Tagesarchiv: 20. Mai 2012

Delmenhorst: Oder wo ist hier eine Grundschule, bitte?

Geburt. Leben. Tod. Diese drei Worte beschreiben das Menschsein. Für die Beschreibung einer RTF braucht man drei Sätze, manchmal sogar mehr.

Am Vortag bastelte ich mal wieder ein wenig an meinem Fixie rum, um es fit für die RTF zu machen. Tobi rief an und wir verabredeten uns für 8:30 Uhr bei mir, um dann mit dem Zug nach Delmenhorst zu fahren. Das gab mir Gelegenheit ihm noch mein neustes Schmuckstück zu zeigen, dass er dann auch in gebührender Bewunderung betrachtete. Obwohl, ich muß sagen, auf sein neues Giant bin ich ja doch auch ein wenig neidisch. Ich war wie immer gut vorbereitet, Trinkflasche mit 50% O-Saft, jede Menge Riegel, Fixie geschmiert und aufgepumpt, jede Menge Zeug im Rucksack dabei und und und. Tobi hingegen hatte sich (1) ein neues Astana Trikot besorgt und (2) sich auf sein Rad gesetzt und war zu mir gefahren. Das ist halt der Unterschied zwischen Jugend und Alter. Natürlich hatte er dann auch mal wieder keine Panne und ich hatte deren drei. Das ist halt der Unterschied zwischen Glück und Pech, oder wie Jürgen Wegmann einmal so treffend nach dem Spiel sagte. „Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“

Wir hatten zumindestens Zeit zum Bahnhof zu fahren, mußten uns aber noch Tickets kaufen. Ich wage einmal zu behaupten, dass das in Tokyo schneller geht als in Bremen. Denn erstens sind diese Automaten einfacher zu vestehen und man hat davon 10 in einer Reihe und nicht fünf im ganzen Bahnhof und die Japaner wissen was sie tun und der Deutsche vor einem meistens nicht. Zumal auch eine Reihe völlig unnötiger Fragen gestellt werden, die ohnehin keinen Einfluß auf den Ticketpreis haben „Besitzen Sie ein Niedersachsenticket, oder haben Sie Ihren Wehrdienst vor 1990 abgeleistet, oder ihren ordentlichen Wohnsitz vor 1989 im Betrittsgebiet gehabt?“

Jedenfalls wartete ich geduldig hinter jemandem,der alle diese Fragen beantwortete („Bitte wählen Sie eine Farbe für Ihr Ticket aus!“), während Tobi hinter mir ungeduldig wurde. „Soll ihr Wechselgeld in geraden oder ungraden Stücken ausgezahlt werden?“ Tobi hielt es nicht mehr aus und marschierte auf die zwei freien Automaten in unserer Nähe zu. Natürlich lösten sich just in diesem Moment aus der Menge zwei Personen die genau vor ihm an diesen beiden Automaten zum stehen kamen. „Soll die Quersumme aller Karten die Sie hier kaufen auf 17 enden?“. Endlich kam ich dran und schwupps hatte ich diese zwei Karten für uns (vermutlich ohnehin die falschen) und wir machten uns auf zum Bahnsteig. „Moment, möchten Sie noch eine Rückfahrkarte an einem ungeraden Tag in einem Schaltjahr lösen?“ Neun Minuten später waren wir in Delmenhorst, Central Station.

Also, aus Prinzip schreibe ich nie etwas böses oder gemeines auf diesem Blog was anderen Menschen weh tun könnte. OK, über die deutsche Bahn schreibe ich schon einmal etwas Gemeines, aber die haben mich auch schon mal 200 Meter über die Strecke zum nächsten Bahnübergang gehen lassen als der Zug liegenblieb.

Vielleicht sollte ich bei Delmenhorst einmal eine Ausnahme machen. Nein,vielleicht doch nicht. Es sei nur soviel angemerkt, daß Delmenhorst die letzte kreisfreie Stadt in Niedesachsen ist, die eine akademische Einrichtung bekam und Teilen der Bevölkerung hat dies nicht gut getan.

Also wir hatten uns verfahren, Tobis Navi funktionierte nicht (selbst Telefonnetzwellen scheuen Delmenhorst)  und ich fragte einen Teeny: „Wo ist denn bitte die Annenheider Straße?“ „Äh, keine Ahnung.“ „Ich suche da eine Grundschule.“ „Ja, Grundschule gibt es eine da (Hand zeigt in die Richtung) und da (Hand zeigt in die entgegengesetzte Richtung), aber ich weiß nicht wie die heißen. Ich war da nicht und kann mir auch keine Straßennamen merken.“

Zurück zur nächsten Tankstelle. „Wo ist denn bitte die Annenheider Straße?“ „Nein.“

Ok, weiter zurück, da kommen uns zwei Männer entgegen. „Wo ist denn bitte die Annenheider Straße?“ „Keine Ahnung, wir sind nicht von hier, aber wo ist hier eine Bäckerei?“ „Keine Ahnng, aber fragt da vorne mal an der Tankstelle, die können euch bestimmt weiter helfen.“

Da rauscht ein netter RTF Teilnehmer aus Ganderkese vorbei und zeigt uns den Weg. Und siehe da, endlich sind wir da, ein paar andere bekannte Gesichter auch und wir können uns anmelden. Das Foto was ich gestern von unserer Gruppe gepostet habe ist nicht ganz so treffend für  die allgemeine Stimmung wie dieses hier:

Wir sehen von links nach rechts: Harald, Sven, (Type im Hintergrund), Blizzrad, Karin, Torsten, mob und Tobi.

Außerdem habe ich irgendwo auch noch Schieber, Jörg, Jochen und Sohn und einen Tarnkappenbomber gesehen. Aber egal, es war schon fast 10 und wir mussten zum Start. Wir reihten uns brav hinten ein, natürlich nicht als Team, denn als Team bekommen wir bei einer RTF bestenfalls ein Gruppenphoto zustande. Hinter uns fuhr auf einmal ein Müllwagen auf die Straße und für einen Augenblick glaubte ich, dass dies der offizielle Besenwagen sei.

Ich nahm noch einen Schluck aus der Flasche und dachte an meine Freunde in Japan die ein paar Stunden früher zum alljährlichen Tokyo – Itoigawa Fast Run gestartet waren, einem brutalen Rennen über mehr als 300 km, an dem ich 2008 teilnahm. Nach dem Rennen sagt man „nie wieder“ und einen Tag später schreibt man schon wieder verklärende Berichte. Ups, da ging es schon los.

Ich versuchte dann quasi in der „neutralisierten Zone“ nach vorne zu kommen. Denn die Erfahrung zeigt, daß hinten irgendwann einmal die Gruppen abreissen und man dann in so einer lahmen Truppe gefangen ist. Und alleine geht es halt gar nicht. Das klappte auch ganz gut und ich konnte von einer in die nächste Gruppe sprinten. Probleme gab es halt nur an den flachen Stücken (Hallo Karin!). Ich meine diese besonders flachen Stücke, die man einfach super mit einer 52/16 Übersetzung fahren kann, vor allem, wenn die sich schöööön laaaange hinziehen. Der Puls geht rauf auf 177 und trotzdem fahren diese Karbonräder mit Schaltung locker vor einem weg. Das muß doch wohl eine optische Täuschung sein, die Erde ist flach. Punkt. Eine Scheibe. Nachdem ich also gerade hinten an eine schnelle Gruppe gespurtet war und nun ein schön flaches Stück kam, bei dem die Gruppe anzog, hatte ich einfach keine Luft mehr um dort hängen zu können und ließ mich rausfallen. Und wer überholt mich da von hinten? Richtig, die Karin. Gefolgt von Torsten. Die vermutlch zur Vorbereitung auf die RTF Kompaktkurbeln, lange Schaltwerkskäfige und das 13/28 Ritzelpaket montiert hatten.

Vor lauter Ärger springt dann bei meinem Fixie auch noch die Kette raus. An den Rand, Kette wieder drauf frimmeln und weiter geht es erst einmal alleine. Zum Glück kommt von hinten wieder eine schnelle Truppe von etwa 17 Fahrern und der schliesse ich mich an. Das läuft nun gut, der Puls ist zwar immer im 160/170 Bereich aber wir kommen gut und schnell vorwärts. Ich bin ab und an vorne und  leiste Führunsgarbeit, auf jeden Fall bin ich immer soweit vorne dass ich nicht Gefahr laufe an einer Kurve oder an einem Stop mangels Beschleunigung hinten rauszufallen.

Bis zum zweiten Mal die Kette rausfällt. Nun bin ich doch alleine, aber zum Glück sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Kontrollpunkt. Vorher treffe ich noch einen Opa auf einem Battaglin, dem ich meine Pumpe leihe, soll er sie am Kontrollpunkt deponieren (Hat er dann auch).

Am Kontrollpunkt fahren die Anderen gerade wieder los als ich ankomme, aber ich muß jetzt erst einmal das Hinterrad nach hinten versetzen, um mehr Kettenspannung zu bekommen. Zum Glück habe ich den 15er Schlüssel dabei, das Äquivalent zum Schalthebel bei modernen Rädern. Tobi trudelt auch ein und so machen wir uns gemeinsam auf die nächste Schleife, 120 km.

Wir fahren also mit einer Gruppe los und da sind so zwei orange Typen dabei die ein wenig schneller sind. Als die sich von der Gruppe absetzen lasse ich Tobi und das schöne rote Pinarello zurück und fahre mit den beiden. Aber nur kurz, denn in einer engen Kurve beschleunigen sie und sind schwups weg, während ich mich mit meiner Flachlandübersetzung auf Geschwindigkeit quäle. Also bin ich jetzt hinter denen aber vor der Gruppe, ich fahre also langsamer und warte, daß die Gruppe zu mir aufschliesst. Tut sie aber nicht, ich bin alleine schneller. Leider fährt in der Zwischenzeit ein einsamer Roter an mir vorbei, mit dem ich auch hätte prima mithalten können. Egal, also ich fahre jetzt erst einmal alleine und fühle mich nach wie vor gut. Da macht es LAUTTTTT ZISCCHHHHH und mein Hinterrad ist platt. Laufrad rausnehmen, Schlauch ansehen, riesiges Loch, Reifen ansehen, Karkasse an der Flanke durchgeschnitten als wenn jemand mit einen Rad auf mich geschossen hätte. Der Reifen ist quasi hin, mein zweiter teurer Conti innerhalb kürzester Zeit und der ich-weiß-nicht-wievielte-Schlauch innerhalb der letzten Woche. Tobi hält netterweise und als alles repariert ist fahren wir gemeinsam weiter.

Dort in der Gegend ist echt viel Geld. Mir fahren an einem riesigen schwarz-weißen Fachwerks Anwesen vorbei und überlegen uns dort einen noblen Radladen aufzumachen. Also nur Columbus SLX Räder mit Delta Bremsen und obskuren Sätteln italienischer Kleinstmanufakturen aus dem Trentino. Halt das übliche was man so zu zweit auf dem Rad träumt und spinnt. Ich mache auch wahnsinnig gerne Fotos vor den kostbaren Besitztümern anderer Leute. Also eigentlich wollten wir da ein Foto machen, passt ganz hervorragend. Wir haben aber keine Zeit.

Noch 8 km bis zum Kontrollpunkt. Da sagt Tobi.“Sieht hier genauso aus, wie wo du deine Panne hattest??“ Ich frage mich so insgeheim, warum der so einen Mist erzählt und wir fahren um die nächste Ecke – und sind wieder vor dem gleichen Anwesen vor dem wir vor einer halben Stunde vorbeigefahren sind. Hm, das ist ja nun wie Kafkas Schloss nur umgekehrt. Ich versuche kurz das Konzept von Kafkas Schloß Tobi zu erklären, der ist aber erst einmal genervt und nicht so ganz interessiert. Mist, wir haben uns also irgendwo verfahren, also weiter. Ich fahre vor Tobi her

(Beweisstück eins)

Und dann fährt Tobi vor mir her (Beweisstück Zwei)

Eigentlich fahre ich ja mehr vorne, aber von hinten kann man besser Fotos machen (Beweisstück Drei)

Tobi ist übrigens kein Fan von Hannover 96. Da wir ja nun einmal zu zweit sind, versuche ich ihm das Konzept von Windschattenfahren beizubringen. Also vorne gleichmässig fahren, etwa eine Minute oder zwei, dann ausscheren, dann der andere nach vorne, aber dabei nicht beschleunigen und so weiter. Bei diesem Training erfinden wir das Konzept der Ziehharmonika, also ich fahre vorne, schaue mich um, sehe Tobi zwanzig Meter hinter mir, fahre langsamer bis er wieder dran ist, dann wieder langsam schneller, schaue mich um, er ist wieder zwanzig Meter hinter mir. Tobi: „Ich bin nur motiviert wieder zu Dir aufzuschliessen, dann habe ich keine Lust mehr.“

Zum Glück sehen wir so, wo wir hätten abbiegen müssen. Wir kommen auch mal wieder durch nette Dörfer, besonders Düngstrüp (erste urkundliche Ewähnung 1518 als Misthaufen) und Colnrade (Einwohner emigrierten 1814 nach Amerika, heirateten Mexikannerinnen und gründeten den Bundesstaat Colorado) haben es mir angetan.

Früher, in einem anderen Leben fuhr ich auf exotische Inseln wie Miyakejima, wo ich bei Radrennen Gasmasken tragen mußte und irgendwelches lebendes Fischzeugs abends auf den Teller bekam. Heute fahre ich morgens mit Tobi durch Düngstrüp. Aber ehrlich gesagt, das ist gar nicht mal schlecht.

Das Trek ist nicht von mir. So etwas würde ich nie fahren.

Wir erholen uns also kurz am Kontrollpunkt. Insgesamt sind wir etwa 18 km zuviel gefahren. Also machen wir uns auf, um noch die 35 km Schleife zu fahren, das wird zwar eng und es ist nicht sicher, ob wir wieder zum noch aktiven Kontrollpunkt in der Zeit zurückkommen, aber wir wollen es versuchen. Denn nur so können wir die Rekorddistanz von 173 km auf einer 155 km RTF zurücklegen.

Also reihen wir uns in eine der abfahrbereiten Gruppen ein, vermutlich eine die gerade die 35 km Schleife absolviert hat und nun nach Delmenhorst zurückfährt. Die sind ordentlich schnell, alle aus einem Verein und gut organisiert. Ich hänge hinter der Spitze, wir fahren in Zweierreihen neben mir ein Mädel. Von hinten ertönen die Kommandos „Weiter links“, „Wind von rechts“, und ich verstehe nur Bahnhof. Dann müssen wir nach vorne um Tempo zu machen, das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte doch nur ein wenig lutschen. Also machen wir Tempo bis sie endlich sagt „rausfahren“. Das müssen immer die Frauen neben mir sagen; wenn ein Mädel neben mir fährt würde ich nichts sagen, selbst wenn ich nur noch mit 10 km/hr dahinschleiche und das ganze Feld hinter mir hupt. Das nennt man männliches Selbstverständnis.

In der Zwischenzeit spielte Tobi mal wieder Ziehharmonika, nur das die Gruppe nicht mitgespielt hat. Also sage ich Tschüss, dieser Vereinskram und diese Disziplin ist ohnehin nichts für mich und warte auf ihn. Gemeinsam fahren wir in der nun gut eingeübten Ziehharmonikaformation weiter. An den Anstiegen wird der Zieh-ton dann auch sehr lang, MÖÖÖÖÖÖBBBBBBB auf den Abfahrten zieht es sich wieder kurz zusammen PLOOP. Irgendwie schwant uns, das wir gerade nicht die 35 km Schleife fahren, sondern die 40 km zurück nach Delmenhorst. Auf einmal kommt uns Karin und ihr Freund (neuerdings Bruder) aus Keksheim entgegen. Warum eigentlich????? Es gibt einige ermunternde Worten die uns helfen das Ziel zu erreichen.

Wir verfahren uns noch einmal, kommen aber letztendlich an der Tankstelle von morgens wieder aus und finden von da aus unseren Weg zurück ins Ziel. Triumphale Ankunft.

Leider im Foto des ersten Beitrags gestellt, diese Ankunft zeigt uns, nachdem wir bereits geduscht hatten.

Hier fahren wir ca. zwanzig Mal im Kreis rum, bis wir endlich gleich schnell nebeneinander durch das Ziel fahren können. Das war ganz schön nervenaufreibend für den Fotografen. Und der Typ der die ganze Zeit das Banner abbauen wollte mußte oben auf der Leiter ungesichert warten.

Fazit: Ein sehr schöner Tag, und eine sehr gut organisierte RTF von Urania Delmenhorst. Ich bin kein Vereinsmensch aber ich bin immer dankbar wenn Gruppen von Menschen sich zusammentun, etwas gutes organisieren und ich sage dann auch gerne „Danke“. Die Strecke war wirklich sehr schön, auch wenn sie etwas flacher gebügelt werden könnte. Ich sage mal vorsichtig, das ich nächstes Jahr auch wieder dabei bin.

So, aber jetzt zurück in die Hochschule und weiter bauen am akademischen Blaumilchkanal.

PS:  Man kann so eine RTF auch in gefühlte drei Sätze packen.

Link zum ersten Bericht

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Campanolo Delta Bremsen: Ein versuchter akademischer Beitrag

Alles über Campagnolo Delta Bremsen in einem neuen Post hier.

Update Juli 2017 mit vielen neuen Infos und Fotos.

Campagnolo Delta brake 600

1. Vorher

Im Katalog No. 18 von 1984 zeigt Campagnolo die Hierachie seiner Rennradgruppen auf: Ganz oben steht die Super Record (Bremse 4061/1) Gruppe, gefolgt von der (Nuovo) Record (Bremse 2040/1)Record und der Gran Sport (Bremse 117).

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Aus heutiger Sicht ist das Design der Bremsen durch alle Gruppen sehr ähnlich und unterschied sich nur in Details: Eine Mittelachse mit Seitenzug (Single Pivot, Side Pull). Zwar war Campagnolo noch erste Wahl bei den Radprofis der Dekade, aber die technische Führerschaft unter den Herstellern war verloren gegangen und ehemalige japanischen Massenhersteller wie Shimano (600EX, Dura Ace) und Suntour (Superbe Pro, Cyclone)  hatten zwischenzeitlich  innovativere und qualitativ hochwertigere Gruppen auf den Markt gebracht.

Shimano hatte 1980 mit der 600AX (später auch Dura Ace AX und Adamas AX als höher-wertige bzw. niederwertige Komponente nach dem gleichen Konzept) sogenannte „aerodynamische“ Mittelzug (Roller Cam)Bremsen vorgestellt – allerdings mit sehr bescheidenem Erfolg.

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Als Antwort darauf stellte Campagnolo auf einer Messe 1984 erste Prototypen der C-Record Delta Bremsen vor. Angeblich gibt es von diesen Prototypen nur drei Stück, eine im Besitz von Campagnolo, eine von Richard Sachs und eine andere irgendwo. Leider tauchen auf Ebay immer wieder sogenannte Prototypen auf, so dass diese Geschichte keineswegs gesichert ist (siehe Beitrag im Tour Forum).

1986 kamen die Delta Bremsen dann endlich in den Verkauf, in der ersten Generation; insgesamt wurden fünf Generationen aufgelegt. Diese erste Generation wird oft mit den Prototypen gleich gesetzt. Ob dies tatsächlich so ist oder nicht, weiß ich nicht. Ich gehe hier einmal davon aus, dass die 1. Generation nicht gleich dem Prototypen ist und dass alle sogenannten Prototypen im Markt eigentlich Typen der 1. Generation sind.

Es scheint als wenn sehr schnell nach dem Verkaufsstart sehr schnell Probleme mit der Zuverlässigkeit der Bremsen auftauchten, so daß Campagnolo sich entschied diese zurückzurufen. Die Feststellschraube des Bremszuges riss ab, so dass die Bremse katastrophal versagte. Zudem war das Innenleben der Bremse aus nicht rostfreiem Stahl gefertigt, so daß Bedenken kamen, ob diese überhaupt über einen längeren Zeitraum gebraucht werden konnte.

Der Rückruf von Campagnolo hat dazu geführt, daß heute Bremsen der 1. Generation sehr rar sind und sich auf Ebay in der Preisklasse von 1.000 bis 4.000 US$ pro Paar bewegen.

Die zeitliche Lücke bis zur Einführung der 2. Generation C-Record Delta Bremsen wurde   mit der Einführung der sogenannten „Cobalto“ Bremsen überbrückt. Im wesentlich waren das Super Record (4061/1) Bremsen mit einem blauen Stein auf der Mittelachse.

2. Mittendrin

Abgesehen von den Prototypen gab es von den Delta Bremsen insgesamt 5 Generationen, die im Weiteren beschrieben werden. Bei der ersten Generation war das Design der Bremzugsfeststellschraube zu schwach und der Innenleben aus nicht rostfreiem Stahl hergestellt.

Diese Probleme wurden mit der 2. Generation ausgeräumt. Allerdings hatten die Delta Bremsen das (Image)problem, dass die Bremskraft geringer als bei Konkurrenzprodukten war, und sie sich auch schlecht modulieren lasse. Dazu kommt, dass sie sich konstruktionsbedingt schwer einbauen und einstellen läßt.

Ich würde zusätzlich vermuten, dass sie im Vergleich zu anderen Bremsen auch sehr teuer und aufwändig in der Herstellung waren, so dass sie entweder preislich zu teuer, oder mit Verlusten verkauft wurden.

Einige andere Hersteller brachten ähnliche Produkte auf dem Markt. Zu nennen sind hier Modolo Kronos (1983) und Weinmann Delta und Delta Pro. Keine von diesen Bremsen war erfolgreich im Markt.

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3. Nachher

Anfang der Neunziger war das Bremsenprogramm von Campagnolo veraltet. Shimano brachte 1991 die Dura Ace 7403 Bremse auf den Markt, das erste System mit sogenannten „dual pivot“ was man vielleicht als „zweiachsig“ übersetzen könnte. Suntour hatte sich zwischenzeitlich vom Markt verabschiedet, ebenso die klassischen französischen Hersteller Huret und Simplex.

Campagnolo brachte zu diesem Zeitpunkt neue Gruppen auf den Markt: Chorus, Athena, Xenon in absteigender Reihenfolge. Erst 1995 wurden mit der Record die ersten Dual Pivot Bremsen vorgestellt.

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4. Die verschiedenen Generationen der Delta Bremsen

In diesem Artikel geht es im wesentlichen um die verschiedenen Merkmale und Variationen, anhand derer sich Delta Bremsen von Generation zu Generation unterscheiden. Wie üblich bei Campagnolo gibt es auch innerhalb der Generationen einige Variationen, so dass es manchmal recht schwierig ist eine Bremse genau zuzuordnen.

Darüber hinaus  gab es noch eine Croce d’Aune Gruppenversion der Delta Bremse die von 1987 bis 1991 verkauft wurde. Diese unterscheidet sich von allen Delta Bremsen dadurch, daß die Rückhaltefedern der Bremsarme außerhalb des Gehäuses auf der Rückseite angeordnet sind. Zudem ist der obere Teil des Bremshüllenhalters anderes gestaltet. Croce d’Aune Bremsen werden hier nicht betrachtet da sie einfach zu indentifizieren sind.

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Die wesentlichen Merkmale, in denen sich die Delta-Bremsen Generationen unterscheiden sind:

Quick Release Mechanismus

Die erste Generation hatte an der Zugführung oben, wo sich die Bremshülle gegen den Bremskörper abstützt einen Mechanismus, mit dem der Bremszug entspannt werden konnte. Bei Entspannung bewegen sich die Bremsschuhe von der Felge weg das Laufrad konnte einfacher aus der Gabel genommen werden.

Von der Konstruktion her war der Quick Release allerdings sehr schwach ausgelegt, so daß die Möglichkeit bestand, dass es beim Bremsen versagte. Aus diesem Grund und weil in späteren Generationen der Bremshebel dort der Quick Release eingebaut wurde (wie auch noch heute bei Campa Ergopower Hebel), gibt es diesen nicht mehr ab der 2. Generation inklusive. Der QR Mechanismus ist daher ein eindeutiges Erkennungsmerkmal der 1. Generation.

Bremshüllenhalter

Der Bremshüllenhalter ist das Teil, das auf dem höchsten Punkt der Bremse zwischen dem Dreieckigen Hauptgehäuse und der Bremszugshülle sitzt. Durch den Halter wird der Bremszug zu der Befestigung an dem inneren Hebelmechanismus geführt.

In der ersten Generation, beinhaltete der Bremszughalter den Quick Release Mechanismus. Er wurde mit einer Rädelschraube auf das Hauptgehäuse aufgeschraubt. Hier gibt es auch keinen Plastikbalg (weiß oder Schwarz), die den oberen Teil gegen Verschmutzung schützt.

In der zweiten Generation ist die Rädelschraube zur Feinjustierung der Bremszugslänge gang nach oben gewandert. Die Rädelschraube ist weiterhin in Achsenrichtung schraffiert, wie bei der ersten Generation, sie ist allerdings weniger lang. Unterhalb dieser Schraube befindet sich eine weißer Plastikbalg mit 5 Faltungen. Die untere Metallschraube läßt sich gegen die Federkraft hochschieben, so dass die Abdeckung des Hauptgehäuses unter diese Schraube geklemmt werden kann.

Bei der dritten Generation sind wird nun zum ersten Mal eine nicht gerädelte Schraube oben verwendet. Sie ist konisch (d.h. der Durchmesser wird zur Spitze hin geringer) und hat in der Mitte eine Rille in der ein schwarzer, abnehmbarer O-Ring sitzt. Der Plastikbalg unterhalb der Schraube ist weiterhin weiß und hat fünf Faltungen. Die Schraube darunter hat nun auch eine Rille in der Mitte mit einem schwarzen O-Ring. Von der Funktion her hat sich der Aufbau nicht geändert.

Zwischen der dritten und der vierten Generation gibt es meiner Ansicht nach keine Änderungen. Der Plastikbalg ist nach wie vor weiß.

Bei der fünften Generation gibt es ebenfalls keine Änderungen, bis auf die Tatsache, daß der Plastikbalg nun schwarz ist. Dies ist im Einklang mit den Farbwechsel von Weiß auf Schwarz bei Bremsschuhführungen und (Lenker)Bremshebelgummis zu sehen.

Gehäuseabdeckung

Die Gehäuseabdeckung wir bei der 1. Generation mittels eines Außenliegenden Clips auf dem Gehäuse befestigt. Diesen Clip gibt es nur bei der ersten Generation, bei keiner der folgenden.

Das Campagnolo Logo auf der Außenseite ist eingestanzt, also nicht graviert (mit scharfen Werkzeugen in die Oberfläche „eingeritzt“ und natürlich auch nicht mit einem Laser bearbeitet). Das Logo selber ist nicht mit Farbe ausgelegt.

Angeblich ist auch das Oerflächenfinish bei der ersten Generation„satiniert“ , also anders als in späteren Generationen.

Bei der zweiten Generation wird die Abdeckung unten eingeklippt und mit der Verlängerung unter den Bremzuggegenhalter gesichert. Diese Art der Klippung bleibt bis zur 5. Generation identisch. Das Logo ist nun nicht mehr eingestanzt, sondern gedruckt.

Bei der dritten, vierten und fünften Generation ist da Logo in schwarzer Farbe auf der Abdeckung gedruckt. Es gibt eine ganze Anzahl von Anfertigungen der Abdeckung für Räder italienischer Hersteller (Colnago, Chesini, Pinarello etc.) bei denen die Abdeckung nachträglich bearbeitet wurde, um das Logo des Herstellers aufzunehmen.

Die grundsätzliche Befestigung des Gehäuses am Bremskörper ist zwischen der 2. und der 5. Generation  identisch.

Gelenkmechanismus

Der innere Gelenkmechanismus ist wohl das signifikanteste Merkmal und die Änderung mit dem größten Einfluß auf die Funktionalität in der Geschichte der Campagnolo Delta Bremsen. Von der Konstruktion her haben die ersten drei Generationen einen Mechanismus mit drei Gelenken (und einem Fixpunkt) sowie vier Hebeln. Die vierte und fünfte Generation hingegen besitzen fünf Gelenke (und einen Fixpunkt) mit vier Hebeln. Diese Modifikation sollte dazu führen die Bremskraft und Modulation der Bremse durch ein verbessertes Hebelverhältnis zu optimieren.

Zwischen der 1. und der 2. Generation gibt es weitere Verbesserung in der Konstruktion, sie sich aus dem Versagen und Rückruf der 1. Generationsbremsen ergaben. So wurde das die Feststellschraube für den Bremszug verstärkt und  das Innenleben der Bremse aus rostfreiem Stahl gefertigt.

Farbe und Größe der Bremsschuhe und Halter

Bei den Bremsschuhen und -haltern gab es ebenfalls Veränderungen über die Generationen. Die Bremsgummis der ersten Generation sind noch in weißer Farbe und deutlich kleiner als die späterer Generationen.

Die Bremsgummis wurde in Fahrtrichtung in die hinten offenen Bremsschuhe „gesteckt“ und sind nicht durch Schrauben gesichert. Die Bremsführungen sind mit weißen Plastikhüllen verkleidet.

Ab der zweiten Generation werden größere, schwarze Bremsgummis verwendet. Diese werden mittels zweier Madenschrauben gegen ein Herausrutschen gesichert. Bis zur vierten Generation bleiben die Plastikhüllen der Führungen weiß, danach weerden diese gleichermaßen wie andere Einzelteile in der fünften Generation schwarz.

Spacer an der Rahmenbefestigung

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Größe und Form der Bremszangen

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