Heimat Teil 2 – Das Rennen

Ich wachte am Sonntag Morgen auf und stellte fest, daß mein linker Fuß über Nacht abgehauen war. „Fabian, Sorry ich kann leider nicht den Velothon fahren.“

Das sind in etwa die Gedanken, die mir vor jedem Rennen durch den Kopf gehen; all dies in Variationen: Nordkoreanische Agenten entführen mich nachts direkt aus dem Bett um ihren Agenten zuhause in Pjöngyang Campagnolo Delta Bremsen Einstellung beizubringen. Mutter und Vater haben einen Verkehrsunfall und liegen im Krankenhaus. Das Übliche halt. Beim Velothon wurde die übliche Tendenz alles hinzuschmeißen noch verstärkt durch einen dicken Fehler am Vortage. Ich hatte mir nämlich dummerweise das Kleingedruckte der Teilnahmebedingungen durchgelesen und festgestellt, daß weder Fixies noch Single Speed Räder zum Rennen zugelassen sind (über Pedelecs stand interessanterweise nichts drin). Das machte mich noch einmal extra nervös. Ich träumte von Kontrollen am Eingang zu den Startblöcken, zivile Sicherheitskräfte begleiten mein Rad hinaus und ich muss mit ansehen wie es um die Ecke erschossen wird.

Der Sonntag begann im Wintergarten auf der Kill Man Street mit herrlichem Wetter. Der klare Vorteil die 120 km zu fahren ist, dass man länger schlafen kann. Fabian, Anselm und ich machten uns fertig während Kathrin Hipstameticmäßige Photos von uns machen. „Für das Blog“, hieß es immer wieder.

An der S-Bahnhaltestelle waren schon die ersten Teilnehmer, später wurde der Zug richtig voll. Die Atmosphäre ist nicht so richtig entspannt, man unterhält sich über Bananen und wann genau die bananisierte Fructose ihre maximale Wirksamkeit im Blutkreislauf entfaltet, also die typischen Unterhaltungen die man halt morgens um halb neun in Zügen in die Stadt mit Fremden führt.

Das Wetter war mal wieder fantastisch. Die Straßen waren voll mit Radlern, teilweise von relativ exotischen Orten. „Nußloch“ hinten auf dem Trikot finde ich OK, auf der Hose aber eher ungünstigt. Auch „Himmelspforte“ hinten auf der Hose geht gar nicht. Ich sah ein schönes Jersey in den drei Farben der Trikolore und dann entschieden wir uns schon die Kontrolle am Eingang zum Startblock zu umgehen und mich und mein Rad über die Absperrung zu heben. Zack war ich drin. Warten. Kalt werden.

Das Trikolore Jersey kam von hinten auf mich zu. Oh, das war ja gar nicht die französische Nationalmannschaft, das war ja das Original Kraftwerk „Tour de France“ Jersey. Cool. Ich schaue auf das Rad dazu: Single Speed? Hendrik, wie ich nachher erfuhr macht in diesem Moment dasselbe: Er schaut auf mein Rad, denkt: „Single Speed?“ Wir sehen uns an und schütteln uns die Hände ohne ein Wort gesprochen zu haben. „Dr. Livingstone, I presume?“ Vielleicht sind wir von 15.000 Teilnehmern am Velothon die einzigen die auf Single Speed bzw. Fixie Räder fahren. Veileicht auch nicht, aber ich habe noch nie jemanden gesehen. Und wir treffen uns zufällig in der Mitte des Startblocks E. Hendrik hat ein schönes, altes Basso fast komplett mit Shimano 600 (6200) ausgestattet. Sehr schön, wir entscheiden zusammen zu fahren.

Irgendwie haben wir unser Team Bremen-Berln-Pforzheim nicht zusammen in den Block E bekommen. Carsten aus Berlin, Fabian, Anselm und ich sind relativ weit vorne und wir müssen nun langsam losfahren, damit Carsten II und Carsten vZ zu uns aufschließen können.

Es geht los. Alle Nervösität ist weg, wie immer. Wir müssen nun erst einmal 2 km bis zur Startlinie fahren, das ist ein erheblicher Nachteil des E Startblocks im Vergleich zu den A Startern. Wir sind schon total fertig wenn wir da ankommen, während die gerade frisch losfahren! Diesmal geht es übrigens nicht durch das Brandenburger Tor, das wird gebraucht als Background für die Fanmeile zur Fußball EM.

Wir fahren also sehr langsam los, so gerade mal 30 km/h. Zum ersten Mal sehe ich Dinge in der Stadt, die mir vorher nie aufgefallen sind. Oh, das ist ja ein lange Anstieg hier, den habe ich ja noch nie gesehen. Carsten Berlin ist meistens vorne und gibt das Tempo vor. Gruppen kommen von hinten und überholen uns. Da kommen auch schon die ersten Gruppen aus dem F Block und sind vorbei. Das gefällt mir natürlich erst einmal nicht (Bauch), aber mein Kopf sagt, das ist schon OK, dass passiert halt wenn man langsam fährt.

Wir sind jetzt zumindestens mit Carsten II und ziehen das Tempo an. Hendrik bleibt dabei leider auf der Strecke. So geht es in den Grunewald, wir sind zwar nicht gerade direkt hintereinander, bleiben aber irgendwie in Kontakt. Die Anstiege gehen erstaunlich leicht im Peloton, das fühlte sich beim Training noch ganz anders an. Vor den Anstiegen gehe ich nach vorne, so dass ich langsamer werden kann. Die Abfahrten sind die Hölle. Bei 50 km/h runter werde ich von allen überholt UND trete zudem etwa 130 RPM. Das Gefühl ist einfach nur: „Keine Lust mehr. Entweder ausklicken oder in den Graben!“. Aber irgendwie geht es ja immer und in Berlin wird es zum Glück schnell wieder flach.

Kurz vor einem der Anstiege fahren Autos aus einem Parkplatz und machen die Straße eng, prompt kommt es zu Stürzen, zum Glück höre ich das nur als Geräusche hinter mir. Ist Fabian gestürzt, der war doch hinter mir? Ich rufe „Fabian, bist Du OK?“ und höre ein „Ja“, da waren aber noch andere die die gleiche Frage fragten und so weiß ich nicht was los ist.

Ich sehe Anselm und Carsten B und so bleiben wir erst einmal zusammen bis uns die Strecke in die Nähe der Kill Man Street führt. Wir können Kathrin nicht sehen und vielleicht muss sie Fabian holen, da er gestürzt ist? Also parken wir erst einmal am Straßenrand kurz hinter dem Bio Supermarkt und rufen Fabian an. Carsten II fährt in diesem Moment an uns vorbei. Vermutlich denkt er, dass er zu uns aufholen muss weil er zu langsam ist; fährt wie ein Blöder und erreicht auf diese Art und Weise die beste Zeit seines Lebens. Wir werden ihn erst im Ziel wiedersehen. Am Bio Markt steht Peter Fox und feuert uns nicht an.

Nun sind wir (vier) wieder alle vereint. Es ist nun einfach eine Gruppe zu finden und die nächsten Kilometer sind gerade und vergehen wie im Fluge. Im Gegensatz zu den Jahren zuvor gibt es diesmal keine gefährlichen Situationen. Ich habe nie das Gefühl, dass ich mich hinlegen werde. Ab und an werde ich gefährlich links überholt, aber auch dies hält sich in Grenzen.

Carsten B hat eine …. interessante …. Technik. Zunächst einmal tritt es mit einer sehr, sehr niedrigen Frequenz. Das sieht eigentlich eher so aus, als wenn er Mofa fahren würde und so zum Spaß ein wenig mit tritt um warm zu bleiben. Daran erkenne ich ihn auch immer gut von hinten. Außerdem hat er die Angewohnheit auch im Peloton sehr oft freihändig zu fahren („Look Mum – no hands!“). Wenn er ganz besonders gut drauf ist, ißt er dann freihändig Eierwaffeln und preist diese dabei als Geheimrezept gegen das Hungerästeln an. Konsequenz: Man hält sich lieber ein wenig fern von ihm und hoft das Beste.

Und so kommen wir zur Verpflegungsstation in Ludwigsfelde. 69 von 116km sind geschafft. Gut. Ich fühle mich noch total fit, könnte eigentlich noch ein paar sinnlose Attacken fahren. Hier treffen wir auch Carsten vZ wieder. Er hat ein schönes neues Rad, Trek Madone, Di2, also alles was man braucht um schnell anzukommen.

Wir schließen und dann einer schnellen G Gruppe an und da es bald auf die Autostraße geht ist das auch eine gute Entscheidung. Eine schnellere Gruppe überholt uns, wir bleiben auch an dieser dran. Das Mädchen mit der roten Assos Hose bietet einen guten Orientierungspunkt. Da Tempo ist nun um die 40 km/h und wir machen guten Fortschritt in Richtung Brandenburger Tor. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir noch schneller könnten, aber die nächste schnelle Gruppe vor uns ist zu weit weg, als dass wir zu ihr aufschliessen könnten.

Und schon sind wir wieder in der Stadt. Erstaunlicherweise sind viel mehr Fahrer in der Stadt als draußen auf der Autostraße. Die Strecke führt uns über den ehemaligen Flughafen in Tempelhof der eine Art Windmagnet ist. Diesmal ist die Streckenführung aber sehr kurz, so dass es nicht so schlimm wird wie in den vorhergehenden Jahren. Wir machen ein paar Photos (*für das Blog*) und schon geht es weiter.

Das Ende ist in Sicht, Kraft ist noch da und so ist es Zeit wieder ein wenig aufzudrehen. Ich setze mich an die Spitze und ziehe an, so daß wir eine Menge Fahrer überholen. Trotz allem, überholen, finde ich, macht immer noch am meisten Spaß. Und so lassen wir eine ganze Menge hinter uns. An den Anstiegen ziehe ich noch einmal an, denn bei meiner 52/16 Übersetzung bleibe ich sonst vielleicht stehen. Es klappt alles wunderbar und schon sind wir an der Siegessäule. Leider geht es wegen der Fanmeile diesmal nicht direkt über die lange, gerade Straße auf das Brandenburger Tor zu, aber eine ¾ Umrundung des Siegesgöttin ist auch nicht schlecht. Schon sind wir im Ziel und alles ist vorbei. Das ging wieder so schnell.

Nach der relativen Einsamkeit auf der Langstraße sind wir nun im totalen Gewusel mit vielen, vielen Mensch. Ist so ein wenig wie die Shibuya Kreuzung in Tokio. Ein Haufen Pforzheimer kommt vorbei und verteilt Küsse an andere aktuelle und ehemalige Pforzheimer. Ich komme nicht aus Pforzheim, also keine Küsse. Egal, ich mache dann Photos von Küssen. „Für das Blog“.

Schnoop schickt eine SMS und wir treffen uns unter der S Bahnbrücke am Tiergarten. Karin machte den 30. Platz beim 60 Kilometer Rennen. Sie sollte also viel mehr zu schreiben haben als ich mit meinem 4361. Platz oder so. Torsten ist auch da auf einem sehr schicken Kalkhoff Rad und auch Uwe als Kelkheim. Von dem ich immer noch keine Ahnung habe, wie er heißt – doch jetzt schon! Karin zeigt mir in 3D wie sie einige ihrer riskanten Überholmanöver und Sprints gefahren ist und männliche Konkurrenten im Staub hinter sich gelassen hat. Es ist gut Menschen aus der „Heimat“ zu treffen, denn ein wenig neidisch auf den unbegrenzten Nachschub an Pforzheimern bin ich schon.

Die Fahrt auf dem Rad nach Hause ist ein wenig nervig. Ich mußte ja jeden einzelnen Meter der 116 km treten und bin deswegen auch relativ selten aus dem Sattel gegangen. Zwischen den Beinen ist alles Rot und aufgescheuert und tut einfach nur noch weh.

All dies ist vergessen als wir im Garten auf der Kill Man Street sitzen und Erdbeerkuchen essen. Es gibt viel zu erzählen von den Heldentaten des Tages. All dies und mehr ist hier noch einmal aufgeschrieben. Nächstes Jahr gerne wieder, aber dann auf einem E-bike im A Startblock. Meine Frau steht dann am Straßenrand mit einer neuen Batterie und ich fahre das ganze Ding unter 2:30 hr, unter Ausnutzung von Lücken im Regelwerk. Wenn ich nicht vorher nach Nordkorea entführt werde. 

Richtig gute Bilder folgen noch.

3 Kommentare

Eingeordnet unter 2012, Mob, Rennen

3 Antworten zu “Heimat Teil 2 – Das Rennen

  1. Perfekter Start in den Tag, hab gut gelacht 😀 Danke Mob!

  2. svenski

    Hach, schön zu lesen! Dann kann ich ja jetzt auch beichten, dass ich gar keinen Hund habe und nachdem ich mir morgens die 60er mit meinen 3 Jungs angeschaut habe, dann doch die Gelegenheit zu einer spontanen Säuglingsvaterkompatiblen 2-Stunden-Solorunde im Berliner Norden genutzt und die 120er links (oder besser hinter mir) liegen gelassen habe.

    Selber fahren mach dicke Beine.

    Mit den Attacken am Schluss hast Du dem Bretonen alle Ehre gemacht, da bin ich mir sicher!

    Gruß, svenski.

  3. Danke Blitzrad, am Morgen ein Blog und der Tag ist Dein Freund.
    Und Svenski hatte auch Spaß, prima.

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