Der längste Tag

..ist eigentlich ein alter Kriegsfilm mit John Wayne, Robert Mitchum, Richard Burton und, erstaunlicherweise Loriot (bei 2:36 min). Er handelt von der Landung der Allierten am 6. Juni 1944 in der Normandie (das ist da, wo Joerg mit einem deutschen Motorrad am Bunker steht). Am Ende des Tages sind viele Menschen auf beiden Seiten tot und der Rest ist ziemlich müde. So ungefähr erging es den meisten von uns gestern, nachdem wir aus dem Harz zurück kamen. Zum Glück waren wir alle nur müde und nicht tot. Obwohl, viel hätte auch nicht gefehlt. Ich denke aber, dass wir mehr Spaß im Harz hatten als die Menschen 1944 in Cherbourg.

Um 7 Uhr versammelten wir uns am Hauptbahnhof, in letzter Minute konnte noch ein alternder Jungprofi des bekannten Bremer Radteams „Biegetritt“ (Namen wurden von der Redaktion geändert) für den Ausflug gewonnen werden: Harri.HB. Daneben kamen die üblichen Verdächtigen: Blitzrad-HB, Joerg-HB, Andreas-HB, Olli-neben-HB und Don Torsten del Menhorst (alter spanischer Adel). Die Mädels hatten alle gekniffen: Karin-HB war die Flucht über die Grenze nach Indonesien gelungen (ihr Standort war uns allerdings jederzeit bekannt und wurde viertelstündig mitgeteilt) und Silke-HB befand sich in Gastritistan.

Die Reise in den Harz ist eine lange und mal braucht viel Geduld. Von Hannover ging es weiter auf der nicht elektrifizierten Strecke bis nach Bad Harzburg. Wir dachten an alles andere, nur nicht an Radfahren. Manche von uns flirteten hemmungslos mit den Zufallsbekanntschaften, die man nun einmal bein einer 14-stündigen Zugfahrt mit der DB in den Harz macht. Schließlich sind Harz und Herz nur einen Buchstaben entfernt….

Endlich kamen wir in Bad Harzburg an, machten uns fertig und rollten in Position für das „vorher“ Bild.

VORHER

Wie man gut sehen kann, sind wir hier noch alle guter Dinge. Das sollte sich aber schnell ändern: Wir fuhren los und verloren bereits an der ersten Ampel Harri-HB. Das machte allerdings nichts, weil wir ohnehin in die falsche Richtung gefahren waren, wendeten und wieder an Harri-HB vorbeikamen, der all dies nicht mitbekam und sich wieder einreihte. Und so ging es den ersten Berg hoch Richtung Oker. Ehrlich gesagt, ich hasse den ersten Berg, vor allem wenn er gleich nach dem Losfahren kommt. Ich bin dann noch nicht warm, fahre verkrampft und langsam und finde mich schnell am Schluss des Feldes. Das gefällt mir gar nicht. Zum Glück sind wir ja nicht immer geteerte Strassen gefahren.

In Oker ging es links rum in Richtung Okeltalsperre. Eine schön langanhaltende, nicht so steile Steigung bei der es die ersten Opfer zu verzeichnen gab. Andreas lernte bei dieser Gelegenheit, dass bei einer Berührung von Hinter- und Vorderrad IMMER der Fahrer des Vorderrades zu Boden geht, auch wenn er noch im Umfallen versucht durch Berührung eines zweiten Hinterrades zumindestens einen Teilumfallerfolg zu erzielen. Prima, damit hatte Andreas das auch gelernt (meiner Ansicht nach ist das etwa so wie, dass man einmal mit Clippedalen umfällt). Blitzrad, der alte Unglücksrabe (eine Metaphor die ich sonst nicht so gerne verwende, auch Schattenmann nicht) wurde zwischenzeitlich von einer Bremse gestochen (Shimano Ultegra Ice-metal grey). Aber ansonsten lagen wir voll im Zeitplan und erreichten schnell die Talsperrenmauer. Von hier aus, so war der eigentliche Plan, hätte es nun weitergehen sollen nach Clausthal-Zellerfeld, denn die direkte Verbindung nach Torfhaus über die Weiswasserbrücke an der Okertalsperre ist wegen Sanierungsabeiten erst einmal gesperrt (man wagt nicht daran zu denken, wie lange das wieder dauern wird – Baufirmen!). Ja,das war der Plan. Jemand aus unserer Gruppe hatte aber die Idee eine Abkürzung direkt durch den Wald zu nehmen. Dort gab es, seines Wissens, eine geheime Reichsautobahn die vom Bund deutscher Mädels in den letzten Kriegstagen angelegt wurde (Mittellinien mit gepunkteten Herzen, Stoppschilder in Form von Hello Kitty Köpfen, Raststätten mit wilden Erdbeerfeldern etc.) und danach in Vergessenheit geriet. „Er“ war diese Strecke schon x-mal gefahren (x ist eine natürliche, positive, einstellige Zahl, die sich nur durch Eins teilen läßt) und sie würde uns sicher zur B4 nach Torfhaus führen. Das überzeugte uns natürlich sofort.

Ich hätte vielleicht doch etwas skeptisch sein sollen, denn die Auskunft war auch, dass es nun die nächsten 10 km mit 10% Steigung hochgehen würde. Da wir bereits auf mehr als 400m ü NN waren und 10km x 10% uns auf 1.400 m ü NN bringen würden, hätte das ja bedeutet, dass wir irgendwann einmal die Bodenhaftung verloren hätten! Leider wurde uns in diesem Moment nicht klar, dass „Er“ bereits jetzt jegwelche Bodenhaftung verloren hatte.

Wir fuhren also die „Harzer Autobahn (durch den) Reichs- Apfel Landstrich Deutschlands“ (abgekürzt HARALD) hoch, die sich zunächst noch in einem bescheidenem Zustand (schlecht geteerte Straße) befand aber irgendwie Spaß machte. Sie führte am „Zentrum für Waldpädagogik“ vorbei (DDR Slang für „Baumschule, vermutlich) bis zu einer ersten Gabelung, bei der wir uns neu gruppierten.

Nun hieß die entscheidende Frage: Geradeaus oder Links? Schnitzel lagen keine rum, die uns den Weg gewiesen hätten. Links sah aber einfach zu einfach aus und so entschieden wir uns für geradeaus. Goldrichtige Entscheidung! Die Strassen wurden immer besser. Na ja, also ehrlich gesagt wurden sie zunächst einmal ziemlich mies. Aber über so über eine Wiese zu fahren macht doch auch richtig Spaß!

Blitzrad auf der Reichsautobahn HARALD

„Äh, noch alle da, oder schon jemand abgehauen?“

Na gut, die Tatsache, dass hier nur verfallene und gesprengte Jägerhochsitze als einzige Zeichen menschlicher Zivilisation rumstanden und sonst nur Wildschweine hier gesuhlt hatten, hätte uns etwas skeptisch machen müssen. Auch die Tatsache dass es am Ende der Wiese keinen offensichtlichen Weg mehr gab, hätte Grund zur Skepsis sein sollen. Nicht aber für „Ihn“.  Hatte nicht Moses die Israeliten ins gelobte Land geführt (Israel)? Kolumbus den zweiten Seeweg nach Indien gefunden (durch die Hintertür)? Reinhold Messner den K2 ohne Sauerstoff und Deodorant bestiegen? Und so konnte auch „Ihn“ nichts aufhalten. Während die anderen unschlüssig herumstanden und nicht wußten wie es weiter gehen sollte, da zeigte „Er“ uns den Weg und vor seinen Augen teilte sich das Gras und eine Spur aus Feuer wurde erkennbar, die direkt bis an die B4 führte. Na ja, wir sahen die Spur ja ehrlich gesagt nicht, aber „Er“ war sich doch ziemlich sicher.

Gottseidank gibt es auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbeschränkungen und so konnten wir vor allem bergab powern was die Beine hergaben. Durch fahren in der Gruppe und den entstehenden Windschatten kann man da auch noch ein bisschen mehr rauskitzeln. Don Torsten war aber am schnellsten, da er unter diesen Bedingungen die volle Aerodynamik seiner Hochprofil Campagnolo Felgen ausspielen konnte.

Zum Glück wurde nun die Straße besser, wenn auch etwas steiler.

Mittlerweile hatten wir alle ziemlich gelitten. Am meisten Olli. Quiz: Welches der folgenden Bilder zeigt die Beine von Johnny Hoogerland nach seinem Unfall auf der TdF 2011 und welches die von Olli?

Endlich sahen wir wieder die ersten Spuren menschlicher Zivilisation – leider von der falschen Seite. Wir befanden uns nämlich innerhalb eines abgezäunten Gebiets mit einem sehr seltsam gefärbten Tümpel auf dessen anderer Zaunseite sich ein gelbes Schild befand, das wir aber leider aus unserer Position nicht lesen konnten.Da hätte wirklich alles stehen können: „Mülldeponie für krass verstrahlte Teile“ oder „Bomberabwurfplatz der Luftwaffe“ oder „Achtung hier wurden Zombies gesichtet!“ aber zum Glück stand dort nur: „Vorsicht Sprengarbeiten“.

Merke: Hörst Du vor dir das Hupen der Motorräder auf der B4, sind es vielleicht keine Rowdies, sondern es wird zur Sprengung geblasen und gleich fliegt dir der Boden unter den Füßen weg.

Von dort aus schafften wir es dann innerhalb weniger Minuten zur B4. Leider wurde uns dann auch klar, dass wir nicht mehr so ganz im Zeitplan waren. Die Abkürzung hatte leider nur eine räumliche, keine zeitliche Dimension.

Morgen geht es weiter mit dem Teil 2 der Harztour: „Selber eingebrockt – wenn der Koch baden geht“

7 Kommentare

Eingeordnet unter 2012, Bremen, Mob, Touren, Uncategorized

7 Antworten zu “Der längste Tag

  1. Joerg_HB

    Hallo Michael,

    Danke, für den besten Einstieg in einen Tag den man sich vorstellen kann ==> mit einem fetten Grinsen im Gesicht 🙂
    Bis die Tage.

    Joerg_HB

  2. Rolf

    Ich glaube ihr solltet euch mal crosser zulegen. Dann kann ich Phillip öfters durchs Gelände scheuchen.

  3. RoteSora

    Hat THBorsten wieder seinen Garmin gefüttert… ;-D

  4. Genial…einfach nur Genial 🙂

  5. Bloeh

    Ernsthafte Attacke auf’s Zwergfell, DANKE!

  6. RoteSora

    So sehr wie jetzt auf den dritten Teil habe ich das letzte Mal auf den neuen Band von Hanni und Nanni gegeiert….

  7. Anna

    Lieber Herr K., für Deinen nimmermüden Einsatz, neben der eigenen Körperertüchtigung und der damit verbundenen Senkung der Gesundheitskosten im speziellen, durch Wort- und Bildbeiträge dieser Art das Immunsystem aller Lesenden derart zu stärken, dass Arztbesuche nur noch zur Behandlung der anfallsartigen Lachsalvenattacken nötig werden könnten – ergo Gesundheitskostensenkung im allgemeinen – möchte ich Dir danken! MeinenTag hast Du bereichert, gerettet.
    Bitte mehr davon!

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