Tagesarchiv: 31. Juli 2012

Silbersee Triathlon – Augenzeugen berichten

Ein Soldat schießt, fechtet, schwimmt, reitet ein Pferd und läuft – so sollte auch der ideale Athlet sein und dieses Ideal führte zur Erfindung des Modernen Fünfkampfes, einer bis heute olympischen Disziplin. 

Durch die Weser nach Niedersachsen schwimmen, ein Rad klauen, es zu Schrott fahren und dann schnell weglaufen. Das ist die Kernidee eines Triathlons.

Rieko Fujita kam zu Besuch aus Japan nach Bremen am Tag zuvor und ich zeigte ihr die Dinge die man in Bremen sehen kann, wenn es regnet. Die neue Kunsthalle und den Leestra Supermarkt in Horn. Ersteres hatte Picassos Sylvette im Flur hängen,

letzterer hatten einige Nahrungsmittel im Angebot, die die durchschnittliche Japanerin nicht kennt und ohne deren Verzehr sie Deutschland nicht verlassen darf:

Rieko war in meinem Kurs „Business Administration for Dummies“ an der International Christian University in Tokyo und arbeitet heute bei einem großen japanischen Konzern. Sie kann gut Englisch und deshalb wurde sie nicht, wie 95% der anderen neu eingestellten Universitätsabsolventen in die USA geschickt, sondern nach Münster zum Deutsch lernen. Nein, das ist keine Strafe. Jedenfalls tranken wir ein wenig Rose um die eigenartige Mischung die sich am Vorabend in unseren Mägen befand gut zu vermischen und machten uns am Sonntag morgen fertig für den Triathlon.

Auf der Erdbeerbrücke wartete Marcus auf uns und wir machten uns auf unseren Rädern auf den Weg zum Silbersee. Rieko Fujita sollte eigentlich mein schickes, neues rot-weisses Colnago fahren, aber leider war es zu groß für sie. Also bekam sie Rad Nr. 8 aus unser Garage (Giant FCR von meinem Sohn).

Ich habe mir nie so Gedanken gemacht wo Stuhr eigentlich liegt, aber jetzt weiß ich es: Man fährt bei IKEA am Ende der Straße einen Feldweg lang und landet in enem weiteren Industriegebiet, dass von einer Autobahn getrennt vom Rest der Welt ist. Es ist das verlorene Industriegebiet, in dem immer wieder die gleichen Dinge produziert werden, LKWs aber nie den Weg nach draußen finden, so dass am Ende des Tages alles wieder recyclt und am nächsten Tag neu produziert wird. Gleich daneben liegt der Silbersee.

Der Silbersee heißt Silbersee, weil er, wie unschwer auf dem Foto zu erkennen ist, er wahnsinnig silbrig ist. Es ist ein spezielles Silber, so etwa Sibergrün. Zum Glück hoben wir uns mit unseren orangen Poloshirts der HIWL deutlich vom Hintergrund ab.

Wir trafen uns alle schnell und wie es sich gehrt waren die Professoren zuletzt da. Wir mußten nun erst einmal die Startunterlagen holen, Bänder für dir Startnummern kaufen und unsere Räder auf den vorgeschriebenen Stellplätzen parken. Das ist übrigens ein ganz wesentlicher Unterschied zu Radrennen, wo alles relativ einfach organisiert ist. Beim RSC Gold Rad Marathon zum Beispiel, muß man beim Start einen Zettel ausfüllen, der dann sofort in einen Papierkorb geschmissen wird, man bekommt eine Stempelkarte, eine Startnummer und wird von älteren Frauen belästigt, die einen zu einem Stück Kuchen nötigen wollen. Ist man fertig gibt man die Stempelkarte ab, diese wird entsorgt und fertig. Man hat auch keine Ahnung wie schnell man war. Beim Triathlon ist das ganz anders. Alles ist genau geregelt. Die Räder müssen auf eine bestimmte Art und Weise geparkt sein; am Rad dürfen nur  Helm und Schuhe sein, alles andere wird von den Schiedsrichtern entsorgt (manchmal verschwinden ganze Räder, weil sie die falsche Farbe haben!). Die Startunterlagen sind so dick wie das Vorlesungskript „Thermodynamik“ im Machinenbaustudium. dazu gibt es Startnummer, zwei Aufkleber für Rad und Helm und einen Transponder, all dies muss auf eine bestimmte Art und Weise getragen und befestigt werden – das ganze hat den Charme eines Visaantrages in der indischen Botschaft in Lahore.

Es dient auch nicht gerade der Beruhigung, denn wir hatte ja keine Ahnung wie das ganze Ablaufen würde. Irgendwann bekamen wir raus, wo wir den wechseln und eine ungefähre Vorstellung davon wo wir lang laufen oder fahren sollten. Und dann ging es schon los, Marcus und ich begaben uns in die Wechselbox. Ich fragte Carola B noch wie ihr Badeanzug aussah, damit ic sie schnell erkenne, wenn sie angelaufen kommt nach dem schwimmen (Ein Triathlon hat nämlich ein geheimes 300m Laufstück zwischen schwimmen und Radfahren).

Ich hüpfte noch ein wenig in der Box herum in dem verzweifelten Bemühen mich irgendwie warm zu machen. Scharfe Hunde und grimmige Wachleute verhinderten zunächst, dass ich mich meinem Rad näherte. Beim quatschen miT Marcus, mitten in einem intensiven Männergespräch (Look oder Shimano Pedale – welche sind besser?) kam auf einmal schon Carola B angelaufen und nervte mich mit der Transponderübergabe. Nirgendwo haben wir Männer Ruhe! Außerdem war sie viel zu früh. Also machte ich mich auf den Weg zu meinem Rad, schwang mich drauf und fuhr los (siehe Video 1). Shimano Pedale sind besser, denn ich kam nicht in meine Look Keo Carbon rein und wurde schon beim einklicken von zwei Konkurrenten überholt. Ich haute volle Kanne rein. Ohne warm zu sein ist das ziemlich tödlich, so daß ich gerade einmal auf der richtigen Straße war, als ich schon wieder überholt wurde. Das hatte ich mir anders vorgestellt, ich wollte doch eigentlich zählen wie viele Räder ich überhole und von wie vielen ich überholt werde – aber bei 4:7 habe ich aus lauter Frust aufgehört.

Und die Geschwindigkeit war auch nicht gerade schnell, so in der 33 – 35 km/h Gegend, da dummerweise auch lutschen und Windschattenfahren verboten war (Bürokraten!). Und es war richtig gut windig, vor allem die Strecke raus. Das letzte Stück vor der Wendemarke bei 10 km war höllisch und tat echt weh in den Beinen. Ich überholte noch die Frau von „Die Bären“ (die wurden erste in der Mixed Staffel) udn machte mich auf den Rückweg. Marcus war kurz hinter mir, er winkte mir auf dem Weg zur Wendemarke, als ich ihm entgegenkam.

Zurück wurde es dann schneller mit dem Wind im Rücken. Nun kamen aber die schnellen Fahrer aus der zweiten Startgruppe,  die 10 Minuten später mit dem Schwimmen begonnen hatten und zogen un mir vorbei. Total frustrierend, es war fast so als wenn ich stehen würde. Allerdings können meiner Ansicht nach die Tria-pros nicht gut Kurven fahren. Die hören schon ne Viertelstunde vorher auf zu treten und beschleunigen erst wieder wenn das Rad gerade steht. Auf einem technisch schwierigerem Kurs würde ein guter Radfahrer die abhängen können.

Ich lieferte mir in der Zwischenzeit einen Zweikampf mit der Bärin. Die war leider richtig gut und überholte mich zwei bis drei Mal und ich sie auch. Sie sah auch gut aus, was mich motivierte an ihr dran zu bleiben, Irgendwie erinnerte mich das ganze an sinnloses Antanzen und baggern in der Tanzschule früher.

Sie hatte mich vor den vorletzten Kurve überholt und jetzt waren es nur noch 500 Meter bis zum einbiegen in die kleine Straße in der man nicht mehr überholen dufte. 250 Meter vorher überholte ich sie, legte alle Kraft darein von ihr weg zu kommen und bog vorher in die Straße ab. Geschafft – die letzten 200 Meter ließ ich etwas lockerer angehen.

Rad in den Ständer stellen, zur Wechselbox rennen, Startnummer und Transponder übergeben, Quittung unterschreiben, Geheimnummer eintippen und bestätigen und am Handy den PIN Code bestätigen – und schon konnte Prof. Weller loslaufen. Kurz nach mir kam Marcus rein und schaltete einen Mitkonkurrenten aus (Video 4).

Ich war ein wenig fertig. Später ging ich zum Radlagerzaun und fand Marcus dort völlig apathisch vor. Er starrte nur vor sich hin und konnte nicht begreifen, dass er noch am Leben war. So ganz ohne warm machen losfahren ist schon ziemlich brutal. Er war so fertig, dass er mir später ein Stück Kuchen und einen Kaffee kaufte. Danke.

Das Studi Team hatte uns (das Prof Team) noch überholt, Jonas K. ist vermutlich das Rennen seines Lebens gelaufen. Ich hatte ihn fast nicht erkannt als er im Ziel ankam, zum Glück hatte er noch das orange Poloshirt an. Also bei geistiger Anstrengung sieht er jedenfalls anders aus.

Wir hingen nun erst einmal Festplatzbereich rum, die Siegerehrungen dauerten ewig. Unsere Freunde, Familien und Studis waren auch da. Rein zufällig traf ich Dietmar vom TCB auf der Herrentoilette wie George Michael seine neuen Freunde. Carola B machte dann Druck, so dass der Pokal rausgerückt wurde und wir nicht mehr länger warten mussten. Dann durften wir endlich nach Hause mit dem ersten errungenen Pokal überhaupt für die Hochschule.

Ein historischer Moment. Ein schöner Tag. Spaß, Abenteuer und all diese Dinge. Ein kleiner Schritt für uns, ein großer für die HIWL. Wow.

RH63 mob mit RH56 Colnago und RH50 Japanerin.

“ Er lügt wie ein Augenzeuge“

(alte russische Lebensweisheit)

Ein Kommentar

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