist einfach so, dass es so viel einfacher ist Freundschaften mit anderen Westlern einzugehen und ich habe in Japan ein paar wirklich tolle Menschen kennengelernt, wie fast alle mit denen ich gemeinsam Rad gefahren bin.

Mein Eindruck ist, dass das Konzept von Freundschaft in Japan auch generell ein anderes ist. In Deutschland suchen wir uns Freunde, die uns sympathisch sind, ganz egal aus welcher sozialen Klasse, wo sie arbeiten, ob Mann oder Frau, oder was sie sonst so machen. Deutschland ist kein Ponyhof, aber im großen und ganzen machen wir in Punkto Freundschaft unser Ding und es gibt wenige Regeln. In Japan werden Freundschaften in der Schule, in der Uni und im Job geknüpft. Mann geht nicht in die Kneipe, spricht jemanden an und wird beste Freunde. Die Basis für eine Freundschaft ist in der Regel der gleiche Hintergrund. Deshalb gibt es dann auch nach der Heirat wenig gemeinsame Freunde – der Mann hat seine, die Frau hat ihre und man geht nicht zusammen raus. Ehrlich gesagt finde ich das ja auch gar nicht so schlecht, wenn ich an die ganzen Freundinnen meiner Frau aus der Eiskunstlaufabteilung von 1860 Bremen, und wenn meine Frau an meine Freunde aus dem Radsportbereich denke. Campagnolo und Kufenschleifen passen nicht wirklich zusammen.

Ich bin mir nicht sicher, wie das unter Japanern ist, aber zwischen meinen japanischen Freunden und mir gab es wenig, oder eigentlich keine Gespräche aus dem Bereich „Psyschohygiene“. Will sagen, ab und an brauche ich mal Menschen denen ich sagen kann wie doof meine Frau gerade ist, wie undankbar die Kinder, dass ich Symptome von Lungenkrebs glaube zu haben, dass ich nicht mehr so schnell Rad fahre wie früher und mich das an den nahenden Tod denken lässt usw.. Und meine Freunde erzählen mir dann von ihren Prostatabeschwerden, der Frau die sie verlassen hat, dass es im Bett nicht gut läuft und von den undankbaren und doofen Kinder. Das letzte Thema läuft an sich immer gut. Nachdem wir uns dann gegenseitig ausgeheult und gut getrunken haben geht es uns dann besser und wir gehen zurück zu unseren Frauen und Kindern. Ich finde, dass ist ein elementarer Teil von Freundschaft. Menschen mit denen ich so etwas nicht habe würd ich nicht als Freunde bezeichnen – na ja, vielleicht eher nicht als gute Freunde. All dies, würde ich jetzt mal behaupten, gibt es nicht so ausgeprägt in Japan und das macht den Aufbau einer Freundschaft so schwierig. Am Anfang läuft es gut an, alles ist nett, entwickelt sich prächtig; aber schon bald kommt man an einen Punkt wo es nicht mehr weitergeht. Wir erwarten jetzt gute Gespräche, aber die kommen nicht und wenn wir sie anfangen dann enden diese im nirgendwo.

Und dann nachdem es gerade so frustrierend mit den Japanern in Japan ist lernt man ein paar nette Ausländer kennen und wupp – es funktioniert wieder.

Mein Job war anstrengend und auch die Familie forderte Zeit und Energie, aber in den nächsten Jahren fuhren wir an fast jedem Wochenende gemeinsam mit anderen Bekannten raus und erkundigten in immer weiteren Radien die Gegend um Tokyo herum. Radsportler denken bei tollen Straßen vielleicht an den Stelvio, Sa Calobra oder den Mont Ventoux – ich denke an die vielen kleinen abgeschrankten asphaltierten Forstwege in den Bergen nördlich von Tokyo.

Landflucht und demographischer Wandel haben auf dem Land einiges angerichtet.
Es ist daher eine japanische Besonderheit, dass die Größe der Wahlkreise schon lange nicht mehr im Verhältnis zu ihren Bevölkerungszahlen stehen. Die Landbevölkerung ist daher viel stärker im Parlament vertreten, als es proportional gerecht wäre und der Abgeordnete eines jeden Landkreises versucht so viel wie möglich an Geld für Projekte in seinen Wahlkreis zu bekommen. Und so ist das Straßennetz auf dem Land erstaunlich gut ausgebaut, es werden immer wieder neue Tunnel und Brücken gebaut um Orte miteinander zu verbinden die nur noch auf dem Papier existieren. Das ist volkswirtschaftlich schlecht für Japan, aber großartig für Radfahrer. Um das Holz aus den Bergen zu bekommen gibt es einsame Forstwege, die für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind und teilweise mit Brücken und Tunnel ausgebaut wurden so dass man lange Strecken ganz ohne Autolärm oder Kontakt zu anderen Menschen zurücklegen kann. Ab und zu begegnen einem Wildschweine, Rehe oder Affen und wenn man Pech hat ein Bär, aber ansonsten lässt sich dort sehr schön fahren. Ich würde mal sagen, von allen Straßen die ich mit meinen Rädern gefahren bin sind dies die schönsten. Ist natürlich eher doof, das die dann gleich so weit weg von Deutschland bzw. Bremen sind.

Oder wir fuhren in den Süden Richtung Izu Halbinsel wo uns am Ende ein traumhafter Strand in der Nähe von Shimoda erwartete. Es gibt da einfach so viele Möglichkeiten etwas zu unternehmen und so viele Dinge zu sehen, dass es wie in einem Traun ist, dessen Inhalte man sich auswählen kann und trotzdem immer wieder überrascht morgens aufwacht.

Ab und an nahmen wir auch an Rennen teil. Der JCRC organsierte jedes Jahr eine Rennserie mit 10 bis 15 Rennen von denen viele in der Nähe von Tokyo durchgeführt wurden. Eines der schönsten Rennen, vor allem weil es quasi flach war, war das Rennen um den Saiko See in der Nähe des Fujis. Wir fuhren dort die Einzelrennen von 20 km Länge und ein paar Mal versuchten wir uns auch im Viererteam über 10 km was aber im absoluten Chaos endete. Natürlich gewannen wir nie etwas, wir waren wie die Fischer von San José:
„Die Fischer von San José / schifften Tag und Nacht in die offene See / doch Fische, die fingen sie nie.“

Wir hatten eine Menge Spaß, kamen ganz schön herum und lernten eine Menge netter Menschen kennen, die aus oben beschriebenen Gründen nicht unsere Freunde wurden.

Ich war zwischenzeitlich weg von Schindler’s Liften zu einem amerikanischen Konzern in Japan gewechselt und deren Japanchef geworden. Mir wird leider schnell langweilig und daher ist meine Jobhalbwertszeit ziemlich genau fünf Jahre. Danach brauche ich etwas neues, und dass hängt mit zwei Schwächen zusammen: Der Unfähigkeit sich auszumalen, dass etwas kompliziert sein könnte und der Umgang mit Kollegen wenn es dann doch so ist. Aber im einzelnen.

Wenn ich gefragt werde eine neue Arbeit oder Aufgabe anzufangen, wie z.B. einen Staudamm in China zu bauen dann denke ich mir aus, wie das in groben Zügen gehen könnte und rufe meine Frau an und sage: „Ich bin dann mal für zwei Wochen weg.“ Leider ist das dann alles sehr kompliziert und viele Menschen sind auch nicht so begeistert und wollen mitmachen. Klar 180.000 Menschen zu überzeugen, dass ihr Wohnzimmer zum Aquarium wird wegen dem Stausee – und zwar für immer, das erzeugt Reibung. Aber ich bin immer begeistert dabei. Über die Alpen in sieben Tagen, 1.000 km und 20.000 Höhenmeter mit Übernachtung in der Turnhalle? Hey, meld‘ mich an. Eine konkurse Firma aus dem Sumpf ziehen? Klar, warum nicht? Aus China kam ich zwei Jahre später wieder und da dauerte es immer noch 4 Jahre bis der Damm fertig war, aber irgendwie kommt ja immer etwas vernünftiges raus wenn man sich Mühe gibt und keine Ahnung hat. Nur, beim zweiten Male, jetzt wo ich weiß wie aufreibend das ist, da bin deutlich weniger motiviert, weil ich jetzt Ahnung habe. Und da ich es beim ersten mal in meinem ungestümen Vorwärtsdrang leider mit allen Kollegen versaut habe, macht es noch weniger Spaß und ist noch schwieriger. Also brauche ich einen neuen Job, was nicht ja nicht so kompliziert sein kann.

Die Amis bezahlten extrem gut, aber leider hatte mich niemand darauf vorbereitet, dass die Amerikaner anders sind als wir. Also, als ich nach Japan geschickt wurde, da wurde mir von allen Seiten geraten ich solle aufpassen, nicht voreilig urteilen und ich würde sicherlich den einen oder anderen Kulturschock bekommen. Aber bei Amerikanern? Die sehen doch genauso aus wie wir! OK, also Amis tragen diese komischen Khakihosen und sagen unglaublich oft „Sensationell“ oder „Phantastisch“, aber hey wir Deutschen sind auch die einzigen die glauben, dass „Wie geht es Dir?“ eine Frage ist. Sensationell. Phantastisch. Und Dir?

Wie die Japaner, haben aber auch die Amis so ihre Eigenarten, wie übrigens auch die Deutschen, Jordanier oder Sudanesen. Das jede Kultur ihre Eigenarten hat ist das, was jede Kultur gemeinsam hat. Bei Amerikaner denkt man ja häufig an den Hort der Demokratie und das es lustig sein muss in Firmen wie facebook, instagram oder twitter zu arbeiten, weil das überall Kicker auf den Fluren stehen und es in der Kantine Hafermilch Latte und Superfood umsonst gibt. Dies unterscheidet sich deutlich, z.B. vom Bürgeramt Bremen Mitte auf der Stresemannstraße mit seinen ungebohnerten Vinylbodenbelägen, Bakelit Tresen und Security Gards die beides miteinander verbinden. Und es mag ja auch in Amerika Firmen geben, wo das alles prima läuft, aber meine Erfahrungen in der traditionellen Industrie sind eben anders, eher so wie ein Kindergarten in Nordkorea: Man singt zusammen hübsche Lieder und hört gut zu was der große Führer einem befiehlt. So war mir zum Beispiel nicht klar, dass die nette Suggestion „You might want to consider to…“ einfach auf Deutsch übersetzt bedeutet: „Das ist mal besser bis morgen erledigt, sonst…“ Oder mein Chef einmal behauptete etwas sei eine Firmenregelung und ich in fragte wo das denn stehen würde – in seinen Augen alles schlimmste Aufmüpfigkeiten – da antwortete er mir: „In dem Moment wo ich es ausspreche wird es zur Firmenregelung.“ Willkommen im nordkoreanischen Kindergarten: „Papi, woher wissen wir denn, dass der große Führer recht hat?“

Also mir war klar, dass ich da kündigen musste, es sei denn ich wollte das Datum meiner Kündigung nicht selber bestimmen.

Ich ging dann lustigerweise zum genauen Gegenteil, einem schwäbischen Familienunternehmen, das langweilige Produkte weltweit vertreibt und sich gemütlich Häfele ausspricht. Ich wurde dann 2006 ihr Japanchef und brachte es innerhalb kürzester Zeit fertig mich mit meinen Vorgänger und Jetzt-Chef völlig zu verkrachen worauf dann konsequenterweise und vor der Halbwertszeit von fünf Jahren im Frühjahr 2008 zum Ende des Jahres meine Kündigung folgte. OK, dann brauchte ich halt einen neuen Job, kann ja nicht so schwierig sein. Ist bis Montag erledigt. Aber natürlich war es viel komplizierter als ich gedacht hatte, denn 2008 schickte Lehmann die globale Wirtschaft die Achterbahn runter und mittlerweile war ich auch Mitte Vierzig.

Das war ein harter Schlag, denn ich hatte mein Leben lang Karriere gemacht und glaubte an ein gerechtes Prinzip von Leistung und Belohnung. Ich denke, Karriere machen ist wie eine Sonnenblume.

Zu Beginn sind wir alle in dem Stamm der aus dem Boden wächst, so wie man mit seinen Freunden zusammen in der Grundschule ist. Dann kommen alle gemeinsam in die Oberstufe, nein doch nicht alle, Albert fängt eine Ausbildung bei Philips an, Volker geht zur Polizei und Thomas verkauft Hambuger bei McD. Das sind so wie Blätter, die sich vom Stamm abschälen, zuerst noch in Richtung Sonne, aber tendentiel zeigen die Spitzen nach unten. Man schaut sich das an und lächelt, tja nicht geschafft. Man selber hat es ja eigentlich auch nicht verdient, aber alles ist gut, man ist weiter im Stamm. Meine Freunde und ich fangen an zu studieren, Achim auch, aber der macht Germanistik und fährt dann Taxi. Der erste Job kommt und ist nicht mehr Ingenieur, sondern Manager auf der Baustelle, während der Beste im Studium nie aus dem Planungsbüro herauskommt. Und so geht es weiter, rechts und links knicken die Blätter weg und man selber wächst schön mit nach oben im Stamm.

Aber Tatsache ist halt, dass es nur eine Blüte gibt und auf der ist nicht gerade viel Platz. Wir können nicht alle Winterkorns, Zetsches oder Ackermanns werden. Und irgendwann sind wir dann auch eines der Blätter und andere lächeln uns mitleidig und nachsichtig nach. Und genau an diesem Punkt meiner Karriere war ich gerade angelangt.

Nun ist es aber wichtig darüber nicht traurig zu sein. Nur weil man dem beruflichen Erfolg das ganze Leben lang hinterherhetzt heißt es ja nicht, dass der das ist was einen glücklichen gemacht hat. Und wenn der Tresor erst einmal voller Cash ist umso besser. Aber ich bin heute noch stolz, das ich nicht jammere weil ich nicht mehr Business Class fliegen darf – im Gegensatz zu meinem Sohn, der mich mit dreizehn Jahren bei dem ersten Economy Flug seines Lebens beim einsteigen nur angsterfüllt ansah und fragte: „Was, nach hinten?“ Oder dass es mir nichts ausmacht in der Jugendherberge am Dümmer See im Etagenbett mit einem Kollegen zu übernachten und auf dem Flur zu duschen.
Das doofe bei auf dem Flur duschen ist eigentlich nur, dass alle sehen, wenn man sein Rad mitnimmt.

Ich fand also nicht wirklich einen Job, was mich dann langfristig wieder nach Deutschland gebracht hat, um etwas zu tun, was ich mir als absolut unkompliziert vorgestellt hatte, nämlich eine private Hochschule zu gründen. Ich meine, ist ja nur ein Bürohaus und kein Staudamm. Natürlich hat das auch geklappt und war unendlich kompliziert und ich würde das auch nie wieder tun, aber darum geht es ja hier zum Glück ja nicht.

Aber im Frühjahr 2008 war ich in Japan, hatte meine Karriere erst einmal geparkt und brauchte ein neues Ziel. Diese neue Aufgabe war es, japanischer Meister beim JCRC zu werden, und davon handelt dieses Buch auch wenn zwischenzeitlich der Eindruck entstanden ist, dass es hier gar nicht um Radfahren geht.

Das war eine schön unkomplizierte Aufgabe, die ich mit wenig Aufwand bis Ende des Jahres erledigen könnte. Dachte ich.

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Die Playlist von Chris Froome. Oder doch Chris Roberts?

Das doofe an der Kombination von Corona und wenigen Anreize für die Fahrradindustrie etwas neues zu entwickeln, weil man sich ja ohnehin gerade doof und dämlich verdient (oder wie jemand letztens zu mir meinte „wegen Reichtum geschlossen“) ist, dass es so gar keine coolen Radnachrichten mehr gibt.

Hey, I just met you and this is crazy / But here’s my number, so call me, maybe

Bis auf Radrennen natürlich, aber sonst macht ja schon der Verkaufsstart eines Tubeless Reifen Reparatursets in eloxierten Farben riesige Schlagzeilen. Gähn. Aber als ich so letztens bei Cycling Tips blätterte, da fiel mir doch etwas spannendes auf: Chris Froome hatte auf Strava seine Playlist veröffentlicht, die er bei Trainings hört und Cycling Tips kommentierte das. Mittlerweile hat auch der Besenwagen das Thema aufgegriffen.

Unglaublich, dass der Mann 147 km und fast 4.000 Höhenmeter irgendwo in Spanien auf dem Rad mit einem rumeiert, wie auf Strava dokumentiert, und dazu diese Musik hört …. ich meine, es ist schon unglaublich wenn man nur diese Musik erträgt, aber dabei noch Rad zu fahren – das ist unmenschlich. Nun habe ich ja nicht den Anspruch an Sportler, dass sie irgendetwas gut können müssen außer ihrem Sport. Von Lothar Matthäus erwartete ich nicht das Verfassen feinsinniger Sonette, Rene Weller musste nicht singen können und Tonya Harding nicht …. äh catchen? Trotzdem ist es manchmal schockierend zu sehen, wie manche Menschen A gut können und in B völlig versagen. Ich meine, jemand, der so cool ist wie Chris Froome, der hört doch mindestens Greta van Fleet? äh Oasis? OK Weekend? Mitnichten. Call me maybe.

Aber dann fiel mir wieder ein, dass ja auch Andre Greipel vor Jahren, noch bei Lotto Soudal versuchte zu rappen und das ganze relativiert sich wieder ein wenig. En Titel auf der Playlist von Chris Froome sprang ,mir dann aber total ins Auge. Die neunziger Jahre Megaspaß-Sause von Mr. President: „Coco Jamboo“. Für alle die damit jetzt noch nichts anfangen können, die werden es gleich:

Ya-ya-ya coco jambo, ya-ya yeah / Ya-ya-ya coco jambo, ya-ya yeah

Genau, dieser Song. Den man eigentlich so gar nicht mag, der einem aber nicht mehr aus dem Ohr geht. Das Audio Gegenstück zu Megan Fox sozusagen. Oder für die Älteren hier: Samantha Fox.

Jemand der bereits lange diesen Blog und den Vorgänger „Positivo Espresso“ liest weiß, das ich eigentlich einen ganz guten und vielseitigen Musikgeschmack habe, dass es da aber auch eine sehr dunkle Stelle gibt: David Hasselhoff. David Hasselhoff ist der einzige Musiker auf der Welt, der es geschafft hat durch ein Lied die Geschichte eines Landes komplett zu verändern: Deutschlands. Denn wie jeder weiß verdanken wir Deutschen David Hasselhoff die Wiedervereinigung.

Cool. Sogar drei Möpse.

Egal, kann man alles hier irgendwo nachlesen. David Hasselhoff war sogar mal in Bremen und hat das Sechstagerennen eröffnet. Genau wie Suzi Quattro, Hot Chocolate und Middle of the Road. Ja, und Klaus & Klaus sind auch jedes Jahr dabei, in Bremen versammelt sich halt doch die musikalische Elite der Welt.

Zurück zu Chris Froome und Mr. President: Das besondere an Mr. President ist, dass die aus Bremen kommen. Und nicht nur, das, sondern Mr. President ist sogar die erfolgreichste Popgruppe Bremens jemals. Hey – Coco Jamboo – Platz 2 in Deutschland, 8 in Großbritanien und 21 in den USA, das musste erst mal schaffen. jede Menge Platin, Gold und Silber, über 900.000 verkaufte Tonträger, das ist schon ordentlich. Und wer kommt sonst so aus Bremen? James Last. Und Sarah Connor – ne, die kommt aus Delmenhorst, das ist geographisch nah an Bremen und geistig näher an Ulan Bator. Und dann noch Roy. Also nicht Roy Black, sondern der Roy von Siegfried & Roy, der eine Zeit lang in Bremen im Zoo arbeitete, als es in Bremen noch einen Zoo gab. Aber gesungen hat der halt auch nicht.

In Bremen muss man schon ganz tief in der Kiste der Erinnerungen wühlen, um jemand hervorkramen zu können, der mal richtig erfolgreich und gut im Musikgeschäft war. Mir fallen da spontan nur noch die drei Peheiros ein. Hammer.

Obwohl ich nun erst elf Jahre in Bremen lebe und mich niemals als echter Bremer bezeichnen würde ist das nun mal mein zuhause und ich habe mich gut eingelebt, ein paar Freunde und Bekannte und kenne mich in den Bremer Geschichten und Geschichtchen ein wenig aus. Mein Herz aber bleibt in der Heimat und die ist nun einmal Mönchengladbach, ob ich das mag oder nicht. Man kann sich vorstellen, was da in mir am letzten Bundesligaspieltag der Saison 2020/21 vorgegangen ist. Was mich an vielen, aber nicht allen Bremern ein wenig stört ist diese Kleinteiligkeit im regionalen Denken. Bremen-Nord zum Beispiel, ist für viele Bremer einfach nicht Teil von Bremen. Ebensowenig alles was sich von Bremen auf der linken Weserseite befindet – die Bremer Neustadt: Ein Viertel von Hipstern aus dem 17. Jahrhundert. Die Überseestadt? – Irgendwo knapp vor Vegesack oder so.

Stadtteil Überseestadt Bremen in Gewerbeflächen Bremen - WFB
Die Überseestadt von Norden aus gesehen. Vorne der Waller Sand

Tatsächlich ist die Überseestadt aber gerade mal 4 bis 5 km von dem Zentrum der Überseestadt – also einem Radladen namens Cyclyng, oder von mir aus dem Skatepark, entfernt. Manchmal rufen Kunden bei Cyclyng an und fragen wo der Laden ist, weil sie z.B. ein Rennrad kaufen wollen. Wenn sie dann erfahren, dass das in der Überseestadt ist dann heißt es oft: „Ui, ist das weit – ich wohne in der Neustadt!“. Tja, wenn dass weit ist – warum will ich mir dann rein Rennrad kaufen? Vielleicht wäre ein Rollator besser? Oder jemand meinte mal „Ihr seit ganz schön weit draußen hier!“ Worauf ich fragte: „Wo wohnst Du denn?“ „Ich wohne in Arsten.“

Für alle die nicht aus Bremen kommen: Arsten ist im Süden von Bremen, auf der FALSCHEN Weserseite (links) und so ziemlich das langweiligste Viertel, dass man sich vorstellen kann. Da gibt’s noch nicht mal Kriminalität. Man kann ja durchaus kritisch gegenüber der Überseestadt eingestellt sein. Ich finde z.B. die Neubebauung dort extrem langweilig, ohne jeden maritimen Flair und es fehlt einfach ein Wahrzeichen, so wie die Hafencity in Hamburg die Elbphilharmonie hat. Deshalb nenne ich die Überseesstadt auch manchmal im Gespräch „Die neuste Vahr“ nach der Trabantenstadt in Bremen die Sven Regener berühmt gemacht hat. Aber wenn die Zukunft Arsten sein soll – dann ziehe ich wieder nach Mönchengladbach.

Bremen_Braun-Hogenberg
Bremen im Mittelalter. Arsten ist ca. 5 Computerscreens weiter rechts.
Bremen 1842.

Also, ich kann jetzt mal behaupten, dass ich ein wenig Bremen kenne. Heute bin ich zum Beispiel zwei Mal mit dem Rad um das Original alte Bremen gefahren, dass von den Wallanlagen und der Weser eingegrenzt wird – natürlich war ich nicht in der Barockhipster Neustadt sondern nur auf der rechten Weserseite. Und ich kenne mittlerweile auch eine Menge Menschen hier. So z.B. Jens Neumann, der nicht nur der Mastermind hinter Mr. President war, sondern auch mal ein Rad bei Cyclyng gekauft hat. Das ist ein paar Jahre her und lustigerweise arbeitete damals noch ein Mechaniker bei Cyclyng, der mit einer der Sängerin von Mr. President zusammen war. Jens gab damals sein altes Rennrad in Zahlung, dass er sich mit den Einnahmen von Coco Jambo und anderen Superhits finanziert hatte. Das war ein wirklich schönes Rad, dass lange mit dem Etikett „Coco Jambo Rennrad“ im Laden stand, bevor es dann verkauft wurde.

Als ich nun die Meldung von Cyclyng Tips las, dachte ich, hey das wäre doch wirklich lustig Cycling Tips mal mit Jens zusammen zu bringen. Gesagt, getan, ich kontaktierte Cycling Tips, schrieb Ihnen, dass ich den Kontakt zu Jens herstellen könnte und die waren begeistert. Ich rief Jens an und der sagte spontan zu. Jetzt bin ich mal sehr gespannt, was sich daraus ergibt. Ian, der für Cycling Tips arbeitet, hat angekündigt eine Stunde auf einem Indoor Trainer zu Coco Jambo in der Endlossschleife fahren zu wollen. Wird das igendwann einmal Indoor-Everesting ersetzen?

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Ingrid

Letztens, als mir so wichtig Corona-mäßig langweilig war, fragte ich einen befreundeten Radhändler, welche Schaltungen er bei Rennrädern am meisten verkauft. Er hätte mir auch die einfache Antwort: „Shimano“ geben können, aber das ist ja so ein ganz Genauer.

Deshalb kramte und rechnete er in seinen Excel Tabellen und ein paar Stunden später hatte ich das genaue Ergebnis: Von 135 Rennrädern, die er 2020 verkauft hat waren 132 mit Shimano Schaltungen ausgestattet; zwei hatten eine SRAM (AXS) Schaltung und eins eine von Campagnolo. Das ist schön für Shimano, aber leider nicht gut für die Konsumenten, denn es fehlt die Vielfalt in Funktion und Design beim Kauf eines Rades. Ich lach mich immer kaputt, wenn bei Rennradtests alle Räder die gleiche Note für den Antrieb bekommen. Wäre ja auch ungewöhnlich wenn nicht, denn alle Räder sind z.B. mit einer Shimano Ultegra Schaltung ausgestattet. Andere Noten trotz gleichem Antrieb wären mal was lustiges.

Es ist heute extrem schwierig ein Rad von der Stange ohne Shimano Antrieb zu bekommen; die einzige Ausnahme ist die SRAM RED AXS und die SRAM FORCE Schaltung, die sich im Preissegment jenseits von € 4.500 etabliert hat. Die mechanischen SRAM Gruppen (Red, Force, Rival) sind komplett verschwunden und natürlich ebenso jegliche Spuren von Campagnolo. Es ist tragisch, dass in dem Moment wo wie erste großartige Campagnolo Erfindung, der Schnellspanner durch die Steckachse ersetzt wurde, auch der Rest der Marke im Nichts verschwindet. Jüngeren Kunden sagt der Name Campagnolo gar nichts und ältere Kunden wollen Campagnolo aber auf jeden Fall mechanisch und mit Felgenbremsen. Eine elektronische Campagnolo Gruppe mit Felgenbremsen ist quasi unverkäuflich, da diese weder den traditionellen, noch den modernen Kunden zufriedenstellen kann.

Vor zwei Jahren war ich mal bei Wilier in der Fabrik und fragte, wie oft denn dort Campagnolo Gruppen an Ihre Italo-Rennräder geschraubt werden. Ich weiß die Antwort nicht mehr, aber weniger als 5% mit Sicherheit. Die Regale waren voll mit Kartons mit blauen Shimano Logos und ganz hinten war ein armseliges Billy Regal mit ein paar Schachteln Campa. Ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen wie die überleben wollen.

Trotzdem gibt es natürlich durchaus Alternativen zu den Antrieben von Shimano; Rotor zum Beispiel hat eine 13-fach hydraulisch aktuierte Schaltung auf den Markt gebracht und von FSA gibt es eine elektronische 11-fach Gruppe K Force WE. Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass sie nicht als OEM (also in neuen Rädern) verbaut werden, im Vergleich zu Shimano teuer sind und nur in homöopathischen Dosen auf den Straßen zu sehen sind. Bleibt Microshift, die vernünftige Produkte zu vernünftigen Preisen auf den Markt bringen, aber leider nicht die Größe und finanziellen Ressourcen haben, sich als OEM oder Nachrüstprodukt in Europa zu etablieren.

Eigentlich sollte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich da eine Firma aus China oder Taiwan zeigen wird. Novatec oder Kinlin z.B. sind bereits relativ etabliert; viele Firmen in China arbeiten als Auftragsunternehmer für etablierte Komponentenhersteller. So wie z.B. Giant sich erst als guter OEM Hersteller Rahmengebaut hat, bevor sie dann mit Giant ihre eigene Marke erfolgreich im Markt etablierten. Warum soll das nicht auch bei Komponenten möglich sein?

Ein wichtiger Grund, warum es „heute“ schwieriger ist als „früher“ in den Markt zu kommen ist zunächst die Entwicklung von Komplettgruppen (also alle Komponenten von einem Hersteller aufeinander abgestimmt). Das ist umso wichtiger als die Technik an sich komplexer geworden ist und sich mehre Standards entwickelten, die nebeneinander existieren. 1977 hörte man entweder Disco oder Punk und hatte ein BSA Vierkant Innenlager. Heute wird Spotify abonniert und es gibt etwa 50 gängige Tretlagerstandards. Für eine SRAM RED AXS brauche ich eine spezielle SRAM Kette, ein Shimano 11-fach Ultegra Schaltwerk kann ich nicht mit einem 12-fach Sram Red Hebel schalten; eine SRAM 12-fach Kassette passt nicht auf einen Shimano Freilauf. Alle diese Dinge waren „früher“ größtenteils untereinander austauschbar.

Und weil Rennräder früher oftmals vom versierten Radhändler aufgebaut wurden, konnte der kombinieren, was er für die beste Kombination an einem Rennrad hielt: Cambio Rino Kurbel mit Huret Schaltwerk, Simplex Hebeln und Mafac Bremsen? Kein Problem. Eine Kette von DID oben drauf und dazu Kyokuto Pedale. Dieses Aufbauen findet heute zwar noch statt, aber in einem deutlich geringerem Ausmaß.

Zuguterletzt kommt dazu der Trend von Radherstellern zu „integrieren“. Nein, dass sind nicht diese Dinger aus dem Mathematikunterricht, also irgendwie das Gegenteil von „Ableitung“ sondern das ist eine verklärende Beschreibung dafür, dass an Rädern eines Herstellers oftmals nur noch bestimmte Komponenten des gleichen Herstellers verbaut werden können. Das sieht man z.B. sehr häufig bei Sattelstützen, teilweise bei Innenlagern und auch bei Lenker/Vorbaukombinationen. Im Prinzip ist es der Versuch von Herstellern den Aftermarket zu kontrollieren und die eigenen Teile zu hohen Preisen zu verkaufen.

Lustigerweise gibt es aber ab und zu kleine Firmen, die zum Beispiel in Italien auf den Spuren von Cambio Rino, Gipiemme, Galli oder Ofmega neue Komponenten herausbringen. Ein schönes Beispiel dafür ist INGRID.

Ich weiß nicht woran ihr denkt, wenn ihr Ingrid hört, aber ich denke an:

Ingrid macht Klimbim.
Ingrid macht Bum.
Ingrid macht Komponenen.

Ich weiß auch nicht, wer da in Italien auf den Namen Ingrid gekommen ist, aber wenn man erst einmal aufgehört hat sich tot zu lachen, dann ist die Idee … ganz lustig? Jedenfalls so ein wenig Ingrid am Rad wäre ja nicht schlecht. Ich möchte aber keinen Kevin-Umwerder oder Björn Naben. Niemals.

Zu wünschen ist, dass solche kleinen Hersteller wieder mehr Vielfalt in die Radwelt bringen und vielleicht auch, wie z.B. Box Components, mit ungewöhnlichen Ideen glänzen.

Damit die Welt, nach dem Stillstand der letzten Monate, wieder ein Stück interessanter wird.

Euer Elias
(Beliebtester Jungen Vorname 2020)

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Rennwochenende

Wow. Es ist erst Februar und doch gab es bereits eine Reihe von Straßenrennen an diesem Wochenende; unter anderem die ersten Rennen in Belgien und Holland.
Die UAE Tour endete gestern nach sieben Etappen. Das ist so eines von den Rennen, wo ich nicht sehen kann, ob da irgendwelche Beschränkungen im Zuschauen sind, weil da sowieso niemand bereit ist, sich die Füße in den Sand zu stehen. Ansonsten gibt es dort Straßen die breiter sind als Rennen lang. Die Straßenführung ist IMMER rechtwinklig zur Windrichtung, so dass man ständig in der Windkante im Echelon fahren muss.

David Dekker vom Team Jumbo ist sicherlich ein Name, den man sich merken muss und den wir in dieser Saison noch häufiger bei Sprintfinalen hören werden. Er kommt aus einer Radsportfamilie, sein Vater ist Erik Dekker, der bis 2006 für Rabobank fuhr.

Omloop Het Nieuwsblad – Oder „Omlett auf der Tageszeitung“ – ein belgisches Sprichwort das beschreibt, wie man sich lauter Aufregung beim Bierfrühstück bei den Frühjahrsklassikern bekleckert. Glaube ich. Man muss diese beiden Videos hintereinander sehen und dann fällt einen auf, dass das Quickstep Team in der Wüste aber auch hier mehr oder minder erfolgreich einen Sprintzug fährt. Das Können und Talent in diesem Team ist einfach unglaublich.

So, und wie ist das Rennen bei den Frauen gelaufen?

Tja, was soll ich da schreiben? Anna van der Breggen sollte eine Starterlaubnis für die Männer bekommen, da würde sie sicherlich ach erfolgreich teilnehmen können. Bei den Frauen droht es on der generellen holländischen Dominanz langweilig zu werden. Ich persönlich würde ja gerne Letia Paternoster, Puck Moonen oder Marianne Vos, die Patin unserer Toiletten, vorne sehen. Sonst bin ich auch bereit auf das Comeback von Liz Hatch zu warten.

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Holländische Cyclocross (Welt)meisterschaften

Nachdem bereits gestern bei den Frauen Lucinda Brand verdientermaßen den Titel geholt hatte, war heute Mathieu „Mireille“ van der Poel bei den Männern erfolgreich. Ein Ergebnis, so vorhersehbar wie ein Heimspiel von Bayern München. Was gab es sonst so in Oostende zu sehen?

Holländerinnen am Strand

Mieses Wetter. Wie eigentlich immer in Holland und Belgien an der See. Keine Ahnung warum Menschen an die Nordsee fahren; die Chance die Sonne zu sehen sind zu jeder Zeit gering, dafür pustet einem der Wind von den Dünen, man muss endlos durch das Schlick wandern bis man mit den Knien im Wasser steht und außerdem Salzwasser schmeckt nicht. Es gibt nicht viele Arten von Cross Rennen; die einen sind Schlammrennen wie letztens in Dendermonde

oder wie die Holländer sagen: „Mega Blubber Power Race“. Die anderen sind Sandrennen, wie gestern und heute in Ostende. Der Hintergrund mit dem Meer und den schäumenden Wellen war perfekt.

Wie immer an der Spitze.

Bilder um Unterschriften zu schreiben, die klingel wie Titel von Francois Truffaut Filme: „Drei Mädchen aus Holland und die Liebe zum Meer“.

Also, zu den Ergebnissen: Bei den Männern 3 Holländer und 6 Belgier unter den ersten zehn. Tom Pidcock aus Großbritannien hättes fast noch auf das Podium geschafft, aber am Ende ging ihm die Luft aus-
Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, wenn man sich die Ergebnisse bei den U23 Männern ansieht: Vier Holländer und fünf Belgier unter den ersten zehn.

Frauen? Holländische Totaldominanz. Fünf Holländerinnen unter den ersten sechs. Marianne Vos wurde 12., die hätte ich noch etwas besser erwartet. Sane Cant, immerhin Weltmeisterin 2019 wurde nur 8. Elisabeth Braudau, die hier erwähnt wird, weil sie die einzige deutsche Vertreterin war, kam auf Platz 9. Schön.

Ist es bei so einem Rennen eigentlich wichtig, was für ein Rad gefahren wird? Kaum vorstellbar, die meisten Rennen werden meiner Ansicht nach entweder durch Fahrfehler und Stürze der Konkurrenten, oder durch technische Defekte entschieden. Van Aert hatte heute in einem ungünstigen Moment einen platten Vorderreifen – das war’s dann für ihn. Die Markenverteilung bei den Top 10 Frauen und Männern ist so:

+ 4 mal Ridley
+ 3 mal Trek
+ 3 mal Stevens
+ 2 mal Specialized
+ 2 mal Canyon
und dann je ein Radon, Cube, Giant, Cannondale und Cervelo. Sind nur 19? Genau, Wout van Aert fährt ein Jumbo Visma gelabeltes Rad. Es ist kein Geheimnis, dass sich darunter ein Bianchi verbirgt – aber nicht mehr lange, denn das Team wechselt komplett zu Cervelo. Nur, Cervelo hat bislang kein Cyclocross Rad.

Kaum vorstellbar, dass Bianchi ein geiles Cyclocross Rad auf die Beine stellen kann. Wenn Wao van Aert damit de facto der zweitbeste Fahrer der Saison ist, dann kann das nicht an der türkisfarbenen Möhre liegen.

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Heute auf Netflix: Accomplice / Susi Q

Die Juwelen müssen im Müll des Massengeschmacks lange gesucht werden, aber sie sind da. Auf Netflix läuft seit dieser Woche Accomplice:

Und wenn es nicht unbedingt um Räder gehen muss, dann:

In meiner Teeny Glamrock Jugend war ich nicht wirklich Susi Quatro Fan, meine Bands waren Slade und T. Rex und wer Slade gut finde, durfte Sweet nicht mögen. Susi Quatro war irgendwo dazwischen, so etwa bei Roxy Music. Auf jeden Fall war das Cover ihrer ersten LP extrem gut gemacht:

Na ja, jede Menge Jahre später habe ich sie dann live auf den Sixdays in Bremen gesehen, das hätte ich mir vielleicht doch besser nicht angetan. An alte Freunde und alte Popgruppen ist es doch eher besser nur die Erinnerung zu behalten.

Lustigerweise musste Susi Quatro auf Betreiben Ihres japanischen Promoters Udo-San, der aussah wie der Abteilungsleiter Revision der Longterm Credit Bank of Japan, in Japan noch mal zum Schein Ihren Mann heiraten – genau wie ich! Und wer sehen will, wie Cherie Currie, Lita Ford, Joan Jett oder Wendy James damals und heute aussieht, der sollte sich das ansehen.

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Trek Chefpoint

Seit März 2018 betreibe ich einen Radladen, eigentlich einen Radladen mit Café in der Bremer Überseestadt. Seitdem habe ich deutlich weniger Zeit und Lust zu schreiben und auch deutlich weniger Räder für mich selber aufgebaut.

Der eine hat heute einen Radladen, der andere fährt Ferrari. Aber vor 30 Jahren saßen wir noch gemeinsam auf der Schulbank in Tokyo.

Na gut, also wenn ich mal von dem Giant TCR Advanced Pro, dem Wilier Cento 10 Pro, dem Orbea Avant, dem Ridley Kanzo Speed und dem Orbea Alma M25 absehe – aber das waren, mehr oder minder alles Räder von der Stange oder aus dem Karton, die wenig Kreativität erforderten und dann auch entsprechend wenig orginell wurden.

Anfang des Jahres kam mir die Idee, den Fokus im Geschäft etwas weg von Rennrädern und mehr auf MTBs zu legen. Rennräder laufen gut, aber wir wachsen und es gibt in Bremen und Umgebung wirklich keinen Laden, der mehr als zwei MTBs über 2.000 Euro zum ausprobieren da hat. Na gut, es gibt auch weniger als zwei Berge in Bremen und Umgebung, genauer gesagt gar keinen. Aber trotzdem haben eine Menge Leute hier MTBs mit denen sie im Wald herumkurven, in die Harburger Berge oder in den Harz fahren – und denen muss geholfen werden.

Nur Fliegen waren schöner – in den Siebzigern auf dem Landwehr Trail

Von MTBs habe ich leider so gar keine Ahnung. Das nächste was daran kommt war ein umgebautes BMX Rad mit dem ich als Teeny über selbstgebaute Hindernisparcours in unserem Garten und über den legendären Landwehrtrail in Mönchengladbach gefahren bin. Also habe ich mir das Orbea Alma zugelegt und probierte es aus, zunächst auf dem Weg von zuhause zur Arbeit: Ui, das machte ja richtig Spaß! Statt an der Weser lang fuhr ich nun auf Sandwegen durch den Bürgerpark, machte Abstecher über Wiesen oder fuhr sinnlos Hügel in den Wallanlagen rauf und runter. Ein MTB schafft ganz neue Wege und Möglichkeiten und ich war wirklich begeistert, zumal es auch nicht sooo viel langsamer auf der Straße rollte. Also nächster Schritt: ab in den Wald.

Und so fuhr ich eines Tages an der Weser nach Süden Richtung Okel, um dort im Wald zwischen Syke und Goldplatz die Trails anzutesten. Damit ich auf der Straße gut rollte hatte ich die fetten Reifen recht gut aufgepumpt und bald bot sich die erste Gelegenheit von der Straße abzubiegen und in den Wald zu saußen. Ui, das machte nun auch super Spaß! In der Wolfsschlucht probierte ich dann schon einige gewagtere Abfahrten aus und machte mich dann auf einem kleinen Trail Richtung Syke, den hatten wohl MTBler angelegt, denn an einer Stelle verzweigte er sich: Links ging es einfach weiter runter, rechts war eine Mini Sprungschanze, vielleicht so 20 cm über dem Boden. Hey, springen – das hatte ich ja schon 40 Jahre nicht mehr gemacht, geil.

Hätte ich auch lieber lassen sollen.

Ich weiß nur noch, wie ich auf einmal senkrecht aber verkehrt rum in der Luft stand und dann mit dem Kopf voll auf den Boden schlug. Der Schmerz machte mir gleich klar, dass der nicht nicht einfach ignoriert und erst einmal weiter gefahren werden kann. Ich fuhr irgendwie aus dem Wald raus, rief meine Frau an und die brachte mich nach Bremen ins Krankenhaus.

Über die Erfahrungen dort gäbe es eine Menge zu schreiben, aber das ist ja hier ein Blog über Räder und nicht Spahns Health Care System Blog. Jedenfalls war das Ergebnis meines wagemutigen Experiments zwei gebrochene Halswirbel und eine zermatschte Bandscheibe. Zwei Wochen Krankenhaus, eine OP und 4 Titan Schrauben und eine Klammer (ich hoffe Dura-Ace Specs) später geht es mir schon wieder ganz OK. Allerdings kann ich meinen Hals nicht mehr besonders gut nach rechts und links, und schon gar nicht nach oben verdrehen. Die Physio wird da sicherlich noch einiges richten, aber Rennradfahren kommt erst mal nicht in Frage. Bei der typischen Rennradhaltung sehe ich nur Asphalt vor mir, da ich den Kopf nicht hoch genug bekommen.

Ich brauchte also ein neues, behindertengerechtes Rad.
Enter Trek Chefpoint.

Enter Chefpoint

Zur Zeit sind „Gravelbikes“ extrem gehypt. Ein Gravelbike ist so etwas wie eine Eierlegendewollmichsau, will sagen, man kann damit auf der Straße fahren, im Gelände, bei Regen zur Arbeit oder mit Gepäck auf Radtour. Was man damit nicht macht ist eigentlich nur eins: Lange Strecken nur auf Gravel fahren, denn das gibt es, im Gegensatz zu den USA hier weniger. Ein Gravelbike ersetzt also vier Räder und ist ideal für Menschen die sich nicht entscheiden können. Meist verkaufen die sich als Alurahmen mit Shimano GRX400 oder GRX600 Ausstattung für Preise zwischen 1.500 und 2.000 Euro. Typische Gravelbikes sind das Ridley Kanzo A, das Orbea Terra und eben das Trek Checkpoint.

Die extreme Flexibilität eines Gravelrades hat natürlich auch einen großen Nachteil: So ein Rad kann nichts richtig: Auf der Straße ist es lahmer als ein Rennrad, im Gelände nicht so leicht zu fahren wie ein Fully MTB, in der Stadt wird es gerne geklaut und so weiter; es gibt ja eben auch einen Grund, dass noch Rennräder, MTBs etc., gebaut werden. Viele Menschen die ein Gravelbike wollen, wären mit einem Rennrad besser bedient, denn eigentlich fahren sie fast immer auf der Straße und brauchen nur etwas dickere Reifen, eine entspanntere Haltung und ein paar Ösen. Die kaufen dann ein Marathon Rennrad, auch wenn (weil sinnvollerweise aus Carbon) das teurer ist.

Der Aufbau

Ich brauchte jetzt auch etwas mit einer entspannteren Haltung, dicken Reifen und der Möglichkeit Schutzbleche anzubauen, und dafür besorgte ich mir (man kann ja) einen Trek Checkpoint ALR Rahmen. Das Checkpoint hat sogenannten „Stranglehold“ Ausfallenden, d.h. man kann die Steckachse des Hinterrads nach hinten verschieben, so dass auch ein Singlespeed Aufbau möglich ist.

Ich wollte schon immer einmal Rene Herse/Compass Reifen ausprobieren. Das sind extrem dicke 50 mm Reifen mit extraweichen Flanken die, wenn tubeless gefahren, auch nicht langsamer rollen sollen als Rennradreifen. Das behauptet jedenfalls Jan Heine, der Herausgeber von Bicycle Quaterly. Wenn es nach Jan Heine gehen würde, dann würden wir alle auf französischen Stahlrahmen mit Mittelzugbremsen und dicken Reifen fahren, denn seit den Fünfziger Jahren hat sich technisch nichts mehr sinnvolles getan, Genau wie die Jugend werden auch die Räder von heute immer schlechter – Jan Heine ist da sehr streng in seinen Ansichten. Aber hey, das heißt ja nicht, dass er komplett unrecht hat, also wollte ich gerne einmal die Reifen selber fahren, um mir ein Urteil zu bilden.
Dafür suchte ich mir eine Kombi aus stabilen Shimano Gravel Laufrädern GRX570 in 650B, Rene Herse Switchback Hill Reifen mit 48 mm Breite extralite in Naturflanke und Campagnolo Bremsscheiben aus. Zu dem Gesamterlebnis später mehr.

Just another brick in Walle

Wichtig war mir auch eine gute Bremse, deshalb griff ich dann gleich zu einer Deore XT Vierkolbenbremse vorne und einer etwas einfacheren Version hinten, da sich die MTB Bremssättel nur mit viel Aufwand oder gar nicht am Hinterbau montieren lassen. Gestern bin ich mal wieder Rennrad gefahren mit einer „normalen“ Scheibenbremsen und hey, da fühle ich mich nun echt ein wenig unsicher mit – ganz zu schweigen von einem Rad mit Felgenbremse. Soviel zur Entwicklung der Technik.

Beim Antrieb wollte ich auf jeden Fall auf Singlespeed gehen und ein sehr schönes Factory 5 Track Kettenblatt verbauen. Da die Kettenstreben des Checkpoints aber sehr breit bauen musste da dann letztendlich doch eine GRX Kurbel dran komplementiert mit MKS Allways Pedalen.

Eine 46/15 Übersetzung für die Stadt schien mir OK, und so habe ich ein 11-fach 15er Ritzel aus einer Shimano 105er Kassette genommen und das ganze mit einer 11-fach KMC X11EL Kette kombiniert. Auch keine gute Idee, denn das Ritzel hat eingefräßte Schaltungshilfen, die dafür sorgen, dass die Kette recht gerne abspringt. Nachdem das eine Weile mächtig genervt hatte besorgte ich mir ein dickeres 1/8 einfach Ritzel aus dem Versand und baute das mit der entsprechenden Kette um und seitdem funktioniert das wunderbar.

Um zuletzt noch den Komfort zu erhöhen verbaute ich eine Pro Vibe Carbon Stütze mit 27,2 mm Durchmesser und 20 mm offset und einen neueren Fizik Argo Sattel. Da sind diese neuen sehr kurzen Sättel (gegen die ist ein klassischer Fizik Arione ein Torpedo) die relativ breit sind und große Ausschnitte haben, ahnlich wie der Prologo Dimension 143 oder der Pro Stealth. Man muss sich die Dinger schön gucken aber dann passt es schon.

Zum Komfort gehört auch ein Riser Bar der ordentlich nach oben aufbaut von Renthal und Ergon GA1 Griffe in passendem Orange. Außerdem, seitdem nun der Herbst seit heute in Bremen begonnen hat, auch ein paar breite schwarze Metallschutzbleche. Und schon war der Aufbau fertig. Und wie fuhr er sich nun?

Die Fahrt

Obwohl das Rad mit knapp über 8 kg recht leicht geworden ist und es sich schön fluffig fährt ist es mal definitiv nicht so schnell und leichtfüßig wie ein gutes Rennrad. Es ist, auch im Vergleich zu meinen Stahl Fixies, eben nicht so einfach auf Geschwindigkeit zu bekommen und verhält sich weniger agil. Kurz, es motiviert weniger dazu schnell zu fahren. Soviel zu Jan Heine.

Das heißt aber nicht, dass es ein schlechtes Rad ist; es ist eben nur auch kein Rennrad. Zunächst einmal sind die dicken Reifen toll. Der Komfort auf den schlechten Straßen von Bremen ist einmal phänomenal. Ich brauche keine Angst mehr zu haben vor Schienen oder Bordsteinen und kann diese auch problemlos schräg anfahren. Wegen der Tubeless Reifen brauche ich mir auch keine Sorgen um Durchschläge zu machen. Aber damit nicht genug, die dicken Reifen machen es auch möglich schnell auf nicht asphaltierten Wegen zu fahren oder einen Abstecher über den Rasen zu machen. Daher gehört jetzt ein Abstecher auf den Fußwegen durch den Wald im Bürgerpark zu meinen quasi täglichen Routen. Die Federung ist wirklich gut und das macht das Fahrerlebnis, in Kombination mit der entspannten Haltung und dem breiten Lenker sehr angenehm.

Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen doch wieder eine Schaltung zu verbauen, wir würden sogar 7 oder 8 Gänge reichen. Aber eine 1:3 Übersetzung ist einfach zu schwer zum ständigen anfahren in der Stadt und bei ca. 30 km/h wird dann die Trittfrequenz doch auch arg hoch. Ich mag das Fixie fahren, weil ich dann ohne Bremsen die Geschwindigkeit senken kann, aber Singlespeed? Macht wenig Sinn.

Was leider wirklich nervt ist der tubeless Aufbau. Obwohl die Felge Tubeless-ready ist, die Reifen ebenfalls dafür ausgelegt und intensiv getränkt wurden vor der endgültigen Montage und die gute Stan’s no tube Milch verwendet wurde erweicht da einfach viel zu viel Luft. Ich muss morgens einmal vor der Fahrt zum Laden und dann auch noch Abends einmal vor der Rückfahrt pumpen. Nachdem ich da letztens noch einmal gefühlt einen Liter Dichtmilch reingepresst habe geht es nun, aber diese „Tubeless-Restangst“ ist immer noch da.

Letztens war ich mit dem Rad mal im Gelände, anlässlich eines Cyclocross Trainings unseres Ladens. Auch da ist die 3:1 Übersetzung nicht wirklich hilfreich. Und was mich auch nervt ist das Kurvenverhalten: Werden die Reifen mit 3 bar oder mehr aufgepumpt, fährt sich das Rad in Kurven sehr sicher, auch wenn ein Rennrad mit 25mm Reifen besser auf der Straße liegt. Allerdings ist der Federungskomfort oberhalb von 3 bar auch nicht mehr so gut.

Zwischen 2,5 und 3 bar ist die Federung gut und das Kuvenverhalten ist OK. Also nicht großartig, aber OK. Unterhalb von 2,5 bar fängt das Rad in dem Kurven an zu schwimmen. Das wundert mich, denn ich bin wirklich nicht der MotoGP Schräglagenfahrer. Liegt das an mir und meiner Fahrtechnik? Liegt es an dem Rad? Ich weiß es nicht.

Mittlerweile habe ich das Rad fertig für Herbst und Winter gemacht: 47 breite schwarze Metallschutzbleche sind montiert und vorne leuchtet eine Cateye Gvolt 50 Lampe in Kombination mit einer Fabric Lumaray V2 , die brauche ich, um auf einem Garminhalter einen Wahoo ELMNT zu montieren. Und hinten benutze ich bereits seit längerem die Cateye Rapid X2 Kintec, ein Rücklicht mit einem Beschleunigungssensor. Wenn ich bremse, wird das Licht heller, in etwa wie das Bremslicht eines Autos, um dann noch 3 bis 4 Sekunden wieder normal hell zu leuchten. Ein japanischer Ingenieur von Cateye, der einmal bei mir im Laden zu Besuch war, hat mir eine in Deutschland nicht zugelassene Version davon geschenkt.

Um damit auch mal mit Cleats fahren u können, habe ich letztens die MKS Allways Pedale gegen Crank Brothers Double Shot 1 getauscht. Das sind Hybrid Pedale, also auf der einen Seite Plattform, auf der anderen Seite für Cleats. Ich bin kein Fan von Hybridpedalen, aber diese funktionieren OK. Besonders erfreulich ist das extrem leichte Ausklicken, wenn die entsprechenden Cleats (Easy 6) von den Crank Brothers montiert werden.

Das Rad wird mich gut durch den Herbst und Winter bringen und dann sollte so langsam klar werden, wo die körperliche Reise hingeht.

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OBKM 1. 2019. Mercedes Teststrecke Bremen.

Historisches geschah am 18. Mai in Bremen: Zum ersten Mal konnte ein Radrennen auf der Mercedes Teststrecke am Werk in Bremer Süden ausgerichtet werden. Wir waren sowohl als Laden, und auch als Teilnehmer präsent.

Daimler AG - Mercedes-Benz Kundencenter Bremen

Fairerweise will ich gleich zu Beginn erwähnen, dass bereits in den Neunziger Jahren der RSC Rot-Gold Bremen auf der gleichen Strecke mehrfach seine Vereinsmeisterschaften ausrichtete. Ob es sich um die 1990er oder die 1890er handelte weiß ich leider nicht. Und auch Solidarität Arsten wurde da bereits öfters auf dem Parkplatz gesichtet.

Ich liebe die von Bremer Vereinen ausgerichtete OBKM Rennserie alleine schon deswegen, weil alle Buchstaben der Abkürzung OBKM auch in meinem Namen vorkommen; schaufelt man das M nach vorne, sogar in der richtigen Reihenfolge. Außerdem habe ich da mal vor zwei Jahren zwei Rennen in meiner Altersklasse gewonnen und in der Jahresabrechnung den 3. Platz geholt – soviel Erfolg hatte ich noch nie sonstwo. Im Radsport, denn beim Schach machte ich mal den 2. Platz beim Schülertunier 1976. Gewonnen hatte damals Heiner Otten, das verzeihe ich dem bis heute nicht, weil der 1) auch noch älter war, 2) ein tolles Kleinkraftrad besaß und 3) aus aus eben diesen Gründen auch eine hübsche Freundin.

Egal, also das OBKM wird von den Bremern Vereinen RCB, RRG und RSC Vegesack ausgerichtet. Wen die Abkürzungen verwirren und wer sich fragt, warum Bremen mit seinen 27 Rennradfahrern ca. 41 Vereinen hat, der schaue für eine logische Erklärung kurz hier nach. Genauso gut kann man sich allerdings auch die Ergebnisse der bremischen Bürgschaftswahl von letztens ansehen.

Normalerweise sagt man ja am Ende eines Blogs immer Danke für dies und das, aber ich möchte das gerne mal am Anfang machen, weil ohne dass hier ein paar Menschen aktiv geworden wären, hätte es das alles nichts gegeben. Also Danke insbesondere an Uwe Burmester, der das fast alles alleine auf die Beine gestellt hat und immer schön realistisch nach vorne getrieben hat.

Nachher sagen dann immer einige wenige Danke, die Mehrzahl schweigt und einige wenige monieren dann dies und das: Das erste Rennen startete zu spät, der Puderzucker über dem Schokokuchen war nicht gleichmäßig verteilt und einer der Mercedes Mitarbeiter schaute immer so grimmig. Man sollte solche Dinge nicht organisieren, wenn man erwartet, dass andere Menschen dann dankbar sind – das passiert nämlich nicht. Man sollte diese Dinge organisieren, wenn man weiß, dass man das richtige tut, scheißegal was die anderen denken. Und meckern darf man nur, wenn man als Ehrpartner oder Kind zu dem Rennen geschleppt wird und eigentlich viel lieber Schuhe kaufen, Bier saufen mit den Kumpels oder Eiscreme schlecken würde. Die Erfahrung zeigt, bevor jemand Danke sagt, sagen fast alle: „Oh wie schade, warum machst Du das nicht mehr?“ wenn du mal mit den Sachen aufhörst.

kuchen

Oh Gott – schau Dir mal die Streusel-Normalverteilung an!

Ich dachte ich leiste auch meinen Beitrag zu dem Tag und bot an Reparaturen und Service am Streckenrand anzubieten. Da ich das das erste Mal machte dachte ich, nimm mal lieber einen Mechaniker mit, bevor da jemand mit einen Rad ankommt das ich technisch nicht reparieren kann, weil es nach 1998 gebaut wurde. Aber hey – ich kann supertoll und superschnell Mafac Mittelzugbremsen von 1976 ausrichten.

Außerdem zerbrach ich mir den Kopf, welches Werkzeug und welche Ersatzteile ich wohl mitnehmen sollte. Am Ende hatte ich quasi den ganzen Laden dabei – ich hätte glaube ich, auch eine mechanische Ultegra Schaltung an Ort und Stelle durch eine elektronische austauschen können. Und was passiert? Genau, nichts. Ich musste so ca. vier Mal Luft aufpumpen, eine Mavic Hinterradbremse ausrichten und das war es auch schon. Tatsächlich hat sich so gut wie niemand an unseren Stand getraut. Deshalb würde ich hier noch einmal gerne versichern, dass wir eigentlich ganz nette Menschen sind und vor allem größtenteils harmlos.

Es gab an diesem Tag drei Rennen, zunächst startete die Jugend. Sebastian meinte recht treffend, dass ein Jugendrennen eine recht sinnlose Veranstaltung ist, wenn alle Teilnehmer aus dem gleichen Verein kommen. Die kennen sich gut und wissen bereits am Start, wer das Rennen gewinnen wird. So war es dann auch – fast. Aber ein Jugendrennen sorgt natürlich auch für mehr Zuschauern in Form von Müttern und Geschwistern, was einer solchen Veranstaltung gut tut.

Anschließend startete das Jedermann Rennen. In den letzten Jahren war das Jedermannrennen das Rennen für Frauen jegwelchen Alters über 16 (?) und Menschen über 50, also das Rennen für alle die nicht schnell fahren können oder wollen. Also für mich. Diesmal gab es da keine Beschränkung, jeder konnte mitfahren, der keine Lust hatte sich im anschließenden Eliterennen voll zu verausgaben. Also ich.

Der Kurs ist ja zum Glück recht einfach gestrickt, so dass die Gefahr von Stürzen sehr gering ist. Das Rennen selbst ging über 20 Runden, jede vierte Runde wurde am Punkte gesprintet.

cats

Nach dem Start ging es in die wenigstens ein wenig technische Kurve, dann eine lange Gerade gegen den Wind, gefolgt von einer Steilkurve, die problemlos am unteren Rand mit voller Geschwindigkeit gefahren werden kann. Dann ging es auf die sehr lange Zielgerade bis man nach ca. 1,3 km einmal rum war. Kurz gesagt, eine reine Powerstrecke, die aber den Vorteil hat, dass man nicht abgelenkt von der eigenen Unfähigkeit Kurven fahren zu können, sich voll auf die Positionierung im Sprint konzentrieren kann.

Das Jedermannrennen startete mit 19 Teilnehmern, was vermutlich OBKM Rekord ist. Allerdings waren die Leistungen der Fahrer sehr unterschiedlich, so dass relativ schnell vier bis fünf aus dem Hauptfeld gefallen sind. Vorne drehte Christoph Kuske unbeeindruckt seine Runden, da er deutlich besser war als alle anderen zusammen auf der Strecke.

Ich hatte an meinem Rad eine Videokamera montiert um das Rennen aufzunehmen. Der Plan war, parallel Daten mit dem Wahoo zu sammeln, also Leistung, Herzfrequenz, Trittfrequenz, Geschwindigkeit, Nervlevel etc. um diese dann in das Video zu schneiden – aber so weit bin ich technisch noch nicht. Und der Wahoo war es auch nicht, da ich vergesse hatte ihn zu laden. Jasper V macht das alles auf Youtube sehr professionell und lehrreich, da lohnt es sich reinzuschauen. Hier mal ein Beispiel:

Für das Video benutze ich eine Ghost X Drift, auch ein Tip von Jasper. Mir ist völlig unverständlich, warum sich Menschen für viel Geld ein aerodynamisches Rennrad mit 80 mm Hochprofilfelgen kaufen, um wirklich das letzte Quentchen Leistung hemmungslos auf den Asphalt bringen so können:

Bildergebnis für trek madone red

Und dann eine Minute später diesen unförmigen, teuren Kasten namens GoPro an eben diesem Rad zu montieren:

Bildergebnis für go pro road racing bike

Das kostet mich doch locker 3,7 Watt bei 45 km/h! Die Ghost Drift X ist dagegen schön klein, aero, mit €180 auch vergleichsweise günstig und macht auch ausreichend gute Video.

Bildergebnis für ghost x drift bike

Im ersten Video können wir den Start des Rennens sehen. Ich stehe ziemlich weit hinten im Feld, da ich zu spät zum Start gekommen bin. Und hier kann man gleich sehen, wie Rennen gewonnen werden, und zwar durch schnelles Einklippen in das Pedal, Position in der Innenseite der Kurve  und beherzten Antritt. Also, nicht das ich gewonnen hätte, aber in der der ersten Kurve bin ich immerhin bereits in vierter Position.

Ich fahre fast immer Shimano SPD System an meinem Rennrad – zur Erinnerung, das ist das MTB System von Shimano – das Rennradsystem heißt SPD-SL. In MTB Pedale kann man beidseitig einklicken, in Rennradpedale (Shimano, Look, Time) nur einseitig. Dauert einfach zu lange. Außerdem ist es auch nicht-Pinguinen möglich nicht wie ein Pinguin mit MTB Schuhen zu laufen, während man mit Rennradschuhen immer so rumläuft, als wenn man gerade einen Schlaganfall hatte, den Gleichgewichtssinn verlor und droht nach vorne überzukippen. Und zu guterletzt, halten die stählernen MTB Cleats unter den Schuhen ewig. Die schraubt man einmal runter und eher gehen die Schuhe kaputt als die Dinger. Ein Radhändler der Austauschcleats dafür im Laden hat ist naiv. Die Plastikteile von Shimano SPD-SL und Look muss man aber dummerweise zwei Mal im Jahr tauschen, wegen Abnutzung und weil man wieder besseren Wissens mit denen rumgelaufen ist. Und wenn man mit einem abgenutzten Cleat fährt ist das wirklich gefährlich, wie ich leider auch einmal selber erfahren musste.

Es wird nun behauptet, dass man mit dem MTB System keinen guten Stand auf dem Pedal hat, dass man damit nicht genug Druck auf die Kurbel bekommt und, das ist das schönste, dass man damit die Kurbel nicht gut hochziehen kann. Das mag ja alles bei Profis richtig sein, aber für den Durchschnittsfahrer der schon ein paar Watt Leistung verliert, wenn es nur auf sein Rad steigt, spielt das alles keine Rolle.

Gerade das „Ziehen am Pedal“, also Druck beim runtertreten des Pedals und Ziehen beim Hochheben, gehört sowieso zu den ewigen Lügen im Radsport. Sowas machen nur Menschen (gut und lange) die bereits als Kind im Verein trainiert haben und richtig gute Rennrad fahren können. Das sind aber mit Abstand die wenigsten Menschen die ich kenne. Die meisten haben spät mit dem Rennradfahren angefangen und die Ziehen nicht. Ich mache das nie. Es se denn ich konzentriere mich unheimlich und schaffe 10 Umdrehungen Drücken und Ziehen und dann verliere ich wieder die Konzentration oder die Lust und Drücke nur noch.

Wo wir gerade dabei sind, die anderen ewigen Lügen des Radsports sind:

  • Aus der neu entwickelten Oberfläche der Carbonfelgen von (beliebige Marke hier einsetzen) ist die Bremsleistung im Trockenen und im Nassen nun endlich genauso wie bei Alufelgen.
  • Diese Regenjacke ist nicht nur absolut wasserdicht, sondern sie ist auch so atmungsaktiv, dass man nicht in ihr schwitzt.

Aber zurück zum Rennen. Ich hatte mir für den ersten Sprint direkt nach dem Start eine gute Position erkämpft.

Im nächsten Video kann man den ersten Sprint nach der 4. Runde sehen. Christoph liegt ohnehin weit vorne und es geht nun um die Plätze 2 bis 4.

Der blaue Fahrer fängt viel zu früh an in den Wind zu gehen und den Sprint anzuziehen. Mit mir hängen sich dann gleich vier Fahrer an ihn ran und es gelingt ihm nicht von uns weg zu kommen. Nach etwa 20 Sekunden geht einem der Verfolger die Luft aus und er gibt auf. Ein paar Sekunden später hat auch der blaue keine Luft mehr und ich kann an ihm vorbeiziehen, jetzt sind noch drei Fahrer vor mir und dummerweise hat der grüne auch eine Lücke aufreißen können.
Der Grüne sieht nun, dass der schwarze vor ihm den 2. Platz machen wird und gibt den Sprint auf. Wenn ich jetzt noch mehr Geschwindigkeit gehabt hätte UND direkt rechts vorbeigegangen wäre (man kann im Video gut das kurze Zucken nach links verfolgen) UND das Ziel noch mal 10 Meter weiter weg gewesen wäre, dann hätte ich ihn noch überholt. Da das aber viel zu viele UND und wäre sind, hat es nicht geklappt. Aber gut, als 4. habe ich schon einmal einen Punkt im Sack.

Ich würde jetzt gerne noch Videos von den weiteren Sprints posten. Aber beim nächsten hatte ich einfach noch nicht genug Luft und ging den gar nichts an. Nach der 12. Runde habe ich es noch einmal versucht, aber da war einfach die Kondition nicht da. Da dämmerte es mir auch, dass da nicht mehr viel zu holen sein wird und ich fuhr nach 12 von 20 Runden raus. Hätte an sich auch schon nach 4 Runden rausfahren können.

Alles in allem eine sehr gute Veranstaltung, die mit großer Wahrscheinlichkeit Ende September wiederholt werden wird – ich freue mich schon darauf.

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Rennzirkus 2018: HB. HH. HB. SHG. MS.

Fancy Cycling, 1901 Fahrrad-Stunt

Die zweite Jahreshälfte brachte eine Reihe interessanter Radsportereignisse an der ich teilnahmen musste. Meistens, weil ich das auch schon in den Jahren davor getan hatte.

Macht man nämlich nicht mehr, was man in den Jahren zuvor getan hat, dann wird man alt: Der Körper kann nicht mehr so wie früher und man fährt im Windschatten des Lebens und schreit „Kürzer!“. Außerdem, so finde ich, ich es auch ziemlich unglaubwürdig, wenn man als Radhändler keine Rennen, oder gar nicht mit dem Rad zur Arbeit fährt. Geht gar nicht. Deshalb bitte die volle Dröhnung:

HB: Bremen City Triathlon 

1808 City Triathlon

Das gleiche Team wie 2017. Die Narben am linken Knie auch von 2017.

Nach unserem guten Abscheiden im Jahr zuvor (2. Platz) taten sich Peggy-Marie, Francois und ich wieder zusammen um an der Triathlonstaffel teilzunehmen. Zum ersten Mal im Cyclyng Team Outfit. Leider gab es dieses Jahr keine Familienstaffelwertung, vielleicht weil letztes Jahr einige nicht wirkliche Familien teilgenommen hatten (rot-werd) und so mussten wir uns mehr oder minder chancenlos in der Mixedkategorie beweisen.

Es waren die üblichen Verdächtigen da und der übliche Haufen an High-tec Rädern. Ronny und ich hingen in der Wechselzone rum, als bereits die ersten Schwimmer aus dem Wasser kamen, einer, eine massive Seerobbe von ca 200 kg Lebendgewicht rief nur „Platz da! Mach‘ den Weg frei!“ bevor er sich in die Menge warf. Verrückt. Man ist nur froh, dass wie Menschen die da kommen nackt und barfuß sind und nicht Handgranaten und Machete mit sich führen. Aber bevor ich darüber nachdenken konnte rannte ich bereits mit dem Rad in der Hand zur Strecke.

Na ja, die Strecke: Bin ich nun zum 7. Mal beim Citytriathlon gefahren. Und vielleicht sogar auch so oder so ähnlich bei der Bremen Challenge und dem Velotörn. Das ist halt eine Triathlonstrecke, die technisch nicht besonders anspruchsvoll ist und bei der der Wind meistens auf dem letzten Streckenteil liegt.

Am Anfang überholte ich wie üblich die langsamen Radfahrer der schnelleren Schwimmer. Weit vor der Wendemarke an der Waterfront kommt mir Silke entgegen – wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr wird mir klar, dass ich sie wieder nicht einholen werde.

Dieses Jahr ist es relativ windstill, das tut gut denn dieses Jahr fehlt die Ausdauer. Die ersten 10 km oder so sind wieder irre hart, alles tut weh weil natürlich keine Zeit da war zum aufwärmen. Nach 15 km weiß ich, dass ich das Ding zuende fahren werde und von da an geht es. Es wird aber zunehmend schwieriger motiviert zu sein, denn erstens ist Silke auch nach der zweiten Wende vor mir und zweitens gibt es einfach fast keine Fahrer mehr in Sichtweite, auf die ich aufschliessen könnte. So ganz ohne Ziel ist es schwierig motiviert zu bleiben.

Ich komme rein, fertig, übergebe an Ronny und der läuft das Ding gut zu Ende. Peggy und ich begleiten ihn auf dem letzten Stück. Ergebnis: Platz 10 in 1:12:27 min von 24 Teams, etwas schneller als letztes Jahr (1:14:01), insbesondere weil Peggy beim schwimmen eine Menge rausholte.

Wäre ich so ca. im Jahre 2000 geboren und wüßte ich, was ich heute weiß, dann würde ich vermutlich Data Science studieren. Ich kann stundenlang am PC sitzen und Daten analysieren, am besten mit einem Cafe zur rechten, einer Flasche Rotwein zur linken und einer Kippe im Mundwinkel. Ich denke, ich wäre der Jean-Paul Belmondo der Data Science geworden.

Jean Paul Belmondo

Data Scientist

Also, weil das soviel Spaß macht, habe ich mir einmal meine Radfahrtzeiten seit 2012 beim City Triathlon angesehen:

  • 2012: 34:58 min
  • 2013: 34:10 min
  • 2014: 35:54 min
  • 2015: 34:15 min
  • 2016: 34:01 min
  • 2017: 34:08 min
  • 2018: 33:28 min

Messerscharf habe ich analysiert, dass meine Leistung dieses Jahr am besten war. Lag vermutlich am Wind, da kann man leider auch nichts beschönigen. Nächstes Jahr dann eben doch mit Triathlonrad, Zeitfahrhelm und im Einteiler.

Fazit:

  • Spaßfaktor : * * * * *
  • Sportliche Leistung: * *
  • Gab gute Stories: * * * *
  • Teamgeist: * * * * *

HH: Euro Eyes Cyclassics 2018

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Ein paar Tage später ging es dann nach Hamburg zu den Cyclassics. Obwohl dass ja das größte Jedermannrennen in Deutschland ist, findet es in Bremen selber kaum Resonanz. Ich hatte bei fb gefragt ob jemand in Hamburg fährt, aber letztendlich hatte sich nur Maik gemeldet. Und mit dem sass ich dann früh morgens im Metronom Regionalzug nach Hamburg. Natürlich waren auch noch ein paar andere Radler aus Bremen im Zug, aber die kannte ich alle nicht.

Maik ist, irgendwie, das bremische Gegenstück zu Lance Armstrong: Zunächst führt er ein ganz normales Leben und fährt ein wenig Rad. Dann hat er einen schweren Unfall und nachdem ihn die Ärzte wieder zusammengeflickt haben, fährt er nun Rad wie ein verrückter – und zwar ziemlich viel, ziemlich weit und dazu auch noch schnell. Keine Ahnung was bei den OPs schief gelaufen ist. Dieses Jahr ist er bereits mehr als 19.000 km gefahren, davon 777 km bei den 24 Stunden von Notdorf. Ich fragte ihn, ob er denn in den 24 Stunden mal Pause gemacht hätte?
„Klar, ich musste die Trinkflschen nachfüllen.“

Ich dachte eher an schlafen. Es war also klar, dass wir zusammen im Zug, aber nicht auf der Strecke unterwegs sein würden. Er fuhr sowieso die 160er und ich nur die 100er Runde. Beide Runden übrigens auf komplett neuen Strecken.

Bildergebnis für hamburg cyclassics 2018

Die Cyclassics haben allgemein ein schlechtes Image. Spricht man das Thema auf RTFs oder so an, dann heißt es: „Total gefährlich! Fahr da bloss nicht hin! Da fahren so viele Idioten mit und da gibt es soooo viele Stürze…ich kenne einen der ist heute querschnittsgelähmt / hat ein Bein verloren / blind / sabbert nur noch / hört Helene Fischer …  man suche sich das passende aus. Fand ich persönlich allerdings gar nicht, ich war einmal dabei 2016 und da waren die Fahrer OK obwohl ich aus dem letzten Block gestartet bin, die Strecke war super und die Streckenposten waren auch auf Zack. Ich habe nur einen Sturz gesehen, und das war der von Mattias Schmitt. Man zeige mir ein Rennen, wo er nicht stürzt.

Dieses Mal war ich relativ weit vorne, ich glaube Block D?  Und die Strecke war komplett neu. Die Blöcke waren relativ groß und obwohl es von Start weg mit durchschnittlich mehr als 40 km/hr für die nächsten zwei Stunden losging (Jedermannrennen halt, da darf man auf keinen Fall auf Energiereserven sitzenbleiben) blieb ein großer D Block von ca. 200 Fahrern mehr oder minder die ganze Zeit zusammen. Die Strecke war echt mies im Vergleich zu der alten: Es gab sehr viele Straßenverengungen, teilweise auch solche die durch eine Sperrung eines Teils der Fahrbahn künstlich erzwungen wurden. Einige Straßen waren auch extrem eng, die Ortdurchfahrten sehr kurvig  und die Streckenposten waren so gar nicht auf Zack. Dort wo eine gelbe Fahne geschwenkt und die Pfeife gepfiffen werden sollte, um auf eine Verkehrsinsel aufmerksam zu machen, stand einer mit seinem Handy und machte Fotos davon wie Teilnehmer auf die Insel krachten.

Quasi alle fünf Minuten gab es Stürze oder jemand lag am Straßenrand und hielt sich Arm, Schulter oder sonstwas und wartete auf Erste oder letzte Hilfe. Es war ein absolutes Gemetzel. An einer Verengung fuhr mir jemand ins Hinterrad, zum Glück nicht seitlich, sondern schön von hinten, so dass ich die Kontrolle nicht verlor. Mein Hintermann aber schon, ich sah noch wie er mit richtig Speed links auf dem Grasstreifen an mir vorbei sausste und sich dann auf die Fresse legte. Ständig wurde in der Gruppe scharf gebremst, das ganze war irre nervös. Ich hatte noch nicht einmal die Zeit einen Schluck aus der Flasche zu nehmen.

Nach 80 km kam ein Anstieg und da ich dummerweise ganz am Ende der Gruppe war, bei einer Verengung abbremste und es sowieso um die Ausdauer dieses Jahr nicht so gut bestellt ist, fiel ich hinten raus. Ich versucht noch einmal mit ein paar anderen im Sprint nach dem Anstieg mich hinten einzureihen, aber wie immer gelang es nicht. Und die anderen hatten auch keine Lust und waren noch lahmer als ich, so dass ich tatsächlich alleine weiterfuhr und wartete, bis mich die nächste Gruppe von hinten einholte. Das dauerte recht lange, und mit der fuhr ich dann zum Ziel. Irgendwie konnte ich dann noch im Spurt ganz nach vorne kommen und 109 km in 2:50:29 mit 38,2 km/hr Schnitt (inklusive Pinkelpause) ist ja auch nicht so schlecht. Dann kam der Krampf.

Vor einiger Zeit hatte ich einmal einen Post über den Niedergang der Jedermannrennen in Deutschland geschrieben. Im Kern geht es darum, dass sich außer Berlin, Hamburg und Frankfurt kein Rennen wirklich hat etablieren können mit Teilnehmerzahlen jenseits der 10.000, und dass Berlin und Hamburg seit Jahren sinkende Teilnehmerzahlen aufweisen. Dieses Jahr war das etwas anders, Hamburg hatte fast 1.000 Teilnehmer mehr als die knapp über 11.000 im Jahr davor. Aber das ist immer noch weit entfernt von den Zahlen vor 6, 7 Jahren.

Nächstes Jahr dann eher doch nicht. Irgendwie kann ich mich auch nicht darüber freuen, wenn ich z.B. hier als 780er über die Ziellinie komme. Klar, ich habe über 2.500 andere auf meiner Strecke hinter mich gelassen, aber da irgendwie vorne mitfahren zu können kann ich leider vergessen. Nach dem Rennen traf ich ein paar Bremer und auch Fabian, der aus Berlin gekommen war. Maik traf ich nicht, der war zwar vermutlich mit den 160 schneller fertig, als ich mit der 100er Runde, aber er rief mich nur an und meinte ich solle nicht auf ihn warten, er würde nicht mit dem Zug, sondern mit dem Rad zurück nach Bremen fahren.

Wenigstens telefonierten wir ein paar Tage später und er erzählte mir wie sehr er diese Entscheidung im Nachhinein bedauerte.

Fazit:

  • Spaßfaktor : * *
  • Sportliche Leistung: * * * *
  • Gab gute Stories: * * * *
  • Gore-faktor: * * * * * – jede Menge Blut

 

HB: Velotörn 2018

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Hahahaha.

Fand nicht statt, da es in der Zusammenarbeit des Veranstalters mit der Stadt Bremen haperte oder umgekehrt. Ist auch egal, es zählt das Ergebnis und da haben eigentlich alle verloren. In Bremen besteht so ein sehr merkwürdiger Zwang, Brücken mit Bauzäunen zu sichern, zunächst die Stephanibrücke und nun die Hochstrasse für den Velotörn. Dass ein paar Wochen später der ADFC eine Radveranstaltung über dieselbe Hochstrasse lenkte, ohne dass eine Sicherung erforderlich war machte die Sache nur unverständlicher.
Am Ende waren alle frustriert und ein paar Scheite mehr wurden uns Feuer geworden, wie doof Bremen denn ist. Das mag sein oder nicht, Tatsache ist nur, dass der Velotörn nicht stattfand und nur die Hoffnung auf das nächste Jahr bleibt.

Fazit:

  • Spaßfaktor : *
  • Sportliche Leistung: *
  • Gab gute Stories: *
  • Satirewert: * * * * *

 

SHG: RTF Lauenau

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Die Lauenau RTF fahre ich ebenfalls seit einigen Jahren, meistens zusammen mit Hannes. Aus verschiedenen Gründen ist dies meine Lieblings RTF und umso schöner dass sie dieses Jahr bei gutem Wetter an meinem Geburtstag stattfand.

Dieses mal ging es zu viert, mit Hannes, Silke und Andi nach Lauenau und dort trafen wir dann auf eine große Gruppe der Manta Squad, die sich mit uns gemeinsam auf die Strecke machte. Wir hatten uns dieses Mal für die etwas kürzere 120er Runde entschieden, da ich am Abend noch mit meiner Familie essen gehen wollte.

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Silke, Hannes und Andi am legendären Kieswerk

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Auf der Fähre über die Weser mit sportlich ähnlich versierten Mitstreitern

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Blauer Himmel in Lauenau

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Andi, leicht verwirrt nach dem Anstieg zur Schaum- und Paschenburg

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Bikkuri ! Hannes.

Alles in allem war das mal wieder eine großartige RTF die nur durch die Fahrt zurück mit dem Auto wieder getrübt wurde. Mit der Bahn ist es ja schon schlimm, aber mit dem Auto auch nicht viel besser wenn die Autobahn quasi zu ist. Zurück waren wir fast so lange unterwegs wie insgesamt auf der Strecke. Trotzdem, Lauenau ist super: Die Landschaft ist toll, die Strecke gut gewählt und die Stimmung prima. Das wird auch 2019 wieder eine Pflichtveranstaltung.

 

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Fazit:

  • Spaßfaktor : * * * * *
  • Sportliche Leistung: * * *
  • Gab gute Stories: * * * *
  • Teamgeist: * * * * *

MS: Münsterlandgiro 2018

Der Münsterlandgiro ist traditionell das letzte Rennen der Saison. Danach wird nur noch gechillt in die Winterpause gefahren. Dieses Mal ging es, wie auch im letzten, zusammen im Volvo von Jochen nach Münster. Dieser Volvo hat tatsächlich noch einen eingebauten Kassettenrekorder, nur dummerweise hatte ich schon wieder vergessen eine meiner Kassetten aus den Achtzigern mitzunehmen – zu schade, so gerne hätte ich Jochen von meinem exquisiten Musikgeschmack überzeugt.

Jochen hatte sich, unter Angabe einer illusorisch erscheinenden Fahrtzeitangabe in den A Block geschummelt, ich kam mit einer ähnlich optimistischen Angabe komischerweise nur in den B Block. Dort ging es dann von Anfang an richtig zur Sache. Es wurde wieder wie bescheuert losgefahren und ich musste leider dem Alter und der Müdigkeit Tribut zollen und fiel relativ schnell aus der B Spitzengruppe raus und das noch vor dem ersten Anstieg. Vor lauter Frust war ich kurz davor aufzugeben und mich mit Zigarette an den Straßenrand zu stellen, chillig zu rauchen und dann auf dem kürzesten Weg wieder zurück nach Münster zu fahren.

An dem anstieg holten uns die Spitzengruppe des C Blocks ein und so konnte ich dann in einer zweiten Gruppe von denen weiter mitfahren. Die Anstiege liefen an sich ziemlich gut, aber im flachen fehlte einfach die Power. So blieb ich dann erst einmal in dieser Gruppe die dann aber zunehmend auseinander fiel, nach 100 km waren wir dann noch 10 bis 15 Fahrer, die von zwei Oberlehrern zum kreiseln animiert wurde. Das klappte überhaupt nicht. Und dann machte ich einen ziemlich doofen Fahrfehler und landete auf dem Grünstreifen. Bis dich dann wieder auf dem Rad war, war die Gruppe weg und ich fuhr erst einmal alleine weiter. Eine weitere Gruppe fuhr an mir vorbei, die vor dummerweise zu schnell für mich. Dann kam eine die passte und die mich bis zum Ziel brachte.

Dort war ich erst einmal ziemlich fertig. Ich hatte ja wirklich alles gegeben, musste dann aber leider feststellen, dass ich mit ein paar Leuten ins Ziel kam die, wie soll ich es sagen, deutlich unsportlicher, älter oder beides waren. Vom Ergebnis (486. von 938 gesamt, 103. von 268 in der Altersklasse) her war ich noch nicht einmal im ersten Drittel aller Teilnehmer, das fand ich doch sehr frustrierend. Keine Ahnung woran es lag.

Trotzdem, irgendwie, aber nur dann wenn alles vorbei ist, hat es ja doch Spaß gemacht. Anschliessend schauten Jochen, Kian und ich uns noch das Profirennen an bevor es wieder nach Bremen ging.

Fazit:

  • Spaßfaktor : * * * * *
  • Sportliche Leistung: * * *
  • Gab gute Stories: * * *
  • Münster Faktor: * * * * *

Gesamtfazit der Saison: Ich bin dieses Jahr deutlich weniger RTFs gefahren, weil leider viele auf einen Samstag fielen wo ich nun jetzt nicht mehr teilnehmen kann. Delemenhorst, Bremen, der rote Fuchs, Adlerrunde und die eine oder andere nicht wirklich interessante fielen dem zum Opfer oder eliminierten sich selber. Die Radrennen waren OK, aber leider fiel der Arbeit auch die Teilnahme an der OBKM zum Opfer, bei der ich letztes Jahr in der Serie auch Dritter geworden war.

Trotzdem war es insgesamt, für die nächsten Jahre brauche ich aber mehr altersgerechte Hobbies wie Halma, Kanasta oder Scrabble.

1805 Überseestadt Regenbogen 1

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Sunset over the Overseatown (Genglish)

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